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21.05.1999 - 

Expertengespräch der Hanns-Seidel-Stiftung

Alte Strukturen verhindern den Weg in die Wissensgesellschaft

Von Ingrid Weidner* "Qualifizieren statt entlassen" lautete das Motto des Zukunftsforums der Hanns-Seidel-Stiftung in München. Die Arbeitswelt von morgen brauche neue Visionen, war der Tenor der Veranstaltung. Dabei kommt der IT-Branche als Jobmaschine eine zentrale Rolle zu.

"Das größte Hindernis der Zukunftsindustrien ist die fehlende Qualifikation der Mitarbeiter", so Rudolf Gallist, General Manager von Microsoft, auf der Münchner Veranstaltung. Die vielen unbesetzten Stellen in der IT-Branche führten zu einem verschärften Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter. Gallist appellierte an alle Interessenten, die neuen Chancen des Arbeitsmarktes zu nutzen. Nur wer sich ständig weiterbilde, könne sich einen dauerhaften Arbeitsplatz schaffen.

Die momentane Ausbildungsmisere beginnt für Gallist bereits an den Schulen. Oft fehle es an der technischen Ausrüstung und an qualifizierten Lehrkräften, um die Schüler auf die Anforderungen von morgen vorzubereiten. An den Universitäten sehe es nicht viel besser aus, viele Studenten könnten nicht mit den modernen Technologien umgehen und fänden nach dem Studium keinen geeigneten Arbeitsplatz.

Heinrich von Pierer, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, geht bei seiner Kritik an den Hochschulen noch einen Schritt weiter: Die Universitätsausbildung müsse sich stärker am Arbeitsmarkt orientieren. Außerdem würde es den wissenschaftlichen Einrichtungen guttun, wenn sie sich untereinander dem Wettbewerb öffneten. Bereits heute verzögerten sich 30 Prozent der Innovationsprojekte in der Elektroindustrie, weil es zuwenig Elektrotechniker gebe.

Einige Firmen investieren deshalb gezielt an Hochschulen, um die fehlenden Qualifikationen zu schulen. Microsoft hat beispielsweise 2000 Studenten auf eigene Kosten zum Microsoft Certified Systems Engineer (MCSE) ausgebildet und ihnen neben der akademischen Ausbildung eine praktische angeboten. Ein großer Vorteil für Quereinsteiger sei das schnelle Wachstum der Branche, so Gallist, Jobsuchende müßten sich vor allem einen Überblick verschaffen, was in den vergangenen 36 Monaten im Markt passiert ist.

Siemens hat sein Engagement in der Ausbildung ebenfalls verstärkt. An den eigenen Technikakademien in Berlin, Erlangen und München steht eine praxisbezogene Ausbildung im Vordergrund. Bei der gewerblichen Lehre gehörten Teamarbeit, interkulturelle Schulungen und Sprachkurse inzwischen zum Curriculum. "Qualifizieren, um einzustellen" sollte deshalb das Motto des Kongresses lauten, so von Pierer.

Allerdings ist berufliche Weiterqualifizierung für viele Mitarbeiter erst dann interessant, wenn der Job schon weg ist. Siegfried Schmauder, Geschäftsführer der Dekra Arbeit GmbH, stellte eine Umfrage bei Teilnehmern von Weiterbildungskursen vor. Das Ergebnis zeigt, daß sich Mitarbeiter meistens nur dann weiterqualifizieren, wenn es sich lohnt. Relativ wenig Beschäftigte nutzen Bildungsangebote, um eine Entlassung zu vermeiden. Selbst wenn die Kündigung absehbar ist, sind die wenigsten bereit, Geld und Zeit in die eigene Weiterbildung zu investieren.

Ulrich Rohde vom Bildungswerk der bayerischen Wirtschaft, München, bestätigte in der Diskussionsrunde diese Einschätzung. "Qualifikation läßt sich nicht immer im täglichen Arbeitsleben umsetzen", so Rohde, und das sei einer der Gründe, weshalb oft nur halbherzig in die Weiterbildung investiert werde. Seine Forderung lautete: "Innovation muß in den Köpfen beginnen."

Ist der Arbeitsplatz erst einmal weg, sind Konzepte gefragt, die eine zügige Rückkehr in den Arbeitsmarkt ermöglichen. Schmauder stellte ein Kurskonzept der Dekra vor, das eine Verzahnung von Qualifizierung und Arbeitspraxis ermöglicht. Die Schulungsteilnehmer sind beim Bildungsträger angestellt und haben einen ähnlichen Status wie Zeitarbeiter. In den verleihfreien Zeiten werden sie weiterqualifiziert.

