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29.10.1982 - 

Nach der Ölkrise nun eine Informationskrise?

2. Teil

Professor Dr. Adolf Schreiner, TH Karlsruhe

Wie sieht die Situation in der Bundesrepublik aus? Mit einem Anteil von etwa 13 Prozent an der Weltindustrieproduktion ist unser Anteil an der Produktion von DV-Geräten mit rund vier Prozent gefährlich gering. Das Bedenkliche daran ist weniger der Ausfall an Wertschöpfung im Computerbau als vielmehr die fehlende Ausstrahlungskraft dieser Branche in die anderen Bereiche unserer Volkswirtschaft. So lohnt es sich beispielsweise für die japanischen Großkonzerne, die Computer und Software herstellen, diese Elite-Universitäten zu Konditionen mit den Produkten zu versorgen, die für uns unvorstellbar sind. Die von den Universitäten zu entrichtenden Zahlungen liegen dort in der Größenordnung unserer Forschungsrabatte. Für Softwarekosten haben die Hochschulrechenzentren überhaupt noch keine nennenswerten Budgetansätze gemacht, während in der Bundesrepublik gerade diese Aufwendungen immer mehr Sorge bereiten.

Für Universitäten Softwarebibliotheken

Ein immer größerer Teil unseres aktiven Wissens wird in Computerprogrammen, also in Software, gespeichert; damit treten Softwarebibliotheken für Universitäten gleichwertig neben Buchbibliotheken. In Unternehmen zählt die Software zum Anlagevermögen, sie ist ein Produktionsmittel wie eine Maschine. Daher können für sie entsprechende Preise auf dem Weltmarkt gefordert und von Unternehmen auch aufgebracht werden. Falls nun die Universitäten der Softwareimportländer die Softwarebibliotheken praktisch zu den Preisen von Produktionsmitteln aufbauen müssen - obwohl diese Bestände in vielen Fällen relativ selten genutzt werden, aber dennoch stets griffbereit sein müssen -, dann wird ersichtlich, in welche Schere wir geraten können und inwiefern die "Informationskrise" bereits bei den Hochschulen ihren Anfang nehmen kann. Eine Volkswirtschaft, die die Wertschöpfung bei den Bauteilen der Computer ebenso wie bei den Softwareprodukten selbst wahrnimmt, kann sich für die Ausbildungsstätten ihres qualifizierten Nachwuchses andere Aufwendungen in diesem Bereich leisten, als eine, deren Wertschöpfung in diesem Bereich sich im Rahmen von Handelsspannen bewegt - weil letztlich Importprodukte vertrieben werden.

Steigt man exemplarisch auf das Niveau des Tagesgeschäfts herab, dann ist festzustellen, daß nicht nur die Investitionen der öffentlichen Hand als Folge der staatlichen Finanzkrise, gerade was die Ausstattung der Universitäten mit Computerkapazität betrifft, verglichen mit dem internationalen Niveau auf ein bedrohliches Maß gesunken sind, vielmehr erweist sich das Hochschulbauförderungsprogramm, das einmal ins Leben gerufen wurde, um durch Bundesbeteiligungen von 50 Prozent an den Investitionaufgaben der Länder den Ausbau der Hochschulen zu fördern, heute als Hochschulbauverhinderungsprogramm; denn der Bund kann zur Zeit seinen Anteil nicht tragen, und die Länder vermögen ohne Umverteilung von Aufgaben auch nicht die Übernahme dieser zusätzlichen Lasten zu bewältigen. Diese gegenseitige Blockade verhindert sogar die Anschaffung kleinster Zusatzgeräte zu Datenverarbeitungsanlagen, so daß die Auseinandersetzung zwischen Bund und Ländern über die Finanzierung dieser Gemeinschaftsaufgaben uns erheblich zurückwerfen kann. Was sind in der politischen Auseinandersetzung schon zwei Jahre? Im internationalen Wettstreit des technischen Know-hows sind sie jedenfalls der entscheidende Vorsprung, den man haben oder nicht haben kann.

Die Gründe, die in einem Land wie der Bundesrepublik, dem es weder an finanziellen Mitteln noch an technischem Know-how über lange Zeit gebrach, eine Diskussion auslösen, ob oder warum die Gefahr besteht, daß die im Export technischer Spitzenprodukte liegende Lebensbasis gefährdet ist, sind zwar vielfältig, aber im wesentlichen jedermann bekannt. Dennoch sollen im folgenden einige spezielle Aspekte der Computer- und Kommunikationstechnik kurz angeschnitten werden.

Mangel an Produktinnovation

Seit langem findet niemand etwas daran, daß wir in der Bundesrepublik, ebenso wie andere europäische Staaten, gewisse Handarbeiten und Dienstleistungen durch Gastarbeiter verrichten lassen; jedoch die Tatsache, daß wir in jüngster Zeit auch dazu übergehen, technisches Spitzen-Know-how in Fremdarbeit erstellen zu lassen, indem unsere Industrie sich mit anderen darin überbietet, in den Vereinigten Staaten kleinere, hochgradig innovative Firmen im Elektronikbereich aufzukaufen, läßt doch aufhorchen, zumal sie die Theorie von der Substitution hochwertiger deutscher Arbeitskräfte durch weniger ausgebildete fremde ins Wanken bringt. Der Abstand in der Forschung zu den Vereinigten Staaten ist auf diesem Gebiet bei uns (noch) nicht so groß, daß er den Mangel an Produktinnovationen erklären könnte; viel eher dürfte bei uns das hohe Risiko für den Einsatz an Vermögen, Fleiß, Zeit und Gesundheit, den derartige Unternehmungen für die Gründer mit sich bringen, im Erfolgsfall zu wenig honoriert werden.

