Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

22.11.2002 - 

Das Innenleben des Tablet PC ist von Notebook-Technik geprägt

Add-ons eröffnen weites Anwendungsfeld

MÜNCHEN (hi) - Mit dem Tablet PC und seinem Betriebssystem "Windows XP Tablet PC Edition" unternimmt Microsoft den dritten Anlauf, das Pen Computing mit Handschriftenerkennung salonfähig zu machen. Im Gegensatz zu früheren Versuchen scheinen die heute verfügbaren Hardwarekomponenten das erforderliche Leistungspotenzial aufzuweisen.

Microsofts Präsentation lag nur wenige Stunden zurück, da meldeten sich Marktbeobachter und Analysten zu Wort. In ihrem Urteil fiel die neue Gerätegeneration, die Microsofts dritter Versuch in Sachen Pen Computing ist (siehe Kasten "Tablet-Geschichte"), glatt durch: zu hoher Kaufpreis, klobiges Hardwaredesign und fehlende Applikationen, so lautete die Kritik.

Dieses Urteil ist nur bedingt nachvollziehbar, wenn man das technische Konzept des Tablet PC betrachtet. Zwar hat Microsoft den Hardwareherstellern gewisse Anforderungen für die Tablet-Rechner ins Stammbuch geschrieben, doch dies schränkt laut Produkt-Manager Bastian Braun die Gestaltungsmöglichkeiten wenig ein.

Microsofts Pflichtenheft

So fordert Microsoft im Gegensatz zu den durch Berührung zu steuernden Bildschirmen (Touchscreens) der Pocket PCs für den Tablet ein elektromagnetisches Digitizer-Display, das über einen aktiven Stift bedient wird. Der Vorteil dabei ist, dass der Stift nicht direkt auf dem Bildschirm aufliegen muss, sondern bereits aus einem Abstand von einem Zentimeter reagiert. Gleichzeitig ersetzt das Werkzeug die übliche Maus oder den Trackball.

Ferner hat der Tablet PC dem Microsoft-Pflichtenheft zufolge auf herkömmliche Schnittstellen wie serielle und parallele Ports zu verzichten. Der Anschluss von Peripheriegeräten erfolgt mittels USB und ergänzend Firewire. Eine weitere wichtige Anforderung war, dass der Bildschirm der digitalen Schreibbretter ein Arbeiten sowohl im Hoch- als auch im Querformat erlaubt.

Angesichts dieser Vorgaben kristallisierten sich zwei Konstruktionskonzepte heraus: Hybridsysteme, die einem Subnotebook mit Tastatur und Touchpad ähneln, sowie reine Tablets (= Slates), an die sich optional eine Tastatur anschließen lässt. Aufgeklappt lassen sich die Hybriden wie ein Notebook nutzen, während sie zugeklappt als reines Tablet fungieren. Vertreter dieses Ansatzes sind hierzulande Acer, Toshiba sowie HP/Compaq. Fujitsu-Siemens, Viewsonic und Paceblade integrieren dagegen keine Tastatur.

Leistungsunterschiede

Sieht man von diesem Unterschied einmal ab, so wird die weite Preisspanne der Geräte von 2400 bis 3800 Euro nicht auf den ersten Blick verständlich. Erst eine Betrachtung des technischen Innenlebens der Tablet PCs erklärt die Differenzen. Vom Mobile Pentium 3 mit 800 Megahertz über den Transmeta-Prozessor Crusoe TMS 5800 mit einem Gigahertz bis hin zum mit 1,33 Gigahertz getakteten Pentium reicht das Leistungsspektrum. Paart ein Hersteller, wie etwa Acer, nun den Pentium 800 mit einem günstigen Grafikchipsatz, der nur über 8 MB RAM verfügt, so ist die Produktion eines günstigen Tablet für 2400 Euro möglich. Bei grafikintensiven, bewegten Anwendungen geht das Gerät jedoch chancenlos in die Knie. Hier erlauben Konkurrenzmodelle wie HP/Compaqs "TC 1000" mit einer Grafikkarte "Geforce 2 Go 100" von Nvidia oder Toshibas "Protégé 3500" ein deutlich flotteres Arbeiten.

