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08.06.2001 - 

Amerikaner wollten Macht nicht an Franzosen abgeben

Alcatel geht kein Risiko ein und bläst Kauf von Lucent ab

MÜNCHEN (CW) - Die Fusion der TK-Ausrüster Alcatel und Lucent ist gescheitert. Eine Wiederaufnahme der Gespräche scheint unwahrscheinlich. Die Franzosen hatten offensichtlich mehr Macht im gemeinsamen Unternehmen gefordert, als Lucent bereit war zuzugestehen.

Eigentlich schien schon alles klar zu sein zwischen dem französischen Anbieter Alcatel und seinem amerikanischen Pendant Lucent samt dessen Ideen- und Technologieschmiede Bell Labs. Doch dann kamen in der Nacht zum 30. Mai die Verhandlungsparteien getrennt aus der Pariser Firmenzentrale von Alcatel heraus. "Es ist absolut vorbei", sagte ein Verhandlungsteilnehmer einem wartenden Journalisten vom "Wall Street Journal". Die Verhandlungen zwischen den beiden Parteien waren gescheitert.

Nach den vorliegenden Informationen wollte Alcatel 58 Prozent des fusionierten Unternehmens für sich vereinnahmen. Dies sollte sich auch in der Anzahl der Vorstandsposten niederschlagen. Lucent war aber von einem gleichberechtigten Zusammenschluss ("Merger of equals") ausgegangen und von einer paritätischen Besetzung der Führungspositionen. Wie es heißt, wären die Amerikaner aber auch mit einem angemessenen Übernahmeaufschlag an ihre Aktionäre von Seiten Alcatels zufrieden gewesen. Da die Verhandlungspartner sich über keine der Optionen einigen konnten, waren für Lucent-Chairman Henry Schacht die Bedingungen für eine Zusammenführung der beiden Unternehmen nicht mehr gegeben.

Der Abbruch der Verhandlungen hat für Alcatel nach Meinung von Beobachtern mehr Vor- als Nachteile. Lucent befindet sich momentan nämlich in einer tiefen Krise. Die Schulden des Unternehmens sind mittlerweile auf mehrere Milliarden Dollar angestiegen. Für das zweite Fiskaljahr meldete der Konzern einen Nettoverlust von 3,7 Milliarden Dollar. Im Zuge eines Restrukturierungsprogramms sollen rund 10000 Mitarbeiter entlassen werden. Seit Ende 1999, als die Lucent-Aktie ihren höchsten Stand erreichte, ist ihr Wert auf ein Zehntel zusammengeschmolzen.

Außerdem musste Lucent, um wieder liquide zu werden, seine mit Optik- und Elektroniktechnologien befasste Tochter Agere zu ungünstigsten Bedingungen an die Börse bringen. Aus dem erhofften Geldfluss im Zuge des Börsengangs wurde nur ein Rinnsal. Ursprünglich hatte sich Lucent vom IPO 20 Dollar pro Aktie erhofft. Letztlich ging Agere aber für nur sechs Dollar pro Anteilschein in den Handel. Statt der geplanten mehr als sieben Milliarden Dollar konnte Lucent lediglich drei Milliarden einstreichen.

Zeitweise stand auch zur Diskussion, das Tafelsilber des Unternehmens, die Glasfasersparte Optical Fiber Solutions, zu verkaufen. Als potenziellen Käufer handelte die Branche Alcatel. Aber auch JDS Uniphase, Pirelli und Corning waren im Gespräch. Da Alcatel an dieser Geschäftsdivision am meisten gelegen ist, hätten die Franzosen im Falle eines Verkaufs an ein anderes Unternehmen wohl nicht die Übernahme von Lucent in Erwägung gezogen.

Die US-Börsenaufsicht SEC zeigte sich zuletzt irritiert über Lucents Jahresabschluss für dessen vergangenes Geschäftsjahr und nahm erste Untersuchungen auf. Zu allem Überfluss stuften Finanzexperten die Kreditwürdigkeit von Lucent auf riskant herab und billigten dem Papier nur noch "Junk-Status" zu. Daraufhin begab sich der Aktienkurs endgültig auf Sinkflug und schlug im April 2001 auf dem tiefsten Stand seit der Abspaltung von AT&T im Jahr 1996 auf. Meldungen, die Firma stehe vor dem Bankrott, taten ein Übriges, um das Image des Managements zu torpedieren.

