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08.12.1995

Abgesang auf einen DV-Hit: Die Cobol-Basis broeckelt Totgesagte leben laenger

08.12.1995

Die Tage von Cobol sind gezaehlt. Daran aendert auch die normative Kraft von Abertausenden existenten Codezeilen nichts. Waehrend die Marktauguren daher vom nahen Tod kuenden, vereint die Anwender und die Hersteller ein vitales Interesse am Fortbestand. Objektorientierte Erweiterungen und der fuer Ende 1997 angekuendigte neue Standard naehren die Hoffnungen auf eine Cobol- Revitalisierung. Dennoch glaubt niemand so richtig an eine Renaissance der Universalsprache.

Cobol ist nicht tot - zumindest in diesem Punkt sind sich Analysten, Anwender, Hochschulen und Hersteller noch einig; denn die meisten existierenden Applikationen, darunter unverzichtbare Kernanwendungen mit Tausenden von Codezeilen und Hunderten von Mannjahren, wurden in Cobol geschrieben. Bei der Landesversicherungsanstalt in Muenster etwa basieren die Anwendungen zu 95 Prozent auf Cobol - daneben gibt es noch "ein paar Assembler-Programme aus frueheren Zeiten". Die Batch-Programme der Warburg-Bank, Hamburg, sind zu etwa 90 Prozent in Cobol geschrieben, die Online-Programme zur Haelfte. Auch bei der Volkswagen AG, Wolfsburg, ist Cobol noch der deklarierte Inhouse- Standard.

"Cobol ist genauso tot wie andere ueberlebte DV-Instrumente wie die ebenfalls veraltete IBM-Datenbank IMS", meint Roger Goetzendorff, Geschaeftsfuehrer der International Professional Consulting SRL, Mailand. Wie bei Cobol werden auch bei IMS fast nur noch Altsysteme gepflegt. Goetzendorff, der etwa 250 Banken zu seinen Kunden zaehlt, bestaetigt allerdings auch, dass alle Banken, die nicht in PL/1 programmieren oder "alte Assembler-Schinken herumliegen" haben, Cobol-Programme benutzen. "In die Entwicklung sind Milliarden geflossen, und nun existiert eine Software, die funktioniert", so Goetzendorff. Benutzer, bei denen die Anforderungen nicht so schnell wachsen, seien sehr zufrieden damit. "Es laeuft rund", bestaetigt Klaus Hauptmann, DV-Leiter bei Meira, einem Hersteller von Rollstuehlen und Rehabilitationsmitteln in Kalletal.

Technologiewechsel lassen den Cobol-Block schmelzen

Die Frage nach der Lebensdauer von Cobol mutet daher so sinnlos an wie die einer Joghurtwerbung: Fruchtig?! Nein, cremig! - Tot?! Nein, nicht notwendig! Unternehmen, die in traditioneller Weise mit Cobol arbeiten, stoert vielmehr, dass sie in der Regel keine Hochschulabgaenger mehr bekommen, die die Sprache beherrschen.

Stichproben im Fachbereich Informatik verschiedener Hochschulen ergaben, dass tatsaechlich nicht ueberall Cobol-Unterricht erteilt wird. Ludwig Nastansky, Professor an der Universitaet Paderborn, unterrichtet noch Sprachen der dritten Generation: "Ich selber bin Hochschullehrer fuer Wirtschaftsinformatik, und in diesem Bereich ist man noch naeher an Cobol dran. Doch im Grunde haben wir bereits vor etwa 15 Jahren die Ausbildung in Cobol eingestellt."

Nastansky begruendet den Attraktivitaetsverlust mit fehlendem Ausbildungsbedarf: "Die Universitaeten bilden fuer die nahe Zukunft aus, fuer das, was Mainstream wird, wenn die Studenten in die Praxis wechseln. Dazu gehoert Cobol schon seit Jahrzehnten nicht mehr." Im Montieren von Anwendungen mit grafischen Modellierungswerkzeuge liegt die Zukunft, nicht im Programmieren. Die Folge: "Eine Organisation, die Cobol-Programmierer sucht, bekommt Pensionaere."

Laut Gartner-Analyst Helmut Guembel gibt es mehr als einen "Totengraeber", der der 3GL-Programmierung das Grab aushebt. Dazu zaehlen neben veraenderten Programmiermethoden die Objektorientierung, die Einbindung von Desktop-Komponenten, die verteilte Verarbeitung und der zunehmende Einsatz von Standardsoftware. "Niemand wird mehr eine Buchhaltung oder Personalverwaltung neu in Cobol codieren." Der gewaltige Gletscher in Cobol geschriebener betriebswirtschaftlicher Anwendungen werde langsam abschmelzen. Nur wenige dieser Applikationen wuerden die Jahrtausendwende ueberdauern, zumal angesichts der anstehenden Datumsaenderungen haeufig ueberprueft werde, ob sich eine Ueberarbeitung noch lohnt.

