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Opendoc und Netscape fuehren


16.02.1996 - 

1995: Infoworld-Leser kueren die besten Produkte

Das Jahr 1995 wurde, glaubt man den Schlagzeilen, vor allem von einem DV-Ereignis bestimmt: der Auslieferung von Windows 95. Damit hat es ein Betriebssystem erstmals geschafft, auf den Titelseiten und in den Leitartikeln der Tageszeitungen gewuerdigt zu werden. Diesen Erfolg verdankt Microsoft jedoch weniger genialen Software-Entwicklern als vielmehr seiner gut geschmierten Marketing-Maschinerie. Fuer die Fachwelt zaehlt jedoch der Nutzen eines Produkts fuer die Anwender. Dieser Richtlinie folgend, hat das Testzentrum der CW-Schwestepublikation "Infoworld" nach echten Highlights unter den anderen PC-Neuerscheinungen des Jahres 1995 gefahndet.

Das vergangene Jahr war gepraegt von einem explodierenden Internet-Markt und der flaechendeckenden Etablierung von Client-Server-Techniken, die jedoch in der PC-orientierten Hitliste der "Infoworld" kaum Beruecksichtigung finden. Dafuer haben die Juroren eine Ordnung in die nach wie vor ueberwaeltigende Menge der Neuerscheinungen im Desktop-Bereich gebracht (zur PC-Hardware vgl. Seite 41).

Dieser Trend bestaetigt die Entwicklung der vergangenen Jahre. Die Entmachtung der technikverliebten DV-Abteilungen zugunsten einer Orientierung an den wirtschaftlichen Unternehmenszielen und den konkreten Anwenderbeduerfnissen hat das Client-Server-Computing zum Erfolg gefuehrt und die Machtverhaeltnisse zugunsten der PC-Benutzer umgekehrt. Fuer Anwender und Management zaehlt nur die Loesung. Daran werden sich auch die Internet-Player messen lassen muessen, deren Innovationen sie zum Hoffnungstraeger fuer einen neuen Wachstumsschub weit ueber die IT-Branche hinaus machen. In diesem Sinn hat die "Infoworld" die besten Desktop-Loesungen fuer Client-Server-Computing ausgewaehlt und daraus einen Gesamtsieger ermittelt. Die Server-Systeme waren weitgehend ausserhalb des Blickfelds.

And the Winner is: Opendoc. Damit haben die "Inforworld" und ihre Leser eine oft totgesagte Technik aufs Siegerpodest gehoben. Ausgeliefert wird die Software zur Erstellung, Darstellung und UEbertragung von sogenannten Compound Documents bislang nur von Apple. Bei solchen Dokumenten verwischt sich die Unterscheidung von Anwendung und Inhalt. So laesst sich beispielsweise in einen Geschaeftsbrief der Output eines aktiven Boersentickers einbinden, der die Veraenderungen einer ebenfalls integrierten Grafik steuert.

Es handelt sich um ein federfuehrend von IBM, Novell und Apple betriebenes Projekt, das mit Microsofts Objekt-Technik Distributed OLE konkurriert, diese aber gleichzeitig umfasst. So lassen sich mit Opendoc OLE-Objekte nicht nur einbinden, sondern auch erstellen. Anders als OLE, das auf absehbare Zeit nur in Microsoft-Umgebungen funktioniert, ist Opendoc zudem in Zusammenarbeit mit dem Standardgremium Object Management Group (OMG) fuer heterogene DV-Landschaften konzipiert worden. Hinzu kommt, dass hier technische Probleme wie Versionskontrolle, Echtzeitvererbung und Sicherheit geloest wurden, mit denen Microsoft noch ringt.

Doch es war nicht Techikbegeisterung, die das Votum fuer Opendoc bestimmte. Die Industrie ist sich einig, dass die Zeit der umfangreichen monolitischen Anwendungen vorbei ist. Die Zukunft gehoert schlanken Applikationskomponenten, die vom Anwender, einem Haendler oder der DV-Abteilung zu einer Loesung kombiniert werden. Opendoc ist die erste verfuegbare Technik, die das ermoeglicht und die darueber hinaus unabhaengig von der Systemumgebung ist. Das hat dazu gefuehrt, dass inzwischen ueber 300 Softwarefirmen entsprechende Komponenten erstellen wollen.

