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24.02.1995

173 Filialen tauschen nachts die Bestandsdaten aus Stinnes Reifen GmbH vernetzt Xenix-Workstations ueber ISDN

Ende Januar meldete die Dresdner Niederlassung der Stinnes Reifendienst GmbH als letzte der 173 Filialen Vollzug in Sachen ISDN-Anschluss. Nach drei Jahren ist damit das Projekt, saemtliche Filialen via ISDN zu vernetzen, abgeschlossen. Wolfgang Wischermann* beschreibt den steinigen Weg vom Modem-basierten Networking hin zum digitalen Corporate Network.

Als die Nummer eins in Sachen "Dienstleistung rund ums Automobil" versteht sich die Stinnes Reifendienst GmbH, die in Europa ueber Deutschland hinaus auch in Holland, Frankreich, der Schweiz und in Oesterreich vertreten ist. Deshalb gehoert zum Angebot des Unternehmens mittlerweile mehr als das traditionelle Wechseln der Sommer- und Winterreifen. Unter dem Stichwort dynamische Diversifikation hat die 100prozentige Tochter der Stinnes AG ihr Serviceangebot in Richtung Bremsen, Auspuff, Stossdaempfer oder Tieferlegung ausgedehnt. Um dies zu verwirklichen, war der Aufbau einer leistungsfaehigen Logistik notwendig, die fuer schnelle Distribution aus den Zentrallagern in die Filialen sorgt.

Ohne leistungsfaehige DV ist eine solche Organisation nicht vorstellbar. Aber auch hier fordert der Markt staendig schnellere und effektivere Loesungen, wenn die erreichte Position gehalten und weiter ausgebaut werden soll. Dies betrifft insbesondere die Ausstattung der Filialen mit leistungsfaehigen IT-Systemen und ihre schnelle, sichere und kostenguenstige Anbindung an die DV-Zentrale in Kaiserslautern.

Vor fuenf Jahren begann die Einrichtung der Zweigstellen mit IT- Equipment. Man entschied sich damals fuer das von Microsoft aus Unix entwickelte Betriebssystem "Xenix", das in den Filialen als Mehrplatzsystem den gemeinsamen Zugriff auf die Buchhaltung, Rechnungsstellung und Lagerhaltung in der Filiale erlaubt. Die Entscheidung zugunsten eigenstaendiger lokaler DV-Loesungen und gegen zentrale Terminal-Host-Strukturen fiel, um die hohen Verbindungskosten fuer die Online-Kommunikation zwischen den bundesweit vertretenen Niederlassungen und der Zentrale in Kaiserslautern zu vermeiden. Zu Anfang wurden 20 Filialen mit 286er Tandem Xenix-Rechnern als lokalen Hosts ausgestattet, auf die sich von zwei bis drei Terminal-Arbeitsplaetzen aus zugreifen liess.

DFUE-Loesungen von Beginn an erforderlich

Doch auch bei dieser Konstellation waren von Beginn an Loesungen fuer die Datenfernuebertragung (DFUE) erforderlich, denn die Kaiserslauterer Zentrale benoetigte zur permanenten Abstimmung Daten aus den Niederlassungen. Die Zentrale ist zustaendig fuer die Kunden- und Artikelstammdatei sowie deren Pflege, fuer die Buchhaltung und Faktorierung im Bereich der gewerblichen Kunden und fuer den Einkauf.

Die hierfuer zu Beginn eingesetzten analogen Modemloesungen sollten allerdings nur uebergangsweise bis zur flaechendeckenden Verfuegbarkeit von ISDN genutzt werden. Fuer die Telekom-Modems wurde ein eigenes Kommunikationsprogramm mit proprietaerem Sicherungsprotokoll in Auftrag gegeben, das auf der Applikationsebene einen Datendurchsatz von rund 300 Bit/s erreichte. Wesentlicher Nutzen dieser Loesung war, dass die Fernuebertragung zuverlaessig funktionierte und damit das darauf aufgebaute Anwendungskonzept realisierbar erschien. Aber Stinnes musste sich mit einem aergerlichen Kompromiss abfinden: Ein regelrechtes Updaten war nicht moeglich, die Informationen konnten nur im ASCII-Format uebertragen und auf eine Datenkomprimierung musste voellig verzichtet werden. Zum Schluss sorgten vier parallel geschaltete Modemleitungen in der Zentrale dafuer, dass jede Nacht von abends 20.00 Uhr bis morgens 7.00 Uhr der Tagesabschluss aus den Filialen ueber Batch-Laeufe abgerufen und die aktualisierten Preis-, Kunden- und Artikelstammdaten wieder in die Filialen zurueckuebertragen wurden. Im Durchschnitt wurden zwischen 100 und 200 KB pro Niederlassung und Nacht fernuebertragen.

