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14.03.1980

Amdahl: Sprechen wir nicht von IBM- Kompatibilität, sondern von Industriestandard

Mit Dieter H. Knoppke, Geschäftsführer der Amdahl Deutschland GmbH, sprachen Dieter Eckbauer und Elmar Elmauer

- Als IBM die 4300 ankündigte, begann für Itel das Zittern. Amdahl, Herr Knoppke, hat nun etwas mehr Zeit sich einzuzittern, aber daß IBM die H-Serie in der Pipeline hat, ist bekannt. Wie reagiert Amdahl auf diese neue IBM-Serie?

Sehr gelassen.

- Wie begründen Sie Ihre Gelassenheit?

Damit, daß der technologische Vorsprung von vier bis fünf Jahren, den wir bis jetzt haben, mit der H-Serie bestenfalls aufgeholt werden kann, und daß Amdahl traditionsgemäß ein Computer-Announcement durchführt.

- Wiegen Sie sich da nicht in einer ganz gefährlichen Sicherheit. Sie verlassen sich auf Ihren hardware-technologischen Vorsprung - doch die Marktschlachten werden mehr und mehr um die Software geschlagen und hier läßt doch Amdahl mit seiner Hardware bloß IBM-Software laufen.

Das sehen Sie falsch: Amdahl wird zwar häufig lediglich als PCM-Hersteller dargestellt, doch das entspricht keineswegs dem wahren Bild. Wir sind ein voll integriertes Computerunternehmen, mit eigener Entwicklung auf dem Hardware- und Softwaresektor, mit eigener Herstellung und mit eigenem Vertrieb. Die Software-Abhängigkeit, die uns oftmals unterstellt wird, trifft keinesfalls zu.

- Aber da gerade Ihre Systeme kompatibel zu IBM-Systemen sind, ist es doch zulässig, von einem IBM-kompatiblen Hersteller zu sprechen.

Wir sind kompatibel zu den 360/370er Maschinen in den "Principals of Operation", weil heute 85 Prozent der Großrechner auf dem Weltmarkt diesen Funktionen entsprechen. Statt weitläufig von einer IBM-Kompatibilität zu sprechen, sollte man lieber von einer Kompatibilität zu diesem quasi Industriestandard sprechen, den die IBM etabliert hat.

- Das ist nur eine Frage des Etiketts, ob Sie IBM-Standard oder Industriestandard sagen. Als Konsequenz bleibt, daß Sie nur auf Vorgaben reagieren können, die IBM macht.

Wir sehen das anders. Wenn Sie von reagieren sprechen, möchte ich sagen daß IBM in den letzten Jahren auf Amdahls Ankündigung reagiert hat. Erlauben Sie mir, folgendes Beispiel zu nennen: Vor eineinhalb Jahren kostete eine 168/3 zirka 18 Millionen Mark. Heute hat die Maschine noch einen Marktwert von 1 bis 1,5 Millionen Mark. Amdahls Ankündigung der 470/Serie hat diesen Preisverfall ausgelöst. Ich verstehe also nicht, daß Sie hier von reagieren sprechen.

- Vorausgesetzt, IBM hätte ein völlig neues Betriebssystem vorbereitet. Interessierte Sie das, oder nicht?

Ich verstehe Ihre Frage nicht. Inwiefern soll uns das neue Betriebssystem in Vorbereitung beunruhigen, da IBM nach wie vor kompatibel bleiben wird mit den 360/370 Principals of Operation. . .

- ... in einem auslaufenden Geschäft. Amdahl muß auch in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre Maschinen verkaufen.

Wenn Sie von einem auslaufenden Geschäft sprechen, so ist das eine Vermutung IBM wird nicht mit 85 Prozent seiner augenblicklichen Installed-Basis inkompatibel werden. So etwas hat IBM 1974 mit dem Future-System schon einmal versucht und ist gescheitert. Die /38 ist ein weiterer Versuch, zu einem neuen Konzept überzugehen - das Resultat haben Sie ja eingehend in der COMPUTERWOCHE beleuchtet.

- Halten Sie es denn für möglich, daß IBM ein von der Architektur her völlig neues System mit Brücken-Software bringt und diese Brücken-Software nur noch in einem versiegelten, goldenen Kästchen liefert, so daß sie für den Markt nicht mehr zugänglich ist.

Meinen Sie mit dem goldenen Kästchen, IBM würde ein Betriebssystem in mikrocodierter Form anbieten? Dem sind, was den Großrechnerbereich betrifft, Grenzen von der Leistung und Wirtschaftlichkeit her gesetzt.

