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Anbieter-Strategien/Nach Power-PC-CPUs und PCI kommt Copland Apple verliert Exklusivitaet und oeffnet geschlossene Tore

20.10.1995

Von Julius Martin*

Mit massiver Konkurrenz hat Apple seit der Freigabe von Windows 95 zu rechnen. Zahlreiche Features, die Anwender zum Macintosh-Kauf bewogen haben, sind seither dem Millionenpublikum der Intel-Welt zugaenglich. Fuer Apple wird es schwerer, Neukunden zu gewinnen und die Stammkunden durch technische Verbesserungen bei der Stange zu halten.

Ein stuermischer Herbst koennte es fuer Apple werden. Schon im vergangenen Jahr sank der weltweite Marktanteil von 9,3 Prozent 1993 auf 8,3 Prozent. Die Analysten der Gartner Group sagen alles andere als bessere Tage voraus: Durch OS/2 Warp von IBM und Windows 95 werde sich der zeitweise grosse technologische Vorsprung von Apple im Bereich der Betriebssysteme weiter verkleinern. Auch die Benutzerfreundlichkeit der Apple-Oberflaeche - bislang ein starkes Argument fuer Neueinsteiger - verliert mit Windows 95 an Attraktivitaet.

Haelt Apple die Multimedia-Domaene?

Das Unternehmen hat auf seinem Weg in die naehere Zukunft verschiedene Huerden zu nehmen, meinen die Marktanalysten. Dies seien vor allem die zu beobachtende sinkende Nachfrage nach Apple- Produkten seitens professioneller Anwender und der zunehmende Druck, eine groessere Zahl von Anwendungen fuer Apple-Systeme praesentieren zu koennen. Das Unternehmen kann sich mit einer starken Position in der publizierenden Branche, im Ausbildungssektor und im US-amerikanischen Soho-Bereich nicht bescheiden.

Profitieren koenne Apple vom wachsenden Interesse an Multimedia, einer Domaene, in der die Firma lange Jahre eine Vorreiterposition einnahm. So kuendigt Apple fuer den Herbst dieses Jahres eine neue Version von "Quicktime" fuer Windows an, die die 32-Bit-Systeme Windows NT und Windows 95 neben den bisherigen 16-Bit-Betriebssystemen unterstuetzen werde. Nach einer Dataquest-Studie nutzen 63 Prozent aller Anbieter von Multimedia-Produkten den Macintosh zur Entwicklung. Erklaertes Ziel der Kalifornier: Programmierern soll durch die Bereitstellung plattformuebergreifender Werkzeuge die Produktion fuer neue Absatzmaerkte ermoeglicht werden.

Apple geht die Herausforderungen, die sich durch Microsofts BS- Strategie ergeben, auch auf anderen Wegen an. Einer davon verbirgt sich unter dem Codenamen "Copland". Das mit Spannung erwartete System-Update, das unter der Bezeichnung System 8 in den Handel kommen wird, braucht entgegen urspruenglichen Plaenen allerdings noch etwas Zeit bis zu seiner Freigabe. Nach Angaben des Unternehmens wird es voraussichtlich Mitte naechsten Jahres auf den Markt kommen. Es loest das Mac-OS 7.5 in der jetzt aktuellen Version 7.5.2 ab.

Grundlegende Aenderungen in Copland sind unter der Benutzeroberflaeche angesiedelt. Dazu gehoeren Multithreading, eine verbesserte Speicherverwaltung sowie mehr Betriebssicherheit.

Die Kommunikations- und Programmprozesse laufen in System 8 nicht mehr gemeinsam ueber das Betriebssystem, sondern ueber einen gesonderten Input-Output-Manager und sind in einem separaten Speicherbereich angesiedelt. So muss bei einem Programmabsturz nicht mehr das gesamte System, sondern nur das Programm neu gestartet werden.

Strategisch wichtig ist die avisierte Einfuehrung eines Hardware Abstraction Layers (HAL), einer Art Zwischenschicht, die Treiber und Systemerweiterungen von Programmen und dem Finder trennt. Inkompatible Treiber fuehren so nicht mehr zwangslaeufig zu einem System-Crash.

