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19.12.2003 - 

Jahresrückblick/Jahresrückblick 2003 Juli bis September

Als die IT-Branche erwachsen wurde (III)

2003 war ein Jahr, in dem sich die Firmen die Wunden leckten. Konsolidierung war ein Schlagwort wie auch Kostenreduzierung um jeden Preis. Das Thema Outsourcing kam bei deutschen Firmen, insbesondere aus der Finanzwelt, ganz groß in Mode. Genauso groß waren aber auch die Flops, die die Auslagerung von IT mit sich brachte. Überhaupt war es das Jahr von Pleiten, Pech und Pannen.

JULI

EMC, Anbieter von Massenspeichersystemen und Speichersoftware, kauft im Sommer Legato Systems für 1,3 Milliarden Dollar und erwirbt gleichzeitig die Rechte an der Produktlinie "Patrol Storage Manager" von BMC. Der Legato-Kauf wird komplett im Aktientausch abgewickelt.

In Deutschland kündigt sich im Hochsommer eine Posse an, die ihresgleichen sucht und irgendwie in das Land passt, das sich zunehmend mit sich selbst beschäftigt und in der eigenen Problemdiskussion zu ersticken droht: Hauptdarsteller sind ein Bundesministerium und zwei weltweit agierende Großkonzerne. Anfang Juli warnen Vertreter des Deutschen Speditions- und Logistikverbands (DSLV) davor, das Lkw-Mautsystem auf Deutschlands Autobahnen zum 31. August zu starten.

Totales Chaos

Die technischen Probleme seien vielfältig, es drohe das totale Chaos auf den Schnellstraßen. Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe wiegelt ab, will von den Bedenkträgern nichts wissen. Daimler-Chrysler (DC) und die Deutsche Telekom, die gemeinsam mit dem französischen Autobahnbetreiber Cofiroute in dem Joint Venture Toll Collect das Mautsystem aufbauen sollen, bekommen die Schwierigkeiten aber nicht in den Griff. Von nun an wird das Lkw-Maut-System zum innenpolitischen Zankapfel.

Ende Juli kauft sich Business Objects den Konkurrenten Crystal Decisions für 830 Millionen Dollar. Damit entsteht ein neues Schwergewicht im Markt für Analyse- und Reporting-Tools. Crystal Decisions bringt seine Berichts- und Analysewerkzeuge in die Ehe ein, Business Objects kann mit einer umfassenden Produktsuite für Business Intelligence (BI) aufwarten.

Großreinemachen mitten im Sommer auch bei EDS Deutschland: Der weltweit zweitgrößte IT-Dienstleister hat von seinem neuen Chef Michael Jordan eine strategische Neuausrichtung verpasst bekommen, wonach man sich auf die Kernthemen IT-Outsourcing und Business Process Outsourcing konzentrieren will. Das Projektgeschäft spielt in Jordans Überlegungen keine Rolle mehr. Ergo werden nach den Berechnungen des EDS-Chefs auch weltweit rund 2700 Arbeitsplätze obsolet, 800 davon in Deutschland.

Bei der Software AG hat Karl Heinz Achinger als Interimschef einen alten Bekannten als Nachfolger auf dem Chefposten durchgedrückt: Karl-Heinz Streibich , zuletzt stellvertretender Vorsitzender der T-Systems International, wird zum 1. Oktober Vorstandsvorsitzender der SAG. Achinger kann sich wieder in den Aufsichtsrat zurückziehen.

AUGUST

Anfang August bewegt sich Bundesverkehrsminister Stolpe doch: Die technischen Probleme des Mautsystems sind dermaßen unübersehbar, dass nun auch Berlin einsieht, dass der Start des satellitengestützten Abrechnungssystems am 31. August nicht mehr zu verwirklichen ist. Stolpe räumt eine Frist von zwei Monaten ein, das Trauerspiel um Schuldzuweisungen und technischer und projektverantwortlicher Inkompetenz geht weiter. Michael Rummel, führender Kopf bei Toll Collect, sieht aber keine Probleme.

