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10.09.1999 - 

Starre ERP-Software hat ausgedient

Anbieter kommen um Komponenten nicht herum

CW-Bericht, Bernd Seidel Seit Jahren verkünden die ERP-Anbieter eine Modularisierung ihrer integrierten Softwarepakete. Ein Blick auf den aktuellen Stand der Technik zeigt jedoch, daß die allseits propagierte Komponenten- und Objekttechnik vielfach nur in Ansätzen vorhanden ist.

"Anwender interessiert die technische Basis von ERP-Systemen nicht. Sie sind zunächst glücklich, wenn ihre Geschäftsprozesse durch die Software vernünftig abgedeckt werden", erklärt Laurent Lachal, Analyst beim Marktforschungsunternehmen Ovum in Paris. Bei den ersten Änderungen und Erweiterungen der Software sei dann allerdings Flexibilität von den eingesetzten Produkten gefordert. Je modularer das System, desto schneller lasse sich auf neue Geschäftsmodelle sowie auf Trendthemen wie E-Commerce oder Data-Warehousing reagieren, heißt es unter den Spezialisten. Die von allen ERP-Herstellern angestrebte Lösung basiert deshalb auf einer Komponentenarchitektur - doch bei ihrer Umsetzung sind die Anbieter unterschiedlich weit fortgeschritten.

Vorreiter in puncto Flexibilität ist J.D. Edwards mit der Enterprise-Resource-Planning-(ERP-)Suite "Oneworld", befinden die Analysten von Advanced Manufacturing Research (AMR). Die Softwareschmiede hatte 1993 begonnen, das Paket auf Basis eines objektorientierten Ansatzes aufzubauen, und verfügt nun über ein modulares Produkt, bestehend aus fünf Suiten und rund 100 unabhängigen Komponenten, die als "Systeme" bezeichnet werden. Sie bilden die kleinste operative Einheit und lassen sich als eigenständige Anwendung einsetzen. Darin enthalten sind sowohl die Programmlogik als auch die Beschreibung der Datenbank-Schnittstellen. So bestehe die Möglichkeit, eine Kundenbuchhaltung aus dem Gesamtkomplex Finanzwesen als Einzelanwendung zu betreiben, sagt Dieter Schnittler-Heusser, Oneworld Solution Manager bei J.D. Edwards.

Weiterer Pluspunkt der J.D.-Edwards-Architektur ist die Trennung der Geschäftslogik von den einzelnen Funktionsbausteinen, so wie es die Analysten der Hurwitz Group empfehlen. Damit lasse sich ein Geschäftsprozeß abbilden, der die Funktionen mehrerer Softwaremodule nutzt. J.D. Edwards stellt dazu "Activators" zur Verfügung, mit deren Hilfe man nicht mehr in Quellcodes oder Tausende Tabellen eingreifen muß, um das System anzupassen. Die Activators gehören zum Lieferumfang von Oneworld und zu der Methode "Active Era". SAP arbeitet mit seinem "Business Engineer" ebenfalls in diese Richtung, und auch Baan stellt mit dem "Dynamic Enterprise Modeller" (DEM) Gestaltungshilfen zur Verfügung. Doch seien beide Tools nach Meinung von Ovum-Fachmann Lachal noch nicht so weit wie die Activators von J.D. Edwards.

Eine feingliedrige Komponentenstruktur verfolgt auch die schwedische Industrial & Financial Systems (IFS). Im Angebot des Softwarehauses aus Linköpping stehen mehr als 54 unabhängige Funktionsmodule, die stufenweise installiert und nach Gusto montiert werden können, erklärt Frank Schiewer, Geschäftsführer von IFS in Deutschland. AMR attestiert den Schweden ein ebenso flexibles Produkt wie J.D. Edwards. Peoplesoft, Baan und SAP rangieren den Analysten zufolge auf den Plätzen zwei, drei und vier. Nummer fünf in puncto Anpassungsfähigkeit ist Oracle mit den "Applications".