Konkurs abgewendetDen Konkurs konnte Henry Schacht abwenden. Gerade noch rechtzeitig verhinderte ein Konsortium von Investmentbanken unter Federführung von Morgan Stanley den Untergang des ehemaligen TK-Tankers, wobei es galt, einen Überbrückungskredit von 6,5 Milliarden Dollar aufzutreiben.

Das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2001 schloss der Netzwerker mit einem Nettoverlust von 3,7 Milliarden Dollar oder 1,08 Dollar je Aktie ab. Im vergleichbaren Vorjahreszeitraum hatte Lucent noch 755 Millionen Dollar Gewinn erwirtschaftet. Das Ergebnis enthält Kosten für Umstrukturierungen und Entlassungen in Höhe von 2,7 Milliarden Dollar sowie einmalige Aufwendungen.

Die Umsätze von Lucent sanken im Vergleich zum Vorjahresquartal um 18 Prozent auf 5,9 Milliarden Dollar. Einschließlich der inzwischen veräußerten Geschäftsbereiche hatte das Unternehmen im zweiten Quartal des Fiskaljahres 2000 sogar 10,2 Milliarden Dollar umgesetzt.

Hohes ÜbernahmerisikoAll diese Überlegungen könnten Alcatel bewogen haben, das hohe Risiko der Übernahme eines schwer angeschlagenen Unternehmens doch nicht einzugehen. Dabei hätte Firmenchef Serge Tchuruk mit Lucent auch die legendäre Ideen- und Technologieschmiede Bell Laboratories erworben. Gegründet im Jahr 1925, zeichneten deren rund 30000 Wissenschaftler für etwa 40000 Erfindungen verantwortlich. Die Bell Labs können darüber hinaus aktuell auf 26 000 Patente verweisen. In den USA hätte eine Übernahme dieser nationalen Institution durch ein französisches Unternehmen für einen Aufschrei in der Öffentlichkeit gesorgt. Auch in Regierungskreisen herrschte Skepsis, da Lucent eine Reihe von sicherheitsrelevanten Aufträgen aus dem Verteidigungsministerium hat.

Auch bei Alcatel VerlusteEs gibt aber noch eine weitere Erklärung für die gescheiterte Fusion: Lucent-Chef Schacht dürfte die gerade veröffentlichten Zahlen von Alcatel für das zweite Quartal bei den Verhandlungen schon gekannt haben: Rund drei Milliarden Euro Verlust wiesen die Franzosen im abgelaufenen Vierteljahr aus. Die Prognosen für das gesamte Geschäftsjahr werden zudem wahrscheinlich niedriger ausfallen als erhofft. Zusätzlich plagen hohe Belastungen durch Restrukturierungskosten und Firmenwertabschreibungen den französischen Konzern.

Gerade erst gab Alcatel zudem bekannt, man werde in den kommenden Monaten drei US-Niederlassungen schließen und 900 Mitarbeiter entlassen. 480 Angestellte verlieren in einem Werk in Portland, im US-Bundesstaat Oregon, ihre Arbeit. Dort wurden Fiberglaskabel für Unterwasserverbindungen hergestellt. Diese Arbeiten werden in französischen Werken übernommen. Im kalifornischen Milpitas (300 Mitarbeiter) und in Andover (125 Mitarbeiter) im Bundesstaat Massachusetts wurden Produkte für Netzwerke von Telefongesellschaften hergestellt.

Die miesen Zahlen könnten bei Schacht zu einem Déjà-vu-Erlebnis geführt haben: 1998 übernahm Alcatel den Ausrüster von Kommunikationsgerätschaft DSC aus Plano in Texas. DSC-Wertpapiereigner wandelten ihre Aktien bei der Übernahme in Alcatel-Papiere, die seinerzeit 37 Dollar wert waren. Am 17. September, also neun Tage später, überraschte Alcatel die Finanzwelt mit Finanzergebnissen, die wesentlich schlechter als erwartet ausfielen. Der Aktienkurs halbierte sich auf 19,25 Dollar, und die DSC-Aktionäre waren verständlicherweise sauer. Vielleicht wollte Schacht verhindern, dass es seinen Aktionären bei einer Übernahme durch Alcatel jetzt ähnlich gehen würde.

Die Aktionäre beider Unternehmen hatten auf die Fusionsgespräche ohnehin nicht gerade euphorisch reagiert: Der Aktienkurs von Alcatel hatte um 3,4 Prozent nachgegeben. Lucent-Anteilseigner reagierten noch drastischer: Der Wert ihrer Papiere stürzte gleich um 9,9 Prozent ab.