Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

24.08.1990 - 

Nur für branchenunabhängige Anwendungen geeignet

Als Waffe im Wettbewerb taugt Standardsoftware nicht

*Franz Mugrauer ist selbständiger Methodenberater in Nettetal.

Software von der Stange erfüllt nur dann ihren Zweck, wenn sie weitgehend unmodifiziert eingesetzt werden kann. Für vertikale Anwendungen stehen die Vorteile der vorgefertigten Pakete außer Frage; geht es jedoch um branchenspezifische Eigenarten oder Wettbewerbsvorteile, so plädiert Franz Mugrauer für die Individualsoftware.

Die sogenannte Softwarekrise bei der individuellen Systementwicklung ist so alt wie die Datenverarbeitung selbst. Nur wenige Unternehmen haben die Ursachen analysiert und behoben. Der überwiegende Teil ist damit beschäftigt, die aufgrund der dynamischen Marktentwicklung sich ergebenden Hard- und Softwaremöglichkeiten einzusetzen.

Auch die ausgefeilten Vorgehensmodelle haben sich in der Praxis nicht bewährt. Die wenigen positiven Beispiele deuten höchstens an, daß diese Modelle unter idealen Bedingungen funktionieren können; doch diese Bedingungen werden in der Regel nicht angetroffen.

Nachdem bessere Hardware, mächtige Werkzeuge und methodische Vorgehensmodelle nicht zu den gewünschten und prophezeiten Erfolgen geführt haben, blieb den Anwendern als letzter Ausweg der Einsatz von Standardsoftware. Diese Entscheidung ist jedoch nur dann richtig, wenn die Standardausführung die vorhandenen Probleme löst. Muß hingegen die Software so stark modifiziert werden, daß ein Release-Wechsel 18 Mannmonate Anpassungsaufwand erfordert, so handelt es sich allenfalls um eine Pseudo-Standardsoftware.

Eine gute Bedieneroberfläche garantiert ebenfalls weder eine sachgerechte Lösung der Fachprobleme noch die Wirtschaftlichkeit des Systems. In einem mir bekannten Fall hat der Einsatz eines Standard-Vertriebssystems beinahe zum organisatorischen Kollaps eines 800 Mitarbeiter starken Unternehmens geführt - und das ist sicher kein Einzelfall.

Die Unternehmen benötigen selbstverständlich Standardsoftware für branchenunabhängige Bereiche wie Buchhaltung, Kostenrechnung sowie Lohn und Gehalt. Bei den branchenabhängigen Anwendungen ist dagegen sorgfältig zu prüfen, ob das Standardsystem die Probleme der jeweiligen Branche tatsächlich löst und inwieweit es eine Verbesserung der bestehenden Organisation mit sich bringt.

Gerade im Bereich der Vertriebs- und Auftragsabwicklung kann ein individuell abgestimmtes System enorme Vorteile bieten: Während Standardsoftware - aus verständlichen Gründen - eine hohe Breitenwirkung hat, kann ein individuelles System tief in die Branchenproblematik vordringen.

Allerdings eignen sich nahezu alle heute angewandten Entwicklungsverfahren nur zur

Erstellung begrenzter Systeme; bei komplexen betrieblichen Organisationsstrukturen und Fertigungsprozessen versagen sie. Es ist praktisch unmöglich, ein gesamtes System - vom Auftragseingang bis zur Warenauslieferung - auf einmal zu konzipieren und zu realisieren. Wie wollen Sie zum Beispiel ein Datenmodell entwerfen, wenn Sie die Daten noch nicht einmal kennen, weil sie sich in irgendeiner Schublade oder im Kopf eines Mitarbeiters befinden?

Betriebliche Organisations- und Datenstrukturen sind nicht fix, sondern einer permanenten Änderung unterworfen. Also wäre eine laufende Nachbesserung erforderlich, ohne daß die Auswirkungen auf das System real getestet werden könnten. Die Kosten eines solchen Projektes, die Ansprüche an die fachliche Qualifikation der Projektmitarbeiter, die Problematik der Installation und das Risiko des Scheiterns sprechen gegen eine solche Vorgehensweise.

Wie dieses Problem zu lösen ist, wird deutlich, wenn man die Informationsverarbeitung mit dem Städtebau vergleicht: Zunächst sollte eine Infrastruktur geschaffen werden, die es ermöglicht, sukzessive die Systemteile und einzelnen Schritte aufzubauen und einzusetzten. Außerdem sind Richtlinien aufzustellen, mit deren Hilfe das

Bauen und Erhalten der Systemkomponenten möglich ist. Beispielsweise läßt sich der Datenanschluß in einem Programm ähnlich einem Wasseranschluß in einem Haus gestalten.