Ein weiteres Differenzierungsmerkmal ist die Bildschirmgröße. Während Paceblade und Toshiba eine 12,1-Zoll-Anzeige verwenden, setzt der Rest der Hersteller auf das preisgünstigere 10,4-Zoll-Format. Darüber hinaus hatte Paceblade bei der Realisierung seines Displays eine pfiffige Idee: Es ist Digitizer und Touchscreen in einem. Auf dem Bildschirm lässt sich eine große Tastatur einblenden, so dass das "Pacebook Tablet" etwa Journalisten als elektronische Reiseschreibmaschine dienen kann. Der Anschlag einer mechanischen Tastatur wird dabei mit Hilfe eines Klicktons simuliert.

Lässt man das billigste Acer-Modell einmal beiseite, das ohne eingebaute WLAN-Ausstattung ausgeliefert wird, zeigen sich alle Geräte kontaktfreudig: Fast Ethernet, Modem und WLAN-Zugang sind Standard. Besser ausgestattete Modelle verfügen zudem über Bluetooth und Infrarot-Schnittstelle. Ergänzt um integrierte Lautsprecher, Mikrofon, PC-Card-Slot und Anschlussmöglichkeiten für Tastatur oder Peripheriegeräte wie DVD oder CD-ROM stellen die Tablet PCs einen vollständigen Notebook-Ersatz dar.

Mit ihren für den Tischeinsatz konzipierten Brüdern haben die Tablets ein Manko gemeinsam: Sie wollen pfleglich behandelt werden. Selbst edle Designer-Gehäuserahmen aus Magnesium- oder Titan-Legierung und glasfaserverstärkte Kunststoffbauteile können über eines nicht hinwegtäuschen: Ein lässig während der morgendlichen Patientenvisite in der Armbeuge gehaltener Tablet PC überlebt einen Absturz auf den Boden nicht unbeschadet. Ferner vermitteln die Abdeckungen der Peripherie-Anschlüsse teilweise - wie etwa bei HP/Compaqs TC 1000 - einen so filigranen Eindruck, dass der Benutzer Angst bekommt, sie könnten bereits beim genauen Hinschauen abbrechen.

Warum die Hersteller digitale Geräte, die ihren Besitzer im Arbeitsalltag überall hin begleiten sollen, nicht robuster auslegen, bleibt ein Rätsel. Ist dies eine Chance für die US-amerikanischen Produzenten Xplore Technologies und Walkabout Computers Inc.? Beide Unternehmen haben bereits Industrieversionen des Tablet PC vorgestellt. Deren Gehäuse ist aus Metall, gummigeschützt und wasserdicht. Insider wollen sogar wissen, dass das Display dieser Tablets einen Hammerschlag verkraftet. In Branchenkreisen kursiert das Gerücht, dass die beiden Firmen ihre Produkte noch im ersten Halbjahr 2003 auf den deutschen Markt bringen wollen.

Unabhängig von der mangelhaften Crash-Festigkeit, hat die aktuell erhältliche Pen-Generation gegenüber ihren Vorgängern einen Vorteil. Für Benutzer sowie Administratoren sind die Tablets letztlich PCs mit Windows XP als Betriebssystem, ergänzt um die Möglichkeit der Handschrifteneingabe. "Deshalb gelten", so Microsoft-Manager Braun, "für den Tablet PC die gleichen Sicherheitsratschläge und -richtlinien wie für einen normalen XP-Desktop, und es stehen zur Absicherung des Tablet PC die Werkzeuge der XP Professional Edition zur Verfügung." Ein solches Tool ist etwa das "Encrypted File System" (EFS), das zur Verfügung steht, wenn NTFS als Dateisystem verwendet wird. Somit kann der Benutzer etwa unternehmenskritische Daten verschlüsselt in einem Ordner ablegen.

Dank der Verwandschaft mit dem PC und der Zugehörigkeit des Tablet-Betriebssystems zur XP-Familie laufen in der Regel mit XP kompatible Anwendungen auch auf dem Tablet. Einwände, diesem würden noch Anwendungen fehlen, begegnet Braun so: "Über den Eingabebereich kann Handschrift sofort und in jeder Anwendung verwendet werden. Die Handschrift wird in Maschinenschrift konvertiert und an die Cursor-Position geschrieben."

