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15.08.1980 - 

Sanktionen aus Wartungs- und Gewährleistungsverträgen:

Am meisten schottet Siemens ab

MÜNCHEN - Von der technischen Seite her macht das Anhängen von Peripheriegeräten eines Herstellers an die Zentraleinheit eines anderen Herstellers keine Schwierigkeiten. Nach übereinstimmender Meinung von Fachleuten werden Leistungsverbesserungen erzielt, wenn der Anwender seine IBM beispielsweise mit einem Plattenlaufwerk von CDC "aufmotzt". Doch widerspricht dieses Vorgehen der Philosophie der Mainframer, die für das Konzept des "alles aus einer Hand" eintreten.

Als die britische Monopolkommission kürzlich gegen die ICL Ltd. ermitteln wollte, nahm der Mainframer sofort einige Modifikationen innerhalb seiner Geschäfts- und Vertragspraktiken vor. Dazu gehörte nach einer Mitteilung des Unternehmens auch, daß der Hersteller die Schnittstelle zum Anschluß von Fremdperipherie schafft, die auch beim Anschluß eigener Geräte notwendig gewesen wären. Für diese Änderungen verpflichtet sich der einzige britische Großrechnerhersteller, "faire und vernünftige" Gebühren zu verlangen. "In der Bundesrepublik, bei der ICL Deutschland, existieren diese Probleme nicht", erläutert Dietger Kruschel, Pressesprecher der deutschen Tochter. Die Kunden seien dergestalt zufrieden, daß sie nicht oder kaum mixten. Doch stelle der Anschluß von Geräten fremder Hersteller an eine ICL-Zentraleinheit kein Problem dar.

Verantwortung bis zur Schnittstelle

Nach den Miet- und Kaufverträgen zwischen der ICL Deutschland und dem Kunden ist der britische Mainframer zuständig bis zu einer definierten Schnittstelle. Was darüber hinausgehe, falle in den Verantwortungsbereich des anderen Lieferanten, erklärt Kruschel. Der Mieter sei auch nicht mit einem erhöhten Wartungspreis konfrontiert. Allerdings gewährt die ICL dem Kunden das "nicht ausschließliche, nicht übertragbare Nutzungsrecht an dem System" nur, "solange keine Veränderung an dem System vorgenommen wird, es sei denn durch ICL", heißt es im Mietvertrag. Benutzt der Mieter das System zusammen mit nicht von diesem Hersteller gelieferten Geräten, übersteigt dies den Umfang des vorher definierten Nutzungsrechts. Folglich "wird die ICL das Nutzungsrecht zu den jeweils gültigen Gebühren ausdehnen".

IBM prüft das Sicherheitsrisiko

Während die ICL ausdrücklich im Mietvertrag "Reparaturen und überhöhten Wartungsaufwand", der durch "angeschlossene Fremdgeräte" entsteht, sowie "Inspektionen oder Reparaturen an Fremdteilen oder an durch Einbau fremder Teile veränderten Geräten" ausschließt - also wörtlich genommen den Mixer mit seinem Reparatur- und Wartungsrisiko in bestimmten Fällen allein läßt - behält sich die IBM Deutschland eine Prüfung vor. Nach dem Merkblatt über Änderungen und Anbauten an IBM-Maschinen "prüft sie, ob für den ungeänderten Teil der Maschine oder des Systems praktikable Wartungs- oder Garantiebedingungen vorliegen und kein Sicherheitsrisiko besteht". Begründet wird diese Maßnahme, daß sich erfahrungsgemäß an gemischten Systemen der Aufwand an Wartungsleistungen erhöhe. Dieser erhöhte Aufwand schließe Diagnose-, Reparatur- und Installationszeiten ein. Hinzu träte beispielsweise der Aufwand, der für die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes fällig würde, wenn die geänderten Mietmaschinen an den Hersteller zurückgegeben werden.

Nach der Untersuchung entscheiden die Sindelfinger, ob sie ihre Leistungen fortsetzen. Liegt ein Sicherungsrisiko vor oder wird die Wartung beeinträchtigt, so setzt IBM Wartung und Garantieleistungen nur dann fort, wenn die Änderungen oder Anbauten entsprechend modifiziert wurden.

