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08.06.1984 - 

Software wird zum Werbe-Instrument:

Anwender bevorzugen Maßgeschneidertes

"Im Augenblick wird die japanische Software, die unabhängig oder in Verbindung mit japanischer Hardware vertrieben wird, nicht in einer Größenordnung exportiert, die die ausländische Software-Industrie in Schrecken versetzt." Diese Feststellung machen Denji Tajima und Tomoo Matsubara von der Hitachi Software-Engineering Company Co. Ltd. {Tajima, Seite 34). Bleibt das so, oder müssen wir uns auf eine Exportoffensive japanischer Softwareproduzenten vorbereiten? Dieser Frage geht Friedrich Winkelhage, technisch-wissenschaftlicher Geschäftsführer der GMB, anhand einiger Beobachtungen auf dem japanischen Softwaremarkt nach. Dabei wird der Mikro-Markt zum Schluß in einem besonderen Kapitel behandelt, da er eine ganz eigenständige Entwicklung nimmt.

In zahlreichen Gesprächen und Veröffentlichungen wird immer wieder deutlich, daß die japanischen Anwender, insbesondere die großen Unternehmungen, ihre firmeninterne Informationsverarbeitung und -bereitstellung und die dafür erforderliche Software als ein Wettbewerbsinstrument ersten Ranges betrachten. Dieser Trend wird noch dadurch unterstützt, daß in Japan weniger gesetzliche Vorschriften zur Berichterstattung existieren und auf diese Art und Weise die Bildung eigener Firmenkulturen hinsichtlich der Berichterstattung und der Informationsverarbeitung unterstützt wird. In dieser Grundsituation liegt auch die Erklärung dafür, daß die japanischen Anwender, insbesondere die großen Unternehmen, maßgeschneiderte Software für ihre Informationsverarbeitung haben wollen.

Der ausgeprägte Wunsch nach individuell erstellter Software hat zum Aufbau sehr starker Software-Produktionsgruppen bei den großen Anwendern geführt, die entweder völlig eigenständig oder in Kooperation mit Herstellern und Softwarehäusern, die dann Unterauftragnehmer werden, die Softwaresysteme für die großen Unternehmungen entwickeln. Dies hat dazu geführt, daß der Markt für Anwendungs-Softwarepakete in Japan völlig unterentwickelt ist. Das Anwendungspaket-Geschäft der Softwarehäuser liegt in Japan bei ungefähr drei Prozent des Jahresgeschäftes. Das wiederum hat zur Folge, daß die kleinen und mittleren Unternehmungen große Schwierigkeiten haben, ihre Software-Anforderungen erfüllt zu bekommen, zumal die großen Anwender und Hersteller die knappen Software-Produktionskapazitäten abschöpfen. Über die Frage, wie weit die Anwender, die nach japanischen Angaben mehr als 60 Prozent der jährlichen Softwareproduktion bestreiten, in der Nutzung softwaretechnologischer Ansätze sind, läßt sich derzeit nicht übersehen. Eine Klärung bedürfte einer eigenen Untersuchung.

Das Problem der kleinen und mittleren Unternehmen ist erkannt worden. Seit 1983 führt die halbstaatliche Information Promotion Agency (IPA) ein Förderungsprogramm für die Informationsverarbeitung durch, das sich an diese Unternehmung wendet. Damit solle der Mangel an einfach zu benutzenden Anwendungsprogrammen zu beheben und die Behinderungen für die Entwicklung der Informationsverarbeitung in kleinen und mittleren Unternehmungen überwunden werden. Als Ziel gilt, Software zu entwickeln, die so einfach ist, daß kleine und mittlere Unternehmungen für die eigene Informationsverarbeitung keine Software- und Informationstechnik-Spezialisten einstellen müssen.

Anbieter - Situation und Strategien

Bei den Software-Produzenten, insbesondere bei den Herstellern, aber auch bei den Software-Häusern, sind unvermindert hohe Investitionen im Bereich der Software-Produktionsumgebungen zu verzeichnen. Die bestehenden Ansätze (Winkel, Seite 477) werden zielstrebig ausgebaut. Das hat bereits zu nachhaltigen Steigerungen der Produktivität in diesem Bereich geführt.