Client-Produkte

Kein Betriebssystem konnte 1995 die Gunst der "Infoworld"-Leser erringen. Microsofts Windows 95 stellt eine Verbesserung gegenueber Windows 3.x dar, die vom Hersteller geweckten Erwartungen wurden jedoch nicht erfuellt. Aufgrund einer ganzen Reihe von Anfangsproblemen erscheint der Einsatz des Betriebssystems in der Unternehmens-DV noch nicht sinnvoll.

Die Workstation-Version von "Windows NT 3.51" schied wegen der schlechten Rueckwaertskompatibilitaet und der hohen Hardware-Anforderungen (mindestens 16 MB Hauptspeicher nur fuer das Betriebssystem) aus.

Auch IBMs "OS/2 Warp Connect 3" ueberzeugte nicht. Es ist zwar schneller und weniger ressourcenhungrig als die Vorgaengerversion, doch die lang erwarteten Netz-Features enttaeuschten. Der Hersteller hat hier lediglich vorhandene Mo- dule gebuendelt, diese aber nicht wirklich integriert.

In der Subkategorie Anwendungsentwicklungs-Werkzeuge hat Microsofts "Visual Basic 4.0" gewonnen. Die Beliebtheit des Tools beruht vor allem darauf, dass sich in der 32-Bit-Variante nichts Wesentliches geaendert hat. Nach wie vor lassen sich damit 16-Bit-Anwendungen erstellen und auftretende Probleme besonders rasch loesen. Auch koennen weiterhin Software-Komponenten flexibel eingebunden werden. Das geschieht nun allerdings durch 32-Bit-OCXe (OLE Custom Controls) anstatt der bislang eingesetzten 16-Bit-VBXe (Visual Basic Custom Controls). Anders als bei Borlands Konkurrenzprodukt "Delphi" lassen sich die VBX nicht mehr weiterverwenden. Neu ist bei Visual Basic der OLE Automation Server, der die Verwendung eines OCX-Moduls in mehreren Anwendungen erleichtert.

Bei den objektorientierten Sprachen hat sich "C++ 7.0" von Symantec durchgesetzt. Begeistert berichten die Benutzer ueber die schnellen Win-32S-Programme, die sie damit erstellt haben, sowie ueber den hervorragenden Debugger. Als besonders hilfreich hat sich auch die Menuefuehrung beim Gestalten einer Benutzerumgebung erwiesen.

Bei den Abfrage- und Berichtswerkzeugen schnitt "Impromptu 3.0 von Cognos am besten ab. Bei dieser Art Tool gilt ueblichweise, dass die DV-Abteilung ein Produkt bevorzugt, das die Endanwender hassen. Entweder sind die Programme einfach zu bedienen und schwer zu verwalten oder umgekehrt. Impromtu ueberzeugte, weil es beide Seiten zufriedenstellt (vgl. CW Nr. 47 vom 24. November 1995, Seite 13).

Unter den Endbenutzer-Datenbanken machte im vergangenen Jahr Borlands "Paradox 7.0" das Rennen. Das Unternehmen hat dafuer gesorgt, dass in dieser Version auch schwierige Aufgaben wie das Importieren von Fremddaten oder das Erstellen von Tabellen auf Mausklick moeglich sind. Ausserdem wurden sinnvolle Anwendungen wie ein Kontakt-Manager integriert. Aber auch die eher fuer Insider gedachten Features wurden optimiert.

Internet-Produkte

Keine UEberraschung ist die Wahl von "Netscape Navigator LAN Edition" zum Browser des Jahres. An dem Produkt von Netscape werden vor allem die Verbesserungen bei der Seitenbeschreibungssprache Hypertext Markup Language (HTML) gelobt, die eine wesentlich ansprechendere Gestaltung der Web-Seiten ermoeglichen. Darueber hinaus hat der Erfolg des Produkts dafuer gesorgt, dass diese Erweiterungen in die kommende Version 3.0 des HTML-Standards integriert werden.

