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14.11.1975 - 

Systems-Seminar "Medizin": Sprechstundenhilfe mit Buchhaltungskenntnissen

50000 Computer für Arztpraxen

"Auf dem Wege zum Endbenutzer" - um noch einmal das diesjährige Systems-Motto zu zitieren - werden sich die Computer in den nächsten Jahren gewiß ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, um eine besonders rationalisierungsbedürftige und heute noch automationsferne Anwender-Gruppe als erste zu erreichen: die 50000 in freier Praxis tätigen Ärzte, von denen sich viele noch immer keine rechte Vorstellung machen, wie gravierend mit Rechner-Hilfe ihr tägliches Diagnose-Therapie-Einerlei reformiert und rationalisiert werden kann.

MÜNCHEN - Wer dieses Rennen gewinnen will, muß sich über die Wünsche, Vorstellungen und Befürchtungen der traditionell eher skeptisch auf Maschinen blickenden Ärzteschaft - Stichwort: humanistisches Gymnasium - klar werden. Dazu wollte das Systems-Seminar über Medizin beitragen, das in seinem ersten Abschnitt speziell auf die Ärzte in freier Praxis zugeschnitten war. Seminar-Chef Prof. E. H. Graul, Nuklearmediziner an der Philipps-Universität in Marburg und Vorstandsmitglied der Gesellschaften für angewandte Datentechnik und Automation in der Medizin sowie für Medizinische Dokumentation und Statistik zählte dazu die wunden Punkte im heutigen Nicht-Verhältnis Ärzte - Computer auf.

Distanz zur Technik

- Die Ärzte scheuen sich, in ihren unmittelbar en Kontakt zum Patienten eine Maschine einzuschalten;

- sie sorgen sich um die Diskretion des elektrischen Speichermediums (Schweigepflicht);

- die EDV-Installation ist ihnen vielfach noch zu teuer;

- Enttäuschungen mit bisherigen Computer-Versprechungen haben sich herumgesprochen;

- anwenderorientierte und benutzerfreundliche EDV-Konfigurationen für Mediziner fehlen weithin;

- die Unbestimmtheit medizinischer Befunde - besser müßte man sagen: "außergewöhnliche Komplexizität" - läßt sich schwer mit der eindeutigen lapidaren Exaktheit der Rechner in Einklang bringen;

- Die Ausbildung die Ärzte selber schließlich wird erst allmählich "mathematisiert", also stärker auf naturwissenschaftlich exaktes Messen, Quantifizieren und Auswerten abgestellt.

Eine nationale Aufgabe?

Trotz dieser Sümpfe und Stolpersteine zwischen Computern und Medizinern ist die Ärzteschaft sich "eigentlich" längst im klaren darüber, daß die Medizin früher oder später computerisiert wird - wie eine Umfrage über die Zukunftsvorstellungen der Stethoskop-Garde zutage förderte. Dazu zwingt allein schon die geradezu absurd anschwellende Informations- und Datenlawine, die mit wachsender "Objektivierung" der Medizin einhergeht. Graul sieht die Computerisierung mithin geradezu als "nationale Aufgabe", die im Stil anderer Großprojekte wie Raumfahrt und Nukleartechnik angepackt und vom Staat gefördert werden müßte.

Nun haben die Rechner zweifellos schon heute den Fuß in der Tür zum Sprechzimmer, wenn auch vorerst auf Teilbereiche beschränkt: Laborautomation, Biosignalverarbeitung, Datenbanken, Literaturauswertung und Krankenhausinformationssysteme unterschiedlicher Reichweite seien hier genannt. Beim Aufbau aller dieser Systeme sowie bei ihrer Erweiterung und wachsenden Vernetzung müssen die Computerbauer mit einem außergewöhnlich breiten Spektrum anderer Fachdisziplinen zusammenarbeiten - von den Ärzten über Physiker bis hin zu Wirtschaftsfachleuten. Dabei können speziell die Ärzte unter anderem auch lernen, daß die Arbeitsweise eines modernen Computers von ihrer erfahrungsgeprägten Denkweise gar nicht so verschieden ist, wie viele Skeptiker traditioneller Schule heute immer noch glauben. Es liegt aber an den Computerexperten, ihnen dies beizubringen.

Viele Ärzte - ein Rechner

Der Kasseler Internist und Mitarbeiter in zahlreichen Arzt-Computer-Fachgremien Dr. Otfried P. Schaefer, sieht vor allem mit der Verbilligung und Miniaturisierung der Computer bei zunehmendem Problembewußtsein seitens der Ärzte die Computerisierung der Praxen sich beschleunigen. Die kritischen Fragen an die Hardware- und Software-Anbieter werden dabei weiterhin vor allem auf den realen Nutzen der Systeme - nicht nur unter ökonomischem Aspekt, sondern auch mit Blick auf eine Besserung der Kommunikationsverhältnisse zwischen den Ärzten - sowie darauf abzielen, ob die Rechner sich nicht doch trennend zwischen Arzt und Patient schieben werden.

Aus ökonomischen Gründen dürften die Computer in der ambulanten Arztpraxis laut Schaefer vor allem wohl in der Form zum Zuge kommen, daß leistungsfähige Zentralrechner jeweils ganzen Arztgruppen bei ihren technischen, Administrativen und medizinischen Entscheidungen zur Seite stehen werden. Wie das in praxi geschehen kann, wird unter anderem im Rahmen des Gesamtvorhabens EDAP (Einführung der EDV in die Arztpraxis) untersucht.

INA und EDAP

Teil dieses EDAP-Projekts war zum Beispiel die Erarbeitung eines Konzepts für die Automatisierung eines Gemeinschaftslabors niedergelassener Ärzte, über das Dr. Albert J. Porth von der Medizinischen Hochschule Hannover sprach. Dieses Laborautomatisierungssystem soll Teil eines Gesamtkonzepts für ein Informationssystem für den niedergelassenen Arzt (INA) sein, das neben dem Labor die Praxis selber, die Biosignalverarbeitung und Datenbanken umfassen soll. Es muß also als selbständiges Satellitensystem innerhalb von INA arbeiten.

Aus den bisherigen Arbeiten geht hervor, daß Gemeinschaftslaboratorien für etwa 50 bis 100 Ärzte mit EDV zwar prinzipiell automatisierbar sein dürften, aber vorerst nur auf quantitative, qualitative und informatorische Verbesserungen gehofft werden darf. Finanzielle und personelle Einsparungen, das zeigen vorsichtige Schätzungen, sind vorerst Zukunftsmusik.

Weiter ist man da schon in der automatisierten Auswertung von Elektrokardiogrammen, berichtete Dipl.-Ing. Christoph Zywietz von der Medizinischen Hochschule Hannover. Diese Auswerte-Arbeit teilt sich systemanalytisch auf in Erfassung und Speicherung, Signalaufbereitung und -vermessung sowie in die Interpretation der Meßwerte. Ein entsprechendes Informationssystem läßt sich, wie im Rahmen der INA-Studie festgestellt wurde, für eine Gruppe kooperierender Ärzte ökonomisch vertretbar in aufeinanderfolgenden Stufen realisieren.

* Egon Schmidt ist freier Wissenschaftsjournalist