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22.02.1985 - 

Der Markt zeigt sich von IBMs Sierra-Ankündigung enttäuscht:

3090 reißt weder PCMs noch User vom Stuhl

MÜNCHEN (ru) - "IBM kann heute nicht mehr überraschen". Gelassene Worte eines Großanwenders zum Announcement der neuen 30-Mips-Maschine 3090/200. Jumbo-Benutzer mit Performance-Hunger sehen sich enttäuscht. Es ist nicht die Maschine, die man sich erhofft hat. Denn eindeutig ist zumindest: Das Grundmodell der 3090 hört weitgehend dort auf, wo die 3084QX endet.

Lange Gesichter hat das IBM-Announcement bei Groß-DV-Anwendern beiderseits des "großen Teiches" ausgelöst. So zitiert das "Wall Street Journal" den Analysen Charles Greco: "Ich bin enttäuscht. Wir haben jahrelang auf die sagenumwobene Sierra gewartet, und nun muß ich sagen: Ist das alles?" Der Fachmann glaubt denn auch, das Modell 200 sei zu klein und der Aufrüstsatz zur 3090/400 komme im zweiten Quartal 1987 zu spät. Da gerade Fluggesellschaften und Großbanken einen über der 3090-Grundversion liegenden Bedarf hätten könnte dies die Japaner beflügeln, in die Lücke zu springen.

Aber auch deutsche Unternehmen, die mit IBM-Mainframes ihre Datenflut bewältigen, sehen offensichtlich keinen Grund zur Euphorie. Abwägend gab sich bei einer Umfrage unter Anwendern der Wolfsburger VW-Konzern: "Es wird nicht so sein, daß wir uns sofort auf die Maschine stürzen", verlautete es aus dem Volkswagenwerk. Es sei einfach noch zu früh, um etwas Konkretes sagen zu können. Man warte halt gelassen ab.

"Nicht vom Boden gerissen", hat das Announcement auch Daimler-Benz. In Stuttgart glaubt man nicht, daß sich die IBM-Ankündigung kurzfristig auf die Politik des Hauses auswirken werde. Zwar nutzt Big Blue die Nachbarschaft zu den Automobilbauern, sich drängend in Erinnerung zu bringen, nur wissen die Verantwortlichen auch bei Mercedes, daß sich die /200 gegenüber der "QX" primär nur durch ein besseres Preis-Leistungsverhältnis auszeichnet.

Zwar schließen die Daimler-Strategen die Installation einer 3090 nicht aus, doch hält man auch die Augen in die Richtung der kompatiblen Szene offen. Klar geben die Edelkarossen-Bauer ihre Neigung zu einer Amdahl 5880 zu erkennen. Diese Maschine ist in ihrem Rechenzentrum neben einer IBM 3081KX und einer 3084Q installiert. "Den Amdahl-Rechner sehen wir nach wie vor voll konkurrenzfähig - auch nach der IBM-Ankündigung." Im Vergleich zur 5880 sei die neue IBM sogar schwächer. Abwarten heißt die Devise derzeit im Hause Daimler. Möglicherweise soll Ende 1986 eine 3090/200 installiert werden.

Die Reaktionen der IBM-Mitbewerber abwarten will ebenfalls die Nürnberger Datenverarbeitungsorganisation der steuerberatenden Berufe, kurz Datev. Die Hoffnungen zielen hier auf eine im Laufe der Zeit günstiger werdende Preis/Mips-Relation. Trotz wohlklingender IBM-Ankündigungen hält das Rechenzentrum auch künftig an seiner Zwei-Hersteller-Politik fest.

"Eine Maschine dieses Leistungsspektrums haben wir erwartet, doch erhofft haben wir uns mehr", kommt es von Opel. Zu den Mainframe-Träumen der Rüsselsheimer gehörten günstigere Preise und frühere Liefertermine. Weiterhin hätten die RZ-Verantwortlichen eine geringere Leistungsaufnahme und weniger Wärmeentwicklung sowie eine günstigere Installationsfläche für angemessen gehalten. Letztlich hat man auch auf die Auslieferung von mehr als die für diesen Herbst angekündigten 15 bis 20 Maschinen gehofft.

Obwohl sich die IBM-VBs bei Opel ebenso wie bei Daimler um ihr Punkte-Konto bemühen, hält man sich nach allen Seiten offen. Eindeutiges Statement: "Wir geben auch anderen eine Chance und sind mit keiner Firma verheiratet. Wenn IBM nicht in der Lage ist, auf unseren Wunsch zu liefern, hat Big Blue eben Pech."

Nüchtern sieht dies ebenso die Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR): "Man hat ein bißchen an der Hardware und an der Geschwindigkeit gedreht, ansonsten wurden die die gleichen Features eingebaut wie bei der 308X." Die Forscher in Oberpfaffenhofen sind der Ansicht, daß eine "Q" immer noch die preislich bessere Lösung sei: "Die läßt sich aus zwei alten "K-Anlagen" zusammenschneidern."