Wolfgang Martin, ab 1. Januar kommenden Jahres Mitarbeiter der Meta Group und zustaendig fuer Application Development Strategy, sieht die Cobol-Domaene insbesondere durch das Client-Server- Computing "angeknabbert", selbst wenn der Abloesungsprozess durch eine "Masse an Beharrungsvermoegen" gebremst wird. Zwar sei durch den neuen IBM-Mainframe /390 eine Verzoegerung bei der Migration zu erwarten, doch wuerden die meisten Cobol-Anwendungen die kommenden fuenf Jahre nicht ueberstehen. Seine Empfehlung: Keine neuen Anwendungen mit Cobol beginnen und existierende Applikationen ihren natuerlichen Tod sterben lassen.

Auch fuer Soeren Christensen, Geschaeftsfuehrer von EDS, Dortmund, fuehrt die Client-Server-Technologie und vor allem der damit verbundene schnellere Technologiewechsel "zum langsamen Abbroeckeln" der Cobol-Aera. "Schon als ich 1971 mit dem Informatikstudium begann, hiess es, Cobol sei doch tote Hose", erzaehlt der EDS-Chef. Christensen kennt sowohl die Herstellerseite als auch die der Anwender. Als das Dortmunder Softwarehaus MBP noch nicht zum EDS-Konzern gehoerte, entwickelte das Unternehmen einen Cobol-Compiler, der heute von Micro Fokus vermarktet wird. Zugleich schrieb und schreibt das Unternehmen Anwendungssoftware fuer die Industrie und Behoerden. Ausserdem ist die Unternehmensberatung EDS weltweit einer der groessten Cobol- Anwender.

"Cobol konnte sich immer wieder aus dem Dreck ziehen, weil es die erste weitgehend standardisierte Programmiersprache war. Das ist der Grund, warum die grossen Business-Applikationen alle auf der Basis von Cobol erstellt wurden." Der heute neu entflammte Streit um die Zukunft von Cobol geht jedoch nicht laenger darum, welche Programmiersprache die schoenste ist. Deshalb, so Christensen, muessen Cobol-Lobbyisten auch keine Konkurrenz von seiten einer bestimmten Programmiersprache fuerchten. Der rasante Technologiewechsel bestimmt die Parameter des Abloesungsprozesses. Waehrend es auf dem Server (Mainframes, grosse Netzknoten und Datensysteme) neben einer zunehmenden Zahl von Standardloesungen noch lange Cobol-Applikationen geben wird, so Christensen, wird man fuer die Clients, wenn ueberhaupt in Cobol, in einer objektorientierten Variante programmieren. Wahrscheinlicher erscheint ihm allerdings, dass mit Cut and paste neue Anwendungen aus den einmal damit erstellten geschneidert werden. Fuer langlebige Entwicklungen koennten bei den kurzen Lebenszyklen bald die Traegersysteme fehlen.

"Wo ist der Standard bei den Cobol-Nachfolgemodellen?" fragt sich DV-Chef Klaus Hauptmann von Meira. Wie Christensen betont er, die fruehe Normierung von Cobol sei die Grundlage der flaechendeckenden Verbreitung. Heute sieht er statt Portabilitaet und Flexibilitaet ein "kunterbuntes Durcheinander an Software-Tools" verschiedenster Provenienz auf sich zukommen, pur oder verpackt in Standardpaketen. Wenn in einem Cobol-Markt, in dem sich noch kein Hersteller mit einem De-facto-Standard durchgesetzt hat, Produkte und Anbieter auf der Strecke blieben, bestehe die Gefahr, aufs falsche Pferd gesetzt zu haben.

Bei diesem Beduerfnis setzen die Hersteller an. Mit dem objektorientierten Cobol versprechen die Compiler-Hersteller auch einen neuen Standard. Sie stellen ihn allerdings fruehestens fuer Herbst 1997 in Aussicht. Den derzeitigen Entwicklungsstand dokumentiert ein etwa 700 Seiten starkes "Working Draft", das von ISO- und ANSI-Gremien vorgestellt wurde.