Mehr als ein Notizblock

Wenn gewünscht, lässt sich zudem auch eine Onscreen-Tastatur per Stift verwenden. Allerdings räumt Braun ein, dass spezielle Applikationen, die die Features des Tablet PC nutzen, um etwa die Handschriftenerkennung direkt in Formularen oder zur Steuerung durch Gestik in Applikationen verwenden, noch fehlen, "aber diese Applikationen sind gerade in der Entstehung und teilweise sehr stark auf den Einsatzzweck zugeschnitten, etwa Software für Schadensgutachter". Microsoft selbst hat entsprechende Ergänzungen für sein Office-Paket bereits präsentiert und mit der Anwendung "Journal" ein elektronisches Notizbuch vorgestellt.

Gerade in diesen speziellen Einsatzszenarien könnte der Tablet PC jedoch sein Potenzial ausspielen und sowohl Prozesse beschleunigen als auch herkömmliche separate und proprietäre Geräte ersetzen - etwa bei einem Paketdienst oder Auslieferfahrer. Der Paketfahrer steckt morgens seinen Tablet PC in die Dockingstation des Fahrzeugs. Noch auf dem Ladehof empfängt das Gerät über Wireless LAN Lieferpapiere sowie Routenplan aus dem Unternehmensnetz. Während der Fahrt fungiert das Tablet mittels angeschlossenem USB-GPS-Empfänger dann als Navigationssystem. Mit seinem großen Display dürfte der Tablet PC fest eingebauten Navigationssystemen überlegen sein.

Würde die deutsche XP Tablet Edition bereits wie die US-Version über eine Spracherkennung verfügen, so könnte der Fahrer seinen Rechner mündlich steuern. Doch das Thema Voice Recognition ist hierzulande bei Microsoft aufgrund der Komplexität der deutschen Sprache auf unbestimmte Zeit verschoben. Da die enstprechende Schnittstelle (SAPI 5.0) jedoch integriert ist, kann der Anwender auf Programme von Drittherstellern wie etwa Sympalog ausweichen. Spinnt man den Gedanken der Spracherfassung und -ausgabe weiter, könnte der Tablet PC womöglich mit eingesteckter GSM-Karte gleichzeitig als Telefon-Freisprecheinrichtung fungieren. Oder der Rechner erhält via GSM aktuelle Verkehrsinformationen und plant die Route neu. Der Kunde kann dann per elektronische Unterschrift auf dem Tablet PC den Empfang der Lieferung quittieren und, entsprechende CRM-Software vorausgesetzt, direkt einen Folgeauftrag erteilen.

Ein anderes Szenario wäre der Einsatz als elektronische Planungshilfe auf Baustellen. Über einen Hotspot erhält der Architekt Zugriff auf die elektronischen Baupläne und gibt Änderungen direkt vor Ort per Stift ein oder dokumentiert etwaige Baumängel gleichzeitig mit einer angeschlossenen Digitalkamera. Ferner wäre vorstellbar, dass Änderungswünsche des Bauherren schon während der Begehung erfasst und an den Lieferanten übermittelt werden.

Diese Verknüpfungsbeispiele zeigen, dass der Tablet PC mehr ist als nur ein elektronisches Notizblock. Zudem lässt sich das Gerät auch am Feierabend oder im Urlaub privat nutzen. Die Anschaffungskosten relativieren sich, wenn der Tablet PC etwa im Urlaub auf der Yacht den Navigationscomputer ersetzt oder unterwegs mittels eines externen TV-Empfängers (entsprechende Geräte für den USB-Anschluss liefert Hauppauge) zum mobilen Flachbildfernseher mutiert. Eventuell lässt sich der Tablet PC gar als Fernbedienung für Fernseher und Hifi-Geräte nutzen, wenn diese über eine Infrarot-Schnittstelle verfügen. Passend zur eingelegten CD könnte die Musikindustrie dann via Internet den Hörer mit zusätzlichen Videoclips oder Informationen zur Band beliefern.

