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27.02.1998 - 

Carrier warten sehnsüchtig auf Windows 98

ADSL kämpft in der Praxis mit zahlreichen Problemen

Teleworking, Internet, Video-Conferencing, Voice over IP - die Liste der Applikationen, die die Übertragungskapazitäten heutiger Modem- und ISDN-Verbindungen überfordern, ließe sich fast beliebig verlängern. Analysten wie Kate Hewett vom Londoner Marktforschungsinstitut Ovum haben eine ganze Reihe von Alternativen ausgemacht, um den Wunsch nach mehr Bandbreite zu befriedigen: Von Kabelmodems über drahtlose Breitbandverfahren und xDSL bis hin zu Fibre to the Home (FTTH) reicht das Spektrum an Technologien, das die Auguren als Übertragungswege der Zukunft ausgemacht haben.

Während für die Analysten jedes der obigen Verfahren seine spezifischen Vor- und Nachteile aufweist, haben die europäischen Carrier bereits ihren Favoriten gefunden: Asymmetrical Digital Subscriber Line (ADSL) als eine der zahlreichen xDSL-Spielarten. Die auf der vom Institute for International Research in London veranstaltete Konferenz "Maximising Copper" anwesenden Carrier führten gleich mehrere Gründe für ADSL als Hochgeschwindigkeits-Übertragungsverfahren der Zukunft an. So ist zum Beispiel in vielen Ländern den Telcos aufgrund rechtlicher Vorschriften der Zugriff auf das TV-Kabelnetz als schnelles Transportmedium verbaut und die Alternative einer Glasfaserverkabelung in Flächenstaaten zu teuer. Entsprechend einmütig lobten die in London versammelten TK-Gesellschaften, deren Netz zu über 90 Prozent noch aus Kupferkabel besteht, denn auch ADSL als die strategische Technologie der nahen Zukunft. Eine Ursache hierfür sind möglicherweise die Einnahmeverluste, die sie beim Sprachverkehr in den liberalisierten Märkten verzeichnen und mit ADSL mehr als kompensieren können.

Laut Rolando Oliver, Direktor Netzarchitektur bei Bell Canada, spricht noch ein anderer wichtiger Grund für ADSL: Weil dieses Verfahren eine dedizierte Verbindung darstellt, können die Carrier die ADSL-Strecke an den Sprachvermittlungsstellen ihres Telefonnetzes vorbeiführen und so möglicherweise den kostspieligen Ausbau ihrer Sprach-Switches vermeiden. Infolge des Internet-Booms stehen TK-Gesellschaften wie Bell Canada nämlich vor dem Problem, daß die Surfer mit ihren Modemwählverbindungen die Kapazität ihrer Switches für den normalen Sprachverkehr blockieren und so zur teuren Aufrüstung zwingen. Diese Klippe läßt sich mit ADSL elegant umschiffen.

Waren sich die Teilnehmer bei der strategischen Bewertung von ADSL als Zugangstechnik zu den Backbones der Carrier in London noch einig, zeigten sich bei der Implementierung des Verfahrens diverse Ansätze, die kontrovers diskutiert wurden.

Läßt man einige Feinheiten der verschiedenen Installationsmodelle beiseite, kristallisieren sich heute drei Verfahren heraus: Internet Protocol (IP) über ADSL, Ethernet über ADSL und Asynchronous Transfer Moder (ATM) über ADSL.

Auf den ersten Blick scheint Ethernet über ADSL die einfachste Lösung zu sein. Laut David Birss, Managing Director beim Netzequipment-Hersteller EPL, hat dieser Ansatz jedoch einen Nachteil: Ethernet führt aufgrund fehlender Flow-control-Mechanismen zu einer ineffizienten Bandbreitennutzung im ATM-Backbone. Das Problem ist nur durch zusätzlichen Aufwand für das Protocol Mapping beziehungsweise Buffering zu lösen. Deshalb identifiziert Briss in diesem Fall ATM über ADSL als die erste Wahl. Diese auf den ersten Blick bestechende Idee hat aber das Handicap, daß ATM-Karten zur Zeit noch sehr teuer sind und die ATM-Unterstützung der derzeitigen Desktop-Betriebssysteme noch zu wünschen übrig läßt.

Auf ein anderes Problem machte in diesem Zusammenhang Padraig Moran, Technischer Manager für Access-Router- und Remote-IP-Network-Entwicklung bei Ericsson, aufmerksam. Bei einer einfachen ATM-Verbindung über ADSL müssen die Internet-Service-Provider (ISPs) laut Moran Tausende von ADSL-Verbindungen, ausgeführt als Permanent Virtual Circuits (PVCs), terminieren. Das Handicap dieser Lösung: Die Anwender haben nur eine feste Verbindung zu einem Internet-Provider. Einen Ausweg aus diesem Dilemma bietet zumindest auf dem Papier Switched ATM über ADSL. Hier könnte sich der Anwender ähnlich wie im normalen Telefonsystem bei beliebigen Providern einwählen. Allerdings sind Geräte, die entsprechende Switched Virtual Circuits (SVCs) unterstützen, so die einhellige Meinung der in London versammelten Carrier und Hersteller, auf dem Markt noch nicht verfügbar. Alle Beteiligten rechnen damit erst in fünf bis sechs Jahren.

