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16.04.1999 - 

Weltweit arbeiten Industrie und Forschung an intelligenter Software

Anbieter gehen mit Agenten auf Kundenfang im Web

MÜNCHEN (wt) - Das Internet ähnelt längst einem unüberschaubaren Web-Site-Dschungel. Immer mehr Software-Agenten führen unbedarfte oder überforderte Surfer durch die Angebotsvielfalt. Gleichzeitig dienen sie ihren Auftrag- gebern als Marketing-Instrumente und können sie mit wertvollen Nutzerinformationen versorgen.

Im Web tummelt sich mittlerweile eine große Schar von Agenten oder Robotern (Bots). Dabei ist keineswegs immer klar, was unter diesen Begriffen verstanden wird. Ohne es an die große Glocke zu hängen, haben beispielsweise viele E-Commerce-Anbieter in den vergangenen Monaten ihre Web-Sites mit dienstbaren Geistern aufgepeppt. Sie sollen durch intelligente Benutzerführung den Informationsfluß verbessern und für höhere Umsätze sorgen. Meist dienen diese Shopping- oder Comparison-Bots dem Vergleich von Produkten oder Preisen.

Sehr viel weitergehende Szenarien sehen in den Agenten vor allen Dingen zeitsparende Erfüllungsgehilfen mit weitreichender Entscheidungskompetenz. Sie dürfen selbständig Vertragsverhandlungen führen, Geschäfte abschließen, bei Auktionen feilschen oder mit Aktien handeln. Schließlich sollen Agenten jederzeit den Kontakt zu den persönlichen Informationsquellen des weltweit mobilen Internet-Nutzers halten und bei Bedarf herstellen. Allen Helferlein ist jedoch eines gemein: Ihre Schöpfer wollen mit ihrer Hilfe Intelligenz ins Web bringen.

Wann ein Stück Software oder ein Computer als intelligent zu bezeichnen ist, darüber streiten sich freilich die Experten, seit der Internet-Prophet Joseph Weizenbaum 1966 seine virtuelle Psychologin "Eliza" zum Leben erweckte (mehr dazu unter www.sozialwiss.uni-hamburg.de/phil/ag/ eliza.html). Der kleinste gemeinsame Nenner scheint inzwischen der nach dem englischen Mathematiker Alan Turing benannte Turing-Test zu sein. Demnach darf ein Probant, der mit einem unsichtbaren Gegenüber ein Gespräch führt, nicht bemerken, daß es sich um einen Computer handelt, der ihm auf seine Fragen antwortet.

Viele Entwickler wollen ihren Netzrobotern eine möglichst menschliche Anmutung verpassen, um vor allen Dingen bei unerfahrenen Nutzern die Hemmschwelle im Umgang mit der Technik abzubauen. Auf der Shopping-Site www.medienparadies.de des Hamburger Versandunternehmens Bestseller GmbH beispielsweise können sich die Besucher von der Schlange "Lydia" durch das Angebot leiten lassen. Lydia fußt auf der Software "E-Brain" der PDV Unternehmensberatung GmbH, Hamburg, und ist in der Lage, sogar komplexere Dialoge zu führen, die über ein reines "Verkaufsgespräch" hinausgehen. E-Brain verfügt über einen "Grundwortschatz" und ist vom Site-Betreiber selbst beliebig skalierbar.

Eine direkte Interaktion, meist in Form eines Chats, wird immer beliebter. Die Artificial Life Inc. aus Boston hat sich auf Software spezialisiert, die Web-Surfer über animierte Figuren in Gespräche verwickelt.

Die sogenannten Avatare versuchen, die Interessen unentschlossener Surfer herauszufinden und ihnen anschließend passende Angebote zu unterbreiten.

Damit wird die eigentliche Zielrichtung solch redseliger Agenten deutlich: Sie sind letztlich nichts anderes als ein Internet-spezifisches Marketing-Instrument. Der tatsächliche Nutzwert der Plaudertaschen hält sich oft in Grenzen. Es dauert beispielsweise erheblich länger, ein gewünschtes Produkt im Gespräch mit einem virtuellen Berater zu finden, als einfach eine Suchmaske auszufüllen. Besonders lästig wird es, wenn über langsame Modemleitungen auch noch riesige 3D-Welten auf den Rechner geladen werden müssen. Hilfreich könnte unter anderem eine Sprachintegration sein, an der viele Hersteller basteln. Die nächste Generation von Microsofts Helferlein, "Agent 2.0", beispielsweise gehorcht bereits aufs Wort (Test unter msdn.microsoft.com/ msagent/TryMicrosoftAgent.htm).

Nicole Brechmann, Betreuerin von Lydia bei Bestseller, betont vor allen Dingen den Spaßfaktor der Internet-Schlange. Manche Interessenten verbrächten bis zu einer Stunde im Chat mit Lydia - und sie kämen oft wieder. Brechmann sieht darin einen positiven Einfluß auf die Kundenbindung und Markenbekanntheit. Seit der Einführung von Lydia vor einem Jahr sind zwar auch die Zugriffszahlen und Umsätze im Medieparadies gestiegen. Ein direkter Zusammenhang mit der Online-Schlange ließe sich aber nicht verifizieren, so Brechmann.

