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09.02.1990

Am Kap der guten Hoffnung: Die Besiedlung der Neuesten Welt

Anläßlich der Verurteilung des "Hackers" Robert Morris

*Zitiert aus einem Aufsatz mit dem Titel "Das Columbus-Gefühl" von Peter Glaser in dem Band: Michael Weisser (Hrsg.) "Computerkultur", TMS Verlag und Edition in Bremen, 1989

"Hacker werden von einem intensiven Bedürfnis gedrängt, ihr Medium zu beherrschen. In dieser Hinsicht gleichen sie dem Konzertpianisten oder dem Bildhauer, der von seinem Material besessen ist. Auch Hacker werden von ihrem Medium "heimgesucht". Sie liefern sich ihm aus und betrachten es als das Komplizierteste, das Plastischste, das am schwersten Faßbare, als größte Herausforderung des Lebens." Sherry Turkle

Datenland ist Neuland. Die geographischen Räume unseres Planeten sind restlos besetzt. Jeder Fleck der Erde ist von Menschen berührt, betreten und in Besitz genommen, riesige Regionen sind zentimetergenau vermessen und in Katastern registriert. Die Eroberung des Weltraums ist ins Stocken geraten. Das Foto, auf dem die Detonationswolke der Raumfähre "Challenger" wie eine Faust zu sehen ist, aus der sich ein mahnender Finger streckt, wurde zum Sinnbild für den Fall, der dem technologischen Hochmut folgt.

Im übrigen mögen Menschen fernliegender Generationen darüber rätseln, aus welchen schwer erfindlichen Gründen ihre Vorfahren im zwanzigsten Jahrhundert monumentale Heiligtümer bauten, die offensichtlich derselben Aufgabe wie die altägyptischen Steinpyramiden dienten, nämlich der Himmelfahrt, und in deren Innerem sich ebenfalls Mumien befanden, die monatelang präpariert worden waren, um die jede Lebensfunktion auslöschenden Folgen einer Reise in die Unendlichkeit zu überdauern.

Nun ist der Computer an unserem Erfahrungshorizont erschienen und bietet dem Hunger nach Raum neue Nahrung. Er eröffnet ungeahnte virtuelle Regionen, den Kontinent der Daten - neues Land.

Datenland ist Schattenland. Oft ist das Argument zu hören, der Computer sei prinzipiell weder gut noch böse, es komme ganz darauf an, was man mit ihm mache. Das stimmt einfach nicht. Man kann mit einer Schrotflinte auch Nägel in die Wand schlagen oder Löcher für Setzlinge in ein Beet stechen. Jeder, der einen Computer benutzt, tut gut daran, sich von Mumford nachdrücklich an die Herkunft der Maschine erinnern zu lassen: "So kam eine der höchsten Leistungen des modernen Menschen in der Erforschung der elementaren Bausteine der physikalischen Welt, gipfelnd in der Erschließung der Kräfte, über die der Sonnengott gebietet, unter dem Druck eines völkermordenden Krieges und der Drohung totaler Vernichtung zustande."

Anders als bei der Schrotflinte bleibt die ursprüngliche Bestimmung der Prozeßrechner hinter einem Fächer aus Faszination, Verheißung, Projektionen und notdürftig erdachten zivilen Nutzanwendungen in Deckung. Der Satz eines

Ingenieurs, "Der Computer ist die Lösung, was uns jetzt noch fehlt, ist das Problem", bezeichnet treffend die arge Verlegenheit, in die die Hersteller gerieten, als die Maschine, die eigentlich zur Vereinfachung militärischer und später verwaltungstechnischer Aufgaben ersonnen worden war, plötzlich zum Massenartikel geriet.

Datenland ist Zeichenland. Der Geist der Kriegsmaschine steckt tief in den Strukturen der Mikroprozessoren. Der Computer schießt nicht auf Wesen oder Dinge, er schießt auf Zeichen. Computer können Bedeutungen töten. Weizenbaums Beschreibung der im Vietnamkrieg eingesetzten Pentagon-Rechner etwa macht deutlich wie durch den Computer die Bedeutung von Verantwortung desintegriert wird.

