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13.04.2006

Agilität - Stand der Praxis

Oliver Wilke, Enrico Senger, Hubert Österle  
Firmenchefs sehen ihre größten Herausforderungen in der zeitnahen Anpassung ihrer Geschäftsmodelle und der Innovationsgeschwindigkeit des Unternehmens. Die Projekte spiegeln das kaum wider.
Die aus Sicht der Anwender wichtigsten Projekte hatten in den vergangenen drei Jahren zumeist neue Systeme im Fokus. Kräftig zugelegt haben jedoch Serviceorientierung und Risiko-Management.
Die aus Sicht der Anwender wichtigsten Projekte hatten in den vergangenen drei Jahren zumeist neue Systeme im Fokus. Kräftig zugelegt haben jedoch Serviceorientierung und Risiko-Management.

Mit welchen IT-Projekten beschäftigen sich die Unternehmen in Deutschland? Und steht dabei das Geschäft oder die IT im Vordergrund? Um Antworten auf diese Fragen zu erhalten, hat das Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität St. Gallen IT-Projekte ausgewertet, die die Anwenderunternehmen selbst für ihre wichtigsten erachten. Basis waren die Fragebögen zum computerwoche-Wettbewerb "IT-Executive des Jahres". Selbstverständlich waren die Projekte schon im Vorfeld anonymisiert worden, so dass keine Rückschlüsse möglich waren.

Transformationshandbuch

Kundenwert steigern, Komplexität verringern, Agilität aufbauen - so lauten die Hauptthemen des Handbuchs "Geschäftsmodelle 2010 - Wie CEOs Unternehmen transformieren". Der SAP-Vorstand Henning Kagermann und der St. Gallener Wirtschaftsinformatik-Profes- sor Hubert Österle geben darin Denkanstöße für die Neu- und Umgestaltung von Unternehmensprozessen. Zwei der erwähnten Fallbeispiele wird die computerwoche in den kommenden Wochen detaillierter vorstellen.

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Mehr zum Thema

www.computerwoche.de/go/

574541: SOA treibt das intelligente Unternehmen;

570251: Alignment erhöht die IT-Ausgaben;

568700: CIOs bangen um ihre Existenz.

Seit 2003 kürt die computerwoche den beeindruckendsten IT-Verantwortlichen des Jahres. Dazu verschickt die Redaktion Fragebögen, in denen unter anderem nach den wichtigsten IT-Projekten gefragt wird, die das jeweilige Unternehmen innerhalb der vergangenen zwei Jahre abgeschlossen hat. Von 2003 bis 2005 kamen so 884 Projekte zusammen. Jedes lässt sich in eine oder mehrere der Kategorien Strategie, Prozesse oder Informationssysteme einteilen:

• Strategische Projekte betreffen die langfristige Unternehmensentwicklung und widmen sich beispielsweise der Firmenstruktur oder Marktleistungen.

• Projekte mit Prozessfokus haben die Verbesserung der unternehmensinternen und -übergreifenden Abläufe zum Ziel.

• Projekte auf Systemebene behandeln Informationssysteme, also Applikationen und Datenbanken, sowie die Informationstechnik: Hardware, Netze und Systemsoftware.

Praktisch sämtliche Projekte der Kategorie "Strategie" haben nicht die Geschäfts-, sondern die IT-Strategie zum Gegenstand. Projekte zum Alignment von Business und IT werden kaum explizit erwähnt. Im Einzelnen befassen sich die strategischen Projekte mit der Reorganisation der IT-Abteilungen, mit Prozess- und Systemarchitekturen sowie mit IT-Governance. Auffällig ist die große Anzahl von Projekten zur Zentralisierung und Standardisierung. Anhand dieser Projektliste ist nicht erkennbar, dass die IT-Abteilungen nennenswert in die Entwicklung der Geschäftsstrategie involviert sind.

Auf der Prozessebene liegt der Schwerpunkt auf den internen Abläufen. ERP-Projekte sind dabei besonders weit verbreitet. Allerdings haben nur wenige Unternehmen ERP-Systeme neu eingeführt. Den meisten ging es vielmehr darum, ihre Systeme zu standardisieren oder den Leistungsumfang zu erweitern.

Vorarbeit für das Outsourcing

Ein großer Teil der Projekte betraf die Veränderung der Systemlandschaft. Auch hier nimmt die Standardisierung von Applikationen, Hardware und Systemsoftware breiten Raum ein.

Über drei Jahre hinweg betrachtet, fällt auf, dass immer mehr Projekte sowohl strategische als auch prozessbezogene und informationstechnische Elemente enthalten. Auf der strategischen Ebene haben die Unternehmen bis 2003 ihre Informatik zentralisiert und damit das Outsourcing vorbereitet, das in den folgenden zwei Jahren stark zunahm.

