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13.06.1975

Amdahl und die Bonner Szene

Fusion CII/Honeywell Bull wirft Fragen auf über die Zukunft der deutschen DV-Industrie, insbesondere wie es auf dem Sektor der Großrechner weitergehen soll.

Die Erstauslieferung des Systems Amdahl 470 V/6 an die NASA dokumentiert, daß die Amdahl Corporation wohl doch sehr ernst zu nehmen ist, zumal "Letters of Intent" für über zwei Dutzend der 4-Millionen-Dollar-Maschinen vorliegen.

Es ist also nicht zufällig, daß Dr. Gene M. Amdahl letzte Woche ein Spitzengespräch mit Vertretern des BMFT und der deutschen Computerindustrie führte. In der Tat, die Einladung war nur wenige Tage alt, Amdahl war nicht zufällig da, sondern flog zu keinem anderen Zweck über den Atlantik, als Möglichkeiten der Kooperation zu besprechen.

Wunderland der Förder-Milliarden

Die Bonner DV-Förderszene muß ihm vorkommen wie ein Wunderland. Er mußte um jeden Dollar mit privaten Geldgebern kämpfen. Stets am Rande des Ruins arbeitend, konnte er mit nur insgesamt etwa 45 Millionen Dollar den ersten Computer der Vierten Generation bauen.

Bonn aber verteilt in DV-Förderprogrammen Milliarden. Das zweite DV-Programm (1971 bis 1975) sieht Ausgaben von 2423 Millionen Mark vor, zur Zeit wird für jährlich etwa 600 Millionen Mark gefördert, ein sehr großer Brocken ist die Industrie-Förderung, - ironisch auch "Siemens-Förderprogramm" genannt.

Dafür wird dann im wesentlichen kopiert, im nachherein nachgebaut. Und dann wundert man sich, wenn IBM plötzlich erneut einen Vorsprung hat, und versucht möglichst schnell aufzuholen.

Berechtigte Einwände?

Man kann Amdahls Erfolg herunterspielen. Angeblich handelte es sich bei der Amdahl Corporation nur noch um ein Ingenieur-Büro für die japanische Firma Fujitsu - dann sollte man aber besonders wachsam sein, es hieße nämlich, daß die Japaner heute schon über die Technologie verfügen, die die Vierte Generation kennzeichnen wird. Es stimmt, daß die Amdahl 470 V/6 beim Hauptaktionär Fujitsu (41 Prozent der Anteile) in Japan gebaut wird, - weil das Geld fehlte, die ursprünglichen Pläne zu verwirklichen, nach denen die Produktion in Kalifornien vorgesehen war.

Man kann darauf verweisen, daß Amdahl keine Software-Probleme hatte, weil ja IBM's Operating Systeme auf der Maschine laufen. Warum nur ist sonst keiner auf die Idee gekommen? Amdahls Kunden werden gerne an IBM Lizenzgebühren zahlen, - Kleckerbeträge im Vergleich zu den Hardware-Einsparungen.

Man kann ferner einwenden, hierzulande habe man auch Peripheriegeräte etc. entwickeln müssen. Trotzdem stört das krasse Mißverhältnis bei den DM-Zahlen deutscher Berieselungs-Politik und den 45 Millionen Dollar, die Amdahl brauchte.

Das Philips/Siemens-Vertriebsprogramm und das System 470 V/6 würden sich ideal ergänzen. Der Unidata-Rest braucht die Technologie, die Amdahl entwickelt und patentiert hat. Gene Amdahl weiß das und ist zu Verhandlungen bereit. Sicherlich ist er auch interessiert, den japanischen Einfluß in der Amdahl Corporation durch europäische Bindungen zu kompensieren.

Augenmaß für das Machbare

Die Gefahr besteht natürlich, daß man hierzulande in "Siemens-Mentalität" alles wieder selber entwickeln will. Vermutlich hat man in den Labors sogar noch bessere Konzepte. Frage nur: Wie lange dauert das? Was kostet das? Will man die Chance verpassen, heuttW schon Anschluß an die LSI-Technik der Vierten Generation und damit sogar Vorsprung vor dem Marktführer zu gewinnen? Sicherlich kann man Rechner mit modernerer Systemarchitt3ktur bauen als die 470 V/6, die ja eine Kopie der 370/168 ist, - mit allerdings modernster Schaltkreistechnik. Zu fordern wäre: Multiprozessor-System, schnellere Datenaustauschraten, etc. Auch wird es Laser-Speicher und Magnetblasen-Speicher irgendwann einmal geben. Gene Amdahl's Erfolg liegt darin begründet, daß er nicht alles auf einmal wollte. Und das Fehlen staatlicher Förderung schärfte den Blick dafür, was wirtschaftlich eigentlich machbar ist. Im Vergleich zum Treibhaus-Klima Bonns herrscht an der kalifornischen West Coast ein härterer Wind.