Dabei stiess die Modemloesung immer deutlicher an ihre Grenzen, da sich die Zahl der Niederlassungen kontinuierlich erhoehte. Als zunehmend problematischer erwiesen sich auch die Tage und Wochen, in denen der erste Schnee fiel. Denn dann spueren Deutschlands Autofahrer schmerzhaft General Winter und wollen moeglichst schnell ihre Reifen wechseln lassen. Entsprechend stieg der Tagesumsatz bei dem Reifen-Dienstleister auf ein Mehrfaches des normalen Wertes. In dieser Zeit hiess es in der DV-Abteilung regelmaessig "Land unter", denn die Datenmenge wuchs proportional zum Schneefall.

Weitere Spitzenkommunikationszeiten ergaben sich zu den vier Quartalsinventuren. Besonders schwierig wurde es, wenn der eigene Buchhaltungsabschluss bei dem Mutterunternehmen, der Stinnes AG, zu erstellen war und entsprechend fruehzeitig bilanzrelevante Daten wie der Lagerwert aus den Niederlassungen etc. geliefert werden mussten. Zum Schluss verzichtete man auf die Uebertragung der Stammartikeldaten, um ueberhaupt noch die wichtigeren Aufgaben bewaeltigen zu koennen.

Die Datenuebertragung geschah dann ueber den Versand von Kassetten, die ueber die Streamer in den Zweigstellen einzulesen waren. Doch diese Loesung konnte nicht von Dauer sein, da sie viel zu zeit- und kostenintensiv war. Unter anderem waren bis zu vier Versuche mit dem entsprechenden Telefonsupport erforderlich, damit die zugesandten Kassetten endlich von den Streamern eingelesen werden konnten. Bei damals ueber 150 Filialen eine nervenaufreibende Sisyphusarbeit.

Schon bei dem Aufbau der Modemstrecken zu den ersten 20 Filialen war klar, dass dieses analoge Verfahren auf lange Sicht nicht sinnvoll sein wuerde. Nur gab es zu dieser Zeit auf dem Markt nichts grundsaetzlich Besseres. ISDN mit einer fuer die damaligen Verhaeltnisse sensationellen Uebertragungsgeschwindigkeit von 64 Kbit/s kroch gerade erst aus den Startloechern. Doch diese Bandbreite reichte voellig fuer die Anforderungen der Stinnes Reifen GmbH aus. Folglich beschloss man, nicht auf eine neue Uebergangsloesung wie schnellere Modems zu setzen, sondern so schnell wie moeglich auf das digitale Kommunikationsnetz der Telekom zu migrieren.

Die Loesungssuche im ISDN-Umfeld begann schon, als noch die letzten Filialen ihre Modems erhielten. 1993 fiel die Grundsatzentscheidung, alle Zweigstellen und die Zentrale mit einer modernen ISDN-Loesung auszustatten, die auf die vorhandene Infrastruktur aufgesetzt werden konnte. Mittlerweile stehen in ueber 70 Prozent der Zweigstellen 486er Workstations, auf denen weiterhin Xenix-Anwendungsprogramme laufen. Deutlich angewachsen waren auch die Dateigroessen sowie der Bedarf an standortuebergreifenden Kommunikationskapazitaeten.

Die ISDN-Loesungssuche erwies sich als relativ kompliziert, denn Xenix wurde weiterhin als Betriebssystem favorisiert, da es ausserordentlich stabil lief. Dafuer konnte jedoch zunaechst keine ISDN-Loesung gefunden werden. Viele Karten- und Softwarehersteller versprachen, entsprechende Modifikationen ihrer Produkte vorzunehmen - aber erst nach Auftragserteilung. Das erste Systemhaus, das ueberhaupt Unix-Verfahren fuer ISDN praesentieren konnte, war das Berliner Systemhaus Netcs. Aber noch fehlte die entsprechende Modifikation fuer die Xenix-Umgebung.

Einen Durchbruch gab es erst, als Netcs die Unix-Loesung "Netisdn" mit einer SCO-Xenix-Portierung praesentierte, was genau den Vorstellungen von Stinnes Reifendienst entsprach.

Im letzten Quartal 1993 war die Netcs-Loesung fuer das Xenix-Umfeld soweit ausgereift, dass ein erster Praxistest angesetzt werden konnte.

Die ersten ISDN-Probelaeufe fanden zwischen der Reifendienst- Filiale in Iserlohn und der Zentrale in Kaiserslautern statt. Zunaechst erwies es sich als nicht unkompliziert, die ISDN-Loesung auf Xenix zu installieren.