Interessant ist, daß IBM ihre jetzt vorgestellte Maschine bislang nicht mit dem Codenamen der erwarteten Wundermaschine "Sierra" bezeichnet hat. Sie wird schlicht als 3090 verkauft. Verbunden mit der Bezeichnung "Sierra" hatten Insider eine völlig neue Technik und Philosophie erwartet. Doch in beidem sehen sich die Spekulanten der vergangenen eineinhalb Jahre enttäuscht. Zwar werden erstmals die 288-Bit-Speicherchips verwendet, doch basiert der Rechner wie die 308X auf der TCM-Technik und /370-Architektur. Auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden Fachleute sicher bald wieder im Orakeln üben. "Summit" heißt das nächste Thema.

Einige Branchenkenner sprechen bei der 3090 unverblümt von einem PR-Trick: "IBM ist die beste Marketing-Firma, die es gibt. Die wollen doch nicht, daß durch eine Supermaschine das ganze 308X-Equipment in ihren Büchern storniert wird."

Hektik ist mit der IBM-Ankündigung unter den Anbietern kompatibler Großrechner nicht gerade ausgebrochen. So viel steht fest, den Mitbewerbern stehen derzeit noch keine Schweißperlen auf der Stirn, sie werden reagieren. "Wir waren darauf vorbereitet", kommentiert die deutsche NAS die Situation. Das Unternehmen will kurzfristig mit einem Gegenannouncement kontern. Das Modell, das demnächst dem deutschen Kunden offeriert werden soll, ist bereits in Japan im Test.

Bei BASF glaubt man mit den eigenen Entwicklungen auf dem richtigen Weg zu sein. Ein Gegenannouncement soll erfolgen, doch wahrscheinlich nicht vor dem zweiten Halbjahr 1985. Auf mögliche Preisabspeckungen bei der IBM-Hardware beabsichtigt BASF flexibel zu reagieren.

Prüfen will auch Amdahl die Daten der 3090 und dann mit einer eigenen Maschine reagieren. Ob es die vielzitierte "Apatchi" sein wird, darüber herrscht noch Stillschweigen.

Die Worte der IBM-Presseabteilung: "Die Mitbewerber werden sich einiges einfallen lassen müssen", nimmt auch die Münchner Siemens AG gelassen auf. "Wir sehen keinen Anlaß, innerhalb kürzester Zeit zu antworten", heißt es kurz. Grundsätzlich nimmt man sich hier Zeit, jedes Announcement 30 Tage gründlich zu prüfen und gegenüber der eigenen Vertriebsorganisation zu kommentieren. Im übrigen glaubt Siemens, mit der 7890S ein Äquivalent zur 3090 zu haben.

Preiswerter ist die 3090 gegenüber 3084QX allemal. Lag die komplette Konfiguration der bisherigen High-End-Maschine bei etwa 17,5 Millionen Mark, so ist die 3090/200 schon für 15,6 Millionen Mark zu haben, überdies gibt es Unterschiede beim Platzbedarf. Während die QX noch rund 61 Quadratmeter benötigte, braucht die /200 nur noch um die 42. Interessant ist das Wartungskonzept der jüngsten IBM-Geburt. Da Big Blue bei diesen Maschinen hohen Wert auf die Verfügbarkeit legt, können sie online an ein zentrales Rechenzentrum in Europa angeschlossen werden. Jede Maschine wird von hier aus gecheckt.

Hat die IBM in den USA und Kanada nach dem 3090-Announcement bereits mit Preisreduzierungen für Vorläufer-Maschinen reagiert, hält sie sich in Europa noch bedeckt. In die Zukunft blickend, meinen Inside ein Absacken des Preises für den Aufrüstsatz zur /400 schon jetzt vorhersagen zu können: "Das war früher auch immer so."

Über die derzeitige Preisgestaltung besteht Uneinigkeit. Die IBM Deutschland GmbH zumindest verweist Preiskorrekturen ins Reich der Spekulation. Einige Marktkenner wollen wissen, Installationen der 3090 setzten Maschinen der Serie 3080X frei. Die kämen dann auf den Markt und drückten die Preise. Broker glauben, daß nach Auslieferung der ersten Maschinen die Preise für gebrauchte Einheiten gar bis zu 50 Prozent sinken werden.

Andere Beobachter wiederum glauben nicht an eine dermaßen starke Preis-Reagibilität. Sie gehen eher von Konstanz aus. Dies liege schon in der dubiosen Verfügbarkeit des neuen Rechners begründet. Andererseits hat IBM die Preise für einige seiner Produkte in Großbritannien, Frankreich und Italien erhöht. Grund dürfte der hohe Dollarkurs sein, denn die europäischen Töchter konnten offensichtlich die Umsatz-Erwartungen der Corporation in Armonk nicht befriedigen. Zu den Nachzüglern gehört allem Anschein nach auch die Stuttgarter IBM. Insider sprechen von einer nur einstelligen Zuwachsrate im Geschäftsjahr 1984.