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15.09.1978

Alpträume

In den fünfziger Jahren kamen Experten zu der erstaunlichen Schlußfolgerung, daß auf der ganzen Welt nur zehn "Elektronengehirne" benötigt wurden. (Inzwischen arbeiten mehr als hunderttausend Computer - von den Mikroprozessoren und Terminals ganz zu schweigen.)

In den sechziger Jahren weissagte man uns, daß in absehbarer Zeit jeder einen "Heimcomputer" auf dem Nußbaum-Sideboard stehen haben würde. (Der Platz auf meinem Sideboard ist immer noch leer .)

Im Juni 72 konnte man in einer Fachzeitschrift lesen, daß der Fernkopierer jenes Gerät sei, das - den Verlautbarungen der Futurologen zufolge - eines Tages in jeder Wohnung steht und die Morgenzeitung beschert. (Heute - fast sechs Jahre später - wird meine Morgenzeitung immer noch von einem Boten gebracht.)

Nun, auch Futurologen können irren, und der Unterschied zwischen einer Prognose und einem Horoskop besteht oft nur aus der unterschiedlichen Bezeichnung für das jeweilige Elaborat. Verblüffend ist jedoch, mit welcher Euphorie jede neue Prophezeiung aufgenommen wird. Jetzt verspricht man uns zum Beispiel "die Zeitung aus dem Fernseher" - und es soll sogar Leute geben, die daran glauben!

Zur Zeit stellen die Zeitungs- und Zeitschriften-Verlage mit einem enormen Kostenaufwand (und in zähem Ringen mit den Gewerkschaften) auf elektronische Satzherstellung und "Bildschirm-Redaktionen" um. Wenn die Zukunfts-Visionen (Videotext und Bildschirmtext) Realität würden, wären die ganzen Investitionen verloren - und Tausende von Arbeitsplätzen würden überflüssig. Denn wer kauft noch eine Zeitung, wenn er sie bequem "aus dem Fernseher holen" kann? Daß die Gewerkschaften da nicht mitmachen, dürfte wohl jedem klar sein. Doch das ist nur ein Aspekt dieser phantastischen Entwicklung.

Geplant sind Videotext und Bildschirmtext. Während bei Videotext die Informationen zusätzlich zum Fernsehprogramm - in der sogenannten Austastlücke - übertragen werden, wird bei Bildschirmtext das Fernsprechnetz dazu benutzt. Der Benutzer benötigt bei Videotext zusätzlich zu seinem Fernsehgerät: einen Decoder, einen Textspeicher (pro TV-Programm kann ein Text von etwa hundert Seiten übertragen werden) und einen ,,Textwählers", mit dem er die gewünschte Seite auswählt (die dann auf den Bildschirm übertragen wird).

Natürlich können Decoder und Speicher in das Fernsehgerät eingebaut werden (und der Textwahler in die Fernbedienung), aber . . .laut Angaben der DBP "besitzen etwa 95 Prozent aller Haushalte einen Fernsehempfänger (Ich zage das zu bezweifeln ).

Noch "teurer" wird es für den Benutzer bei Bildschirmtext; er braucht: einen Fernsehempfänger "der neuen Generation" (Definition der DBP) mit eingebautem Bildschirmtext-Decoder, ein Anpassungsgerät "Modem" (das garantiert nur von der Post angemietet werden kann) und einen Fernsprechanschluß. Selbst wenn man die Fernsprechgebühren (und den eventuellen "Minuten-Takt") nicht berücksichtigt, muß man doch wohl fragen: "Wer soll das bezahlen?"

Und das bei einer Million Arbeitsloser.

Die DBP rechnet für 1985 mit einem Fernsprech-Versorgungsgrad von über 90 Prozent aller Haushalte. Sicherlich ist doch die Frage erlaubt, was aus den restlichen zehn Prozent werden soll - wenn es dann keine "Zeitungen" mehr gibt Eine neue Plebejer-Kaste oder "Asozialen " -Gruppe?

Aber das Problem ist ja noch viel umfangreicher: Fernsehgerät, Fernsprechanschluß und Modem bilden zusammen ein System Bei einer Störung in diesem System müssen unter Umständen drei verschiedene Techniker herangezogen werden (denn nicht jeder Fernsprechtechniker ist auch ein Modem-Spezialist). Von möglichen Leitungsstörungen (die es ja auch jetzt beim Fernsprechsystem gibt) und Ausfällen in den Bildschirmtext-Zentralen gar nicht zu reden.

Jeder, der einmal in der Datenverarbeitung die Schwierigkeiten bei Fehlern in Datenübertragungsoder Mixed-Hardware-Systemen erlebt hat, muß doch apokalyptische Visionen bekommen. Und last not least muß man sich fragen, ob das "Angebot" der DBP nicht am Bedarf vorbei geplant ist. Da werden zum Beispiel im Rahmen von Bildschirmtexten folgende Dienstleistungen angeboten:

- Rechendienstleistungen (Aufstellung eines Lohnsteuer-Jahresausgleich)

In den nächsten Jahren werden die Mikroprozessoren immer billiger, werden und damit die "Heimcomputer" tatsächlich für den einzelnen finanzierbar und effizient Programme für Steuererklärungen werden bestimmt mitgeliefert werden.

- Warenbestellungen beim Versandhandel

Das Ausfüllen einer Bestellkarte ist für den Kunden sicherlich einfacher und billiger Außerdem kann er dabei eine Kopie erstellen und hat somit eine Unterlage über seine Bestellungen.

- Buchungen von Ferienreisen

Das Gespräch im Reisebüro kann meines Erachtens nicht durch die "unpersönliche" Bildschirminformation ersetzt werden.

- Dialog mit Bausparkassen und Banken (Finanzierung etc. )

Da wird sich doch mancher Bürger - überhaupt nach dem "Theater" um das Datenschutzgesetz - fragen, ob die erforderliche Geheimhaltung wirklich gewährleistet ist .

- Durchführung von Tests (Selbstprüfung durch Eignungstests)

Was soll das? Wer wird die Testergebnisse schon anerkennen, Unternehmen und Unternehmensberater bestimmt nicht.

Und Tests nur so zum Spaß? Ich meine, davon haben wir - in den Illustrierten - jetzt schon zu viele.

Und zum Abschluß noch etwas zum Lachen. Ich zitiere aus einer Broschüre der DBP:

"Mit Hilfe des programmgeführten Suchens wählt der Teilnehmer zunächst seine persönlichen Wunsche aus, zum Beispiel über die Lage des Restaurants, Art der Küche (deutsch, französisch, chinesisch), Menüpreise (unter 10 Mark, 10 bis 20 Mark, über 20 Mark). Danach erhält er dann die für seinen Geschmack und Geldbeutel in Frage kommenden Restaurants mit Angaben über Adresse, Ruhetag, Spezialitäten, Speiseplan .. . dargestellt."

Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon, wie die Köche - statt über den Kochtöpfen - über der Dateneingabe-Station für den Menuplan schwitzen. Brillat-Savarin wurde sich im Grabe umdrehen.