Angesichts dieser Marktposition ist es kein Wunder, dass Netscape auch bei der Wahl des Internet-Servers die Hitliste anfuehrt. Der "Netscape Commerce Server, Version 1.1" ist optimal auf die hauseigene Browser-Technik abgestimmt und schon daher die erste Wahl fuer die Einrichtung von Web-Diensten. Hinzu kommen ausgereifte Eigenschaften fuer grafische Umgebungen sowie die Beseitigung von bei Internet-Servern oft kritisierten Sicherheitsmaengeln.

Fuer die Erstellung und Gestaltung von Web-Inhalten empfiehlt "Infoworld" jedoch das Authoring-Tool "Frontpage 1.0" von der Vermeer Technologies Inc., die inzwischen von Microsoft geschluckt wurde. Die Akquisition duerfte nicht zuletzt darauf zurueckzufuehren sein, dass es Vermeer gelungen ist, Werkzeuge fuer die umstaendliche Programmierung von Web-Seiten durch Automatismen und formularaehnliche Funktionen zu ersetzen.

Zur Methode

Nur die Nummer eins zu nennen ist immer ungerecht. Oft wurde ein Konkurrenzprodukt nur deshalb nicht erwaehnt, weil eine bestimmte Funktion dem Tester weniger wichtig erschien, als sie es fuer Anwender moeglicherweise ist. Dieses Dilemma kann nur durch eine Auswahlmethode gemildert werden, die moeglichst viele verschiedenartige Informationen einbezieht. Deshalb stuetzt sich die "Infoworld" nicht nur auf Features, sondern auch auf journalistische Recherchen und ihre Labortests. Von zentraler Bedeutung sind aber die Umfragen, die das Blatt seit zehn Jahren regelmaessig bei seinen Lesern durchfuehrt. Diese teilen dem Blatt ihre Anforderungen mit und votieren zum Teil direkt fuer bestimmte Produkte. Die besten Neuerscheinungen des vergangenen Jahres wurden insofern von Lesern ausgewaehlt.

Diese demokratische Methode birgt die aus der Politik bekannten Gefahren. So ist es einer engagierten Fangemeinde immer wieder gelungen, IBMs OS/2-Betriebssystem schon zu einer Zeit, als es dafuer noch kaum einen Markt, geschweige denn Anwendungen gab, auf einen Spitzenplatz zu hieven. Auch breit angelegte Marketing-Aktionen der Hersteller koennen das Ergebnis verfaelschen. Doch solche Ausrutscher waren bislang die Ausnahme.

Der Mann des Jahres: Marc Andreessen

Die von Andreessen gegruendete Netscape Communications Corp. hat Mitte vergangenen Jahres das Wunder vollbracht, ohne einen Pfennig Umsatz Millionen zu erzielen, den Wert der Firma zumindest an der Boerse ueber den von langjaehrigen Unternehmensgroessen wie etwa Apple steigen zu lassen. Insgesamt musste das Unternehmen fuer das vergangene Jahr jedoch einen Verlust von 3,4 Millionen Dollar verbuchen. Seinen Hoechststand erreichte der Kurs 1995 am 1. Dezember mit 175 Dollar. Nach dem Splitting steht der Kurs zur Zeit bei 67 Dollar. Vor allem mit der Server-Version ihrer Web-Software wird inzwischen auch Umsatz gemacht. Marc Andreessen zum Mann des Jahres zu kueren hat seinen Grund jedoch in einem anderen Erfolg. Ihm ist es mit seinem Browser-Produkt gelungen die Seitenbeschreibungssprache Hypertext Markup Language (HTML) zu einem industrieweit anerkannten Standard zu machen. Dabei handelt es sich um ein Dokumentenformat, dessen Bedeutung weit ueber die des World Wide Web hinausreicht.