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01.12.2005

Akademiker durch Berufserfahrung

Helga Ballauf
Wenn die Grenzen zwischen beruflichem und akademischem Lernen durchlässiger werden, profitieren alle davon: Betriebe, Mitarbeiter und Hochschulen.
Das neue IT-Weiterbildungssystem, das Gewerkschaften, der Staat und Arbeitgeberverbände gemeinsam entwickelt haben, soll zu einer größeren Transparenz und Durchlässigkeit der Abschlüsse führen.
Das neue IT-Weiterbildungssystem, das Gewerkschaften, der Staat und Arbeitgeberverbände gemeinsam entwickelt haben, soll zu einer größeren Transparenz und Durchlässigkeit der Abschlüsse führen.

Die gelernte Fachinformatikerin Claudia R. war immer vorn dran: als das Berufsbild neu entstand, als sie sich im Job weiterbildete und als sie die IHK-Prüfung zum IT-Business Manager machte. Das soll dem Bachelor-Niveau entsprechen, hat sie gehört. Kann sie sich beim bevorstehenden Auslandseinsatz darauf berufen? Richard G. hat erst das Krankenkassengeschäft von der Pike auf gelernt, dann im Learning-by-doing-Verfahren auf Datenverarbeitung umgesattelt und ist im Laufe der Jahre zum IT-Leiter aufgestiegen. Was sein umfassendes Erfahrungswissen wohl auf der Universität wert wäre, würde er gerne wissen.

Hier lesen Sie …

• warum die IT-Wirtschaft beim Brückenschlag zur Hochschule Vorreiter ist;

• wie sich berufliche und im Studium erworbene Fähigkeiten vergleichen lassen;

• was Unternehmen tun können, damit sie ihre Azubis nicht an die Hochschule verlieren.

Mehr zum Thema

www.computerwoche.de/go/

541252: Internationale Standards für IT-Weiterbildung;

556588: Gewerkschaft bezuschusst IT-Schulung;

Berufserfahrung soll künftig auch für ein Hochschulstudium zählen. "Die Kluft zwischen beiden Welten ist noch sehr groß", berichtet Antonio Jorba, IT-Leiter bei der Entega Service GmbH in Darmstadt. Er macht mit bei einem Kooperationsprojekt vor Ort, an dem auch die Technische Universität und die Fachhochschule beteiligt sind, weil er sich von dem Austausch eine praxisnähere IT-Ausbildung erhofft. Außerdem heißt Jorbas Anliegen: "Wer schon lange im Beruf ist, muss die Chance auf einen Titel bekommen, ohne an der Uni wie ein Studienanfänger behandelt zu werden." Ihm schwebt ein maximal zweijähriges berufsbegleitendes "Quickstudium" vor, in dem IT-Quereinsteiger oder dual ausgebildete Fachkräfte theoretisches Wissen und akademische Titel erwerben: "Das wäre die richtige Motivation für ein paar unserer potenziellen Nachwuchsführungskräfte in der Firma. Und uns würde ihr Know-how bei der Weiterentwicklung der Geschäftsprozesse helfen."

Meßbarkeit von Können

Doch so weit ist es noch nicht. Zunächst müssen die Experten aus Betrieb und Hochschule im Detail abwägen, bei welchen Kenntnissen die Berufserfahrenen die Nase vorn haben und was IT-Studierende besser können. Einfach festzustellen ist beispielsweise, dass ein sogenannter IT Product Coordinator viel mehr von der Entwicklung von Produktideen, von der Überprüfung ihrer Realisierbarkeit, von Teambildung und Controlling versteht, als Studierende an der Hochschule je lernen könnten. Schwieriger ist, Studieninhalte an Hochschulen zu finden, die den fortgeschrittenen Kenntnissen eines IT-Professionals entsprechen.

