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04.09.1992 - 

Bisher nur Marketing, aber keine Produkte

Analysten sprechen der IBM Client-Server-Engagement ab

MÜNCHEN (sc) - Den ernsthaften Willen zur verteilten Datenverarbeitung stellen Branchenkenner bei der IBM noch in Frage. Ankündigungen, die in Richtung Client-Server-Computing gehen, dienen aus ihrer Sicht eher Marketing-Zwecken. "Big Blue macht immer noch 60 Prozent des weltweiten Umsatzes im Mainframe-Geschäft. Das ist die Cash-cow" verdeutlicht Karsten Prey von Diebold. "IBM wird der Branche deshalb extreme Rückzugsgefechte liefern, ehe sie vom Mainframe runtergeht."

Alle Jahre wieder geht die IBM im Herbst mit Ankündigungen an die Öffentlichkeit. Damit stellt sich auch für 1992 wieder die Frage: Quo vadis IBM? Bill Wilson vom Bereich Enterprise Systems sprach gegenüber der CW-Schwesterpublikation "Computerworld" von einer Architektur sowie von Produkten, die der IBM helfen sollen, den Mainframe als Server zu positionieren. Damit erzählt Wilson nichts Neues. Von der zukünftigen Rolle des Mainframes als Daten-Server ist bei der IBM schon seit zwei bis drei Jahren die Rede.

Bisher besteht das Client-Server-Engagement der Armonker jedoch überwiegend aus Versprechungen. "Es ist so, daß die IBM derzeit alles Mögliche sagt - auch, um die Kunden bei Laune zu halten", bestätigt Prey. Daß Big Blue aber ernsthaft eine Kurskorrektur der Mainframe-Strategie beziehungsweise beim SAA-Konzept vornimmt, sehen die Marktbeobachter nicht.

Noch sitzen die Armonker mit ihren proprietären Großsystemen fest im Sattel. Trotz Downsizing-Trend erzielte die IBM im letzten Jahr 60 Prozent des Gesamtumsatzes im Mainframe-Geschäft. Doch die Zeiten stabilen Wachstums sind unbestritten vorbei - der Großrechner-Markt zehrt von der installierten Basis. Neukunden tragen zu den Mainframe-Einnahmen kaum mehr bei. "Es sind keine Steigerungsraten mehr drin", erklärt Prey.

Manko: Verteilte DV nur auf zwei Ebenen

Auch bei den Altkunden sitzt das Geld nicht mehr so locker. Nachdem SAA ihren Glanz verloren hat, halten diese sich Prey zufolge mit Investitionen im Mainframe-Bereich zurück: "Die Architektur-Euphorie ist zurückgegangen. Man hat gemerkt, daß sich damit keine Kostenprobleme beheben lassen, die momentan alle DV-Leiter und auch die Hersteller drücken - und SAA ist aufwendig. Solche Architekturen kosten im allgemeinen mehr als existierende Anwendungssysteme."

Dennoch wollen die Armonker ihre Cash-Cow nach Einschätzung der Marktkenner nicht so schnell aufgeben. Sie rechnen jedoch damit, daß Big Blue den Handlungsbedarf erkannt hat und zweigleisig fährt. "Ich glaube nicht, daß die IBM ganz weg vom Mainframe geht, aber vielleicht wird sie den Client-Server-Bereich bewußter und mit mehr Engagement in den Vordergrund rücken," vermutet Ulrich Dickamp von der UBM Unternehmensberatung. Es gehe für IBM wahrscheinlich darum, sich zusätzlich im Client-Server-Bereich zu positionieren, da Big Blue laut Dickamp ein solches Revitalisieren gut gebrauchen könne. "Für die IBM ist es notwendig, daß sie sich in dieses Marktsegment begibt, weil sonst das Client-Server-Geschäft völlig an ihr vorbeigeht", beobachtet der Ex-IBMer.

An Ankündigungen mangelt es nicht, als Beispiel kann das Versprechen dienen, das Repository von AD/Cycle auf der RS/6000 zur Verfügung zu stellen. Doch bisher läßt sich das Client-Server-Engagement der IBM nicht durch Produkte belegen. Verteilte DV ist innerhalb der Host-basierten IBM-Welt derzeit maximal auf zwei Ebenen möglich, bemerkt Thomas Köhler, Geschäftsführer der Andersen Consulting GmbH.

Inkompatible Plattformen unter einen Hut bringen

Von echtem Client-Server-Computing ist Big Blue demzufolge noch meilenweit entfernt - was nicht verwundert, betrachtet man die Komplexität, die sich innerhalb der IBM-Welt in 20 Jahren aufgebaut hat. Für die Armonker gilt, inkompatible Plattformen wie /370, AS/400, RS/6000 und PS/2 unter einen Hut zu bringen. So zeichnet der Berater in bezug auf verteilte Datenverarbeitung ein völlig anderes Szenario als die IBM-Marketiers, die ihre eigene Definition des Begriffs geschaffen haben.