Letztlich scheint derzeit nur das Routing in das Access Network zu vertretbaren Kosten realisierbar zu sein. In diesem Szenario hätte der Anwender die freie Wahl der ISPs und könnte zudem eine kostengünstige Ethernet-Karte verwenden, um mit IP über Ethernet mit dem ADSL-Modem zu kommunizieren. Anschließend wird der IP-Verkehr als Bridged Ethernet auf Basis des ATM-Protokolls über die ADSL-Leitung zum Digital Service Line Access Multiplexer (DSLAM) transportiert. Von diesem führt der Weg dann über einen Access Router sowie eine weitere ATM-Verbindung zum jeweiligen Service-Provider (siehe Abbildung 1). Da es sich hierbei jedoch nicht um eine transparente End-to-end-ATM-Verbindung handelt, ist zudem ein Tunneling des Protokolls erforderlich. Für die Internet-Provider hat diese Implementierung dennoch den Vorteil, daß sie nur noch eine einzige ATM-Verbindung terminieren müssen.

Unabhängig von den verschiedenen Implementierungsszenarien sind sich die Carrier aber in einem Punkt einig: Sie fürchten wie der Teufel das Weihwasser den Gedanken, ADSL ohne Frequenzweiche (Splitter) zu implementieren. Bei diesem Verfahren, auch bekannt unter dem Namen Splitterless ADSL, würde der Netzabschluß nämlich auf der ADSL-Karte im PC sitzen. Dann wäre der Carrier aufgrund der Netzterminierung im PC plötzlich für den Desktop des Anwenders verantwortlich, erklärt Sally Brinkley, Designerin für Operational Support Systems bei British Telecom. Von den ungeklärten Regulierungsfragen abgesehen könnte diese Implementierung ein weites Feld an rechtlichen Streitfragen öffnen, wenn der Rechner einmal streikt. Deshalb bevorzugen viele Carrier auch die Kombination aus Ethernet-Karte und ADSL-Modem, da hier das Ende des Zuständigkeitsbereichs des Carriers klar definiert ist. Eine Alternative zur Anbindung via Ethernet könnte der neue Universal Serial Bus (USB) zum Anschluß von Peripheriegeräten sein, der sich allmählich in der PC-Welt etabliert.

Auf dem internationalen Parkett kristallisiert sich folgendes Preisgefüge heraus: Eine ADSL-Verbindung für den unbegrenzten Internet-Zugang ist im Schnitt etwa zehn Dollar teurer als ein vergleichbarer ISDN-Anschluß. Angesichts solcher Größenverhältnisse feiert beispielsweise Bell-Canada-Manager Oliver ADSL bereits als ISDN-Killer. Ein Ausspruch, der angesichts einer Monatsgebühr von 70 kanadischen Dollar für eine 500-Kbit/s-Verbindung nicht wundert.

Der Hauptkostenpunkt ist dabei nach Angaben der Carrier nicht das Netzwerk und die Technik, sondern der Helpdesk. Und hier betreffen wiederum 80 Prozent aller Anfragen, wie Oliver berichtet, das verwendete Betriebssystem - sprich Windows 95. Deshalb appellieren die Carrier auch unisono an Microsoft, endlich Windows 98 auf den Markt zu bringen, da die neue Betriebssystem-Variante mit ihrem L2TP-Support und einem nativen ATM-Stack eine einfachere ADSL-Implementierung erlaube.

Während die ausländischen Carrier in London bereits das Ende von ISDN beschworen, hat die Deutsche Telekom als ISDN-Musterknabe mit mehr als 2,7 Millionen Kunden noch gewisse Berührungsängste mit der ADSL-Technologie. Neben dem befürchteten Kannibalisierungseffekt ergeben sich einige technische Probleme, die Betreibern rein analoger TK-Netze fremd sind. ISDN nutzt beispielsweise einen Teil des Frequenzspektrums von ADSL. Nur durch einen Trick, nämlich die Verschiebung der ADSL-Frequenzen in einen höheren Bereich, kann die Telekom ADSL via ISDN anbieten. Dieses Verfahren hat allerdings den Nachteil, die Reichweite von ADSL einzuschränken. Eine andere Lösung hierzu preist Alcatel in Form von Universal ADSL an. Weil das von Microsoft, Intel und Compaq initiierte Verfahren mit geringeren Übertragungsraten aufwartet, benötigt es ein kleineres Frequenzspektrum und ist deshalb laut Alcatel die ideale Ergänzung zu ISDN.

Neben der Frage nach den verfügbaren Frequenzbereichen drückt den Bonner Carrier noch an anderer Stelle der Schuh: Als eine von wenigen TK-Gesellschaften haben die Bonner ein Netz aufgebaut, das eine Fernkontrolle der Telefonleitungen erlaubt. Hierzu hat die Telekom in den Telefondosen am Ende der Leitung als Abschlußwiderstand eine Diode installiert, die eine Messung der Leitungsqualität erlaubt. Damit ergibt sich jedoch ein Problem mit den Splitterless-ADSL-Varianten wie ADSL Lite oder Universal ADSL. Wie Bruno Orth, Entwicklungs-Manager im Bereich Access Network bei der Telekom, erklärte, stört dieser Abschlußwiderstand im Falle einer ADSL-Implementierung ohne Frequenzweiche die Signale, weshalb der Carrier derzeit eine Variante mit Splitter bevorzugt (siehe Abbildung 2).

Die Telekom und ADSL

Trotz der verschiedenen ungelösten Fragen ist die Telekom zuversichtlich, bereits zum Jahresende ADSL in verschiedenen größeren Städten anbieten zu können. In der Diskussion sind dabei Transferraten zwischen 1,5 und 8 Mbit/s im Downstream, während in der Gegenrichtung beim Datenversand Übertragungsraten von 128 bis 768 Kbit/s genannt werden. Offen ist jedoch noch, wie die Bonner einen entsprechenden Dienst tarifieren, denn laut Telekom sind die Preise bei den Pilotprojekten in Köln, Bonn und Düsseldorf nicht kostendeckend. Dort ist der Service momentan ungefähr so teuer wie ISDN.