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Alcatel und Lucent - Fusion mit Folgen

28.03.2006
Der französische TK-Ausrüster Alcatel und die US-amerikanische Lucent bestätigen Fusionsgespräche.

Beide Unternehmen verhandeln eigenen Angaben zufolge über einen "Merger of equals" und lehnen weitere Kommentare bis zum Abschluss der Gespräche ab. Böse Zungen fragten angesichts dieser Formulierung gleich, ob sich die Geschichte der Fusion von Daimler-Benz und Chrysler nun wiederhole. Als die Schwaben den kleineren US-Autobauer Chrysler schluckten, sollte dessen Aktionäre der Deal auch als "Merger of equals" schmackhaft gemacht werden.

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Die Situation der Konzerne in Deutschland

In Deutschland wäre Lucent im Vergleich zu Alcatel nur der kleinere Partner. Während die Franzosen hierzulande 5600 Mitarbeiter haben, zählt die Lucent-Belegschaft nur 1400 Beschäftigte. Dabei steuerte die deutsche Lucent-Dependance einen Umsatz in Höhe von 400 Millionen Euro zum Konzernergebnis bei. Alcatel Deutschland erwirtschaftete dagegen einen Umsatz von rund 1,32 Milliarden Euro. Unabhängig von der Bedeutung Deutschlands als TK-Markt, sind die hiesigen Standorte für beide Konzerne als Forschungs- und Entwicklungszentren (F&E) von strategischer Bedeutung.

So ist Nürnberg für Lucent der größte Bell-Labs-Standort außerhalb der USA, der 1996 aus der Philips Kommunikations Industrie (PKI) hervorging. Auf einer Fläche von mehr als 20000 Quadratmeter forschen in Nürnberg 1250 Mitarbeiter an hochbitratigen optischen Übertragungssystemen, wobei sie die weltweite Entwicklungsverantwortung im Konzern haben. Zudem war die Nürnberger Denkfabrik sehr aktiv in die UMTS- und HSDPA-Entwicklung involviert. Ferner arbeitet man hier im Access-Bereich. Neben Nürnberg unterhält Lucent hierzulande noch Standorte in Bonn sowie Neu-Isenburg.

Bei den Franzosen steht Deutschland als Entwicklungsstandort ebenfalls hoch im Kurs. Stuttgart ist mit 1600 Ingenieuren nicht nur eines von sechs weltweiten Forschungszentren, sondern auch der zweitgrößte F&E-Standort des Konzerns. Schwerpunktmäßig forschen die Schwaben auf den Gebieten breitbandige Zugangsnetze, optische Netze, Interaktionstechnologien, Funktechnologien sowie Mikroelektronik. Gleichzeitig ist die Schwabenmetropole Hauptsitz der Alcatel Deutschland GmbH, deren Firmengeschichte bis 1879 zurückreicht. Weitere Standorte sind Arnstadt, Berlin, Bonndorf und Hannover.

Angesichts der sich überschneidenden Forschungsgebiete Optische Netze, Access-Technologien und Funknetze spekulieren Branchenkenner bereits darüber, ob ein Großkonzern Alcatel-Lucent hierzulande Entwicklungskapazitäten abbauen würde.

Neuer TK-Gigant?

Ähnlich verhält es sich jetzt beim angestrebten transatlantischen Zusammenschluss der beiden TK-Ausrüster, deren Historie bis in das 19. Jahrhundert zurückreicht und eng mit den Anfängen der Telekommunikation und Elektrifizierung verknüpft ist. Mit einem Jahresumsatz von rund 7,8 Milliarden Euro und einem Gewinn von knapp einer Milliarde Euro wäre Lucent der Junior-Partner in der TK-Ehe. Alcatel brachte es im Geschäftsjahr 2005 auf einen Umsatz von 13,1 Milliarden Euro und verdiente 930 Millionen Euro. Mit einem Börsenwert von 20 Milliarden Dollar sticht Alcatel das US-Unternehmen (rund 12,6 Milliarden Dollar) auch bei der Marktkapitalisierung aus. Bei einem kumulierten Umsatz von über 20 Milliarden Euro würde der fusionierte Konzern selbst Branchengrößen wie Cisco, Ericsson, Nortel oder Siemens Communications überflügeln. Als potenzielle Konzernlenkerin wird Lucent-Chefin Patricia Russo (53) gehandelt. Sie könnte den kurz vor der Rente stehenden 68-jährigen Alcatel-Vorstandchef Serge Tchuruk beerben.

