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16.05.1997 - 

Für pro VI ist der Kundenwunsch Befehl

20 Millionen Kombinationen statt einer Handvoll Tarife

Die Deregulierung des deutschen Versicherungsmarkts hat die Rahmenbedingungen der Assekuranzbranche grundlegend verändert. Die Ansprüche der Kunden steigen, und der Konkurrenzkampf ist härter geworden. Zudem hat die Entwicklung neuer Angebote enorm an Geschwindigkeit zugelegt: Die Versicherungen müssen ihre Tarife nicht mehr im vorhinein von der Aufsichtsbehörde absegnen lassen, sondern können nach der Einführung eines neuen Angebots gelassen abwarten, ob das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen (BAV) von seinem Vetorecht Gebrauch macht.

Vom Standpunkt der Informationstechnik betrachtet, ist der formalrechtliche Aspekt allerdings zu vernachlässigen. "Die neuen Tarifbestimmungen und die Geschwindigkeit der Änderungen müssen auch technisch abgebildet werden", erläutert Rosenberg, der innerhalb des Victoria-Vorstands die Verantwortung für die informations- und kommunikationstechnischen Systeme trägt.

Diese Anpassung war in der Vergangenheit eine reichlich aufwendige Angelegenheit. Rund 18 Monate benötigte die Victoria wie ihre Mitbewerber - im Durchschnitt, um ein umfassendes Tarifwerk produktiv einzuführen, sprich: über alle Unternehmensbereiche hinweg in den jeweiligen Systemen zu verankern.

Schon vor vier Jahren reifte bei den Verantwortlichen die Erkenntnis, daß sich das langsame Tempo und der dadurch bedingte Mangel an Flexibilität spätestens mit der Deregulierung als Wettbewerbshemmnis erweisen würde. Der für Änderungen benötigte Zeitraum sollte drastisch verkürzt werden - auf drei Monate.

Nicht ohne Stolz rühmt sich der Victoria-Vorstand heute, dieses Ziel weit übertroffen zu haben. Tatsächlich benötige die Versicherung nur noch einen Monat, um Änderungen in den Tarifberechnungen abzubilden oder neue Produkte einzuführen. Voraussetzung dafür war allerdings eine völlige Neugestaltung des Lebensversicherungsgeschäfts. Die heute aktuelle Struktur, die den Kunden unter der Bezeichnung pro VI nahegebracht wird, dient seit anderthalb Jahren als Grundlage für Vertragsakquisitionen.

Tarife im früher üblichen Wortsinn kennt pro VI nicht. Im Prinzip ist jeder Vertrag ein Unikat, das nach den jeweiligen Ansprüchen des Kunden individuell zusammengestellt wird. Eigenen Angaben zufolge kann die Victoria mit Hilfe des Systems etwa 20 Millionen Policen mit unterschiedlichem Leistungsspektrum erzeugen.

Daß Rosenberg immer noch von verschiedenen "Produkten" spricht, hat einen Grund: "Die völlige Individualisierung wäre nicht vertriebskonform." Nicht aus technischen, sondern vielmehr aus Marketing-politischen Gründen wirbt die Victoria nach wie vor mit vordefinierten Bedarfsschemata oder -situationen.

Der Außendienstler ruft auf seinem PC oder Laptop beispielsweise die auf Familien mit Kindern zugeschnittene "Familien- Pluspolice" auf, doch die einzelnen Vertragsmerkmale kann er weitgehend frei variieren. Sollte er dabei an einen Punkt stoßen, wo er das ursprüngliche Schema verläßt, wechselt er automatisch in den neuen "Tarif", ohne die bis dahin definierten Merkmale zu verlieren.

Der technische Kniff dieser Anwendung ist eine saubere Trennung zwischen den Gestaltungskomponenten und den kalkulatorischen Grundlagen des Systems. Die Vertragsmerkmale - Laufzeit, Dauer der Beitragszahlung, Leistungsumfang, etc. - können ohne Einschränkung kombiniert werden. Das Gesamtgebilde wiederum ist über eine einheitliche Schnittstelle mit der Kalkulationsbasis verdrahtet, die sich aus Rechnungszins, biometrischen Grunddaten und Kostenkalkulation zusammensetzt.

Dem IT-Insider drängt sich hier der Begriff Objektorientierung auf. Tatsächlich sind die einzelnen Vertragsmerkmale als Objekte zu betrachten, die über ein Interface miteinander und mit der Kalkulationsmaschine kommunizieren. Dieses System basiert denn auch auf der Hybridsprache C++, deren objektorientierte Möglichkeiten die Victoria eigenen Angaben zufolge extensiv ausgenutzt hat. Laut Rosenberg läßt sich ein Vertrag auch nachträglich modifizieren, falls der Versicherte während der Laufzeit die Bedingungen ändern will - zum Beispiel, weil er aufgrund einer Erbschaft für eine kürzere Zeit einen höheren Beitrag zahlen möchte.

