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Telecom-Investoren haben mit regionalen Monopolen zu kämpfen

Anbieter nichtöffentlicher Netze stoßen auf das liberalste Umfeld

04.12.1992

Die gravierenden Rückstände bei der Telekommunikations-Infrastruktur erschweren die Wirtschaftsentwicklung in Osteuropa. Alle Staaten der Region bemühen sich aber, Anschluß an westliche Standards zu finden. Mobilfunknetze dürften in absehbarer Zukunft für höhere Telefondichte sorgen. Große Carrier, zum Beispiel die Deutsche Bundespost (DBP) zusammen mit AT&T, bieten Telecom-Dienstleistungen aller Art an. Einige nationale Fernmeldeorganisationen bauen X.25-Netze auf.

Durch Öffnung der Märkte für ausländische Anbieter und westliches Kapital sollen die Rückstände in der Telekommunikations-Infrastruktur abgebaut werden. Die Liberalisierung wirkt sich bisher vor allem bei Endgeräten und nichtöffentlichen Netzen aus. Schwerpunkte der Investitionen in neue Netze sind der internationale Telefonverkehr, Overlay-Netze, Ortsnetze in Wirtschaftszentren und Mobilfunk. Das Engagement der ausländischen Investoren bleibt aber finanziell beschränkt, sie zeigen Präsenz, verhalten sich angesichts der bestehenden Unsicherheiten jedoch abwartend.

Telefonnetze sind chronisch überlastet

Die Staaten Osteuropas weisen einen erheblichen Nachholbedarf bei der Ausstattung mit Telefonen auf. Der Versorgungsgrad liegt zwischen zehn Hauptanschlüssen pro 100 Einwohner in Ungarn, Polen oder Rumänien und 16 in der CSFR. Werte von 24 bis 30 in Bulgarien und Teilrepubliken Jugoslawiens gehen eher auf geschönte Statistiken zurück. Auch die für GUS-Staaten genannten acht bis 20 Hauptanschlüsse pro 100 Einwohner müssen nach Expertenschätzungen auf Werte zwischen fünf und sieben nach Maßgaben westlicher Statistiken korrigiert werden.

Die Qualität der Netze ist ungenügend. Eine Vielzahl von Anwahlversuchen ist notwendig, bevor eine Verbindung zustande kommt. Daraus ergibt sich eine weitere Beanspruchung der chronisch überlasteten Netze. Ein besonderer Engpaß ist der internationale Telefonverkehr, beispielsweise erfolgte in der Sowjetunion der gesamte Auslandsverkehr über 1200 Leitungen in Moskau.

Der Investitionsbedarf zum Erreichen westlicher Standards summiert sich auf mindestens 100 Milliarden US-Dollar. Andere Schätzungen gehen von bis zu 50 Milliarden US-Dollar jährlich in den nächsten zehn Jahren aus. Die Einnahmen betragen pro Anschluß und Jahr aber brutto nur durchschnittlich 200 US-Dollar; in den OECD-Staaten sind es 800 US-Dollar. Der gewaltige Investitionsbedarf ergibt sich dabei in der Regel aus einer Übertragung des Versorgungsniveaus westeuropäischer Industriestaaten auf Osteuropa. Diese angesichts des wirtschaftlichen Entwicklungsstandes Osteuropas unrealistische Perspektive verstellt allerdings den Blick auf die Fortschritte, die man mit wesentlich geringerem Aufwand bei besonders gravierenden Engpässen erreichen kann. Schwerpunkte der tatsächlichen Investitionstätigkeit der Fernmeldeorganisationen sind deshalb auch digitale Overlay-Netze und internationale Verbindungen.

Vor allem die mitteleuropäischen Staaten sowie Rumänien, Bulgarien und die Ukraine haben mit Planung oder Bau von Overlay-Netzen als Rückgrat der nationalen Telefonnetze begonnen. Diese dienen ebenso wie der Ausbau der internationalen Verbindungen vor allem zur Verbesserung des Angebotes für Geschäftskunden. In den Republiken der ehemaligen Sowjetunion ist jedoch auch die Unabhängigkeit von Moskau ein wichtiger Beweggrund für eine eigene Anbindung an das internationale Telefonnetz, die noch nicht in allen Staaten verwirklicht ist.

