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Anwenderunternehmen und die vermeintlichen Vorteile des Wettbewerbs

1998 hat beim Telefondienst fuer die Grosskunden laengst begonnen

12.04.1996

Viele Anwender haben nicht gewartet und schon vor laengerer Zeit den Carrier gewechselt. "Das Imperium schlaegt zurueck" heisst nun die Devise der Mannen um Telekom-Chef Ron Sommer, wenn sie es denn duerfen. Endlich lief fuer die Telekom-Strategen in der Bonner Godesberger Allee einmal (fast) alles richtig: Nicht das ehemalige Postunternehmen, sondern das Ministerium selbst stand am Pranger. Als der Regulierungsrat in seiner Sitzung am 29. Januar 1996 die geplante Genehmigung der Grosskundenrabatte kurzerhand von der Tagesordnung strich, hatten die Politiker den Schwarzen Peter. Diese verweigerten, so hiess es, der Kundschaft das, was die Telekom so gerne anbieten moechte: marktgerechte Preise.

Bei dieser Gelegenheit kam Telekom-Chef Ron Sommer nichts besser zupass als die Tatsache, dass just zu diesem Zeitpunkt ausgerechnet der Deutsche Bundestag mit einem, wenn man so will, Telecom- politischen Verwaltungsakt zusaetzlich fuer Schlagzeilen sorgte. Die Volksvertreter telefonieren, wie bekannt wurde, seit Ende vergangenen Jahres deutschlandweit ueber das Netz eines privaten Anbieters. Der US-Carrier Worldcom sei, so die lapidare Begruendung der Bundestagsverwaltung, um bis zu 30 Prozent preisguenstiger als die Telekom.

Von Worldcom und dem Deal mit der Bundestagsverwaltung wird daher noch in einem anderen Zusammenhang die Rede sein. Mittlerweile ist jedoch, wie man weiss, das Problem der Grosskundentarife politisch nach Bruessel ausgelagert worden. Dort sitzen die Beamten von EU- Wettbewerbskommissar Karel van Miert nicht nur vor dem Tarifwerk namens "Dial & Benefit", sondern auch vor einer Art Doppelklage. Besagte Firma Worldcom und der Verband der Telekommunikationsnetz- und Mehrwertdiensteanbieter (VTM) beschweren sich darin ueber die angeblich diskriminierende Behandlung privater Carrier. Die Wettbewerber der Telekom wollen in ihrer Rolle als Grossabnehmer von Mietleitungen ebenfalls in den Genuss von Grosskunden- Verguenstigungen kommen.

Dumm ist dabei nur, dass derzeit aus Sicht der Telekom und wohl auch des Bundespostministers Wolfgang Boetsch nichts weniger in die deutsche Wettbewerbslandschaft passt als genau dieses Ansinnen des VTM. Und so praegten in den vergangenen Wochen wieder einmal Schlagzeilen, heisse Luft und vor allem persoenliche Animositaeten die hiesige Telecom-Branche, was den Blick auf das Wesentliche nicht eben erleichtert. Dazu gehoert zum Beispiel, dass europaweit mit der seit Januar 1993 (!) geltenden Corporate-Network- Richtlinie ein De-facto-Wettbewerb auch im Telefondienst fuer Unternehmen gegeben ist und die Telekom schon immer alles daran gesetzt hat, ihre private Konkurrenz moeglichst am langen Arm verhungern zu lassen. Hierunter faellt ein ploetzlich aus dem Hut gezaubertes, auf den Markt zugeschnittenes Dienstleistungsangebot ("Telekom Designed Network") ebenso wie die von den VTM- Mitgliedsfirmen beklagten Unregelmaessigkeiten bei der Bereitstellung von Mietleitungen.

"Wir wollen im Wettbewerb beim Kunden bestehen und nicht in irgendwelchen juristischen Auseinandersetzungen", gibt sich Telekom-Sprecher Stephan Althoff generoes, wobei sich einem neutralen Beobachter dann doch die Frage aufdraengt, wie das denn im Falle Worldcom/Bundestagsverwaltung zu verstehen ist. Ueber besagtes Geschaeft zu reden scheint uebrigens fuer alle Beteiligten tabu zu sein. Jedenfalls gehen die Verantwortlichen der Bonner Behoerde auf Tauchstation, und auch bei Worldcom selbst gibt man sich sehr zugeknoepft. Man wickle mit Ausnahme der Regionalzone Bonn den gesamten innerdeutschen Telefonverkehr der Bundestagsverwaltung im Rahmen eines Corporate Network ab und sei dabei um durchschnittlich 30 Prozent preisguenstiger als die Telekom, heisst es. Inoffiziell ist dann aber doch noch von ganz anderen Dingen die Rede, naemlich davon, dass sich die Telekom mehr als ein Vierteljahr Zeit liess, um der privaten Konkurrenz die fuer das Geschaeft mit den Politikern bestellten Mietleitungen freizuschalten - und dies dann auch erst aufgrund einer Intervention "hoeherer Stellen" tat.

