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24.08.1984 - 

Marktfreigabe um ein halbes Jahr verzögert:

88BK-System liegt Nixdorf schwer im Magen

PADERBORN/MÜNCHEN - Vor größeren Schwierigkeiten als ursprünglich erwartet, steht der Primus unter den deutschen DV-Herstellern, die Nixdorf AG, Paderborn, bei der Entwicklung des Bürosystems 88BK zur Marktreife. Statt zum 1. Juli dieses Jahres soll das System nach offiziellen Verlautbarungen jetzt zum 1. Januar 1985 freigegeben werden. Branchenkenner halten es indes nicht für unwahrscheinlich, daß das mit Fördergeldern aus dem Bundesforschungsministerium (BMFT) bedachte Prestigeprojekt von Nixdorf in aller Stille begraben wird.

Bereits auf der letztjährigen Hannover-Messe wurde ausgewählten Kunden eine Vorabversion des 88BK vorgeführt und in einer Mattglanzbroschüre ausführlich dargelegt, was das "Bürosystem, das mit sich reden läßt" (so der Werbeslogan), alles kann. Dort heißt es unter anderem: "Nixdorf verwirklicht die Idee einer umfassenden Bürokommunikation mit der Entwicklung seines Bürosystems, das die bestehende EDV miteinbezieht und die Datenverarbeitung, Textverarbeitung und Bürokommunikation verbindet und integriert." In einem dreistufigen Konzept sollte dieses Ziel realisiert werden: Stufe 1 - "Übergeordnete Systeme" - umfaßt die Anbindung an vorhandene DV, Stufe 2 die "Kommunikation auf gleicher Ebene" und Stufe 3 die "Kommunikation mit öffentlichen Netzen/Diensten". In der Broschüre stand allerdings nicht, daß das System nicht von den Paderbornern selbst stammte, sondern von der englischen Firma OTL entwickelt worden war.

Vor der Marktfreigabe plante Nixdorf zunächst einen neuartigen Pilotversuch mit ausgewählten Kunden aus verschiedenen Branchen: Zusammen mit den Entwicklern sollten Anwender sowie externe Begleitforscher des Münchener Instituts für Organisationsforschung und Technologieanwendung (IOT) gemeinsam ein auf den künftigen Benutzer hin orientiertes Arbeitsmittel für den Bürobereich erarbeiten.

An dieser Idee fand auch das Forschungsministerium (BMFT) Gefallen und beschied den Antrag auf Fördergelder positiv. Im Rahmen des Leistungsplans Informationstechnik erhielten das IOT 90 Prozent der für das Begleitforschungsprojekt veranschlagten Kosten, die Paderborner 30 Prozent für "jene Nachentwicklungen, die unmittelbar von den Wirkungsforschern identifiziert worden sind und ohne die das Projekt nicht hätte laufen können", skizziert Irene Rüde vom BMFT das Vorhaben, das bis zum 30. Juni dieses Jahres laufen sollte.

Zu Beginn des Projektes investierte Nixdorf nach eigenem Bekunden zunächst viel Zeit in ein "Redesign" der OTL-Hardware: Das Terminal wurde um 128 KByte erweitert, die gesamte Schnittstellensteuerung und die Bildschirmbehandlung wurden geändert und auf Nixdorf-Normen modifiziert. Bereits in dieser Phase - so meinen Pilotkunden heute - hätten die Paderborner die Schwierigkeiten der Systemanpassung unterschätzt. Die Folge: Von Anfang an zugesagte Leistungsmerkmale waren nicht oder nur teilweise realisiert. So konnten statt der geplanten maximal 24 Terminals pro Bürocontroller nur 16 angeschlossen werden; die Hardware-Nachentwicklungen wiederum zogen weitere Softwareänderungen nach sich, was nach Aussagen von Pilotkunden dazu führte, daß ein neues Release zuweilen weniger Funktionen bot als das vorhergehende.

Durch die Softwareänderungen gerieten die Nixdorf-Mannen mit dem ursprünglichen Zeitplan immer mehr in Verzug - das für Juni zugesagte Release 1.8 kommt jetzt erst im September -, so daß Begleitforscher und Hersteller eine Verlängerung der Projektförderung beantragten. Das Ministerium reagierte unterschiedlich bei den beiden Patenten: Die Münchner erhielten nochmals Geld, um das Projekt bis Ende des Jahres abschließen zu können; den Paderbornern dagegen wurden mit dem Hinweis auf die bevorstehende Markteinführung zum 1. 7. keine weiteren Mittel bewilligt.

Für die Pilotanwender die sich mit einer endgültigen Bewertung noch zurückhalten, sieht die Situation derzeit so aus: Mit dem neuen Release werden Nixdorf zufolge eine Reihe von Archiv- und Textverarbeitungsfunktionen sowie Druckersharing bereitgestellt. Für Anfang nächsten Jahres ist zudem die 3270-Emulation und die Nutzung von Teletex in Aussicht gestellt. Einige Anwender sind indes im Hinblick auf den derzeitigen Entwicklungsstand skeptisch und äußern sich dahingehend, daß "noch eine ganze Reihe von Verbesserungen notwendig sind", bevor das System tatsächlich marktreif ist. Insbesondere die im Vergleich zum Textverarbeitungssystem 8840 nicht sehr komfortable Textverarbeitung wird immer wieder kritisiert.

Inzwischen wird in der Branche kolportiert, daß bei der 88BK-Softwareabteilung in Berlin bereits personelle Konsequenzen gezogen worden seien. In einer offiziellen Stellungnahme gegenüber der COMPUTERWOCHE heißt es jedoch aus Paderborn: "Das mit der BK-Software betraute Team ist verstärkt worden. Daß im Rahmen von Teamarbeit bei einem derartigen Großprojekt auch Aufgabenwechsel stattfinden, dürfte nichts Außergewöhnliches sein."

Einem weiteren Ondit zufolge soll der Nixdorf-Vorstand gar die Einstellung des Projekts verfügt haben. Danach ebenfalls befragt, erklärten die Paderborner, die Beantwortung dieser Fragen erledige sich durch die oben zitierte Antwort. Als "Kompromiß" wird derzeit folgende Version gehandelt: Das BK-System wird zwar zum 1. 1. '85 freigegeben, aber nicht an die Kunden ausgeliefert. Statt dessen werde Nixdorf mit einem "besseren" Konzept auf den Markt kommen.