Ein besonders bestechendes Beispiel ist die Softwarefabrik von Toshiba für Realtime-Anwendungen. Konsequente organisatorische Maßnahmen, ein striktes Projektmanagement, ausgefeilte Dokumentationsrichtlinien und eine konsequente

Wiederverwendung von System- und Anwendungsmodulen haben zu einer jährlichen Steigerung von 20 Prozent beim Software-Ausstoß geführt, ohne daß sich die Zahl der Programmierer nennenswert erhöht hätte.

Gemeinsame Entwicklungen der Hersteller auf dem Gebiet der Software-Produktionsumgebungen sind nicht erkennbar. Jede Unternehmung entwickelt ihre eigene Software-Engineering-Kultur. Abgesehen von dem Toshiba-Beispiel ist allerdings nicht zu erkennen, daß sie den "State of the Art" in Europa oder auch in den Vereinigten Staaten voll erreicht haben.

Neben den Aktivitäten der Hersteller sind zwei Gemeinschaftsentwicklungen zu erwähnen. Die bereits genannte Information Promotion Agency führt ein eigenständiges Entwicklungsprojekt für eine Software-Produktionsumgebung durch. Neben 27 Mitarbeitern der IPA sind ungefähr 150 Beschäftigte von Softwarehäusern, Herstellern, Anwendern, Universitäten und Forschungslabors an dieser Entwicklung beteiligt - teilweise direkt in der Entwicklung, teilweise in regelmäßig tagenden Arbeitsgruppen. Ob das zu entwickelnde System zu einem breiten Einsatz kommen wird, ist offen.

Ein weiteres Gemeinschaftsprojekt wird von der Joint System Development Corporation durchgeführt. Dies ist ein Zusammenschluß von ungefähr 110 Softwarehäusern unter Beteiligung der 13 japanischen Großbanken. Bei vielen dieser Software-Anbieter handelt es sich um ausgegliederte Töchter von Herstellern. Die Softwareproduzenten sind also auch hier eng in die Entwicklung eingebaut. Bei dieser Entwicklungsaktivität der Joint System handelt es sich bereits um das zweite Projekt dieser Art. Das erste (1975 bis 1980) gilt als gescheitert, weil bezüglich der Technologie falsche Eingangsentscheidungen getroffen wurden. Die neue Entwicklung für eine Software-Produktionsumgebung basiert auf einer interaktiven Arbeitsumgebung, Rapid-prototyping auf Unix-Basis und einer starken Projektführung. Begonnen wurde das Projekt 1981, dauern soll es bis 1985. Der technisch interessante Ansatz könnte dazu führen, daß dieses System im Bereich der Softwarehäuser eine breitere Anwendung findet. Beide Entwicklungen (IPA, JSD) werden gefördert.

Zur Anbieterstruktur auf dem japanischen Softwaremarkt läßt sich im Überblick sagen, daß der allgemeine Trend der Anwender zur individuellen Software zu starken Abhängigkeiten der Softwarehäuser geführt hat. Sie sind entweder an Hersteller oder aber auch an Anwender gebunden. Ausgliederungen aus großen Anwenderunternehmungen hat es in der Regel nicht gegeben. Die große Ausnahme ist das Softwarehaus Cosmo 80, 1981 durch etwa 90 Mitarbeiter der Ishi Kawajima Heavy Industries gegründet. Es hat seither eine sprunghafte Entwicklung genommen. Derzeit steht man in Gesprächen mit IBM und Mitsubishi, um eine neue Firma zu gründen, die Software für das geplante ISN (Integrated Services Network) produzieren soll.