- Wie IBM das lösen würde oder könnte, wissen wir nicht. Wir wollten nur das Prinzip ansprechen, den Marktwert der IBM-Kompatiblen zu beeinflussen.

Sie dürfen Amdahl nicht nur als IBM-kompatiblen PCM-Hersteller sehen. Unsere Software läuft zwar auch auf IBM-Systemen, aber in erster Linie stellt sie eine Leistungsverbesserung der augenblicklich weitläufig verfügbaren Betriebssysteme dar. Das drückt doch ganz klar aus, daß Amdahl ebenfalls Software in eigener Regie herstellt und somit kaum negativ betroffen würde.

- Haben Sie auch Anfragen von Honeywell-, von Siemens-, von Sperry Univac-Kunden . . .

Sie sprechen doch an, ob wir Umstellungen vornehmen wollen? Nein, darauf lassen wir uns überhaupt nicht ein.

- Also sind Sie ausschließlich am IBM-Markt orientiert.

Ja, wir orientieren uns an dem 85prozentigen Teil des Marktes. Sie wissen ja selber, daß die Umstellungsschwierigkeiten von Siemens BS1000 und BS2000 zu einem sogenannten 360/370-kompatiblen System nicht gerade unerheblich sind, das gleiche trifft natürlich auch für Sperry Univac und andere Hersteller zu.

- Herr Knoppke, Amdahl ist also nicht nur ein IBM-kompatibler Hersteller, und lebt doch von der IBM . . .

Wenn heute jeder rechts fährt, dann wissen Sie genau, was passiert, wenn Sie sich plötzlich zum Linksfahren entschließen.

- Dann kommen Sie über den Verkehrsfunk . . .

Daß Amdahl IBM-Software benutzt, ist doch praktisch mit dem Rechtsfahren zu vergleichen. Wir haben uns lediglich einem Ziel verschrieben: Die Investitionen, die der Anwender in seine Anwendungs-Software - basierend, auf diesem quasi Industriestandard -, getätigt hat, langfristig abzusichern. Das ist Amdahls Existenzbasis.

- Vonwegen Existenz: IBM hat mit der 4300 das untere Stockwerk renoviert und dabei so nebenbei jetzt einen lästigen Untermieter weniger. Es könnte doch sein, daß IBM demnächst daran geht, das Dachgeschoß zu renovieren. Ich frage mich, ob dann das Gefühl der Geborgenheit, das Sie haben, haltbar ist?

Wir sind Realisten und wir würden heute nicht 50 Millionen pro Jahr in Forschung und Entwicklung investieren, wenn wir uns der Sache nicht sicher wären. Die 4300 ist im Preis-/Leistungsverhältnis so weit unter der kleinsten Amdahl-Maschine, daß die 4300-Ankündigung bei einem erfahrenen Großcomputeranwender kaum ein Echo ausgelost hat. Sicher hat der sogenannte H-Nebel im Gegensatz dazu zu einer Verunsicherung geführt, die aber auch das Kauf-/ Mietverhältnis bei IBM selbst sehr stark beeinträchtigt hat.

- Herr Knoppke, Amdahl bewegt sich mit seinen Produkten in einem Investitionslevel, wo die Luft schon dünn und eiskalt ist. Das sind für den Anwender Ausgaben, die überlegt sein wollen und keine Impulskäufe mehr. Sehen Sie denn das Investitionsklima weltweit für so gut an, daß das Vertrauen in Amdahl gerechtfertigt ist? Prognostizieren Sie doch mal ein paar Zuwachsraten für Amdahl, für den Großrechnerbereich.

Die Zuwachsraten im Großrechnerbereich werden in den nächsten Jahren überproportional sein.

- Haben Sie hierbei aktuelle weltpolitische Ereignisse und deren mögliche Folgen berücksichtigt?

Nein, diesen Punkt möchte ich jetzt außer Acht lassen. Ein Großrechner ist ein Werkzeug. Man braucht einige Jahre bis man sich mit der effektiven Benutzung dieses Werkzeuges vertraut gemacht hat. Wir sehen zum Beispiel bei einigen unserer Großcomputer-Anwender ein rapides Anwachsen des Kapazitätsbedarfes, weil man eine gewisse Vertrautheit mit den Automationsprogrammen gewonnen hat, die zu einem weiteren Absteigen des Kapazitätsbedarfs führen. Wir sehen heute Kurven von Großanwendern, die steil nach oben gehen, was zusätzliche Kapazitätserweiterungen der Großrechneranlagen betrifft. Das heißt, wir bewegen uns hier hauptsächlich im Bereich der V/7 und V/8, mit anderen Worten im Leistungsbereich, der über dem der 3033 von IBM liegt.

