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Nach der Übernahme der Aktienmehrheit durch die Sema Group


09.02.1990 - 

ADV/Orga: Neues Management bedeutet keine neue Strategie

FRANKFURT (qua) - Mit der Beteiligung an der Wilhelmshavener ADV/Orga AG hat die britisch-französische Sema Group plc. mehr als einen Fuß in der Tür zum deutschen Softwaremarkt. Wie er das angeschlagene norddeutsche Unternehmen wieder flott machen will, kann Sema-Chef Pierre Bonelli allerdings noch nicht sagen.

Im Vorfeld der für den 16. Februar anberaumten ADV/Orga-Hauptversammlung bat Bonelli die deutsche Fach- und Wirtschaftspresse in die Frankfurter Zentrale der Commerzbank AG, die noch zehn Prozent der Anteile an dem Wilhelmshavener Softwarehaus hält. Den größten Teil ihrer ehemaligen 60-Prozent-Beteiligung hatte die Bank zur Jahreswende an das mit rund 800 Millionen Mark Umsatz und etwa 6500 Mitarbeitern nach eigenen Angaben zweitgrößte europäische Software- und Service-Unternehmen verkauft (siehe CW Nr. 52 vom 22 Dezember 1989, Seite 1: "Sema-Gruppe steigt bei der ADV/Orga ein").

Durch diese Mehrheitsbeteiligung, so ließ Bonelli durchblicken, wollte die Sema Group in erster Linie - vor allem im Hinblick auf den europäischen Binnenmarkt - ihre Deutschland-Präsenz stärken. Bislang war das Unternehmen hierzulande mit der rund 110 Köpfe zählenden Sema Group GmbH in Köln relativ spärlich vertreten.

Eine Fusion ist auf lange Sicht nicht ausgeschlossen

Im Zuge der neuen Mehrheitsverhältnisse nahm am 1. Februar der Geschäftsführer der deutschen Sema Tochter, Georg Spiewok, auch die Geschäfte der ADV/Orga in die Hand. Offizielle Begründung für diese Doppelfunktion: Die beiden Unternehmen sollen abgestimmt am Markt auftreten. Auf lange Sicht wollte Spiewok eine Fusion der beiden deutschen Sema-Vertretungen jedoch nicht ausschließen. Allerdings hält er solche Spekulationen für verfrüht - zumal auch Siemens und die AEG mit jeweils fünf Prozent an der Sema Group GmbH beteiligt sind.

Nichtsdestoweniger nennt die Sema Group die Kennzahlen ihrer Deutschland-Niederlassung neuerdings gern im Verein mit den ADV/Orga-Daten. Zwar wurde die Wilhelmshavener Belegschaft innerhalb des vergangenen Jahres um rund 30 Prozent auf derzeit 512 Mitarbeiter reduziert, und der Umsatz sank im Geschäftsjahr 1988/89 um zehn Millionen auf etwa 70 Millionen Mark; doch erreichen die beiden deutschen Sema-Dependancen gemeinsam noch eine Personalstärke von 620 Mitarbeitern und ein jährliches Einkommen von 90 Millionen Mark, womit sie die Top Ten der deutschen Software-Unternehmen allenfalls knapp verfehlen.

Ob die ADV/Orga in absehbarer Zeit wieder Gewinne einfahren kann, steht auf einem anderen Blatt. Wie jetzt bekannt wurde, betrugen die Verluste im vergangenen Geschäftsjahr 13,8 Millionen Mark. Bonelli gibt sich indes optimistisch; bereits 1991 werde die ADV/Orga wieder schwarze Zahlen schreiben. Eine Strategie, mit deren Hilfe er dieses Kunststück fertigbringen will, vermag der Sema-Boss allerdings nicht aus dem Hut zu zaubern.

Branchen-Insider warfen der ADV/Orga wiederholt vor, sie habe wichtige technische Trends, wie beispielsweise den Erfolg der offenen Systeme verschlafen. Dennoch will Bonelli das norddeutsche Software-Unternehmen weiterhin auf IBM-Kurs halten. Schließlich, so die Begründung, trete auch die Sema Group als Integrator von IBM-Systemen auf. Außerdem sei der künftige Erfolg der ADV/Orga keine Frage der Strategie: "Was wir jetzt tun müssen, betrifft eher eine Änderung der Unternehmensführung als eine Änderung der Strategie."

Laut Axel von Ruedorffer, Mitglied des Commerzbank-Vorstands und Aufsichtsratsvorsitzender der ADV/Orga, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Rentabilität des deutschen Softwarehauses bereits getan. Die Mehrheitsbeteiligung der Sema Group habe die Reputation der ADV/Orga erheblich verbessert: "Dies ist eine nervöse Branche", erläuterte der Top-Banker, "hier ist der Ruf eines Unternehmens sehr wichtig."

Zugang zu den britischen und französischen Märkten

Die ADV/Orga dürfte aus der Verbindung mit der Sema Group vor allem den Vorteil ziehen, daß sie mit ihren Produkten nunmehr direkten Zugang zu den französischen und britischen Märkten hat. Darauf, inwieweit das unter Interims-Vorstand John D. Barnes auf Eis gelegte Projektgeschäft wiederbelebt wird, wollten sich weder Bonelli noch Spiewok festlegen.

Nach Ruedorffers Worten hatten im vergangenen Jahr "mehrere Dutzend" potentieller Anleger ihr Interesse an der ADV/Orga bekundet. Da sich die Sema Group intensiv mit der Entwicklung von Finanzanwendungen - vor allem auch im Kreditkartenbereich - beschäftigt, liegt es nahe, daß die Commerzbank bei dem ADV/ Orga-Deal auch ihre eigene Zukunft im Blickwinkel hatte.

Mehr als zwei Fünftel in den Händen der Konkurrenz

Dazu, ob sich die Bank ihrerseits in den europäischen Softwarekonzern einkaufen werde, gibt es laut Ruedorffer "keine konkreten Überlegungen". Immerhin haben dort schon zwei französische Geldinstitute ihre Claims abgesteckt: Nahezu zwei Fünftel der Anteilscheine sind in den Händen der Paribas, die Credit Agricole ist mit 4,4 Prozent beteiligt. Allerdings hält der Sema-Konkurrent Cap Gemini Sogeti ebenfalls ein stattliches Aktienpaket von 22,3 Prozent; der Sema-Group-Vorstand hätte sicher nichts dagegen, wenn sich die Commerzbank darum bemühen würde. +