Waehrend an der Ausarbeitung des Standards noch lange gearbeitet wird, haben IBM, Micro Focus (MF) und Computer Associates (CA) bereits objektorientierte Erweiterungen an ihren Cobol-Compilern vorgenommen. Leider, so bestaetigen die beiden Beratungsunternehmen Roesch Consulting und GFU Cyrus und Roelke, entwickeln sich insbesondere die Vorstellungen von Micro Focus und IBM auseinander, was den avisierten Standard in noch weitere Ferne ruecken koennte. Zumindest haben CA und MF ihre Absicht bekanntgegeben, IBM-Kompatibilitaet zu gewaehrleisten.

Die Compiler-Anbieter hoffen, mit der Objektorientierung den Cobol-Umsatz beleben zu koennen. Sie koennten sich taeuschen. So musste Stewart McGill, MF-European Marketing Manager, einraeumen, dass die Cobol-Einnahmen von einem Quartal zum naechsten in etwa gleich blieben und die Wachstumskurve leider flach ausfalle. Ausserdem reagierten die Anwender zoegerlich auf das objektorientierte Cobol. Nur wenige seien vom traditionellen zum "Object-Cobol" gewechselt. Seit dem laufenden Monat liefert der Hersteller alle 32-Bit-Versionen seines Compilers in der objektorientierten Ausfuehrung aus.

IBM will die Spracherweiterungen nicht nur fuer das PC- Betriebssystem OS/2, sondern auch fuer MVS, AIX und irgendwann fuer die 32-Bit-Windows-Ausfuehrungen anbieten. Da die meisten Cobol- Anwendungen mit Host-Plattformen verschweisst sind, hoffen alle Hersteller auf PC-Entwickler, die fuer den Mainframe schreiben, und auf die Migration von Teilanwendungen in PC-Module.

Der Cobol-Markt koennte einen Anschub vertragen, auch wenn IBM und CA unisono steigende Umsaetze vermelden. So beklagt Dietmar Kurzweg, Vertreter der Arbeitsgruppe Cobol in der IBM- Anwendervereinigung Guide, ein schwindendes Interesse an Cobol. Unter dem Druck der Standardsoftware verliere die Gruppe pro Jahr etwa zehn Prozent ihrer Mitglieder.

Ein Blick in Anwenderunternehmen, die sich mit Migrationsplaenen befassen, zeigt, dass das objektorientierte Cobol vermutlich nicht die erste Wahl bei der Abloesung von Altsystemen sein wird. Das Rheinisch Westfaelische Elektrizitaetswerk (RWE), Essen, beispielsweise entschied sich fuer eine Kombination aus der SAP- Software R/3 und Smalltalk.

In einem Pilotprojekt mit dem Easel-Produkt "Enfin" vor drei Jahren stellte der westfaelische Energieversorger eine erhebliche Produktivitaetssteigerung in der Entwicklungsarbeit fest. "Die Objektorientierung ist eine Idee, die uns ueberzeugt hat und der wir nun nachgehen", so Mueller. "Doch werden wir nicht das objektorientierte Cobol nutzen, nur weil es heisst, wir haetten Cobol-Wissen und es kaemen bloss noch ein paar Objekte dazu."

Fuer Mueller bleibt die Sprache ein Zwitter. Hochschullehrer Nastansky kommentiert: "Objektorientiertes Cobol verhaelt sich zu Cobol wie C++ zu C."

Selbstverstaendlich verfuegt auch das RWE ueber "massenweise Cobol- Know-how", so Mueller, doch schule man um. "Das Vorurteil, dass jemand, der einmal mit Cobol entwickelt hat, nicht mehr davon wegkommt, kann ich nicht bestaetigen", so Mueller. "Auch altgediente Programmierer lassen sich von der Objektorientierung anstecken."

Derweil besteht die Migration der Warburg-Bank darin, ein Cobol- basiertes Standardpaket einzusetzen, das nach Darstellung von Anwendungsentwickler Lutz Meyer einzig auf einem Unix-Rechner laeuft, der deswegen wie ein Host bedient wird. Diebold-Berater Bonn sieht in solchen Reparaturen wenig Sinn: In solchen Unternehmen werde immer wieder geflickt, "bis es knallt" und die Kosten ins Absurde steigen.

Einsatzgebiete fuer objektorientiertes Cobol

Im Jahr 1999 wird das objektorientierte Cobol die bevorzugte Sprache sein, mit der aus existierenden Cobol-Applikationen Komponenten gefertigt werden, unabhaengig fuer oder auf welcher Plattform, behauptet die Gartner Group. Zugleich beeintraechtigten pragmatisch begruendeter Traditionalismus, Migrationsrestriktionen und Verwirrspiele der Hersteller die Akzeptanz der Spracherweiterung, so dass hoechstens 15 Prozent der gesamten objektorientierten Projekte in der Unternehmens-DV mit dem neuen Cobol angegangen wuerden.