In Architekturfragen zeigen die Unternehmen ein zunehmendes Interesse an der Serviceorientiertung. Im Jahr 2003 noch kaum genannt, liegen SOA-Projekt mittlerweile im Trend.

Das Thema IT-Governance gelangt verstärkt auf die Agenda der IT-Abteilungen. Reine Kostensenkungsprogramme nehmen ab, dagegen verbessern die Unternehmen die Qualität der IT-Leistungen und schaffen aus der Informatik Mehrwert für ihr Geschäft. Da gleichzeitig die Ansprüche der Kunden und die gesetzlichen Vorgaben zunehmen, liegt derzeit auch ein Augenmerk auf Sicherheitsfragen und Compliance-Problemen.

Interne Prozesse gehen vor

Zudem wächst die Anzahl der Projekte, mit denen unternehmensübergreifende Abläufe abgestimmt werden sollen, im selben Maß wie die Gesamtzahl der dort angesiedelten Vorhaben. Das heißt aber auch: Die Unternehmen sind immer noch intensiv damit beschäftigt, ihre internen Prozess zu verbessern. In unternehmensübergreifenden Vorhaben verschiebt sich der Schwerpunkt langsam weg von einzelnen Abläufen hin zu Plattformen, die mehrere Prozesse unterstützen.

Während des Internet-Hypes sind viele softwaregetriebene Customer-Relationship-Management-Projekte gescheitert. Jetzt gehen die Unternehmen das Thema aus Prozesssicht an und schließen immer mehr Projekte erfolgreich ab. Auch Vorhaben zu den Themen Dokumenten-, Content- und Knowledge-Management nehmen zu.

Trends im Mittelstand

Die Einführung neuer Prozesse und der sie unterstützenden Applikationen wird in vielen Unternehmen auch genutzt, um die Hardware auszutauschen. Viele Projekte widmen sich der Standardisierung von Clients, Servern und Netzinfrastruktur.

Bis 2003 wurde eine große Anzahl von Intranet- und Internet-Projekten abgeschlossen. Deshalb beschäftigen sich in der Folge wesentlich weniger Projekte mit diesem Themenkreis.

Seit 2004 berücksichtigt die computerwoche-Befragung verstärkt mittelständische Unternehmen mit bis zu 1500 Mitarbeitern. Insgesamt nannten die IT-Verantwortlichen aus Unternehmen dieser Größenklasse 198 Projekte. Aus deren Beschreibungen lassen sich grobe Trends für IT-Projekte im Mittelstand abschätzen:

• Auf der Strategieebene beginnen auch die Mittelständler mit der Zentralisierung der Informatik. Um die Lizenzkosten zu senken, nutzen sie relativ häufig Open-Source-Software.

• Im Prozessbereich liegt der Fokus auf den internen Abläufen. Mittelständler konzentrieren sich auf die Einführung von ERP und Auftragsabwicklung.

• Die Standardisierung der Hardware spielt die wichtigste Rolle auf Systemebene.

Abgleich von Konzept und Praxis

Die Auswertung der computerwoche-Fragebögen entstand im Rahmen des Projekts "CEO und IT" an der Universität St. Gallen. Darin eingeflossen ist auch eine Studie der Economist Intelligence Unit (EIU) aus dem vergangenen Jahr. Wie die Marktforscher aus der Befragung von 3730 Vorständen und Senior-Managern ableiten, sehen die Firmenleiter ihre größten Herausforderungen in der Anpassungsfähigkeit des Geschäftsmodells und der Innovationsgeschwindigkeit.

Ergänzt durch 26 Tiefeninterviews mit CEOs und CIOs, haben SAP-Vorstandssprecher Henning Kagermann und Wirtschaftsinformatiker Hubert Österle daraus acht Konzepte für eine agile Informationsarchitektur abgeleitet, die sie in ihrem Buch "Geschäftsmodelle 2010" vorstellen (siehe Kasten "Transformationshandbuch").

Komplexitätsreduktion:

Den größten Beitrag zur Agilität des Unternehmens leistet ein schlankes Geschäftsmodell. Zusatzleistungen, Individualisierung von Leistungen, Globalisierung, Regulierung, Vernetzung und das zunehmend elektronisch dokumentierte Wissen sind mächtige Komplexitätstreiber. Modularisierung, Standardisierung und Konzentration auf das Wesentliche hingegen verringern die Komplexität.

Projekte zur Überarbeitung des Geschäftsmodells waren nicht explizit Gegenstand der computerwoche-Befragung. Auffällig ist aber die Anzahl der Projekte zur IT-Standardisierung.

