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SAP-Software ist "im Kern proprietär"


09.10.1992 - 

Anwender beklagen die Abhängigkeit von SAP

MÜNCHEN (hv) - Auf dem ersten unabhängigen SAP-Anwenderforum in München sah sich die Mannschaft des erfolgsverwöhnten Walldorfer Softwarehauses schweren Angriffen ausgesetzt. Kritisiert wurden unter anderem die organisatorische und DV-bezogene Abhängigkeitssituation der Anwender, der fatale Mangel an qualifiziertem Personal sowie die mangelhafte Kundenbetreuung des Anbieters.

"Die SAP AG ist ein Kind der IBM", so die DV-historische Einführung von Unternehmensberater Lothar Bading aus Körnigsten im Taunus. Während aber die Ära des DV-Giganten aus Armonk offenkundig zu Ende gehe, habe die SAP ihren Zenit noch längst nicht überschritten. Das zweitgrößte deutsche SW-Unternehmen habe es verstanden, sich rechtzeitig von den Hardwareherstellern, insbesondere von der IBM, zu lösen und seinen eigenen Weg in Richtung offener Systeme einzuschlagen.

Mit der Offenheit, so Bading, sei es aber nicht weit her. Denn obwohl die SAP mit ihrem neuesten Produkt R/3 konsequent auf Unix setze, auf dieser Plattform eine moderne Software-Architektur realisiere und das Produkt als programm- und datenbankunabhängig gelten könne, müsse man dem Unternehmen vorwerfen, daß es seine Kunden in eine vollständige Abhängigkeit führe. Die Standardsoftware, so führte Bading aus, sei vor allem aufgrund ihrer Entwicklungsumgebung zutiefst proprietär. Mit der SAP-spezifischen 4GL Abap/4 müßten die Anwender nämlich eine Programmiersprache lernen, die in keiner Weise einem Standard entspreche je mehr Abaps man programmiert, desto abhängiger wird man", monierte der ehemalige Philips-Manager.

Abap/4 sei "im Kern proprietär" und müsse als "das Klebemittel der SAP" bezeichnet werden.

Ironischerweise habe aber SAP ihre 4GL selbst in C und C+ + geschrieben, in Sprachen also, die den Weltstandards entsprächen und damit dem Softwarehersteller, nicht aber dessen Kunden Unabhängigkeit garantierten. Die Folgen der neuen Software-Abhängigkeit, so Bading, seien noch kaum abzusehen. "Riesenunternehmen machen sich von einer 4GL abhängig; sie haben aber keinerlei Einfluß auf die Standardbildung dieser Sprache."

Auch nach Einschätzung von Martin Kütz, DV/Org.-Leiter der Braas GmbH in Oberursel, hat sich mit SAP "eine neue Dimension proprietärer Systeme etabliert". Alle anderen herstellerspezifischen Abhängigkeiten, wie sie auch vom Veranstalter des SAP-Forums, der COMPUTERWOCHE, ständig kritisiert würden, stelle das Softwarehaus in den Schatten. Das werde dem Anwender spätestens dann klar, wenn er nach Alternativen suche. Die gesamte DV-Infrastruktur des Anwenders, von der Hardware über Betriebssysteme, Datenbanken und Anwendungsentwicklungs-Tools, wird laut Kütz von der SAP-Software beeinflußt.

In besonderem Maße betroffen von einer SAP-Einführung sei die Ablauforganisation eines Unternehmens. Auch wenn Theoretiker es nicht gerne hörten: Um die Vorteile der Software vollständig zu nutzen, müsse letztlich doch die Organisation der "Maschine Standardsoftware" angepaßt werden. Dazu sei aber erforderlich, daß SAP-Kunden ihre bestehende Organisation ebenso kennen wie das Organisationsmodell der Standardsoftware. Außerdem müßten die Unternehmen selbst klären, wohin sich die eigene Organisation entwickeln solle.

"Ich habe leider den Eindruck", so bilanziert Kütz, "daß wir in vielen Fällen in keiner der genannten Fragen hinreichend Klarheit haben." Die Folge sei, daß aus Sachzwängen die Standardsoftware der eigenen Organisation angepaßt werde, womit jeder mögliche Vorteil verspielt werde.

Diese Probleme mit einer entsprechenden Hilfestellung der SAP aus dem Wege zu räumen scheint laut Kütz Raum möglich, denn die Kundenbetreuung sei der "wunde Punkt" des Unternehmens. "Der fehlende Vertrieb und die bewußt organisierte Anonymität der bestehenden Kundenbetreuung mögen zwar aus Sicht des Unternehmens sinnvoll und notwendig sein als Kunde wünsche ich mir eindeutig mehr Engagement des Herstellers", so Kütz. Auch der Beratereinsatz sei nicht ohne Tücke: Der Consultant komme zwar in der Regel mit dem nötigen Know-how, nehme dieses aber auch wieder mit.

Daß SAP-Berater ein "knappes Gut" sind und diese Marktsituation weidlich auszunutzen wissen, daran ließ auch Heinz Seeberger von der Münchner dsc Direct Search Consulting in seinem Vortrag keinen Zweifel. Der Arbeitsmarkt sei durch einen Mangel an qualifiziertem Personal gekennzeichnet, was sich besonders darin auswirke, daß die bisher beschäftigte, zum Teil hoch qualifizierte Software-Entwicklermannschaft in der Regel nicht mit einer SAP-Einführung fertig werde.

So ist einerseits der Mangel an SAP-versiertem Personal groß, andererseits stehen in vielen Unternehmen die, Entwickler von Individualsoftware, die der Geschäftsführung mit ihrem Herrschaftswissen nicht selten schlaflose Nächte bereitet haben, nach der Einführung von Standardsoftware vor ihrer Entlassung. Umgekehrt dürfte das auch in den nächsten Jahren noch knappe SAP-Fachpersonal horrende Summen verdienen, denn diesen Mitarbeitern wird laut Seeberger künftig jeder SAP-Anwender mit großem Auf. wand den Hof machen.