Die Modernisierung der Telefonnetze ist ohne westliches Kapital und westliche Technologie kaum möglich. Viele Staaten Osteuropas öffnen daher die Telekommunikations-Märkte für ausländische Investoren. Als erstes Land hat Polen bereits ein modernes Gesetz geschaffen, das Monopole im Bereich der Telekommunikation formell abschafft.

Die CSFR und Estland haben ebenfalls gänzlich neue Gesetze eingeführt, Ungarn, Kasachstan, Rumänien und einige andere Staaten werden folgen. Daneben sind bestehende Gesetze in nahezu allen Ländern erweitert worden, um ausländische Investitionen zu ermöglichen.

Auch die Fernmeldeorganisationen werden umgestaltet. In Mitteleuropa sowie in Rumänien und Bulgarien ist die Trennung von Hoheit und Betrieb sowie von Post und Telekommunikation rechtlich vollzogen. In den baltischen Staaten und in einigen GUS-Republiken wurden eigene Betreiberorganisationen für die Telekommunikation geschaffen. Die Umsetzung dieser Maßnahmen ist jedoch bisher in der Regel weniger weit fortgeschritten, als es die Regelungen erlauben würden.

Faktisch bestehen viele Monopole und Verflechtungen von Politik und Wirtschaft fort. Nur wenige Länder in Osteuropa lassen wie Polen und Ungarn Wettbewerb in lokalen Netzen zu. Der anhaltende Streit über "Interconnection agreements", also die Bedingungen, unter denen die Betreiber der Ortsnetze an das überregionale Netz angeschlossen werden, hält aber die zahlreichen Interessenten an Lizenzen immer noch auf und zeigt die Defizite bei der liberalen Umgestaltung.

Die Investitionstätigkeit der privaten Anbieter vor allem aus dem Ausland kann daher ein besseres Bild der tatsächlichen Liberalisierung der Telekommunikations-Märkte und der bestehenden Investitionsrisiken in Osteuropa vermitteln als der bloße Blick auf die Rechtslage. Praktische Restriktionen bestehen vor allem bei den Festnetzen. Nur wenige Staaten, so zum Beispiel Estland, Lettland und die Ukraine modernisieren ihr Netz in Zusammenarbeit mit einem ausländischen Partner. Das Joint-venture in der Ukraine, das die DBP Telekom mit AT&T, der niederländischen Telekom und ukrainischen Partnern abgeschlossen hat, ist wegen des Investitionsumfanges eher eine Ausnahme. In der Regel bleiben die Netze im Monopol der nationalen Betreibergesellschaften.

Einige Staaten, zum Beispiel Polen, haben Vorschriften zur Begrenzung des ausländischen Kapitalanteils im nationalen und internationalen Telefonverkehr erlassen. Dagegen öffnen Polen und Ungarn die finanziell unattraktiveren lokalen Netze für private, auch ausländische Anbieter.

Mobiltelefone als Ersatz für das marode Festnetz

Der internationale Telefonverkehr ist häufig Gegenstand der Zusammenarbeit mit einem ausländischen Partner. In der ehemaligen Sowjetunion ist dies etwa in den baltischen Staaten, in Rußland und der Ukraine, in Moldawien, Kasachstan, Kirgisien, Armenien, Aserbaidschan und Usbekistan der Fall. Die Verbindungen werden vielfach über Satellit in ein westeuropäisches Land geschaltet. Die Betreiber sind häufig US-amerikanische oder in den östlichen Republiken japanische Unternehmen, jedoch sind auch einige europäische Firmen wie zum Beispiel Telecom Denmark, die belgische RTT oder die schwedische Telekom aktiv. Kabelgestützte Verbindungen werden unter anderem im Rahmen des TEL-Projektes von Deutschland nach Polen, der CSFR und Ungarn sowie in das Baltikum aufgebaut.

Die größten Marktchancen für ausländische Anbieter ergeben sich bei Mobiltelefonen. Entsprechende Netze existierten im sozialistischen Osteuropa praktisch nicht. Die neuen Systeme bedienen nicht nur mobile Telefonteilnehmer, sondern bilden auch häufig den Ersatz für das marode Festnetz.