Alignment von Geschäftsmodell und Informationsarchitektur:

Es gibt keine Informationsarchitektur, die jedes Geschäftsmodell reibungslos unterstützt. Das gültige Geschäftsmodell und seine geplanten Veränderungen bestimmen die Architektur. Deren zentrale Vorgabe ist die Prozessarchitektur. Sie legt auch die Gültigkeitsbereiche der Prozesse fest.

Mehr als ein Drittel der von den computerwoche-Lesern genannten Projekte befasst sich mit den Geschäftsprozessen im Unternehmen. Es gibt aber nur wenige Projekte, die eine unternehmensweite Prozessarchitektur zum Thema haben. Die unternehmensübergreifende prozessbasierende Zusammenarbeit steht erst am Anfang.

Standardisierung:

Voraussetzung für jede Zusammenarbeit ist eine gemeinsame Sprache mit eindeutigen Begriffen. Je größer die Unternehmen und je mehr Partner involviert sind, desto wichtiger sind die Standards für Geschäftsregeln, Prozesse, Applikationen und Daten. Projekte zur Standardisierung beschäftigen sich bisher vorwiegend mit Standards für Technik (beispielsweise TCP/IP, XML, Soap) sowie Daten und Applikationen. Die Einführung von geschäftlichen Standards ist nicht ihr Gegenstand.

Nahtlose Prozesse:

Jedes Geschäftsmodell basiert auf einem Kern von effizienten und sicheren unternehmensinternen Prozessen, die sich mit dem Geschäftsmodell weiterentwickeln. Für nahtlose Prozesse gilt im Idealfall: Alle Mitarbeiter und Applikationen arbeiten mit denselben Daten (Single-Source-of-Truth), die Durchlaufzeiten sind kurz, Liegezeiten entfallen (realtime), und die Entscheidungen basieren auf einer hohen Transparenz des betrieblichen Geschehens. Wichtige Schritte sind das Redesign der Prozesse, die Konsolidierung der Applikationen und Datenbestände, das Outsourcing von nicht wettbewerbskritischen Prozessen sowie das Stammdaten-Management.

Auf diesem Weg sind die Unternehmen schon recht weit gegangen. Sie treiben Business Process Redesign (BPR), konsolidieren ihre Applikationen und Datenbestände. Nur das Stammdaten-Management lässt noch zu wünschen übrig.

Heterogene Prozesse:

Zumindest unternehmensübergreifende Prozesse mit Kunden und Lieferanten müssen auch heterogene Informationsarchitekturen akzeptieren. Das Ziel bleiben jedoch möglichst nahtlose Prozesse.

Die Anwender nehmen die heterogenen Prozesse in Kauf. Sie suchen erst langsam nach Verbesserungspotenzialen.

Serviceorientierung:

Dieses Konzept macht die Unternehmen netzwerkfähiger, indem es die Koppelung homogener Kernprozesse mit den Abläufen in anderen Geschäftseinheiten vereinfacht.

Die Serviceorientierung steht erst am Anfang ihrer Umsetzung. Aber zunehmend mehr Unternehmen zentralisieren unternehmensinterne Dienstleistungen und Applikationen.

Mitarbeiterportal:

Die rollenbasierende Bündelung von Informationen und Applikationen unterstützt den Mitarbeiter wie ein persönlicher Assistent.

Die Unternehmen haben das Potenzial für die Produktivitätssteigerung erkannt. Allerdings implementieren sie bislang vorwiegend Self-Services.

Management des IT-Risikos:

Manche Unternehmensrisiken nehmen mit der Vernetzung der Wirtschaft zu. Gleichzeitig erhöht die Regelungsdichte die Anforderungen an die Informationsverarbeitung. Ohne integrierte Datenbanken sowie sorgfältig geplante und dokumentierte Prozesse sind die gesetzlichen Anforderungen kaum noch zu erfüllen. Zudem kommt es auch vor, dass Geschäftspartner die Einhaltung gewisser Bestimmungen zur Voraussetzung für eine Beziehung machen.

Die Großunternehmen erkennen zunehmend die Notwendigkeit eines systematischen IT-Risiko-Managements. Insgesamt ist die Zahl solcher Projekte aber noch gering.

Alles in allem bemühen sich die Unternehmen, eine agile Informationsarchitektur zu schaffen. Die genannten Konzepte werden aber erst punktuell umgesetzt. Insgesamt befassen sich nur 40 Prozent der in den computerwoche-Bögen genannten Projekte ausdrücklich mit dem Geschäft; 60 Prozent kümmern sich um die IT. Dies ist möglicherweise ein Resultat des in den vergangenen Jahren dominierenden Kostensenkungsdenkens. (qua)