Hardwarekomponenten, die das Betriebssystem eigentlich gar nicht anspricht, koennen ueber den Umweg eines von System und Programm unabhaengigen Treibers bedient werden. Mac-Clone-Hersteller erhalten so eine Moeglichkeit, neue Komponenten mit entsprechenden Treibern einzufuehren. Copland verbreitert also durch seine Ausgestaltung hardwareseitig das Angebot und oeffnet die einst voellig geschlossene Apple-Welt weiter.

Zudem erhoehen die Apple-OS-Entwickler die Betriebssicherheit von System 8 durch das preemptive Multitasking, bei dem im Gegensatz zum aus Windows bekannten kooperativen Multitasking das Betriebssystem die Kontrolle ueber die abzuarbeitenden Aufgaben uebernimmt. Die CPU-Kapazitaet wird so besser genutzt.

Da die Ressourcen dann vom Betriebssystem und nicht mehr von den Programmen verteilt werden, ist fuer die Laufstabilitaet nicht mehr die Kooperationsbereitschaft der Programme entscheidend. Damit koennen einzelne Applikationen nicht mehr so leicht das System lahmlegen, indem sie die Ressourcen nicht mehr freigeben.

Unter System 8 werden nicht alle Komponenten im preemptiven Multitasking abgearbeitet, aber unter anderem Netzwerkoperationen, Dateiverwaltung und Threads fuer verschiedene CPU-intensive Aufgaben. Erst im fuer 1998 vorgesehenen naechsten Update mit dem Codenamen "Gershwin" wird das preemptive Multitasking neben dem Multithreading in voller Breite integriert sein.

Dies habe seinen Grund darin, berichtet das CW-Schwestermagazin "Macwelt", dass an den zur Zeit verfuegbaren Programmen - auch denen von Fremdanbietern - zuviel geaendert werden muesste, um sie auf die neue Technik umzugestalten. Man wolle, so heisst es bei Apple, die Softwarehersteller nicht mit einer solch intensiven Umgestaltung ihrer Mac-Produkte ueberlasten, da sie momentan ihre Ressourcen stark in Entwicklungen fuer Windows 95 gebunden haetten.

Oeffnung gegenueber Fremdanbietern von Hard- und Software im Zusammenhang mit den aktuellen Produktvorhaben ist sicherlich kein schlechter Weg in die Zukunft. Aber die Tendenz bei Apple geht ebenfalls dahin, dem Anwender mehr Moeglichkeiten zu bieten, zwischen den Betriebssystem-Welten hin- und herzuschalten. So gibt es verschiedene Optionen fuer Anwender, zwischen Mac-OS, DOS und Windows Interoperabilitaet zu erlangen.

In diesem Zusammenhang ist Opendoc ein weiteres Stichwort, das in den Apple-Papieren haeufig auftaucht. Hierunter verbirgt sich eine von IBM, Apple und Novell gemeinsam entwickelte Technik zur Verwaltung von Objekten, die fuer Windows-, OS/2- und Mac- Umgebungen verfuegbar gemacht werden soll. Kenner der Szene erwarten fuer Anfang 1996 eine Integration von Opendoc in das Apple-Betriebssystem-Umfeld, eventuell als neue Version 7.5.x oder als sogenannte Pro-Version von 7.5.2. Auf alle Faelle aber wird Opendoc Bestandteil von Copland.

Die Mac-Umgebung auch fuer Unix-Anwender

Mac-OS wird auch gegenueber anderen Plattformen wie Unix offener. Das Macintosh Application Environment (MAE) schafft einen virtuellen Macintosh in einem Standard-X-Window-System. So koennen Unix-Anwender mit denselben Manipulations- und Navigationsmoeglichkeiten arbeiten, die auch auf einem Macintosh- Computer zu finden sind. MAE ist laut Apple bereits fuer Workstations von Hewlett-Packard unter HP-UX und von Sun Microsystems unter Solaris verfuegbar.

Bedeckt halten sich die Apple-Manager noch, was die Details einer Lizenzierung des Mac-OS fuer andere Hardwarehersteller angeht. Urspruenglich hiess es, dass das System 7.5 sowie Kernelemente der Power-PC-basierenden Hardware-Architektur fuer ausgewaehlte Unternehmen lizenziert werden sollen. In einem zweiten Schritt wolle man dann die Mac-OS-Technologie einer breiten Gruppe von Hardwareherstellern zugaenglich machen. Inzwischen zeigt sich Apple gegenueber Lizenzierungswuenschen wieder verschlossener.

