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20.08.1982

Abgeschminkt

Die Siemens AG, Deutschlands größter und schlagzeilenträchtigster Computerbauer, hat mit der Wahl des Energietechnikers Dr. Claus Kessler zum Leiter des nach wie vor defizitären Unternehmensbereichs Datentechnik (früher: Daten- und Informationssysteme) eine Marketing- und Produktpolitik eingeleitet, die auf spektakuläre Hauruck-Aktionen verzichtet und eine Konsolidierung an allen DV-Fronten anstrebt. Jüngstes Beispiel: Die Ankündigungen und Modell-Umbenennungen im Bereich der Mainline 7.800, die Siemens gegen die IBM-Großrechner 308X stellt (CW 32/33 vom 13. August 1982, Seite 4). Die neuen Familienmitglieder sind so dimensioniert, daß sie ihre jeweiligen IBM-Gegenmodelle von der Durchsatzleistung her ein bißchen schlechter aussehen lassen - gerade so viel, daß man den Neuperlachern das Ablösekonzept als ehrlich abnimmt.

Abgeschminkt hat man sich "Weltmarkt-Ambitionen", die ohnehin niemand ernst nahm. Daß Kessler allerdings eine eindeutige Präferenz für den deutschen Markt andeutete, ging einigen Alt-Marketiers in der Siemens-Zentrale bereits zu weit. "Europa heißt's Panier", wurde nachträglich in die Weltmarktabsage hineininterpretiert, damit kein Nationalismusverdacht aufkäme. Die Cii-Honeywell-Bull-Spitze in Paris demonstriert derzeit anschaulich, wie eine narzißtisch-nationalistische Firmenpolitik den Interessen der ausländischen Töchter schadet.

Dr. Jürg Tschirren, bis vor kurzem Alleinvorstand in der Kölner Cii-HB-Dependance, hat zuletzt eindringlich vor einem Alleingang der Pariser gewarnt und den nahezu totalen Rückzug der amerikanischen Honeywell aus der Gruppe eher bedauert.

Die Siemens-Datentechnik befindet sich in einer ganz anderen Situation. Seit 1975 gewohnt, auf dem europäischen Markt ohne westeuropäischen Partner zu operieren, haben die Siemenstöchter in Frankreich, Italien, Spanien oder den skandinavischen Ländern durchaus eigenes Profil entwickelt. Gewiß: Die Installationserfolge halten sich in Grenzen, die DV-Vertreter Münchens stehen aber auch nicht unter Zugzwang, Marktanteile an sich reißen zu müssen.

Sei's drum: Die Kessler-Mannen haben offensichtlich erkannt, daß die bundesdeutschen Großanwender momentan den höchsten Leistungsbedarf anmelden. Datenübertragungsnetze als innere Schalen zukünftiger Bürokommunikationssysteme werden Zug um Zug realisiert. Enorme Zentralrechnerkapazitäten sind erforderlich, um etwa den steigenden Datenbankverkehr in Verbundsystemen zu bewältigen. Das kriegen aufgebohrte Minicomputer nicht so ohne weiteres hin, auch wenn es die Mini-Werbung bisweilen anders darstellt.

Noch immer gilt: Trotz Miniboom und Mikroschwemme sind mit Dickmaschinen die dicksten Umsatzvolumina zu erzielen - und auch die dicksten Gewinne, wenn sich der Hersteller gescheit anstellt. Dazu gehört, Prestige-Aufträge, die lediglich kostbare Manpower binden, auch einmal sausen zu lassen. Siemens hat, was Zuschußgeschäfte betrifft, bekanntlich reiche Erfahrungen. So wurde das derzeit auf Eis liegende Realtime-Projekt "Flughafen München" ebenso zum Horrortrip wie die Jahrzehntaufgabe "Integriertes Transport-Steuerungssystem" für die Deutsche Bundesbahn.

Derartige Software-Seiltänze werden sich die Münchner künftig verkneifen müssen, wollen sie die Datentechnik auf Profitkurs zwingen. Der Wille zur Selbstbeschränkung ist offenkundig vorhanden. Das Kessler-Konzept kommt an im Hause. Externe Branchenbeobachter müssen sich erst einstellen auf den neuen Stil.