Seit Monaten liegt nun SCO im Clinch mit IBM und der Szene der Offene-Software-Gemeinde wegen seiner Klage gegen Big Blue und der Androhung, kommerzielle Benutzer von Linux ebenfalls vor den Kadi zu ziehen. Jetzt dreht Red Hat den Spieß um und will SCO mit einer Klage zwingen, die Behauptung mit Beweisen zu untermauern, Linux enthalte urheberrechtlich geschützten Unix-Code. Matthew Szulik, Chef von Red Hat, sieht sich als Robin Hood der Open-Source-Bewegung und formuliert, jemand müsse ja "aufstehen und handeln". Es gehe um den Bestand einer Industrie.

Dem ehemaligen Vorzeigeunternehmen Intershop steht derweil das Wasser bis zum Hals. Die Jenaer E-Business-Spezialisten hatten Anfang Juli Pläne offenbart, die das drohende Ende des früher hoch gelobten Unternehmens verhindern sollten. Im August hat sich außer Entlassungen jedoch noch nichts getan. Von jetzt noch 450 Mitarbeitern sollen 200 gehen. Den Thüringern zerfließen aber die Bargeldreserven förmlich zwischen den Händen, die Gesamtliquidität reduziert sich rasend von 16,7 auf 10,8 Millionen Euro. Ein Ende ist nicht abzusehen.

BMC Software, Anbieter von System-Management-Lösungen, macht einen Nettoverlust von 6,1 Millionen Dollar. Hört sich nicht so dramatisch an. Trotzdem wollen die Texaner 13 Prozent oder 900 ihrer insgesamt 6800 Mitarbeiter entlassen. Unter anderem will man Entwicklungsarbeiten ins Ausland verlagern - Offshore also.

Das Thema kocht im August auch in Deutschland richtig hoch. Philippe De Geyter, Vorstandsmitglied der Deutschen Leasing AG, provoziert heftige Reaktionen in der Branche mit seiner Aussage, man bekomme zwar viele billige Offshore-Provider in Indien, "dafür aber auch billige Ergebnisse".

Was in den USA von einer unternehmerfreundlichen Bush-Regierung und deren US-Justizministerium Ende 2001 in einem wachsweichen außergerichtlichen Vergleich verhindert werden konnte, könnte für Microsoft in Europa sehr viel unangenehmer werden: EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti zieht die Zügel an und droht, die Gates-Company müsse mit harten Auflagen und einer Geldstrafe in Milliardenhöhe rechnen, wenn sie nicht der Aufforderung folge, zu den Vorbehalten der Kommission Stellung zu beziehen. Auch diese unterstellt wie die US-Justiz wettbewerbsrechtliches Fehlverhalten. Tut Microsoft das nicht, könnte theoretisch unter anderem ein Bußgeld in Höhe von zehn Prozent des Jahresumsatzes fällig werden - im Ende Juni 2003 abgelaufenen Geschäftsjahr waren dies 32,19 Milliarden Dollar gewesen. Allerdings weist das Unternehmen Barreserven von sage und schreibe 49 Milliarden Dollar auf. Auch eine Rekordstrafe würde also Microsoft nicht wirklich erschüttern.

Und auch die IBM lässt mal kurz die Muskeln spielen: Sie reicht gegen SCO eine Widerklage ein und argumentiert, SCO habe selbst jahrelang Linux unter der General Public License (GPL) vertrieben und die Open-Source-Lizenz mannigfaltig verletzt. Außerdem würden vier Produkte von SCO gegen Patente von Big Blue verstoßen. Viel Feind, viel Ehr heißt es zwar im Volksmund. Trotzdem könnte es für SCO-Chef Darl McBride langsam etwas eng werden - nicht zuletzt finanziell.

Der Sommer ist heiß wie keiner in jahrzehnten zuvor, und bei der Dresdner Bank geraten die Mitarbeiter ganz besonders ins Schwitzen: Vorstandschef Herbert Walter will dem 2001 von der Allianz übernommenen Unternehmen eine Kostenreduzierung von einer Milliarde Euro verpassen. Die Hälfte hiervon soll allein der IT-Bereich sparen. Bis Ende 2003 sollen insgesamt 11000 Mitarbeiter ihren Job verlieren, innerhalb von zwei Jahren weitere 4700 entlassen werden. Von ursprünglich 51000 Mitarbeitern wäre dann fast ein Drittel in eine existenzielle Krise gestoßen worden.