Wer könnte noch dafür zur Verantwortung gezogen werden, daß, in von einem Computer ausgewählten Zonen, alles unter Feuer genommen werden durfte, was sich bewegt? Der Computerfabrikant? Die Programmierer, die die Auswahlkriterien eingegeben hatten? Die Offiziere, welche die Computer bedient und den Output an die Funker weitergegeben haben? Je mehr Entscheidungen ins Innere des Computers verlagert werden, die das Leben von Menschen mittelbar oder unmittelbar betreffen, desto unfaßbarer wird die Verantwortung.

Eines der großen Probleme der Gegenwart - daß nämlich die Moral jedes einzelnen von uns ohnehin bereits bei dem Versuch überfordert ist, auch nur die offiziellen Daten und Informationen zu bewerten, die ständig aus jeder Ecke des Globus ankommen - wird dadurch deutlich verschärft. Es ist ein Gemeinplatz, daß die Botschaften von Not und Unrecht, die stündlich aus aller Welt in die Informationskanäle rauschen die spontane Reaktion zu helfen in die Leere der Medienrealität laufen lassen und das Gefühl mitverantwortlich zu sein, tief verstört.

Den Militärs mußte überaus willkommen sein, gefühlsgefährdete Menschen bei der Abwicklung von Entscheidungsprozessen, die zur Vernichtung von variablen Bevölkerungsmengen führen, durch Todesverarbeitungsmaschinen ersetzen zu können. Seit Computer mit teils abenteuerlichen Zuwachsraten auch unter Zivilisten Verbreitung finden, zeigt sich allerdings immer öfter, daß der Schuß nach hinten losgeht.

Das beste Beispiel dafür sind Hacker, die sich mehr und mehr als verhaßte Schatten im Datenland sehen, obwohl - oder gerade weil - sie der lebende Beweis für das Funktionieren der Ursprungsidee (archaisches Handeln in einem moralfreien Raum) sind und deutlich machen, daß es auch für jemanden, der in der wirklichen Welt im Supermarkt nicht mal einen Kaugummi klauen würde, geradezu unmöglich ist, in einer erdumspannenden, von allen Sinnesreizen gereinigten Realität, die nur noch aus Zeichen besteht, etwas wie Unrechtsbewußtsein oder Verantwortungsgefühl zu entwickeln.

Datenland ist Wissens-Gebiet. Wir leben - siehe Quantenphysik - in einer Zeit, die einem einzelnen von uns das Gefühl gibt, er könne nichts mehr entdecken oder erforschen. Die allerwinzigsten Partikel oder Lichtjahre entfernt liegenden Details, an denen noch ein wenig gerätselt werden kann, seien nur noch mit gewaltigen industriellen Ressourcen, akademischen Teams und millionenteuren Instrumenten wie Teilchenbeschleuniger, Radioteleskopen, Gravitationswaagen und ähnlichen erfaßbar. Dem einzelnen, zum "Laien und Rädchen im Getriebe" verzwergt, bleibe nichts mehr zu tun als morgens ins Büro oder in die Schule zu gehen, nachmittags den Rasen zu mähen und abends sein Weltbild wie einen Wecker nach den Nachrichten zu stellen.

Diesem Gefühl der Enteignung einer jedem Menschen innewohnenden Entdeckerlust, einer Forscherfreude und eines Erkenntnisdrangs stellt sich nun der Computer entgegen.

Maschinen lösen das Enteignungsgefühl durch ein höchst widersprüchliches, auf jeden Fall aber intensives Gemisch aus Empfindungen und Ideen ab, von denen ich einige in diesem Aufsatz näher zu beschreiben versucht habe und deren Gesamtheit ich als Columbus-Gefühl bezeichne.

Der Computer macht es möglich, daß Kids plötzlich mehr wissen als Experten.

Nichtmathematiker untersuchen lustvoll hochabstrakte Gebilde. Fun-Programmierer lassen über die Benutzeroberflächen schrecklich seriöser Anwendungsprogramme kleine, grafische Käfer krabbeln, und kühle Techniker fangen an, in meditativer Weise darüber nachzusinnen, wie ihre Seele arbeitet.

Mag sein, daß die Computerwelt in unserer Zeit als Substitut für das schwindende Gefühl des großen Abenteuers Furore macht. Gewiß ist, daß man in der vollen Bedeutung des Wortes bei einem Computer mit allem rechnen muß. Vor allem aber wird die Einsicht wieder lebendig, daß die Welt noch lange nicht entdeckt ist. +