Neben der flexiblen und kundennahen Vertragsgestaltung hat sich die Victoria dank pro VI noch einen weiteren Wettbewerbsvorteil gesichert. Sie kann die Basis ihrer Kostenkalkulation innerhalb weniger Wochen ändern und ihren Kunden auf diese Weise jeweils die aktuellsten Berechnungsgrundlagen zusichern.

Selbstverständlich erfordert ein Projekt wie pro VI zunächst erheblichen Aufwand: 9000 Personentage oder 45 Mannjahre verschlang allein die Infrastruktur des Systems innerhalb der zweieinhalbjährigen Entwicklungs- und Einführungszeit. Noch nicht eingerechnet ist hier der Aufwand für die Neugestaltung der Verwaltung, die bis zum Ende des vergangenen Jahres rund 75 Mannjahre in Anspruch nahm. Darüber hinaus war es notwendig, die verkaufstechnischen Applikationen an die Buchhaltungssysteme unter R/2 anzubinden.

Wie die Administration, so laufen auch die Kundenverwaltung und die Vorgangssteuerung nach wie vor auf einem IBM-Main- frame. Für die dezentral installierten Vertriebsanwendungen hingegen mußten beziehungsweise müssen die Agenturen und Vermittler mit neuem Equipment ausgestattet werden. Die Anschaffung der PCs, Laptops, Docking-Stationen und ISDN-Verbindungen übernimmt die Victoria gegen eine monatliche Mietgebühr.

Rosenberg rechnet damit, daß die Vorteile des Systems die notwendigen Investitionen schnell aufgewogen haben werden. Eine Möglichkeit, den Return on Investment zu beschleunigen, bestünde möglicherweise darin, das pro-VI-Framework an andere Versicherungen weiterzuverkaufen. Das wäre insofern erfolgversprechend, als es für diesen wettbewerbsentscheidenen Sektor kein Standardsoftware-Angebot gibt.

Bereits umgesetzt ist die Erweiterung des Systems in Richtung einer automatischen Policenerstellung. Unter der Bezeichnung "Elektronischer Antrag" (Elan) hat die Victoria die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß die Daten der Versicherungsanträge ohne Medienbrüche vom Laptop des Außendienstlers bis in die zentrale Kundenverwaltung und zurück gereicht werden können. Damit versetzt Elan den Vermittler in die Lage, dem Kunden innerhalb weniger Stunden einen fertigen Vertrag auszuhändigen.

Daneben arbeiten die Victorianer aber auch daran, das Denkmodell von pro VI auf andere Versicherungsbereiche auszudehnen. Ab Sommer dieses Jahres wird die Softwarestruktur voraussichtlich auch Kfz-Versicherungen unterstützen können.

Die Firma

Die Victoria Versicherung zählt zu den ältesten deutschen Assekuranzunternehmen. Vor 144 Jahren in Berlin gegründet, hat sie heute ihren Hauptsitz in Düsseldorf. In Eigenregie beziehungsweise gemeinsam mit der Bayerischen Vereinsbank offeriert sie neben Lebens- und Rentenversicherungen die gesamte Palette eines Kompositversicherers. Über Tochtergesellschaften sowie die Victoria International AG ist das Unternehmen auch in Griechenland, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich, Portugal, Spanien und Tschechien präsent. Im vergangenen Jahr flossen rund neun Milliarden Mark an Beitragszahlungen in die Kassen des Konzerns. Der Jahresüberschuß liegt vorläufigen Berechnungen zufolge bei 115 Millionen Mark.

Der Mensch hinter der Technik

Wenn Michael Rosenberg über sein Projekt "pro VI" spricht, überkommt ihn missionarischer Eifer. Es sei gar nicht so einfach, der Öffentlichkeit klarzumachen, was denn so revolutionär an diesem System sei, klagt er. Daß es ihm dennoch gelingen wird, kann jeder bestätigen, der ihm einmal zugehört hat. Es dürfte seiner Begeisterungsfähigkeit und Überzeugungskraft zuzuschreiben sein, daß der heute 45jährige schon vor neun Jahren die oberste Karrierestufe in einem der größten deutschen Versicherungsunternehmen erklomm. Als Vorstandsmitglied der Victoria Holding sowie dreier Konzernbereiche zeichnet Rosenberg unter anderem für die Ressorts Betriebsorganisation und Informationstechnik verantwortlich. Die Befähigung dazu erwarb er sich durch ein Studium der Mathematik, Physik und Informatik an der Universität Bonn sowie ein wirtschaftswissenschaftliches Studium für Diplommathematiker an der Technischen Hochschule Aachen. Bevor er 1985 als Prokurist in die Victoria eintrat, arbeitete der gebürtige Sauerländer sieben Jahre lang für den Verband der Lebensversicherungs-Unternehmen e.V. in Bonn.