Konzentration aufs Wesentliche

Beide Unternehmen haben eine harte Rosskur hinter sich. Dabei haben sie sich von ihrem ursprünglichen Kerngeschäft entfernt. Lucent war 1996 nach der Zerschlagung von AT&T abgespalten worden und beherbergt die weltberühmten Bell Labs, aus denen Erfindungen wie etwa der Transistor hervorgegangen waren. Die AT&T-Tochter spaltete ihrerseits das Corporate Network Business als eigenständiges Unternehmen Avaya ab und gliederte den Mikroelektronik-Bereich als Agere Systems aus. Alcatel, 1998 aus Alcatel Alsthom entstanden, entwickelte sich unter der Führung von Tchuruk vom Mischkonzern zum TK-Unternehmen. Tchuruk trennte sich vom Eisenbahngeschäft (Alsthom), dem Nuklearbereich (Framatome), der Handy-Herstellung sowie dem Medien- und Verlagswesen und verkaufte die DSL-Modem-Sparte an Thomson Electronics.

In Analystenkreisen war das Echo auf die mögliche Fusion zweigeteilt. So unkten die Skeptiker über eine Hochzeit der TK-Dinosaurier oder werteten die geplante Fusion lediglich als Flucht vor den aufstrebenden TK-Schwergewichten Huawei und ZTE aus China. Andere dagegen halten den Zusammenschluss durchaus für sinnvoll und glauben, dass sich die beiden Partner ergänzen: So bringe Lucent seine starke Marktposition in den USA in die Ehe mit ein, während Alcatel in Europa eine führende Rolle spielt. Die Marktforscher von Ovum meinen beispielsweise, dass Alcatel im Festnetzgeschäft, etwa in Sachen DSL Weltmarktführer ist und beim Zukunftsthema Triple-Play - dem Übertragen von Video, Daten und Telefonie über eine Leitung - hervorragend positioniert ist. Lucent dagegen könne im Mobilfunksektor punkten. Die Amerikaner rüsten zahlreiche UMTS-Netze mit dem schnellen Datenturbo HSDPA aus. Dafür wird ihre Position im Festnetzgeschäft als eher schwach eingeschätzt.

Andere Beobachter sehen die Fusion indes nur als logische Konsequenz der Konsolidierung im Carrier- und Internet-Provider-Geschäft. Mit der sinkenden Zahl an potenziellen Kunden, müsse sich auch die Menge der Anbieter verringern. Deshalb sei die diskutierte Fusion von Alcatel und Lucent nur der Auftakt zu einer neuen Übernahmerunde, die etwa Siemens Communications, Nortel und andere betreffen könnte.

Überschneidungen im Portfolio

So sinnvoll der Merger mit Blick auf die erwartete Branchenkonsolidierung auch sein mag, in der Praxis überschneidet sich das Portfolio beider Konzerne dennoch. Lucent ist in Europa beispielsweise ein direkter Konkurrent des DSL-Weltmarktführers Alcatel und kann mit T-Online in Frankreich oder Arcor in Deutschland prominente DSL-Kunden aufweisen. Strittig dürfte im Falle einer Fusion auch sein, wer beim Thema Next Generation Networks die Federführung übernimmt. Zwar wird Alcatel hier in Sachen Triple-Play ein Entwicklungsvorsprung nachgesagt, doch Lucent ist mit seiner Multimedia Access Platform ebenfalls sehr aktiv und kann mit dem IP Multimedia Subsystem (IMS) bei der Konvergenz der Netze punkten. Eine weitere Überschneidung ergibt sich bei Voice over IP. Hier lobte etwa Gartner in der Vergangenheit immer wieder die ausgefeilte Migrationsstrategie der Franzosen sowie deren Integration in IBM Websphere. Zudem engagieren sich beide Unternehmen stark in Sachen Optical Networking.

Die Rolle der Politik

Neben den wirtschaftlichen Fragen hat die Fusion noch eine politische Dimension. Sollte Alcatel als der größere Partner Lucent schlucken, dann würden die Amerikaner mit den 1925 gegründeten Bell Labs einen ihrer großen Think Tanks verlieren, der zudem immer eine bedeutende Rolle bei der Ausstattung des US-Militärs mit Kommunikationstechnologie spielte. Dass US-Präsident George W. Bush dies ohne Widerstand hinnehmen würde, darf bezweifelt werden, zumal sich die Franzosen mit ihrem vehementen Nein zum zweiten Golfkrieg keine Freunde in den USA machten. Insider berichten, dass die Amerikaner bereits fordern, dass Lucents militärische Forschung von einem separaten Aufsichtsgremium kontrolliert werden solle, das ausschließlich mit US-Amerikanern besetzt ist. Umgekehrt halten es viele Branchenkenner für undenkbar, dass ein Konzern Lucent-Alcatel seinen Hauptsitz in den USA haben könnte. Hierzu sei der Konzern viel zu eng mit dem französischen Staat verwoben, etwa durch seine Beteiligung am Rüstungsunternehmen Thales, das zu 31 Prozent in Staatsbesitz ist. Vor einem möglichen Merger solle Acatel seine Satellitensparte und andere Aktivitäten an Thales veräußern. (hi)