Das hat den entscheidenden Vorteil, daß sich die vorher arbeitslosen Menschen aus einem Beschäftigungsverhältnis heraus bewerben, Bildungsangebote wahrnehmen und gleichzeitig Berufserfahrung sammeln können. "Mit diesen Angeboten kann eine dauerhafte Integration in den Arbeitsmarkt gelingen", so Schmauder. Die Erfahrungen aus den Niederlanden zeigten, daß Eingliederungskurse dann besonders erfolgreich seien, wenn die Kursteilnehmer ihre theoretischen Kenntnisse bald im Arbeitsalltag einsetzten. Wenn Entlassungen anstehen, sollte zukünftig die Devise lauten: "Qualifizierung statt Abfindung", so Schmauder.

Klaus Kuhnle, IBM-Geschäftsführer, sprach über die Kultur des Wandels. Bei seinem Arbeitgeber stehe eine "High Performance Culture" im Mittelpunkt. Das Internet ermögliche es, bestimmte Entwicklungsstufen bei Produkten zu überspringen. Auf diese Weise erhielten Entwicklungsländer die Chance, bisherige Rückstände aufzuholen; hier sieht Kuhnle eine Herausforderung für den Wettbewerb von morgen.

IBM vereinbart mit seinen Mitarbeitern jährlich neue Zielvorgaben und bietet Schulungen an. Den weltweit 300000 Mitarbeitern ständen über das Intranet zahlreiche technische Kurse als Computer Based Training (CBT) zur Verfügung. Diese Lernmethode deckt ein Drittel des Bildungsbedarfs ab.

Der Star des Kongresses war Charles Savage. Dem Wissenschaftler und President der Unternehmensberatung Knowledge Era Enterprises in Framingham, Massachusetts, blieben leider nur 30 Minuten, sein Konzept des "5th Generation Management" vorzustellen. "Wir stehen am Übergang vom ausgehenden Industrie- zum frühen Wissenszeitalter", so Savage. Allerdings verhinderten starre Hierarchien, autoritäre Führungsstile und eine Kultur des Mißtrauens neue Unternehmensformen. Solle der Schritt ins Wissenszeitalter gelingen, sei eine kreativere Unternehmenskultur nötig, die es motivierten Mitarbeitern ermöglichte, morgens gutgelaunt und voller Elan zur Arbeit zu kommen.

Ein charakteristisches Merkmal des Industriezeitalters sei die Gewichtung: Alles orientiere sich an den Produkten, die Mitarbeiter seien in erster Linie ein Kostenfaktor. Nach Savage hat das tayloristische Wirtschaftssystem ausgedient, denn es sei den neuen Anforderungen nicht mehr gewachsen. "Das Wissenszeitalter ist von Vertrauen und Integrität geprägt, und der Mensch steht wieder im Mittelpunkt", so seine These. Emotionale Intelligenz sei dabei genauso wichtig wie intellektuelle Fähigkeiten. Für die Mitarbeiter bedeute das mehr Eigenverantwortung im Arbeitsleben: "Arbeit des Dialogs und Sinngebung" sind die neuen Strate- gien.

Savage räumt jedoch ein, daß sich die alten Machtstrukturen nicht einfach auflösen, sondern ihre Nutznießer versuchen, am Status quo festzuhalten. Zwischen der alten und der neuen Arbeitswelt stehe ein mit der Berliner Mauer vergleichbares Hindernis: "Die Strukturen des Industriezeitalters sind noch immer sehr stark; es wird anstrengend, die Wissensgesellschaft zu entwickeln."

In einer kontrovers geführten Diskussionsrunde wurde deutlich, daß Qualifizierung allein kein Allheilmittel gegen die hohen Arbeitslosenzahlen ist. "Die Diskrepanz zwischen Leuten mit zuviel Arbeit und Leuten ohne Erwerbsjob wird immer größer", und deshalb sei es wichtig, sich Konzepte zu überlegen, die eine Spaltung der Gesellschaft verhinderten, so Ulrich Klotz vom Vorstand der IG Metall in Frankfurt am Main. Er sieht Deutschland, wenn es um Innovationen geht, auf einem der letzten Plätze..

*Ingrid Weidner ist freie Journalistin in München.