Trendsetter = Flop

Ein vermeintlicher Trendsetter der IT-Branche entwickelt sich zum kapitalen Flop: Tablet PCs waren von Firmen wie Microsoft und HP als Nonplusultra an Mobilität und Flexibilität verkauft worden. Die Konsumenten sehen das anders, und IDC errechnet, dass von April bis Ende Juli 2003 in Europa, dem Nahen Osten und Afrika nur 19100 Geräte an den Mann und die Frau gebracht werden konnten. Gegenüber dem ersten Quartal brach der Absatz um 31 Prozent ein. Traditionelle Notebooks erlebten dagegen einen satten Aufschwung und konnten im gleichen Zeitraum um 39 Prozent zulegen.

Ende August scheint beschlossene Sache, dass die Münchner IT-Messe Systems ein Debakel erleben wird. Die Veranstalter prognostizieren einen Rückgang der Ausstellerzahl um 25 Prozent. Schon im Vorjahr hatte die Messe einen ebensolchen Schwund verzeichnen müssen.

Konsolidierung der IT steht auch im Jahr 2003 hoch im Kurs. Die Ergo-Versicherungsgruppe stemmt diesbezüglich ein beispiel- haftes Projekt: Sie fasst die IT von vier Versicherungsunternehmen zusammen. Künftig soll der interne IT-Dienstleister Itergo Informationstechnologie GmbH die IT-Belange der Victoria, Hamburg-Mannheimer, DKV und DAS steuern. Verantwortlich zeichnet unter anderem eine Frau: Bettina Anders aus der Itergo-Geschäftsführung soll das Herkules-Projekt in geordnete Bahnen lenken.

Mobilcom kommt nicht zur Ruhe: Als der Sanierungsplan des Vorstandsvorsitzenden Thorsten Grenz schon Früchte zu tragen scheint und das Unternehmen aus den Negativschlagzeilen kommt, wird bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Kiel gegen Gerhard Schmid Anklage wegen Untreue in 22 Fällen erhoben hat. 16 Millionen Euro soll der Mobilcom-Gründer dem Unternehmen entzogen haben. Kurz zuvor hatte allerdings Schmids Anwalt ebenfalls Klage wegen Untreue gegen Grenz eingelegt.

Die Relevantive AG aus Berlin hat es genau wissen wollen und Ende August 80 Personen einem Test unterzogen: 60 sollten in einer Linux-, 20 in einer Windows-XP-Umgebung identische Aufgaben in einer typischen Büroumgebung erledigen. Hierzu zählte die Bearbeitung eines Textes genauso wie die Installation eines Bildschirmschoners, das Brennen einer Musik-CD und der Umgang mit E-Mails, einem Terminkalender und einer Adressendatei. Ergebnis: Beide Umgebungen waren bezüglich der intuitiv erfassbaren Bedienung im Wesentlichen gleich. Frage bleibt allerdings: Für welches Lager spricht dieses Ergebnis nun?

SEPTEMBER

Neu ist das Thema nicht, aber im September spitzt es sich zu: Softwarepatente sind heftig umstritten. Das Europäische Parlament muss die Abstimmung über einen Gesetzesvorschlag verschieben, weil sich Gegner und Beführworter der Patentierbarkeit teilweise wüst bekämpfen. Eine Einigung rückt in weite Ferne.

Mal wieder was von der Maut-Baustelle: Da starteten die Beteiligten einen Probebetrieb, der Voraussetzung für den Stapellauf sein soll. Nach nur einem Tag kommen Spediteure, Lkw-Fahrer und die Politik in Berlin zu verheerenden Erkenntnissen: Nichts funktioniert. Der 2. November als geplanter Beginn des offiziellen Betriebs wird als unrealistisch abgetan. Toll-Collect-Geschäftsführer Michael Rummel hält aber tapfer an dem Termin fest. Mittlerweile wackelt aber sein Stuhl bereits bedenklich.