Kulanz in Sachen Verantwortung

Schwierigkeiten stellen sich erfahrungsgemäß ein, wenn ein Fehler im System auftritt. "IBM zeigt sich großzügig, wenn der Fehler bei den CDC-Platten liegt", erläutert Gerd Kirschner, EDV-Leiter der GFK, Nürnberg, seine Mixerfahrungen mit den beiden Marktführern. Zwar käme es manchmal vor, daß das System zusammenbricht und ein Techniker dem anderen den Fehler zuschiebe. Dies ließe sich dann schwer nachprüfen, doch sei finanziell wie auch wartungstechnisch mit der gekauften CPU und den gemieteten Platten alles glatt über die Bühne gegangen. Der Vertriebsbeauftragte des Mainframers bemühe sich zwar, ins Geschäft zu kommen, "doch versucht IBM nicht, uns mit Gewalt von CDC abzubringen".

Die Verantwortlichkeiten hat IBM nach dem Merkblatt so geregelt, daß der ungeänderte Maschinenteil wie üblich gewartet wird. Hindert ein Anbau oder eine Änderung die Arbeit, oder liegt der Fehler möglicherweise im fremden Teil, wird IBM entweder bitten, den Anbau oder die Änderung zu entfernen oder das Feld dem Fremdtechniker überlassen. Der zeitliche oder sonstige Aufwand werde dem Kunden nach den jeweils gültigen Stundensätzen, Materialpreisen und Bedingungen in Rechnung gestellt. Dies gilt für Hard- und Software. Liege der Wartungsaufwand bei der geänderten Maschine wesentlich über dem Normalwert, könnten weitere Gebühren eingeführt werden. Damit behält sich IBM die Bestimmung dessen, was zulässig ist, vor. Dem Merkblatt nach ist der Anwender dem Wohlwollen des Marktführers ausgeliefert.

Keine Haftungsübernahme

Mixt ein Anwender, so steht er mit seinem Risiko alleine da. Nach der gängigen Firmenphilosophie soll dem Kunden ein komplettes System übergeben werden, meint dazu ein Kienbaum-Unternehmensberater. Die vertragliche Sicherung werde nur dann geleistet, wenn der Anwender alles aus einer Hand bezieht. Das Merkblatt zitiert, heißt das beim Marktführer: "Die IBM übernimmt keine Haftung für Personen- oder Sachschäden einschließlich Schäden an IBM-Maschinen, die durch Änderungen, Anbauten oder Dienstleistungen an Änderungen oder Anbauten verursacht werden." Aus dem Haftungsrahmen fallen auch Schäden an Fremdteilen die während der üblichen Wartungs- und Installationsverfahren entstehen.

Bei Haftung und Verpflichtungen zeigt sich IBM nach Ansicht des Beraters großzügig, weil sie sich als Marktführer diese Haltung leisten kann. Oder, anders ausgedrückt, vielleicht auch leisten muß, betrachtet man die seit Jahren andauernden, für Staat und IBM teuren, kartellrechtlichen Auseinandersetzungen in den USA.

Verblüffend ist die Tatsache, daß Siemens-Anwender sich ganz und gar in die Hände ihres Herstellers begeben und den Anschluß von Fremdperipherie weit von sich zu weisen scheinen. Beobachtungen des EDV-Beraters zufolge "drängt Siemens mehr auf eine klare Linie". Siemens-Anwender blieben meist rein Siemens, was den Erfahrungen anderer Branchenkenner entspricht. Während die Geräte und Schnittstellendefinitionen bei älteren Anlagen wie der 4004/127 mit BS1000 im Demonstrations-DV-Projekt für das allgemeine Krankenhaus (Depak), Kulmbach, den Anschluß von Geräten fremder Hersteller nicht zuließen, entfällt bei den modernen Geräten dieses Hindernis, so einer der Projektleiter. Technische Konventionen wie die V.24 und vertragsrechtliche Übereinkünfte, wie sie in den Besonderen Vertragsbedingungen des Bundes (BVB) zur Überlassung von Hard- und Software geregelt sind, reduzieren die Mixfrage weitgehend auf ein Durchsetzungsproblem der beiden Vertragspartner. "Für den Hersteller, besonders für Siemens, die am IBM-Preis hängen, ist das ein hartes Geschäft. Es geht um Marktanteile", erklärt der Berater. Der einzelne Hersteller verliere möglicherweise einen Markt, wenn er sich auf den Schnitt einließe.

