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03.12.1982 - 

Geplante Massenentlassungen in Münchner Kamerawerk läßt DV-Leute zur Selbsthilfe greifen:

Agfa-Gevaert-Datenverarbeiter auf Jobsuche

03.12.1982

MÜNCHEN - Im Zusammenhang mit der beabsichtigten Schließung des Münchner Kamerawerkes der Agfa-Gevaert AG steht auch einem Großteil der Org./DV-Crew die Entlassung bevor. In einer Selbsthilfeaktion bewarben sich die rund achtzig Agfa-Datenverarbeiter jetzt per Rundschreiben bei süddeutschen Unternehmen. Doch die Chancen für einen adäquaten DV-Job in der Isar-Metropole stehen nicht gerade rosig. Siemens vergibt nur noch selten Softwareentwicklungsaufträge nach draußen, und auch MBB und BMW beschäftigen weniger Externe. Dadurch sind im Großraum München viele Freelancer auf dem Markt.

"Fast ebenso betrüblich wie die geplanten Entlassungen ist für uns die Erkenntnis, daß ein gut eingespieltes DV/Org.-Team in alle Winde zerstreut wird", ärgert sich Horst Hertel, Projektleiter im Bereich der DV-Organisation und Wortführer bei der Bewerbungsaktion, über die geplanten Entlassungen in seiner Abteilung. Doch sah es zunächst nur wenig vielversprechend aus, einen neuen Arbeitsplatz zu finden, so ist der Münchner Agfa-Mitarbeiter nach ersten Ergebnissen seiner Bemühungen inzwischen erheblich zuversichtlicher. Rund fünfzig Unternehmen - davon jedoch überwiegend DV-Hersteller - hätten sich bisher auf die "Sammelbewerbung" gemeldet. Urteilt Hertels Vorgesetzter, DV/Org.-Chef Peter Schulze: "In Anbetracht dieser Resonanz habe ich ein gutes Gefühl, daß meine Leute schon bald einen neuen Job finden."

Die Hoffnung der beiden Datenverarbeiter könnte sich allerdings als trügerisch erweisen. Ironie des Schicksals: Gesucht würden, so Hertel, erst in zweiter Linie Organisationsprogrammierer, noch weniger gar Systemspezialisten und Systemanalytiker - an erster Stelle der Anfragen stünden mit Abstand "qualifizierte Sekretärinnen mit DV-Verständnis". Operateure und AV-Leute seien so gut wie nicht gefragt. Dabei handle es sich nach Überzeugung von DV/Org.-Chef Schulze um eine Mannschaft mit breitem DV-Know-how.

Kenntnisse bestanden nicht nur im Umgang mit dem kommerziellen Zentralrechner Siemens 7.740, sondern auch mit dem IBM-System 3033 und Anlagen von Digital Equipment, Nixdorf und Wang.

Erschwerend für die Bewerbungsaktion der Agfa-Datenverarbeiter dürfte sich jedoch vor allem die besondere Situation im Münchner DV-Arbeitsmarkt erweisen.

So habe sich dem Vernehmen nach allen voran die Siemens AG innerhalb dieses Jahres bereits von annähernd 600 "Freelancern" getrennt und seien andere Konzerne wie etwa BMW oder MBB ebenfalls gerade dabei, sich von ihren Externen zu lösen.

Eine derartige Bewegung im Stellenmarkt für DV-Arbeitskräfte macht sich inzwischen auch bei den Münchner Arbeitsämtern bemerkbar. Rund hundert arbeitslose Organisations-, System- und Anwendungsprogrammierer befinden sich offiziellen Angaben zufolge derzeit auf Jobsuche. Demgegenüber stehen 74 offene Stellen. In den Bereichen der "allgemeinen Programmierung" und des Operatings warten gar 220 Stellensuchende (bei nur 54 freien Arbeitsplätzen) auf eine Anstellung. Im Verhältnis zu einer Erhebung Ende Juni dieses Jahres hat sich die Zahl der Beschäftigungslosen im DV-Sektor nach Aussage von Arbeitsaintpressesprecher Gernut Ulrich geradezu verdoppelt, das Stellenangebot fast halbiert. Ulrich meint, daß die Unternehmen momentan nur wenig Neigung zeigten, längerfristige Einarbeitungen für neue Leute vorzunehmen. Zudem klafften die Gehaltsforderungen der arbeitslosen DV-Spezialisten mit den Gehaltsangeboten der Arbeitgeber sehr stark auseinander.

Die Zahl der Münchner DV-Jobsuchenden wird von süddeutschen Personalberatern indes erheblich höher eingeschätzt. Um dem Makel der Arbeitslosigkeit zu entgehen, schlügen viele Datenverarbeiter zunächst den Weg in die Selbständigkeit ein. Während sie sich ohne Hilfe des Arbeitsamtes um eine neue Tätigkeit bemühten, hielten sie sich mit kleineren Aufträgen über Wasser. Diese Ansicht wird auch beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bei der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg vertreten.

Wie es nun im Münchner Kamerawerk mit der Datenverarbeitung weitergehen wird, ist vorerst umstritten. Von offizieller Agfa-Seite wird bestätigt, daß von den derzeit rund 3900 Mitarbeitern etwa 3200 entlassen werden. Die Servicezentrale sowie die Umkehranstalt für Diafilme blieben indes bestehen. Auf einen Arbeitsplatzerhält könnte somit noch eine kleine Anzahl von DV-Mitarbeitern hoffen. Aber erst nachdem die Unternehmensleitung zusammen mit dem Betriebsrat einen Sozialplan ausgearbeitet habe, so ein Pressesprecher der Wiesbadener Konzernzentrale, ließe sich genau sagen, wie und mit wieviel Leuten eine DV/Org.-Abteilung weiterbestehen könnte. Sicher sei indes, dies behaupten jedenfalls Agfa-Mitarbeiter, daß es ein zentrales Rechenzentrum dann nicht mehr geben wird.