- Hat denn in Zeiten, in denen es in bestimmten Schlüsselindustrien wieder einmal um's nackte Überleben geht, die Entscheidung "mehr Rechnerkapazität" überhaupt noch Priorität? Wird nicht das Investitionskapital an ganz anderen Orten gebunden?

Unsere Erfahrung hat gezeigt, daß Amdahl bei den Unternehmen, bei denen wirklich gespart werden muß, sowie zum Beispiel in der Automobilindustrie, die höchsten Absatzzahlen verzeichnet. Das heißt, wenn sich heute Einsparungen durch einen Einsatz von Datenverarbeitungsanlagen erzielen lassen, liegen wir bei einem kostenorientierten Kunden immer günstig.

- Aber die Orders stapeln sich noch nicht so, daß Amdahl selbst via Losgröße zur Kostendegression kommt?

Unsere Auslieferungen haben im letzten Jahr um 20 Prozent über denen des Vorjahres gelegen. Ich glaube, daß man in einem Jahr wie 1979 auf ein reelles Wachstum, was die Auslieferungszahlen betrifft von 20 Prozent, stolz sein kann. Ungeachtet des H-Nebels, ungeachtet der Verunsicherung ist unsere augenblickliche Auftragssituation durchaus zufriedenstellend.

- Bleibt die Frage nach der Kostendegression?

Das hängt von den Lieferverträgen ab, die Sie mit Ihren Komponenten-Herstellern haben. Amdahl ist zum Beispiel in der glücklichen Situation, in einem Rahmenvertrag ein Lieferabkommen mit der Firma Fujitsu zu haben, die zum Teil Komponenten für uns herstellen.

- Baugleich mit Siemens?

... konkret beantwortet, die Komponenten sind baugleich mit den von Siemens vertriebenen Fujitsu-Maschinen.

- Wie sehen Sie den weiteren Preisverfall, den Amdahl ausgelöst hat?

Wir sind der Ansicht, daß die Hardwarepreise bei unseren Mitbewerbern anziehen müßten.

- Wieso bei Ihren Mitbewerbern? Kennen Sie deren Kalkulationen?

Sie wissen ja, wie derartige Kalkulationen erstellt werden. Die Entwicklungskosten der Firma Amdahl für die 470 sind bereits amortisiert, und die Maschine hat ja, das ist unbestritten, einen technologischen Vorsprung von vier bis fünf Jahren . . .

- . . . zum Zeitalter des Erscheinens, hat sie den jetzt auch noch?

Den hat sie jetzt auch noch. Was hat sich denn in der Zwischenzeit auf dem Markt getan? Die 158? Die 168? Die 30XX und schließlich die 3033 N? In technologischer Hinsicht benutzen diese Maschinen alle die gleiche Technologie. Somit hat sich, was Amdahls technologischen Vorsprung anbetrifft, nichts verschoben.

- Okay, letztendlich muß ohnehin der Markt entscheiden, was er als technischen Vorsprung sieht, und ob er das honoriert. Aber wir möchten zurückkommen zu dem Punkt: Wie wird Amdahl auf die IBM der 80er Jahre reagieren? Sie sagten, daß sich IBM selbst durch eine neue Generation nicht 85 Prozent des eigenen Parks kaputt machen wird. Heißt das, Sie glauben nicht daran, daß sich der Markt, rein technologisch gesehen, in größeren Sprüngen weiterbewegt?

In grundsätzlicher Hinsicht ist auf dem Großrechnergebiet mit keiner Revolution zu rechnen, sondern mit einer langsamen Evolution. Sie setzen uns ins Verhältnis mit der IBM und Amdahl hat da gewisse Vorteile. Wir arbeiten auf einem Spezialgebiet des Marktes, nämlich nur auf dem Gebiet der Großrechner. Das Wachstum auf dem Großrechnersektor allein würde nicht den Profitbedarf der IBM abdecken. Das heißt, die IBM muß sich nach neuen Märkten und neuen Anwendungsgebieten umsehen. Die IBM hat mit der 3033 N bewiesen, die ja bekanntlich eine Lebenserwartung von rund acht Jahren im Markt hat, daß sie nach wie vor mit einer Profitabilität dieses Produktes, basierend auf veralterter Technologie, im Markt rechnet. Das ist auch der beste Beweis dafür, daß sich nichts revolutionieren läßt.

- Sie sind Großrechner-Mann: Wo werden denn insgesamt die Zuwachsraten des Marktes liegen? Beim Distributed Processing?