Als Standard hat sich überall das analoge NMT-450-System der Marktführer Nokia und Ericsson durchgesetzt. Einige Staaten schreiben bereits Lizenzen für GSM-Netze aus, so daß in Zukunft mit Wettbewerb auf den Mobiltelefon-Märkten zu rechnen ist. Die militärische Nutzung der 900 Megahertz-Frequenzen wird dies allerdings noch einige Zeit verhindern.

In zahlreichen, Staaten, so jüngst in Bulgarien, wo Cable & Wireless eine Lizenz erhielt, sind analoge Mobiltelefon-Netze im Aufbau. Die Zusammenarbeit der ausländischen Unternehmen mit den lokalen Fernmeldeverwaltungen, die zumeist auch die Mehrheit der Kapitalanteile innehaben, ist dabei die Regel. Einzig in Rußland sind in Moskau und St.Petersburg bislang Lizenzen für analoge Systeme an konkurrierende Konsortien ergangen. Dies entspricht der russischen Lizenzpolitik auch in anderen Bereichen, bei der in begrenzten, oft aber lukrativen Marktsegmenten mehrere Betreiber lizenziert werden, um Abhängigkeiten von Ausländern zu vermeiden. Dadurch gehen allerdings Einnahmen für die langfristige Finanzierung des Netzaufbaus, verloren.

Datendienste in Osteuropa

Ein anderes Marktsegment stellen die Datendienste dar. In Rußland haben mehrere Unternehmen, zum Beispiel US Sprint, Sovam Teleport oder GTE, Lizenzen für den internationalen Datenverkehr erhalten. US Sprint bemüht sich um den Aufbau eines landesweiten Netzes. Daneben bieten einheimische Wettbewerber E-Mail an. Angesichts der Schwierigkeiten beim Telefonieren erfreuen sich diese Dienste großer Beliebtheit.

Auch in der CSFR existiert ein Datennetz, das in Kooperation von US West, Bell Atlantic sowie der tschechischen und der slowakischen Fernmeldeverwaltung angeboten wird. In den meisten anderen osteuropäischen Staaten jedoch versuchen die Fernmeldeorganisationen, eigene Netze auf Basis des X.25-Standards aufzubauen. Dies ist unter anderem in Polen, Ungarn, Bulgarien, Estland, Weißrußland und der Ukraine der Fall.

Die Anbieter nichtöffentlicher Datennetze stoßen auf das liberalste ordnungspolitische Umfeld. Entsprechende Infrastrukturen sind in vielen Staaten im Aufbau. In Polen hat zum Beispiel die Zentralbank ein Netz für den Datenverkehr zwischen den Banken aufgebaut. In der GUS hat die Nachrichtenagentur Itar-Tass jüngst ein eigenes Satelliten-basiertes System in Betrieb genommen.

Besonders wichtig sind angesichts der Engpässe im Telefonnetz VSAT-Systeme, dienen privaten Nachrichtenverkehr zwischen West- und Osteuropa ermöglichen.

Nahezu alle in Deutschland lizenzierten VSAT-Anbieter bedienen auch osteuropäische Staaten. So ist Vesatel beispielsweise in Polen vertreten, Eurodata in Ungarn, der CSFR und Rußland, ANT hat Verbindungen in Bulgarien und Ungarn aufgebaut.

Allerdings existieren noch Hindernisse für die Anbieter, da Lizenzgebühren und -bedingungen vielfach von Fall zu Fall einzeln ausgehandelt werden müssen.

Das Beispiel VSAT zeigt, daß die Märkte in Osteuropa schon jetzt interessant für westliche Anbieter sind.

Vor allem die wirtschaftlich wichtigen Nachrichtenverbindungen nach Westeuropa sind im Entstehen begriffen. Trotz der gewaltigen verbleibenden Aufgaben werden bereits Fortschritte erzielt.

Nach wie vor sind die osteuropäischen Telekommunikations-Märkte aber auch schwierig da die de facto erreichte Liberalisierung begrenzt ist. Dazu sind die rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu wenig stabil, so daß vor allem in Rußland und anderen GUS-Staaten gravierende Risiken bleiben.

*Michael Berlage ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftlichen Institut für Kommunikationsdienste GmbH (WIK) in Bad Honnef. Dr. Thomas Schnöring ist dort Abteilungsleiter Marktstruktur und Technologie.