Die Anpassungsfähigkeit der Lösungen bezieht sich jedoch weitgehend auf die Implementierungsphase. Stehen Änderungen während des laufenden Betriebs ins Haus, kann von Flexibilität so gut wie keine Rede mehr sein. So lassen sich einzelne Softwaremodule gar nicht oder nur mit sehr großem Aufwand austauschen. Bedingt durch die stark wachsende Funktionalität der Programme, sind Änderungen nur noch im Detail möglich, zum Beispiel lassen sich Felder aus einer Maske ausblenden oder Druckformulare modifizieren.

Eine Adaption an sich ändernde Geschäftsprozesse während des Betriebs gestaltet sich als eine wahre Herkulesarbeit, wenn beispielsweise zu einem direkten Vertrieb ein indirekter Verkaufskanal aufgebaut werden soll. Strukturveränderungen dieser Art erfordern von einem R/3-Berater - in Fachkreisen auch als Table-Jockey bekannt - die Kenntnis Dutzender Systemtabellen aus einem Pool von mehreren tausend.

Wie sehr sich inzwischen die Anwender hierzulande neben der Funktionsfülle auch die Flexibilität eines Baukastensystems wünschen, belegt eine Umfrage der Meta Group: Rund 30 Prozent der Unternehmen setzen sich demzufolge mit komponentenbasierten Architekturen auseinander - Tendenz steigend. Selbst die Anbieter sind langfristig an flexibleren Einheiten interessiert, so Neil Ward-Dutton, Komponentenspezialist bei Ovum: "Die Softwarebausteine werden durch die Modulbauweise in der Regel kleiner und lassen sich schneller auf den Markt bringen."

Entscheidend für die Wandlungsfähigkeit der J.D.-Edwards- und IFS-Software ist, daß die Basis-ERP-Funktionen wie Finanzbuchhaltung, Logistik und Produktion, die immer noch das Kerngeschäft der meisten Unternehmen ausmachen, aus einer Vielzahl einzelner Bauteile zusammengesetzt werden können. Hier zeigt sich die unterschiedliche Vorgehensweise der Anbieter bei der Zerlegung der Software besonders deutlich: "Während SAP, Peoplesoft und Baan ein Top-down-Konzept verfolgen, haben sich J.D. Edwards und SSA einer Bottom-up-Strategie verschrieben", erläutert Ward-Dutton. SAP und Co. packen demnach soviel Funktionen wie möglich in eine Kernkomponente, die dann mit relativ hohem Aufwand auf ein vom Markt gefordertes Anwendungsszenario heruntergebrochen wird. Die einzelnen Blöcke werden später mittels APIs wieder zusammengesetzt.

So ist auch die bisher eher geringe Zahl von selbständig einsetzbaren ERP-Kernkomponenten der Top-down-Anhänger erklärbar: Peoplesoft liefert mit der Suite "Peoplesoft 8.0" fünf Kern-ERP-Komponenten, SAP mit R/3 zwei und Baan mit "Baan ERP" acht. Zudem sei Peoplesoft flexibler als R/3, da die Komponenten mit 200 bis maximal 400 MB wesentlich kleiner ausfielen als die SAP-Bausteine. SSA, J.D. Edwards und IFS dagegen liefern Dutzende von Modulen, die auf einer komplett neuen objektorientierten Architektur gebaut wurden.

Den Vorwurf, eine monolithische Software anzubieten, weisen die Walldorfer zwar seit jeher weit von sich, dennoch sieht sich der ERP-Marktführer offenbar nach wie vor gedrängt, an einer feineren Softwarestruktur zu arbeiten. So soll mit Release R/3 4.6b erstmals eine Trennung der Kernbausteine Finanzwesen (FI) und Logistik (LO) möglich sein. Wie SAPs Chefmarketier für Technologie, Günther Tolkmit, der CW mitteilte, wurde die bisherige Komponente FI/LO dazu allerdings nicht technisch zerlegt. Die Aufteilung erfolge auf logischer Ebene. Das heißt, Anwender, die eine solche verteilte Installation benötigen, müssen R/3 mehrmals implementieren. Neu ist allerdings, daß SAP für diesen Anwendungsfall vorgefertigte BAPIs und Application-Link-Enabling-(ALE-)Szenarien liefert.