Zusammenarbeit ist gleichwohl Trumpf bei Apple und entspricht der Maxime aus Cupertino, die Wahl und Einsatzmoeglichkeiten neuer Technologie fuer den Anwender moeglichst breit zu faechern. Hierunter sind auch die Aktivitaeten in Richtung der Common Hardware Reference Platform (CHRP) zu verstehen.

Die Arbeiten an der CHRP schreiten nach Meldung aus den USA zuegig voran. Die Zusammenarbeit zwischen IBM, Apple und Motorola zur Entwicklung einer gemeinsamen Hardwarespezifikation hat das Ziel, Rechner zu entwerfen, auf denen sowohl PC- als auch Macintosh- Betriebssysteme laufen. Erste CHRP-konforme Produkte sollen in der zweiten Jahreshaelfte 1996 kommen. Und obwohl dem jetzigen Stand der Dinge nach wohl zuerst Copland fuer diese Plattform eine Feinanpassung erfahren wird, beziehen Ueberlegungen auch das System 7.5 in diese Variante ein.

Ein weiterer Umsatztraeger, auf dem Apple ueber das Betriebssystem Meriten verdienen kann, ist die Power-PC-Schiene. RISC- Prozessoren, die von Motorola, IBM und Apple seit 1992 gemeinsam entwickelt und von Motorola und IBM gefertigt werden, kommen in dieser neuen Klasse von PCs zum Einsatz. Auf Power-PCs laufen zur Zeit die Betriebssysteme Mac-OS 7.1.2 und Windows NT, demnaechst wohl auch IBMs OS/2. Auch Big Blues Unix-Derivat AIX ist im Rennen um die Power-PCs dabei. Apple hat hingegen keine Absichten, die eigene Unix-Variante A/UX an Power-PCs anzupassen.

Ein Jahr Verspaetung gegenueber Windows 95

Das Szenario und die Verteilung der Anteile der Betriebssysteme in diesem neuen Markt stehen noch nicht fest. Experten der Gartner Group geben Apple eine Fifty-fifty-Chance, in diesem Sektor Punkte zu machen. Angelockt von der Moeglichkeit, Macintosh-Clones zu produzieren, werden verschiedene Hersteller Power-PC-basierte Desktops fertigen. Die Verfuegbarkeit von Clones bietet gute Chancen fuer Mac-OS, bei den Marktanteilen zuzulegen - auf Kosten von OS/2 und Windows.

Da OS/2 fuer Power-PCs auf sich warten laesst, bestehen gute Aussichten fuer Apple, Mac-OS im Feld der Betriebssysteme fuer diese Rechnerklasse gut zu plazieren. Microsoft scheint derzeit kein Interesse oder keine Kapazitaeten zu haben, Windows NT fuer Power- PC-Architekturen umzuschreiben. Zudem wuerde derlei eine Rueckdefinierung von NT zum Client-Betriebssystem nahelegen. Lediglich AIX besitzt nach einem Szenario der Gartner Group eine gute Chance im Rennen.

Bringt Microsoft allerdings eine Windows-Version fuer Power-PCs auf der Basis von Prep-2 (Power-PC Reference Platform) auf den Markt und ueberzeugt die unabhaengigen Software-Anbieter davon, ihre Programme in dieser Richtung aufzubereiten, kann sich das Blatt doch noch wenden. Immerhin hat Microsoft 1994 versichert, dass ueber die Zertifizierungsvorgaben fuer Windows-95-Anwendungen diese RISC- vorbereitet seien.

Auch hier bleibt das Szenario also spannend. Apple bereitet sich auf die Zukunft auch organisatorisch vor. Das Unternehmen gibt sich marktorientierter als frueher. Wie es heisst, soll neben einer internen Umstrukturierung auch an einer Verkuerzung der Entwicklungszeiten bis hin zu einer Halbierung gearbeitet werden. Fuer Copland bleibt noch knapp ein Jahr bis zur Marktpraesentation. Windows 95 ein Jahr lang mit Mac-OS 7.5 Paroli bieten zu muessen - das kann hart werden.

* Julius Martin ist freier Autor in Muenchen.