Obwohl virtuelle Figuren wie Kyoko Date oder Lara Croft immer menschlicher werden und bereits Kultstatus erreicht haben, zweifeln viele Beobachter an ihrem praktischen Wert. Puristen vertreten die Ansicht, Software-Agenten sollten ihren Anwendern das Leben leichter machen, indem sie selbständig recherchieren und Transaktionen ausführen. Dazu bräuchten sie kein aufwendiges Interface, möglichst noch mit 3D-Unterstützung und Echtzeit-Chat. Die Eingabe von Suchbegriffen, Auswahlmenüs und einfache Konfiguration seien hier wichtiger, da die Nutzer schnell zum Ziel kommen wollen. Beipiele sind die deutsche Zeitungssuchmaschine Paperball (www.paperball.de), die Comparison-Bots von Excite, Yahoo oder Lycos sowie der Bücher-Preisvergleich bei Acses (www. acses.com). Die deutsche Living Systems AG aus Villingen-Schwenningen arbeitet an einer agentengesteuerten Online-Auktion. Dabei bieten Avatare in vorab festgelegten Schritten bis zu ebenfalls definierten Preisobergrenzen selbsttätig gegeneinander. Der Internet-Nutzer spart so wertvolle Zeit, die er mit dem Verfolgen der Auktionsentwicklung verbringen müßte. Das Modell eignet sich ebensogut für den Konsumentenmarkt wie für eine Business-to-Business-Auktion. Gemeinsam mit der Universität Gießen und der Deutschen Börse wollen die Badener sogar virtuelle Wertpapierhändler aufs Börsenparkett bringen.

Auch der Softwareriese IBM hatte frühzeitig das Potential von Software-Agenten erkannt und die Technologie "Web Browser Intelligence" (WBI) als Bindeglied zwischen Web-Browser und -Server entwickelt. Diese Agententechnologie sollte wiederkehrende Muster beim Arbeiten im Web feststellen und Anwender auf Änderungen aufmerksam machen. Mittlerweile hat IBM ohne Kommentar die Arbeit an WBI eingestellt, beschäftigt sich jedoch am hauseigenen T. J. Watson Research Institute weiter intensiv mit der Materie. Zum Beispiel sollen dort Agenten entstehen, die in Netzzugangsgeräte jeder Art eingebettet werden können. Allerdings warnen die IBM-Vordenker im gleichen Atemzug davor, daß Software-Agenten gerade im E-Commerce zu brutalen Preiskriegen und ökonomischem Chaos führen könnten.

In der Tat differenzieren sich Anbieter, die von Shopbots aufgesucht werden, ausschließlich über den Preis. Qualität und Mehrwert bleiben auf der Strecke. Viele E-Commerce-Betreiber sind bereits dazu übergegangen, den virtuellen Schnäppchenjägern den Eintritt zu verwehren. Wie so oft, gibt es keine klare Abgrenzung, was ein intelligenter Agent sein soll, leisten muß und wo seine Grenzen sind.

Zurückhaltung bei der Datenspionage

In seiner Datenhülle befinden sich nach Auffassung des Marktforschungsinstituts Ovum zwei Seelen. Zum einen die menschliche in Form von Inhalten, Interaktion und Diensten. Zum anderen die nüchterne, technische in Gestalt von Datenanalyse und Transaktionen. Im letzten Punkt freilich verbirgt sich auch die dunkle Seite der Online-Agenten. Sie können von ihren Auftraggebern natürlich auch eingesetzt werden, um zu Marketing-Zwecken detaillierte Nutzerprofile anzulegen. Hier ist auf Herstellerseite große Zurückhaltung angesagt, um die positiven Aspekte von Internet-Agenten nicht von Anfang an durch Mißtrauen von Anwendern zunichte zu machen. Gefährdet wäre dadurch nicht nur eine vielversprechende Technologie, sondern auch ein boomender Markt. Ovum glaubt, daß der Umsatz mit Agententechnologie bis zum Jahr 2006 auf 4,7 Milliarden Dollar steigen wird.

Agenten in der Forschung

Die Bedeutung der Agententechnologie manifestiert sich nicht zuletzt in den zahlreichen Forschungseinrichtungen, die sich diesem Thema verschrieben haben. Ob die amerikanische Technologieschmiede Massachusetts Institute of Technology (MIT), das Deutsche Forschunsinstitut für Künstliche Intelligenz (DfKI) oder das Intelligent Mobile Agent Center of Competence des Forschungszentrums Informationstechnik GmbH (GMD) - alle arbeiten an entsprechenden Konzepten. Auch die Fraunhofer-Gesellschaft steht hier nicht abseits. Am Institut für Graphische Datenverarbeitung in Darmstadt beschäftigen sich verschiedene Abteilungen mit dem Einsatz von Agententechnologie. Zu nennen sind hier Projekte wie "Semoa" (Secure Mobile Agents), "Agentalk", "Agent Sheets" oder im Verbund mit Partnereinrichtungen "AI Media". Ziel von AI Media ist es, ein kommerzielles integriertes und sicheres Framework für individuelles Werben und One-to-One Marketing zu entwickeln. Dabei sollen auch mobile und intelligente Agenten zum Einsatz kommen.

Die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Industrie bei der Agententechnik reicht sehr weit, da die komplexe Materie von einzelnen Herstellern kaum bewältigt werden kann. In dem europäischen Forschungsprojekt "Cameleon" haben sich beispielsweise Ericsson, Mannesmann Mobilfunk, Nortel, Vodafone, und Gemplus mit der Technischen Hochschule Aachen, der Informations- und Kommunikationstechnologie GmbH und dem Centre for Wireless Communications zusammengetan, um die Anwendung von Agententechnologie für zukünftige Telekommunikationsdienste zu untersuchen. Ziel ist es letztlich, mobilen Anwendern jederzeit an jedem Ort unabhängig vom benutzten Endgerät Kommunikationsdienste in einer personalisierten Art zur Verfügung zu stellen.