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11.11.1977 - 

Ein EDV-Systsm feiert Geburtstag

10 Jahre Online-Betrieb bei der Stadtsparkasse Saarbrücken

SAARBRÜCKEN - Zu einem Zeitpunkt, als Online-Datenverarbeitung in Kreditinstituten noch als Utopie abgetan wurde, begann die Sparkasse der Stadt Saarbrücken Pionierarbeit zu leisten: Sie schuf ein Konzept, das heute unter dem Schlagwort "Computerleistung am Arbeitsplatz" allseits bekannt und eingeführt ist.

Ganz sicher hat der Entschluß zur Entwicklung und zum Einsatz eines "Sofort-Dispositions- und Informationssystems (SODIS), dessen zehnjähriger Geburtstag kürzlich gefeiert wurde, eine neue DV-Epoche eingeleitet. Engagierte Vorarbeit zu diesem Konzept leistete der inzwischen verstorbene Abteilungsdirektor Holtzmann bereits 1962. Nach der ersten Realisierungsphase gab er in einem Fachaufsatz seine Erfahrungen weiter: "Die Aufgaben waren gewaltig . . . das angestrebte Ziel selbst war neu, Vorbilder gab es bisher nicht."

Von dieser "ersten europäischen Online-Lösung" im Bereich der Kreditinstitute profitierte jedoch nicht nur die Sparkasse Saarbrücken selbst, sondern zu einem beträchtlichen Teil auch die Firma IBM und später auch Nixdorf: Einträchtig nebeneinander gratulierten beide Konkurrenten zu "10 Jahre SODIS" und bedankten sich bei den Saarbrücknern dafür, daß durch ihren Entschluß, Online-Datenverkehr einzuführen, "der Gedanke der ersten Kassenschaltermaschinen mit Leben erfüllt und erfolgreich geformt werden konnte" (IBM). Klaus Luft, Nixdorf-Vorstandsmitglied, derzeit Hauptlieferant der Sparkassen-Kassenterminals, fand sogar die Grundlage für weitere ähnliche Installationen in der Saarbrücker Muster-Anwendung.

"Heiß umworbenes Publikum"

Die Situation, gerade vom etwas abgelegenen Saarbrücken auf ein solch "revolutionierendes" Organisationskonzept zu entwickeln, schilderte Sparkassen-Direktor Lehberger: "Das Geschäftsgebiet der Sparkasse umfaßte die Stadt Saarbrücken und ihre damals 135 000 Einwohner. In das Stadtgebiet kamen täglich zusätzlich etwa 40 000 Pendler, die als potentielle Kunden in Frage kamen." Zudem war der Wettbewerb speziell in dieser Region besonders hart: 20 deutsche und französische Großbanken, Genossenschaftsbanken, Teilzahlungsbanken und zwei Sparkassen umwarben mit insgesamt 78 Geschäftsstellen das Saarbrücker Publikum. Hinzu kam, daß die meisten Kunden zu dieser Zeit erstmals ein Gehaltskonto eröffneten - die Buchungsposten stiegen sprunghaft. Den letzten Anstoß zu einer völligen Umorganisation gab dann die hoffnungslos überlastete Lochkartenanlage. Direktor Lehberger: "Inzwischen waren EDV-Systeme mit Kernspeicher und externen Magnetband- und Magnetplattenspeichern sowie der Anschlußmöglichkeit für Terminals angekündigt und in Amerika bereits realisiert worden. Um uns Wissen über diese neuen Systeme anzueignen, sandten wir zwei Sparkassenmitarbeiter nach Amerika." Obwohl Berechnungen ergaben, daß für den neuen Computer wesentlich mehr Miete aufzubringen war (statt 21 000 dann 68 000 Mark monatlich), faßte der Vorstand am 27. 3. 1973 den Entschluß dieses "Experiment" zu wagen und ein

Noch mal von vorne mit neuer Computergeneration

"EDV-System für Online- und Offline-Betrieb" zu installieren. Die Umstellung erfolgte in einem Vier-Stufen-Plan: Zuerst wurde die IBM-Lochkartenmaschine 421 S durch eine 1401 ersetzt. Das geplante Voranschreiten zur nächsten Stufe wurde allerdings gestoppt durch die Ankündigung einer neuen Computergeneration IBM 60. Also mußte die gesamte Planung auf "die Gegebenheiten und Erfordernisse" dieser Systeme umgestellt werden.

Die eigentlichen Vorbereitungsarbeiten konnten dann endlich 1964 beginnen. Erinnert sich Lehberger: "Sehr viel Zeit und Denkarbeit mußten wir auf die Problemanalyse verwenden, denn Vorbilder gab es keine - höchstens hie und da Lösungsansätze, die oft im Keim erstickt wurden, da der Gedanke einer Datensofortverarbeitung in Kreditinstituten weiterhin belächelt wurde." Am schlimmsten war die Programmierarbeit, bei der man auch noch auf den knappen Kernspeicher von 64 K Rücksicht nehmen mußte: Ein DOS-Betriebssystem wurde eingesetzt, Steuerprogramme für Datenfernübertragung mußten geschrieben und alle Weiterverarbeitungsprogramme auf die Online-Programme abgestimmt werden.

Bis auf den Hausmeister alles umgestellt

Lehberger: "Die neuen Arbeitsabläufe berührten bis auf die Hausmeisterei jede Abteilung des Hauses, und zwar so stark, daß manche Arbeitsabläufe hinterher nicht mehr wiederzuerkennen waren."

Da auch während der gesamten Umstellungsphase kein zusätzliches Personal eingestellt wurde, war die Einführung nur durch überdurchschnittliches Engagement aller Mitarbeiter durchzuhalten.

Im Juli 1967 wurde dann SODIS vorgestellt und eingeführt.

Zusammenfassend und ironisch wurde damals das Erreichte in einer Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen so beschrieben: "Nach dem Umweg über die Lochkarte ist man wieder auf dem alten Stand. Jetzt kann die Maschine das tun, was früher der Buchhalter zusammen mit seinen Büchern tun konnte: das direkte Buchen."

Auch die Skepsis gegenüber dem Neuen blieb noch einige Zeit erhalten. Dennoch: Diese Lösung war für viele Kreditinstitute eine Bestätigung für eigene Vorhaben, für andere der Anstoß, die jetzt erprobte Anwendung im eigenen Bereich anzustreben.

Lehberger schloß sein Geburtstagsreferat mit den Worten: "Wir wissen, daß wir hier in Saarbrücken nicht den Stein der Weisen oder eine Patentlösung für das Kreditgewerbe gefunden haben, aber doch zumindest eine Reihe von sehr brauchbaren Bausteinen für die Datenverarbeitung im internationalen Kreditwesen produziert."