Als weiterer Schritt, die mächtige Walldorfer Software zu entschlacken, sei eine zusätzliche Architekturschicht in Arbeit, so Tolkmit. Dazu sollen Business Objects (BO) wie Auftrag, Mitarbeiter, Kunde etc., aus denen sich eine R/3-Komponente zusammensetzt, zu wartbaren und austauschbaren Einheiten zusammengefaßt werden. Einen konkreten Termin, bis wann die neue Struktur fertig sein soll, nannte Tolkmit allerdings nicht.

Ebenfalls noch lange nicht am Ziel einer granularen Architektur ist Baan. Mit "Baan ERP" steht nun erstmals eine Suite aus den acht Kernbausteinen Manufacturing, Distribution, Project, Service, Finance, Configurator, Planning und Sales zur Verfügung: "Das kann erst der Anfang sein", konstatiert Joshua Greenbaum, Analyst von Enterprise Application Consulting in Berkeley, Kalifornien. Die technischen und funktionalen Mängel der Vorgängerversion sowie die massive Zukaufstrategie zwängen Baan zunächst dazu, die derzeitigen Applikationen zu "stabilisieren" und die Fremdanwendungen zu integrieren, bevor eine weitere Komponentisierung vorgenommen werde, teilte Karl-Heinz Plünneke, Vice-President Presales von Baan, mit.

Flexibilität kontra Skalierbarkeit

Peoplesoft bietet bis dato fünf Produktlinien (Komponenten) an: Finanzen, Logistik, Personal-Management und -abrechnung sowie Supply-Chain-Management. Kleiner sollen die Einheiten auch nicht werden, da sonst ein zu großer Integrationsaufwand erforderlich sei, erklärt Franz Bauer, Technologieberater von Peoplesoft in München.

Die Analysten der britischen Butler Group bringen auf den Punkt, worauf Anwender unbedingt achten sollten, wenn sie von ihrer ERP-Lösung ein Maximum an Flexibilität verlangen: Dazu gehört in erster Linie eine gut durchdachte Architektur auf Basis eines Frameworks sowie die Unterstützung von Kommunikationsstandards wie Common Object Model (COM), Distributed COM (DCOM), Common Object Request Broker Architecture (Corba) und Javabeans. Darüber hinaus sollte eine mehrstufige Software-Architektur sowie eine stabile Messaging- und Transaktions-Middleware vorhanden sein. Im Zeitalter des Geschäfts via Web darf auch die Internet-Sprache Extended Markup Language (XML) im Portfolio der Anbieter nicht fehlen.

Die Forderung nach einer auf Standards beruhenden Flexibilisierung der ERP-Pakete hat aber auch ihre Schattenseite. Sie widerspricht der häufig zu beobachtenden Praxis, ein System mit einer steigenden Benutzerzahl zu belasten. Eine Objekt- oder Modulbauweise von Applikationen erfordet jedoch einen höheren Verwaltungsaufwand. Die Wechselwirkungen zwischen Komponenten führen vor allem in verteilten Umgebungen zu erheblich mehr Netzbelastung. Die Folge: lange Antwortzeiten und geringere User-Zahlen. Das ist ein Problem, das den Anwendern von SSA-, J.D.-Edwards- und Marcam-Software bekannt ist. Alle drei Pakete bestechen durch ihre Flexibilität, können aber in puncto Skalierbarkeit mit SAP, deren größte R/3-Installation rund 20000 User verkraftet, sowie Oracle und Baan nicht mithalten: "Bisher hat noch kein ERP-Anbieter die Anforderung hoher Flexibilität auf der einen Seite und großer Nutzerzahlen andererseits gelöst", resümiert Ovum-Analyst Lachal. Ihm zufolge vergehen noch mindestens drei bis fünf Jahre, bis dieses Ziel erreicht ist.

Abb.1: Was wollen Anwender?

Noch gilt das Hauptinteresse einer starken Basisfunktionalität. Die Anpassungsfähigkeit der Software wird den Anwendern aber immer wichtiger. Quelle: Meta Group

Abb.2: Best of Breed

Rund 30 Prozent der befragten bundesdeutschen Unternehmen können sich einen Best-of-Breed-Ansatz vorstellen, um ihre ERP-Anforderungen abzudecken. Quelle: Meta Group