All diese kleinen Grabenkaempfe und Nicklichkeiten, die sich im Telecom-Tagesgeschaeft aber sehr schnell zu Millionensummen addieren, muss man mit ins Kalkuel ziehen, um das derzeitige Gerangel in Bruessel ueberhaupt zu verstehen. Der Telekom laufen - auch und gerade beim Telefondienst - die Grosskunden weg, sagt beispielsweise Ron Sommer und spricht von einem Umsatzverlust in Hoehe von rund 50 Millionen Mark allein in den vergangenen sechs Monaten. Die privaten Wettbewerber der Telekom bringen aufgrund von deren Netzmonopol und den Wucherpreisen fuer Mietleitungen keinen Fuss auf den Boden, meint einer, der es ebenfalls wissen muesste, naemlich Meganet-Geschaeftsfuehrer Wolfgang Steiert, dessen Unternehmen mit zu den Zeichnern der Bruesseler Klageschrift gehoert.

Den Anwendern indes kann es egal sein, sie haben Wahlfreiheit in einem zumindest wettbewerbsaehnlichen Markt. Entsprechend pragmatisch sieht es jedenfalls Dieter Zilliger, Leiter der Abteilung Nachrichtenverkehr bei der Bosch-Siemens Hausgeraete GmbH. Fuer ihn ist der Wechsel zu einem anderen Netzbetreiber "daily Business", sofern zwei Voraussetzungen gegeben sind: ein deutlich preisguenstigeres Angebot sowie ein ueberzeugender Service. Seit Ende 1994 ist fuer das weltweit agierende Unternehmen der Anbieter Worldcom erste Wahl, nicht zuletzt deshalb, weil der US- Carrier seinerzeit als einziger Anbieter ein automatisches Least- cost-Routing in seinem Produktportfolio hatte - also die Moeglichkeit des Umschaltens auf die jeweils guenstigste Verbindung ohne Operator.

Mittlerweile ist daraus eine, wie der Kommunikationsspezialist berichtet, gefestigte Geschaeftsbeziehung geworden. Worldcom hat den gesamten Auslandstelefonverkehr uebernommen, der ueber eine Hicom-300-Anlage von der Firmenzentrale in der Muenchner Hochstadtstrasse zu den weltweiten Niederlassungen und Produktionsstaetten geroutet wird. Die Kostenersparnis betraegt laut Zilliger im Vergleich zu den vorher an die Telekom entrichteten Gebuehren rund 160000 Mark, ausgehend von einem jaehrlichen Volumen von mehr als 500000 Mark. Aehnlich sieht es auch im innerdeutschen Telefonverkehr aus, den die Bosch-Siemens Hausgeraete GmbH derzeit zu etwa 70 Prozent ueber das Worldcom-Netz abwickelt - mehr laesst die noch nicht erreichte Flaechendeckung nicht zu. Ersparnis hier: Zwischen zehn und 20 Prozent.

Zahlen, wie sie der TK-Verantwortliche von Bosch-Siemens auf den Tisch gelegt hat, sind indes in Anwenderkreisen mehr oder weniger Staatsgeheimnis, wenngleich sie von der Tendenz her fast ueberall bestaetigt werden. "Pro Nebenstelle um etwa 15 Prozent billiger" ist denn auch das einzige, worauf sich Hans-Ulrich Lienau, Mitglied der Geschaeftsfuehrung von Bahntrans, einem Joint-venture- Unternehmen des Thyssen-Konzerns und der Deutschen Bahn AG, oeffentlich festlegen will. Der mit einem Umsatz von zwei Milliarden Mark deutschlandweit groesste Bahnspediteur hat Telecom- Services quasi im eigenen Haus eingekauft und ist Kunde der Thyssen-Telecom-Tochter Plusnet.

Der Bahntrans-Verantwortliche legt Wert auf zwei Feststellungen: Das Plusnet-Angebot musste aufgrund der gegebenen "Konzernnaehe" absolut wasserdicht sein, und es hat ihn und seinen Stab schon "in der Akquisitionsphase" ueberzeugt. Einen Rabatt einraeumen koenne naemlich jeder, meint Lienau, man muesse aber als Entscheider auch nachvollziehen koennen, "warum, wo und wie". Erst als Plusnet in einer Art Strategiepapier den Bahntrans-Telefonverkehr auf der Basis ueberlassener Daten analysiert und mit seinem eigenen Angebot kombiniert und praesentiert hatte, kam es zur Vertragsunterzeichnung. Eine Vereinbarung uebrigens, aus der Lienau im Fall der Faelle "sehr kurzfristig" wieder aussteigen kann. Kurzfristige Laufzeit des Vertrages mit Worldcom heisst fuer den Bosch-Siemens-Verantwortlichen Zilliger jederzeit moegliche Kuendigung zwei Wochen zum Monatsende. Auch fuer Horst Reinauer, innerhalb der IT-Abteilung der in Stuttgart ansaessigen Wuerttembergischen Versicherung fuer den Sprachbereich zustaendig, sind lange Vertraege "heutzutage uninteressant". In der Brust Reinauers schlagen momentan allerdings zwei Herzen. Einerseits arbeite man in der Datenkommunikation konzernweit (100 Niederlassungen mit je rund 60 bis 100 Nebenstellen) schon mit einem privaten Carrier; gleichzeitig sei man aber mit dem Grosskunden-Management der Telekom, auch und gerade beim Telefondienst, "zufrieden".

