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28.03.1997 - 

Briefe

Absolventen zweiter Klasse?

Mit großer Rührung habe ich Ihren Artikel gelesen. Es soll also tatsächlich keine Praktiker mehr unter den Informatikern geben - das sind für mich als Diplominformatikerin mit FH-Abschluß absolut neue Töne.

Es ist sehr traurig, daß führende Persönlichkeiten aus namhaften Unternehmen scheinbar noch nie etwas von der praxisbezogenen Ausbildung an den Fachhochschulen Deutschlands gehört haben. Oder haben sie doch - und tun ganz einfach Fachhochschulabsolventen als Absolventen zweiter Klasse ab? Sind wir das wirklich? Hier kommen mir doch berechtigte Zweifel, denn die Herren fordern in Ihrem Artikel genau das, was wir von der Fachhochschule zu bieten haben: Wir hatten sowohl die Fächer Projekt-Management als auch Rhetorik als auch Unternehmensführung/Mitarbeiterführung, vom Praxisbezug ganz zu schweigen, denn neben zahlreichen praktischen Übungen (zur Zeit an der FH Reutlingen übrigens ausgedehnte Projekte mit SAP!) in allen Bereichen (über Programmierung bis hin zu einjähriger Projektarbeit im Team) haben wir außerdem alle sehr praxisnahe Studien- und Diplomarbeiten anzubieten (in der Regel keine abstrakten Themen, wie es an den Unis der Fall ist).

Zusätzlich bieten die meisten Fachhochschulen die Möglichkeit, im Informatikbereich ein Kombinationsstudium zu absolvieren, so zum Beispiel die FH Reutlingen den Studiengang Wirtschaftsinformatik. Das bedeutet, die glücklichen Firmen, die uns einstellen dürfen, haben in einem Mitarbeiter einen Betriebswirt und einen Informatiker (wobei letzterer einen Systemadministrator, einen Programmierer, einen Systemanalytiker und so weiter in sich vereint) engagiert - und das für nur ein Gehalt!

Aber ich will dem Ganzen noch ein i-Tüpfelchen aufsetzen: Das Studium an den Fachhochschulen Bayerns und Baden-Württembergs schreibt zudem jedem Studenten noch zwei Praxissemester vor. Ist das nun genug Praxisbezug für die werten Herren, die in Ihrem Artikel so betrübt klangen? Darüber hinaus haben wir FHler noch mehr zu bieten: Alleine aus meinem Semester absolvierten 95 Prozent ihr Studium in der Regelstudienzeit von acht bis neun Semestern - ja, hören und staunen Sie, das gibt es tatsächlich noch. Trotz Nebenjobs (von denen ich auch einige zwecks Überleben innehatte) mußten wir nämlich zum Ende jedes Semesters unsere vorgeschriebenen Klausuren und Scheine machen - an der FH hat man im Grundstudium keine und im Aufbaustudium nur sehr beschränkte Möglichkeiten, diese vor sich herzuschieben.

Warum lamentieren die leitenden Herren nun eigentlich so lautstark? Weil sie Fachhochschulabgänger als Akademiker zweiter Klasse betrachten? Weil es unvorstellbar ist, die "zweite Wahl" einzustellen, auch wenn sie alles bietet, was man an der "ersten Wahl" so schmerzlich vermißt ... und das alles auch noch sehr viel billiger? Oder sind wir vielleicht nach GI-Meinung gar keine "echten" Informatiker, auch wenn wir alles das können, was die Kritiker fordern? Für mich stellen sich nach diesem Artikel wirklich all diese Fragen - zumal ich aus meiner Bewerbungserfahrung heraus genau diese Einstellung bestätigen kann. In diversen Anzeigen von diversen großen Firmen kann man sehr deutlich lesen, daß nur Uni-Absolventen mit extrem guten Noten eingestellt werden. Bei meiner "schüchternen" Anfrage, ob ich als FH-Informatikerin mit einer Abschlußnote von 1,6 eine Chance hätte, kam sofort ein promptes Nein - worauf ich mich stets fragen mußte, lag es nun an meinem Geschlecht oder doch nur an dem FH-Studium?

Wenn die geplagten Herren von der GI und der restlichen Wirtschaft weiter händeringend nach passendem Informatikerpersonal suchen und dabei in arrogantester Haltung die praxisbezogenen Fachhochschulabgänger ignorieren, dann ist Mitleid wohl doch fehl am Platze. Wenn man seinen Standesdünkel nicht besiegen kann, um geeignete Mitarbeiter zu finden, dann muß man nicht die Schuld bei der Uni-Ausbildung suchen, deren Absolventen ja eigentlich für andere Zwecke ausgebildet werden (ich hörte da mal was von Forschung und Entwicklung ...), sondern sich lieber an die eigene Nase fassen.Ute Hertzog, 72760 Reutlingen