Es stellte sich als problematisch heraus, direkt auf Xenix aufzusetzen, um so auf TCP/IP zu verzichten. Nach Behebung dieser Schwierigkeiten lief die Anwendung allerdings fehlerfrei und stabil, unabhaengig von der jeweiligen Dateigroesse. Ein besonderer Know-how-Transfer in die Zweigstellen war nicht notwendig. Im Gegenteil, durch die enorme Steigerung bei der Datenuebertragung wuchsen die Spielraeume der DV-Zentrale, von Kaiserslautern aus alle 173 Filialen fernzuwarten, sobald sie an ISDN angeschlossen werden konnten.

Anfang 1994 fiel dann bei Stinnes Reifendienst die definitive Entscheidung, alle 173 Standorte in den alten und neuen Bundeslaendern mit ISDN-Anschluss und der ISDN-Loesung "Netisdn" von Netcs auszustatten. Netisdn ermoeglicht unter Xenix die Nutzung der Kopierfunktion ueber ISDN sowie die Ausfuehrung eines Remote- Kommandos auf einem entfernten Rechner. Massgeblich fuer diesen Beschluss war neben der technischen Marktreife der Loesung das Ergebnis der Wirtschaftlichkeitsberechnung. Danach werden sich die Investitionen in Hoehe von rund 650000 Mark in weniger als zwei Jahren nur durch Einsparungen im Telekom-Tarifbereich amortisieren. Dazu kommt noch der Nutzen durch zusaetzliche Servicemodule.

Im Januar 1995 wurde mit dem Standort Dresden die letzte der 173 Niederlassungen an ISDN angeschlossen - eine Verspaetung von ueber einem halben Jahr gegenueber der ersten Planung. Das lag mehr an der Telekom als an den anderen Projektbeteiligten. Letztlich erwies sich aber der Tip als goldrichtig, das direkte Gespraech mit dem Ansprechpartner der Telekom in Kaiserslautern zu suchen. Wer flaechendeckend ISDN-Anschluesse an vielen Standorten installieren will, sollte sich einen einzigen Zustaendigen bei der Telekom suchen, mit dem er bis zum Projektende Kontakt haelt.

Heute sind am ISDN-Netz der Stinnes Reifendienst GmbH ausser den Niederlassungen, vier Franchisepartner (Artikelstamminformationen) und zwei Zentrallager angeschlossen. Mittlerweile wird jede Nacht zu allen mit ISDN angeschlossenen Standorten die vier- bis fuenffache Menge an Datenvolumen hin- und wieder zurueckuebertragen als noch vor drei Jahren.

Ab und zu ergibt sich die Notwendigkeit, den gesamten Artkelstamm komplett aus der Zentrale den Niederlassungen zu uebermitteln. Zur Zeit ist diese Datei rund 60 MB gross, komprimiert immer noch etwa 12 MB. Um alle Niederlassungen damit zu versorgen, werden ueber vier ISDN-Basisanschluesse knapp 36 Stunden benoetigt.

ISDN macht Supportreisen weitgehend ueberfluessig

Trotzdem liegen die gesamten Kommunikationskosten unter dem alten Niveau. Die Auswirkungen auf den Alltag durch die ISDN-Loesung sind spuerbar: Die Supportreisen zu den Filialen sind weitestgehend entfallen. Heute meldet eine spezielle Applikation gleich morgens, welche Fehler bei der naechtlichen Datenuebertragung aufgetreten sind. Bevor in den Zweigstellen der Dienst richtig begonnen hat, ist ein fehlerhaftes Update schon ausgetauscht und die Anwendung wieder zum Laufen gebracht worden. Dieses Verfahren reduziert in erheblichem Umfang die Aufwendungen fuer Reisen und fuer den Telefonsupport.

Aus Sicht der DV ist das erste grosse Etappenziel des ISDN-Projekts erreicht. Der bisherige Service wurde auf ISDN umgestellt, die Kommunikation ist erheblich schneller geworden, die Kosten fuer die Uebertragung wurden reduziert und Fernwartung mit Joint-editing- Funktionalitaet realisiert.

Im naechsten Schritt sollen die Filialen in die Lage versetzt werden, den Kontostand eines Kreditors einzusehen, bevor ein Abschluss unter Dach und Fach gebracht wird. Ferner ist vorgesehen, dass die Aussenstellen auf den zentralen Lagerbestand zugreifen koennen. Weitergehende Plaene, um eine groessere Selbstaendigkeit der Filialen zu erreichen, sind, wie es heisst, vorstellbar.