Die Herausforderung liegt in der Mess- und Vergleichbarkeit von Können. Drei Aufgaben müssen bewältigt werden, sagt Kerstin Mucke vom Bundesinstitut für Berufsbildung (Bibb) in Bonn. "Wie definiere ich Kompetenzen? Welche Instrumente taugen zur Bewertung? Wie gelingt die Umsetzung?" Im IT-Sektor gibt es relativ günstige Voraussetzungen, sind doch die Spezialisten- und Professionalprofile des Weiterbildungssystems so beschrieben, dass sie sich mit Studieninhalten vergleichen lassen. Mucke und Kollegen haben in Analogie zum European Credit Transfer and Accumulation System (ECTS), dem europaweit geltenden Creditpoint-System für Bachelor- und Masterabschlüsse, "hochschulkompatible Leistungspunkte in der beruflichen Bildung" entwickelt. Als man das System versuchsweise auf die IT-Aufstiegsfortbildungen anwendete, kam heraus: Alle vier operativen Professionals - IT System Manager, IT Business Manager, IT Marketing Manager und IT Business Consultant - erfüllen im Schnitt die Anforderungen des Bachelor-Niveaus. Was einschließt, dass ein IT-Entwickler möglicherweise in Mitarbeiterführung und Personal-Management noch etwas nachzuholen hat. Oder dass ein erfahrener IT-Projektleiter fundiertere Lösungen als jeder noch so pfiffige Studienabsolvent dieser Fachrichtung findet.

Die Salzgitter Service und Technik GmbH ist betrieblicher Partner der TU Braunschweig. Die Dienstleistungstochter des Salzgitter-Konzerns vermarktet dabei das in der IT-Weiterbildung gewonnene Know-how. Dagmar Reulecke und ihre Crew begleiten sechs angehende Professionals von kleineren IT-Betrieben der Region als Fachberater und Lernprozessbegleiter bis zur IHK-Prüfung. Die Kandidaten lassen zunächst ihre Kenntnisse und später den Kompetenzzuwachs messen. "So erkennen sie und wir, wo sie im Vergleich zu Uniabsolventen Wissenslücken haben." Der Vorteil für die Beteiligten an dem Projekt: Sie können gleich die zusätzlichen Qualifikationen erwerben. Das Interesse der beteiligten Firmen beschreibt Reulecke so: "Die Unternehmen verlieren gute Leute mit dualer Ausbildung nicht an die Hochschule, wenn sie Karriere am Arbeitsplatz machen können."

Brückenschlag Uni zu Wirtschaft

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert daher elf Projekte, die eine gemeinsame "Währung" für beruflich und im Studium erworbene Kompetenzen entwickeln. Zwei der Projekte - in Darmstadt und Braunschweig - sind dem Brückenschlag zwischen Unternehmen und Hochschulen im IT-Sektor gewidmet. Diese stehen aber erst am Anfang. Die Darmstädter und die Braunschweiger Beteiligten wollen eng zusammenarbeiten. Etwa bei der Frage, wie der Wissensaustausch zwischen Betrieb und Hochschule stattfinden kann. Drei Formen zeichnen sich ab: IT-Fachkräfte besuchen reguläre Veranstaltungen an der Universität - etwa wenn es um Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens geht. Außerdem werden für sie zu ausgewählten Themen Spezialkurse konzipiert. Und: In neu aufgelegten Transferprojekten erarbeiten Studierende und Berufserfahrene gemeinsam Lösungen.

Lange Zeit interessierte in Deutschland die Frage, ob und wie beruflich erfahrene Fachkräfte mit ihren Kompetenzen auch zu akademischen Weihen gelangen können, lediglich die Gewerkschaften. Dann wuchs - etwa in der IT-Branche - die Einsicht, dass ein Mix optimal ist, also die Kombination aus praktischem und theoretischem Wissen. Am schwersten taten sich die Universitäten, auf die betriebliche Seite zuzugehen. Bibb-Expertin Kerstin Mucke ist inzwischen optimistisch: "Manche Hochschule hat erkannt, dass sich so ein Engagement im europäischen Wettbewerb lohnen kann." (hk)