Abgesehen vom Risiko der rein technischen Funktionsfähigkeit eines neuen Produkts sehen europäische Firmengründungen sich besonders großen Schwierigkeiten einer schnellen Vermarktung ihrer Neuheiten gegenüber, denn die Märkte Europas erlauben trotz zweier Jahrzehnte Europäischer Gemeinschaft immer noch nicht eine hinreichend schnelle Absatzsteigerung, wie sie für Innovationen der Computertechnik nötig ist, um die hohen Entwicklungskosten sowie die Spezialgeräte des Fertigungsprozesses innerhalb der kurzen Lebensdauer dieser Produkte zu amortisieren. So endet in der Computertechnik bereits nach drei bis vier Jahren die Lebensdauer eines Produkts - ein Grund, warum diese Branche auch wohl das höchste Maß an Kreativität, kaufmännischer Organisation und fertigungstechnischer Disziplin innerhalb der industriellen Gütererzeugung überhaupt erfordert. Das Nachhinken einer Volkswirtschaft in dieser Branche muß nicht allein auf einen wissenschaftlichen Rückstand zurückzuführen sein, es kann auch daran liegen, daß eine Volkswirtschaft aufgrund von Trägheitsmomenten, sei es in den Produktionsfaktoren Disposition oder Arbeit, der Erzeugung von Gütern derartig kurzer Lebenszyklen bei gleichzeitig hohen Anforderungen an die Technologie nicht gewachsen ist.

Kein Grund für Verzagtheit

Zur Verzagtheit ist dennoch kein Grund vorhanden, sofern wir nicht die Fähigkeit zu handeln, zuzupacken und Anreize zu schaffen verloren haben. Schließlich ist Europa wie kein anderer Platz dieser Erde dafür geeignet, kreativen Naturen eine Heimstatt zu bieten: ein Klima, seine Infrastruktur, die Bildung sowie die manuellen Geschicklichkeiten seiner Bewohner, der gesamte kulturelle Hintergrund haben nicht seinesgleichen. Wissenschaftliche und technische Kreativität waren hier, solange für diese die europäischen Nationalstaaten als Nährboden ausreichten, wie nirgendwo zu Hause.

Wenn unser Kontinent seine Attraktivität für kreative Geister eingebüßt haben sollte, dann müssen wir uns fragen, ob nicht auch Reglementierung, Bürokratie, Gleichmacherei, Partikularismus und verkrampfte Ideologien ihren Beitrag zu dieser negativen Entwicklung leisten. Wenn wir durch Kurskorrekturen unsere Lage verbessern wollen, dann bedeutet das beileibe nicht, etwa eine Kopie der Japaner die ihren Aufstieg anderen Tugenden, Fähigkeiten und Entbehrungen verdanken, zu denen wir als Europäer niemals fähig wären. Es wäre auch töricht, aus einem Rechtshänder einen Linkshänder machen zu wollen, nur weil dieser gerade erfolgreicher ist; es geht vielmehr darum, das, was man früher einmal unter dem vielgescholtenen Begriff "Tüchtigkeit" verstand, in die Gegenwart und Zukunft zu transformieren.

Nicht weniger wichtig sind Sofortmaßnahmen, um die vorhandenen technologischen Einbrüche nicht ausufern zu lassen. Hierher gehören in erster Linie Programme, die die Anwendung der Computertechnik - angefangen bei den Mikroprozessoren - bis hin zu den Großcomputern - bei der Erzeugung und Ausstattung unserer Spitzenprodukte forcieren, ja bis an die Grenzen des Möglichen in der Forschung treiben. Sicherung der Arbeitsplätze durch Mikroprozessoren und Computer kann nur die Devise für unser exportabhängiges Land heißen. Dauerhafte Arbeitsmöglichkeiten bieten sich für uns in unserer Situation nicht ohne intensivste Nutzung dieser Zukunftstechnologie. Für alle Unternehmen muß es eine Selbstverständlichkeit sein, ihre Produkte systematisch und permanent dahingehend zu untersuchen, inwieweit sie mit der jeweils marktgängigen künstlichen Intelligenz in Form von Mikroprozessoren ausgerüstet oder verändert werden können; gleiches gilt für die Fertigung sowie für die Verbesserung des Managements durch Computerunterstützung.

Die Konzentration der Mittel und Kräfte auf Zukunftstechnologien, die allein uns von den Gefahren knapper werdender Ressourcen und ökologischer Gefährdungen bewahren können, wird den schmerzlichen Verzicht auf manche Bequemlichkeit bedeuten. Der hierfür nötige Aufbruch erfordert nicht nur erheblichen materiellen Einsatz, sondern auch eine geistige Umorientierung, deren Basis eine europäische oder zumindest nationale Identität sein muß, der sich alle, an welcher Stelle sie auch stehen, verpflichtet fühlen. Die Ölkrise, obwohl sie als Schock unseren Kontinent traf, vermochte - im Gegensatz zu Japan - weder bei uns noch anderswo in Europa einen derartigen Aufbruch herbeizuführen. Wird ihn die Informationskrise eher bewirken, obwohl man für sie mit Nietzsche bekennen muß: "Das Unheil naht nicht mit Donnergewalt, sondern mit den Tippelschritten der Taube" ?