Letztlich könnte Bill Gates mit seiner Werbung, dem Einsatz des Tablet PC setzte nur die Phantasie Grenzen, Recht behalten. Nun liegt es an der Industrie, diesen neuen Markt zu entdecken und mit innovativen Zusatzgeräten zu beliefern. Mit Megahertz-Geprotze, wie es die Hardwarehersteller auf der Tablet-PC-Vorstellung in München aufführten, ist es dabei nicht getan: Lösungen sind gefragt.

Kommentar

Verschlafene Linux-Träumer

Angesichts der Vorstellung des Tablet PC mit Microsoft-Betriebssystem platzte die Linux-Community fast vor Ärger: Microsoft, immer wieder für seine Rückständigkeit gescholten, war mal wieder innovativer als die Verfechter der wahren Programmierlehre. Prompt füllten sich denn auch die entsprechenden Internet-Foren mit Hasstiraden auf die neueste Gates-Entwicklung. Die Gemüter beruhigten sich erst wieder, als Michael Robertson, CEO von Lindows.com, zur Ehrenrettung antrat und der gedemütigten Linux-Gemeinde ein "Lindows OS Tablet PC" versprach. Zudem verkündete er kämpferisch, dass das für 2003 geplante Linux-Tablet mit 500 Dollar deutlich günstiger sein werde als seine XP-basierenden Pendants. Den Preisvorsprung will Robertson durch den Verzicht auf die Handschriftenerkennung erreichen, da nach seiner Überzeugung heute junge Menschen sowieso nur noch die Tastatur benutzen möchten. Ferner soll das Linux-Tablet weniger ein eigenständiger Rechner sein als vielmehr über Funknetze auf Informationen zugreifen. Das klingt zwar alles ganz nett, doch Gates war auch hier schneller als der Lindows-Verfechter: Bereits 2001 hat Microsoft genau dieses Konzept erstmals mit den "Smart Displays for Windows CE" vorgestellt.

Tablet-Geschichte

Microsofts Konzept, einen Computer mit Handschrift und Stift zu bedienen, ist nicht neu. Diese Idee fasziniert Forscher und Entwickler bereits seit rund 40 Jahren. Ihre Realisierung im Massenmarkt scheiterte bislang daran, dass bezahlbare Komponenten und die erforderliche Rechnerleistung fehlten.

Eine erste tragbare Version eines Tablet-Computer realisierte 1964 die Rand Corporation. Allerdings kostete die Herstellung des überwiegend in Handarbeit gefertigten Geräts 18000 Dollar. Obwohl die 70er Jahre dann von bahnbrechenden Erfindungen in der IT gekennzeichnet waren, blieb das Pen Computing in den Kinderschuhen stecken. 1989 brachte Grid Computing den ersten echten tragbaren Computer auf den Markt, bei dem die Daten per Stift auf einen Touchscreen geschrieben wurden. Allerdings war der Begriff tragbar bei einem Gewicht von mehreren Kilogramm relativ zu sehen. Als Betriebssystem verwendete das "Gridpad" MS-DOS 3.3. Drei Jahre später hatte auch NCR in seinem Augsburger Werk einen ersten Stiftcomputer entwickelt.

Insgesamt erlebte das Pen Computing Anfang der 90er Jahre wieder einen größeren Entwicklungschub. Nach Grid und NCR stellte die Firma Momenta einen Laptop vor, der über Stifteingabe verfügte. Maßgeblich wurde die Entwicklung zu dieser Zeit von dem Startup-Unternehmen GO Corp. vorangetrieben. 1991 brachte GO mit "Pen Point" das erste nur für einen Stiftcomputer konzipierte Betriebssystem auf den Markt. Den vorläufigen Höhepunkt der Euphorie markierte 1993 die Vorstellung von Apples "Newton". Eine Begeisterungswelle, auf die Microsoft ein Jahr später mit der Präsentation von "Windows for Pen Computing" - einer abgespeckten Version von Windows 3.1 - reagierte.

Mitte der 90er Jahre gingen dann Jeff Hawkins und Donna Dubinsky mit dem "Palm Pilot 1000" einen neuen Weg. Der Benutzer hatte sich an den Computer anzupassen und dessen Schrift, nämlich Graffiti, zu erlernen. Als Antwort auf Palm präsentierte Microsoft 1994 mit Windows CE ein Betriebssystem für die digitalen Assistenten.