Wir werden ein Wachstum in zwei Richtungen erleben, sowohl auf dem Großrechnergebiet als auch auf dem Gebiet der Distributed Processing, wobei sich das Wachstum in diesem Bereich insbesondere in neue Anwendungsgebiete erstrecken wird.

- Wir haben hier die ganze Zeit IBM und Amdahl in einem Atemzug genannt. Wenn Sie sich die realen Marktverhältnisse anschauen, dann wissen Sie, daß Amdahl gegenüber IBM ein Zwerg ist. Deshalb jetzt nochmal die Frage: Wie empfindlich ist Amdahl? Nehmen wir als Beispiel Itel. Itel wollte im letzten Jahr 350 Maschinen verkaufen, hat nur 250 Maschinen verkauft. Diese Umsatzeinbuße von 100 hat Itel das Genick gebrochen. Wieviele Maschinen weniger könnten Sie denn verkraften, wenn IBM jetzt die H-Serie bringt?

In dieser Frage gehen Sie von falschen Voraussetzungen aus. Zunächst dürfen Sie Itel und Amdahl grundsätzlich nicht miteinander vergleichen. Es ist nie Amdahls Absicht gewesen, in einem Jahr 300 Maschinen zu verkaufen. Ich würde ein derartiges Vorhaben geradezu als unseriös bezeichnen.

- Und wertmäßig?

Wenn man die unterschiedliche Struktur der beiden Unternehmen betrachtet, kommt man zwangsläufig zu dem Schluß, daß Itel und Amdahl überhaupt nicht vergleichbar sind. Amdahl hat seine eigene Forschung, seine eigene Entwicklung, seine eigene Herstellung, seinen eigenen Vertrieb, seine eigene Wartungsorganisation. Wir sind mit anderen Worten ein selbständiges Computerunternehmen, während Itel in der Tat nur eine Vertriebsorganisation war.

- Nochmal. Haben Sie gesehen, mit welchen leuchtenden Augen die IBM-Anwender aus der 4300-Präsentation herausgegangen sind, die konnten den Namen Itel nicht mal mehr buchstabieren. Wir vermuten, wenn IBM die H-Serie bringt, dann ist eben Amdahl in dem Moment aus den Köpfen der Leute heraus, dann haben Sie Mietscheine liegen, die einfach nicht unterschrieben werden.

Sie sehen das falsch, ich habe Ihnen eingangs gesagt, wir werden nicht ohne Antwort dastehen. Itel stand ohne Antwort da, als die 4300 angekündigt wurde.

- Was haben Sie dann zu bieten?

Wir werden in dem Augenblick, in dem die H-Serie angekündigt wird, eine Lösung anbieten, die unseren augenblicklichen Vorsprung in keiner Weise verringert.

- Sie haben jetzt selbst gerade von Antwort gesprochen, kommen wir also zurück auf den Begriff Reaktion. Amdahl reagiert auf IBM.

Das ist eine Frage der Strategie. Es kann ja nicht Amdahls Absicht sein, nur um die Genugtuung zu haben, einen bereits bestehenden technologischen Vorsprung noch weiter auszubauen, sondern es muß ja auch gewisse kommerzielle Rechtfertigungen geben. Es gibt natürlich zwei Strömungen. Eine Seite sagt, wir sollen dann ankündigen, wenn wir der Ansicht sind, daß der Markt reif ist. Die andere Seite, wir sollen dann ankündigen, wenn wir die Notwendigkeit erkennen. Das ist eine Frage der Geschäftspolitik, und es ist noch nicht entschieden, ob wir vor oder nach der IBM ankündigen.

- Der Unterschied ist aber doch der, wenn IBM eine Maschine neuankündigt, dann hat die alte über acht bis zehn Jahre Geld gemacht. Und wenn Amdahl heute eine neue Maschine ankündigen muß, dann könnte das zu früh sein.

Angesichts der Tatsache, daß IBM die 3033 erst seit zwei Jahren auf dem Markt hat, kann doch wohl kaum von der Notwendigkeit einer Amdahl-Neuankündigung die Rede sein. Die kürzlich angekündigte 3033 N ist doch eine eindeutige IBM-Reaktion auf Amdahls flexible Modell-Politik der 470-Serie. Das ist doch eine offenkundige Bestätigung unserer Philosophie und hat unseren konzeptionellen und technologischen Vorsprung kaum verringert.

- Herr Knoppke, wie sieht denn nun die Preisentwicklung konkret aus? Von Ihren Mitbewerbern wissen Sie es schon, die müssen erhöhen. Und Sie?

Wir haben im Augenblick in Deutschland keinen Plan, kurzfristig die Preise der 470/-Produkte zu erhöhen.