Derweil geht der Übernahmepoker zwischen Oracle und Peoplesoft in seine hässliche Phase über: Jetzt beschuldigt das Übernahmeobjekt den Möchtegern-Okkupator, der habe mit seiner Fusionsankündigung Peoplesoft eigentlich nur schaden wollen, indem dessen Kunden verunsichert werden sollten. Außerdem wolle Larry Ellison lediglich die Firmenverschmelzung von Peoplesoft mit J.D. Edwards hintertreiben. Peoplesoft legt als Beleg für seine Thesen E-Mails von hochrangigen Oracle-Managern vor. Dummerweise existieren die nur in Auszügen. Prompt kontert Oracle mit einer Verfügung, Peoplesoft solle doch den gesamten Mail-Verkehr veröffentlichen. Dann werde sich zeigen, dass die inkriminierten Zitate aus dem Zusammenhang gerissen worden seien.

Schlecht gelaunter Minister

Und wieder lagert ein Finanzdienstleister seine IT aus: Die Westdeutsche Landesbank gibt ihre Rechenzentrums- und Druckdienstleistungen in die Obhut der Telekom-Tochter T-Systems. Klaus Geiger, Vorstandsmitglied der West LB, führt das bekannte Argument für die Entscheidung an: Kostensenkungen. Der Fünf-Jahres-Vertrag hat ein Volumen von 200 Millionen Euro.

Schlecht gelaunt reagiert Bundesinnenminister Otto Schily bei der Vorstellung des Polizei-Fahndungssystems Inpol-Neu des Bundeskriminalamts (BKA) auf die Frage, ob es sich hierbei nicht um das alte System mit neuer Hardware handele. Inpol-Neu sei ein "hochmodernes und leistungsfähiges Computersystem", der heutige Tag sei ein "sehr guter für die Sicherheit der deutschen Bürger und ein schlechter für die Kriminellen", raunzt der SPD-Politiker.

Die von Stadträtin Christine Strobl aus München Ende Mai prophezeite "Signalwirkung" des Umstiegs auf Linux und Open-Source-Applikationen tritt ein: Mitte September überlegt auch Wien den Einsatz von Linux auf 15000 PCs. Daneben denken die neun rheinland-pfälzischen Städte Mainz, Kaiserslautern, Alzey, Koblenz, Landau, Neustadt/ Weinstraße, Speyer, Trier und Worms über Alternativen zum Microsoft-Kosmos nach. Und auch die Polizei Niedersachsens nutzt für ihr Vorgangsbearbeitungssystem knapp 12000 PCs und Server unter Linux.

Ein neuer Dienstleistungsgroßkonzern entsteht in Frankreich, nachdem Atos Origin den Konkurrenten Schlumberger Sema für rund 1,3 Milliarden Euro Ende September übernimmt. Mit 50000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 5,6 Milliarden Euro (auf Basis der Zahlen des Jahres 2002) setzen sich die Franzosen hinter IBM Global Services, EDS und T-Systems auf Platz vier der größten IT-Dienstleister des alten Kontinents.

Und wieder kann T-Systems einen großen Outsourcing-Vertrag melden. Diesmal übernimmt die Telekom-Tochter die Rechenzentren, Netzwerke, Anwendungen und den internationalen Helpdesk der Wuppertaler Vorwerk Unternehmensgruppe. Die rund 200 Mitarbeiter der hausinternen IT-Division Zeda des Staubsaugerherstellers wechseln unter die Fittiche der T-Systems.

Trauer und Wut in Flensburg: Der dortige Motorola-Standort zur Produktion von GSM-Handys soll massiv verkleinert werden, 600 der 1800 Mitarbeiter verlieren ihren Job. Die Produktion soll nach China ausgelagert werden, Support will das US-amerikanische Unternehmen von Osteuropa aus erbringen lassen.

Ein Outsourcing-Deal lässt die gesamte IT-Branche aufhorchen: HP soll weltweit rund 150000 PCs von Daimler-Chrysler warten, Software-Updates einspielen, für standardisierte Konfigurationen sorgen etc. DC-CIO Sue Unger wird sofort von ihren Kollegen insbesondere aus Europa unter Beschuss genommen. Regionale Partner seien besser geeignet für die Auslagerung der PC-Landschaft als ein auf dem Papier global agierender Kooperant wie HP.

Jan-Bernd Meyer, jbmeyer@computerwoche.de