Beratung bis in den Zubehörsektor

Die Sorge der Münchener für die Benutzer ihrer Geräte erstreckt sich bis in den Zubehörsektor hinein. Im Mietvertrag, der zwischen Siemens und dem Kunden geschlossen wird, heißt es: "Siemens berät den Mieter bei der Auswahl des von ihm zu beschaffenden Zubehörs und Datenträgermaterials, das den Spezifikationen von Siemens entsprechen muß."

Wie weit diese Empfehlungen in der Praxis durchgeführt würden, mochte Siemens nicht beantworten. Zwar kann man dem Elektronikkonzern zugestehen daß er darauf achtet, aus dem Zubehör keine Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit seiner Maschine zu erfahren. Doch ist anzunehmen, daß der Anwender schon aus Eigeninteresse darauf achtet, daß das im Drucker verwendete Papier auch transportiert wird und eine befriedigende Druckqualität zuläßt.

Die Klausel im Vertrag jedoch erlaubt Siemens, Wettbewerber auf dem Zubehör- und Datenträgermarkt auch willkürlich aus einem Siemens-Rechenzentrum zu vertreiben. Irgendwie erinnert dieses unkommentierte Verfahren an die Strategie, die IBM einst bei den Lochkarten verfolgte. "Es ist zu befürchten, daß Lochkarten, die sich unserer Qualitätskontrolle entziehen, nicht den Leistungsmerkmalen unserer Produkte genügen", beschreiben Reibold und Vollmer diese Attitüde, die sich auch nach dem Verbot durch den obersten US-Gerichtshof fortsetzte. Doch nicht nur auf dem peripheren Markt will Siemens das Feld offenbar nur für sich behalten, wenn sie einmal den CPU-Fuß in der Tür des Rechenzentrums hat. "Der Mieter läßt Änderungen der Geräte, das Beseitigen von Störungen oder eine Erweiterung der Gerätekonfiguration und die Lieferung der hierzu notwendigen Geräte nur durch Siemens ausführen." Während die IBM vor oder nach der Änderung zum Prüfen kommt, sich allerdings die Entscheidung über die Zulässigkeit vorbehält, sagt das deutsche Unternehmen erst einmal nein; Siemens kann jedoch die Zustimmung für einen anders gelagerten Fall erteilen. Unter welchen Bedingungen sich der Main- und Randframer allerdings dazu hergibt, steht - zumindest in dem Mustervertrag - an keiner Stelle ausgeführt.

Spezifikationen für Magnetbänder

Bezieht ein Siemens-Kunde sein Material bei einem Fremdlieferanten, läßt er sich "zweckmäßigerweise empfehlen, daß das Material unseren Spezifikationen entspricht". Im allgemeinen, teilt Siemens zur Erläuterung des Mustervertrages weiter mit, sei eine zusätzliche Beratung, die über die Informationsschrift "Spezifikationen für Magnetbänder" beispielsweise hinausgehe, nicht erforderlich. Verlangt ein Mietkunde eine Schnittstellenspezifikation, stellt Siemens eigenen Angaben zufolge bereitwillig die notwendigen Informationen zur Verfügung. Um Mißbräuchen vorzubeugen, bittet der Mainframer um vertrauliche Behandlung der Beschreibung. Dem Beispielvertrag nach überläßt Siemens sie kostenlos dem Mixwilligen. Lediglich Reisen von Systemspezialisten, die zum Anschluß des Kassettengerätes eines Fremdherstellers notwendig werden, stellte der Computerhersteller in diesem Fall in Rechnung.

Selbst wenn das Personal eines Fremdherstellers Störungen oder Schäden an einer von Siemens vermieteten Anlage verursachen würde, so würde es Siemens, eigenen Angaben zufolge, zwar nicht ablehnen, die Anlage weiterhin zu warten, aber möglicherweise den zusätzlichen Aufwand für die Beseitigung der Störungen oder Schäden gesondert in Rechnung stellen. Ein derartiger Fall sei allerdings bisher nicht bekannt geworden.

Dem Getreuen einen dicken Bonbon

Für die Herstellertreue belohnt Siemens seine Anwender, indem sie ihm einen Großteil des Risikos abnimmt. "Der Mieter haftet nicht bei Beschädigung, Zerstörung oder Verlust der ihm überlassenen Geräte." Sie geht damit weit über die Leistungen der ICL Deutschland hinaus, die "bereit" ist, für unmittelbare Schäden Ersatz zu leisten, Ansprüche aus mittelbaren oder Folgeschäden weit von sich weist. Nur grobe Fahrlässigkeit oder Vorsatz seitens des britischen Herstellers heben diese Beschränkungen auf.