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06.11.1987 - 

Nixdorf-Marketing beim ISDN-Pilotprojekt wird zum Zankapfel:

8818-Werbung treibt Siemens auf die Barrikaden

MÜNCHEN - Als die Deutsche Bundespost vor rund drei Wochen Nixdorf im Rahmen des ISDN-Pilotprojekts in Mannheim und Stuttgart die Erprobungs-Zulassung für ihre digitale Nebenstellenanlage 8818 erteilte, brüsteten sich die Paderborner in bundesweiten Zeitungsannoncen mit dem werbewirksamen Slogan "Der Erste ist wieder der Erste". Die Konkurrenz schäumte am heftigsten die Siemens AG.

Zwar rechnen die Münchner mit der Zulassung ihrer Hicom-Anlage für Anfang November. Der Vorsprung, den sie jedoch in früheren Jahren durch die Publizität ihres ISDN-fähigen Systems Hicom erobert hatten, ist verspielt. Hatte der Elektronik-Multi zu Beginn der Ära "Dienste-integrierende Netze" die mittelstandsorientierte Nixdorf AG noch kaum zur Kenntnis genommen, werden in der bayerischen Landeshauptstadt jetzt die Messer gewetzt.

In einem internen Papier fährt der behäbige Koloß eine Motivationskampagne für seine Mitarbeiter, um diese "sachlich (zu) informieren, da zu erwarten ist, daß Fragen an (sie) gerichtet werden". Denn rechtlich ist der Anzeigentext der Westfalen nicht nur unantastbar, er läßt sogar auf eine "beneidenswert gute Werbeagentur" schließen, wie ein Siemens-Verantwortlicher aus dem, Unternehmensbereich Kommunikations- und Datentechnik konzediert; jetzt gelte es vielmehr, die nach seiner Meinung unter den Anwendern gestiftete Verwirrung auszuräumen. "Für unsere Kunden ist es sicherlich

weniger von Belang, wer in diesem Wettstreit Recht oder Unrecht hat, sondern wie ihm innovative Technik bei seinen individuellen Aufgabenstellungen helfen kann", flüchten sich die Münchner in Allgemeinplätze.

Dem Telecom-Benutzer eine Komplettlösung für die Übermittlung von Daten, Sprache, Text und Bild bieten, dürfte - trotz aggressiver Werbespots - auch bei Nixdorf höchste Priorität genießen. Nur gingen die Strategen aus Paderborn publikumswirksamer ans Werk. Das Nixdorf-Management, hatte längst begriffen, daß den künftigen ISDN-Anwender vor allem die Frage bewegt, wer bei den Inhouse-Systemen die Kosten für die Anpassung an das öffentliche Netz dereinst tragen muß. Überzeugend wirkt für den Benutzer da, wer sich mit seinem Produkt konform zu der genormten Post-Schnittstelle S(o) verhielt.

Die Fernmeldebehörde verlangte allerdings von den am Pilotprojekt beteiligten PBX-Anbietern nicht nur die Realisierung der Teilnehmerschnittstelle S(o). Auch beim Signalisierungskanal D, über den Zeichengabe-Informationen für die auf den B-Basiskreisen eingesetzten Dienste ausgetauscht werden, mußten Nachbesserungen vorgenommen werden. Hier schrieb die Post für den Feldversuch das Protokoll 1R6 fest, eine Vorstufe des CCITT-Protokolls 1TR6, das nach Abschluß der Testphase implementiert werden soll. Während Nixdorf sich auf die Normvorstellung der Bonner Behörde einstellte und binnen drei Monaten das nachgebesserte Protokoll lieferte, beschäftigte sich Siemens mit seiner eigenen Version CorNet, die im Rahmen des CCITT-Vorschlags Q.931 liegt. Mit Hicom verfolge man eine internationale Philosophie, so ein Siemens-Mitarbeiter aus dem Entwicklungsbereich. Die nationale Ausgestaltung 1R6 sei zu kurz gegriffen. Die Post beharrte jedoch auf ihrer Maßgabe - und die Münchner gerieten ins Hintertreffen. Dazu Nixdorf-Vorstandsmitglied Horst Nasko: "Manche sind halt schnell und manche nicht."

Die daraufhin erteilte Erprobungs-Genehmigung als "des Fortschritts letzten Schrei" zu deklarieren, hält ein Siemensianer aus der Münchner Zentrale für ein Indiz mangelnder Unternehmenskultur: "Vielleicht sind wir da zu konservativ und brav." Vielleicht, formuliert er weiter, gestalte sich aber auch in der Öffentlichkeit die "Image-Landschaft" im Augenblick mehr zugunsten von Nixdorf als von Siemens.

Beleidigt über den Tritt vors Schienbein, wird in dem internen Papier, mit dem sich der größte bundesdeutsche Elektronikkonzern an seine Mitarbeiter wendet, konstatiert, daß Hicom "als erste Nebenstellenanlage im Pilotversuch ... bereits im Dezember 1986 in Betrieb genommen und an eine ISDN-Ortsvermittlung angeschaltet" wurde. Dies ist korrekt. Allerdings lief im Dezember 1986 erst die erste Phase des fünfstufigen Tests - eine Zulassungsnummer für die Nebenstellenanlage konnte zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht vergeben werden.

Brüskiert gefühlt hatten sich die Münchner schon einmal, als Nixdorf einen Tag vor der Hicom-Premiere im Dezember 1984 in den wichtigsten bundesdeutschen Tageszeitungen eine "Hase-und-Igel"-Anzeige schaltete, die ein träges und schwaches Unternehmen Siemens suggerieren sollte, wie ein Manager aus der Konzern-Zentrale empfindet. Doch obgleich das Maß des Erträglichen jetzt nach Meinung dieses Verantwortlichen voll ist, will man sich die Blöße eines öffentlichen Gegenschlags nicht geben. Statt dessen appelliert die Leitung des Geschäftsbereichs Private Kommunikationssysteme und -netze an die Kollegen: "Wir wollen nicht mit gleicher Münze heimzahlen ... Wir sind die deutsche Nummer eins und wollen es auch bleiben. Tragen Sie mit Ihren Aufträgen dazu bei." Das müssen die Mitarbeiter des Multis auch. Denn während bislang lediglich rund 1200 Hicom-Anlagen installiert sind, verweist Nixdorf auf 5000 verkaufte 8818-Nebenstellenanlagen.