Die Bildschirmmasken und deren Bedienung müssen standardisiert werden, damit der Benutzer diese Tätigkeiten automatisieren kann. Auf dieser Basis ist es dann möglich, ein Rahmenprogramm zu gestalten, in dem später lediglich der individuelle Teil ergänzt werden muß. Namens- und Schlüsselkonventionen sind festzulegen - vergleichbar den Straßennamen und Hausnummern in einer Stadt -, die Lebensdauer der Daten sollte bestimmt und eine steuerbare automatische Entsorgung organisiert werden.

Arbeitsbedingungen für die Menschen verbessern

Das Ziel der Informationsverarbeitung besteht darin, die richtigen Daten und Informationen zum erforderlichen Zeitpunkt sicher zur Verfügung zu stellen, ohne Menschen, Organisationsmittel und Kapital zu überfordern. Das Management muß nun dafür sorgen, daß sich die Entwicklung harmonisch auf diese Zielsetzung hin bewegt. Eine einseitige Schwerpunktbildung führt zur Überforderung der Einsatzfaktoren, das heißt, der größtmögliche Erfolg wird nicht erreicht.

Allerdings ist ohnehin immer nur eine nach den gegebenen Umständen mehr oder weniger große Annäherung an die Zielsetzung und an die geforderte Harmonie erreichbar. Je größer das Problem, um so schwieriger die gemeinsame Ausrichtung auf die Zielsetzung hin - obwohl das Ziel selbst unumstritten ist.

Wenn Sie nur wenige Faktoren (zum Beispiel Programme und Dateien) einsetzen, so sind Lokalisierung, Analyse und Behebung von Störungen einfach. Haben Sie hingegen Hunderte von Programmen und Tausende von Dateien im Einsatz, so benötigen Sie ein festgelegtes Verfahren, um Probleme zu lösen. Für die Systementwicklung bedeutet dies, daß die Erstellung von immer komplexeren Informations- und Abwicklungsprozessen nicht revolutionär, sondern evolutionär erfolgen muß.

Der Entwicklungsprozeß soll dazu führen, die Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Menschen zu verbessern. Es nützt dem Mitarbeiter nichts, wenn seine Störungsquote statt früher fünf Prozent dank Systemunterstützung nur noch zwei Prozent beträgt, solange die Auswirkungen für ihn gleich sind (beispielsweise eine Abmahnung!). Das Unternehmen hat auch nichts davon, wenn Störungsursachen vertuscht statt analysiert werden und der Entwicklungsprozeß dadurch stagniert.

Die Informationsverarbeitung braucht "Architekten", die in der Lage sind, Informations- und Abwicklungssysteme zu konzipieren, die den betroffenen Menschen eine reale Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen bieten. Weiter sind "Ingenieure" gefragt, die diese Konzeptionen schrittweise realisieren. Damit die "Handwerker" zum Einsatz kommen können, bedarf es leicht verstellbarer Bauverfahren.

08/15-Software verschafft keinen Vorsprung

Kein noch so komfortables System-Entwicklungswerkzeug wird uns bei der Lösung von organisatorischen Problemen helfen, denn auf der organisatorischen Ebene läßt sich ein Problem unabhängig von den eingesetzten Organisationsmitteln lösen - variabel ist nur der Aufwand. Beispielsweise ist die Datenbank keineswegs eine Erfindung unseres Zeitalters, sondern muß einem kreativen Sumerer zugeschrieben werden, der auf die Idee kam, seine Kunden- und Auftragsdaten auf einer Tontafel zu "speichern".

Mag die individuelle Software noch so gut sein, sie wird niemals den motivierten, an der Zielsetzung des Unternehmens orientierten Mitarbeiter ersetzen. Der Versuch, "künstliche Intelligenz" zu erschaffen, ist genauso unsinnig, wie die im Mittelalter unternommenen Experimente zur "Goldherstellung". Intelligenz beginnt bei der Kreativität, und Programme werden nie kreativ sein.

Gute Informationssysteme tragen in verstärktem Maß zum Überleben der Unternehmen im Konkurrenzkampf bei; Software, die jeder hat, verschafft kaum einen Vorsprung. Die Amerikaner sagen: Business is like war! Wenn Sie die individuelle Software als Waffe betrachten, haben sie den Krieg damit zwar noch nicht gewonnen, Sie haben aber ihre Chancen für einen Sieg verbessert.