Was dem Schwaben zu seinem Glueck noch fehlt, koennten ihm die neuen Grosskundenrabatte der Telekom bringen. In Stuttgart hat man sich jedenfalls auf der Basis von Dial & Benefit eine pauschale Ersparnis bei den Telefonkosten zwischen zehn und 15 Prozent ausgerechnet beziehungsweise ausrechnen lassen. Denn daraus, dass die Telekom derzeit bei ihren sogenannten "Big Accounts" quasi mit dem Taschenrechner auf der Matte steht und die Kundschaft darueber "informiert", was denn, wenn man nur duerfte, moeglich waere, macht der IT-Experte wie viele andere geschmeichelte Anwender kein Geheimnis.

Dass indes die Vertriebsleute der Telekom den Markt noch nicht vollstaendig sondiert haben, macht wiederum Bosch-Siemens- Spezialist Zilliger deutlich. Er will von den geplanten Grosskundenrabatten "erst aus der Zeitung erfahren" haben, was vielleicht seinen Teil dazu beitraegt, dass er diese nicht unbedingt als "interessant" erachtet. "Da waere fuer mich der Rechenaufwand hoeher als die vermeintliche Kostenersparnis", bringt der Worldcom- Kunde seine Kritik auf den Punkt.

Rechenaufwand macht die Rabatte uninteressantH4>/H4>

Aehnlich sieht es Peter Freudenthal, Abteilungsdirektor DV-Systeme bei der Deutschen Bau- und Bodenbank in Mainz, die seinen Angaben zufolge als klassischer Telekom-Grosskunde mit 50 Tochtergesellschaften und mehr als 2000 assoziierten Immobiliengesellschaften demnaechst "einen Test mit einem privaten Anbieter faehrt". Mehr will Anwender Freudenthal hierzu nicht sagen - ausser dass "Dial & Benefit" eine Kostenersparnis um bis zu 30 Prozent braechte; dass ihm und seinen Spezialisten aber so manches Detail des neuen Tariftableaus weniger gefaellt. Zum Beispiel die im Kleingedruckten nachzulesende, fuer seinen Geschmack zu rigide Eingrenzung von kuenftig ermaessigten Verbindungen zu ausgewaehlten Geschaeftspartnern.

In gewisser Weise auch eine Frage des Geschmacks, naemlich "ein Biss in den sauren Apfel", sind die neuen Telekom-Tarife fuer Oliver Schruft, Leiter Sprachkommunikation beim Paketzusteller United Parcel Service (UPS). 30 Prozent hin oder her - Dial & Benefit ist ihm zufolge immer noch nicht "wettbewerbsfaehig". Gleichwohl ist UPS, ein Unternehmen, dessen internationale Ausrichtung geradezu zum Firmenselbstverstaendnis gehoert, zumindest in Deutschland ein, wie manche Insider spotten wuerden, "True-Magenta-Shop". Schruft macht aus seinen Ueberlegungen trotzdem keinen Hehl: Die Kosten sind nicht alles, gibt er zu bedenken. Entscheidend sei auch beim Telefondienst die Verfuegbarkeit in der Flaeche und das "Equipment- Housing" der Telekom. In Zahlen bedeutet dies: UPS kann heute durch die One-Stop-Shopping-Betreuung seitens der Telekom-Tochter DeTeSystem mit sechs Mann rund 1500 Telefonleitungen managen.

Die Zeit der behaebigen Fernmeldeaemter scheint also endueltig passe. Nicht zuletzt deshalb ist, wie in Branchenkreisen argumentiert wird, ein klaerendes Wort aus Bruessel so notwendig - oder auch nicht. Ob die Telekom ihrer (Gross-)Kundschaft ueberhaupt verguenstigte Auslandstarife anbieten darf und was aus der Forderung des VTM nach ermaessigten Mietleitungen wird, wer weiss es schon? Bundespostminister Boetsch will das Problem so lange wie moeglich aussitzen, um den Boersengang der Telekom nicht zu gefaehrden, heisst es hinter vorgehaltener Hand in Bonn. Und ueberdies gibt es ja noch den 1. Juli 1996, den Termin, an dem europaweit die nationalen Netzmonopole fallen. Dann spaetestens, so der Schwabe Reinauer, "wird man in Deutschland nicht mehr von Wettbewerb reden, sondern ihn praktizieren".