Hinsichtlich der Spekulationen über die September-Ankündigungen meinte der Berater: "Revolutionär wäre, wenn Produkte auf den Markt kämen, die Applikationen unterstützen, bei denen der Mainframe als Daten-Server fungiert und gleichzeitig Unix-Maschinen als Applikations-Server dienen. Wenn also eine Anwendungsumgebung bestehen würde, die über drei Ebenen verteilt ist: den Präsentation Manager auf OS/2, die Anwendungen, also die zentralen Dienste, auf Unix und die Daten-Services auf dem Mainframer."

IBMer: Schalter in den Köpfen nicht umgelegt

Der DV-Profi geht zwar davon aus, daß die Armonker in diese Richtung tendieren und "sicher auch viel Geld dafür ausgeben". Doch Köhler sieht die Hürden, die dafür zu überwinden sind. Die Frage sei daher, was dabei herauskomme und wann. Dafür eine Basisarchitektur zur Verfügung zu stellen werde einige Zeit dauern.

Die derzeitige Positionierung des IBM-Mainframes in einer Client-Server-Welt hat für Köhler daher primär Marketing Aspekte. "Die IBM folgt jetzt mehr dem Trend, den sie lange Zeit aus eigenem Interesse zu bremsen versucht hat, weil die alte Mainframe-Schiene einfach profitabler ist", stellt der Berater fest, der mit seiner Meinung nicht allein steht. Große Hoffnung, daß die IBM im September mehr präsentiert als Marketing-Sprüche, ließ sich auch den Äußerungen anderer Auguren nicht entnehmen.

Warum IBM jetzt auf der Trendwelle mitschwimmt, ist für Dickamp klar. "Alle Welt redet über Client-Server. Big Blue hat aber im Prinzip nichts, was man aus Sicht der Kunden mit der IBM identifizieren würde, wenn man über Client-Server spricht", weiß der IBM-Kenner. "Ich könnte mir vorstellen, daß die IBM, um dieser bedauerlichen Situation Abhilfe zu schaffen, entweder nur Marketing macht oder tatsächlich Produkte auf den Markt bringt, wobei das erstere wahrscheinlicher ist. Ich befürchte, daß es eine Marketing-Geschichte ist wie AIX auf dem Mainframe."

Neben der Altlastenproblematik, die der IBM durch die enorme Produktvielfalt und Komplexität noch mehr zu schaffen macht als anderen proprietären Herstellern, hat sie zudem innerhalb der Company eine Hemmschwelle zu beseitigen. Dickamp: "Die Frage ist, ob die Mehrzahl der IBMer, die ja alle im Geiste Mainframer sind, in der Lage sind - wenn es ein Client-Server-orientiertes Front-end-System gäbe - das mit dem entsprechenden Engagement in die Kundschaft reinzubringen." Hier helfen auch die jüngst verkündeten Umstrukturierungen nicht, bezweifelt Prey. Dies verbessere zwar die Situation nach außen hin, aber, so Prey "die Schalter in den Köpfen sind deswegen noch lange nicht umgelegt".

Gartner-Group-Analyst Klaus Thomas klingt dennoch zuversichtlich. Die gesamte IBM sei nicht mehr zementiert, wie man es seit 15 Jahren oder noch länger gewohnt gewesen sei. Deshalb, so vermutet der Frankfurter, werde auch Big Blue schneller auf Marktbedürfnisse reagieren. Thomas: "Früher hat die IBM ausschließlich dem Markt, den sie beherrscht, den Stempel aufgedrückt. Das ist sicherlich heute ein wenig anders - nicht zuletzt durch die Umorganisation." Die einheitliche, monolithische IBM von früher werde es nicht mehr geben.

Trotzdem stellt sich auch in Zukunft die Frage, wie IBM den Schwenk zu einer integrierten Client-Server-Umgebung hard- und softwaretechnisch realisieren will. Die IBM-Umgebung besteht aus inkompatiblen Betriebssystemen und Datenbanken - ob sich MVS, VM, IMS oder DB2 je in einer Client-Server-Umgebung nutzen lassen, ist bisher nicht bewiesen. Fehlgeschlagen ist dieser Versuch allerdings schon bei SAA. "Die gesamte SAA-Architektur läßt sich so wie vorgesehen nicht realisieren", erklärt Prey. Daß sich die IBM durch diese Entwicklung nun noch stärker in der Zwickmühle befindet, ist dem Marktkenner offenbar klar. Prey: "Man weiß dort nicht genau, wie es weitergehen soll."