Engpaß Programmierkapazität

Trotz aller Anstrengungen wird nach wie vor in allen Bereichen über den extremen Mangel an qualifizierter Programmierkapazität geklagt. Dies ist erklärlich aufgrund der Tatsache, daß es nach wie vor noch keine industriellen Softwareproduktion im breiten Maße gibt und die Wartungsnotwendigkeit nach wie vor hohe Kapazitäten bindet. Hieraus entsteht naturgemäß ein hoher Druck, Ansätze zu forcieren, die helfen, Engpässe zu überwinden. Auf der einen Seite gehören die schon erwähnten Investitionen in die weitere Entwicklung der Softwaretechnologie dazu, außerdem die Forschungsarbeiten auf den Gebieten des Programmierens in natürlicher Sprache, der Kanji-Verarbeitung, der Dokumenten Verarbeitung und der Qualitätssicherung. Hinzu kommen die Anstrengungen im Bereich der Entwicklung von Computersystemen der fünften Generation, bei der den Softwarefragen besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Ansätze dieser Art sind nicht nur in staatlichen Forschungslabors, sondern auch schon bei den Herstellern und Softwarehäusern zu beobachten. Diesen Entwicklungen sollte in den nächsten Monaten und Jahren besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Betrachtet man die derzeitigen Anstrengungen zusammenfassend, so wird deutlich, daß die Investitionen vornehmlich der Stärkung der technologischen Basis für eine industrielle Softwareproduktion dienen. Die Produktion von Anwendungssoftware ist derzeit nahezu ausschließlich auf den japanischen Markt gerichtet. Verbindet man aber die Stärkung auf dem Gebiet der Software-Produktionsumgebungen mit den Entwicklungen in den Forschungslabors zur Verarbeitung natürlicher Sprache, auf dem Übersetzungsgebiet und der Kanji-Verarbeitung bis hin zu Ansätzen im Bereich der wissensbasierten Systeme, so wird deutlich, daß diese Entwicklung dazu beitragen kann, spätere Anstrengungen auf die Anwendungssituation in anderen Ländern zu konzentrieren. Dies gilt insbesondere für den Asien-Markt, auf den offenbar ganz gezielt hingearbeitet wird. Wir sollten hier wachsam sein und unsere eigenen Optionen und Stärken entwickeln. Diese Notwendigkeit wird unterstrichen durch eine Feststellung der bereits eingangs zitierten Quellen Tajima und Matsubara: "Japans Softwareindustrie produziert vornehmlich für die inländischen Anwender, aber Hitachi Software Engineering hat eine ständige Personalkapazität und eine Produktionsmethode entwickelt, um auch in weit größere Märkte einzudringen" (Tajima, Seite 34).

Die Entwicklung des Mikro-Marktes in Japan wird wie folgt eingeschätzt (März 1983):

1984 - 1 491 800 Einheiten

1985 - 2 200 500 Einheiten

1990 - 5 407 400 Einheiten (Jipdec, Seite 10)

Diese Mikro-Explosion in Japan schafft ein enormes Potential für den Softwarevertrieb. Wie groß dieses Potential ist, soll anhand eines Beispiels erläutert werden.

Im Jahre 1981 gründete Masayoshi Son, damals 24 Jahre alt und Absolvent der amerikanischen Universität Berkley, die Japan Soft Bank Corporation. Der Umsatz betrug 1981 (Halbjahr) 1,1 Milliarden Yen (etwa 11 Millionen Mark), 1982 vier Milliarden Yen (etwa 40 Millionen Mark) und 1983 ungefähr 16 Milliarden Yen, das sind 184 Millionen Mark. Soft Bank hat außerdem eine Vertriebstochter in Los Angeles, die US Soft Bank. Sie dient als Informationsdrehscheibe und Produktvertrieb in den Vereinigten Staaten und weltweit. Derzeit wird dort ausschließlich amerikanische Software in den USA vertrieben.

Soft Bank hat derzeit 10 000 Softwarepakete im vierteljährlich erscheinenden Katalog (2800 Yen, entsprechend 28 Mark), davon sind etwa 7000 "lebend". Ungefähr 4000 Händler, darunter Computerläden, Buchhändler, Supermärkte, Elektrogroßhandel, arbeiten mit Soft Bank zusammen. Soft Bank stellt diesen Partnern den Katalog auf einer Bildplatte, der ein neues japanisches Verfahren zugrunde liegt, zur Verfügung. Auf diese Weise können die Kunden mit zentral entwickelten Informationen an das Produkt herangeführt werden, weil die Händler nicht über genügend qualifiziertes Personal verfügen. 50 Prozent von ihnen haben nur ein bis vier Beschäftigte.

Mengenmäßig verteilt sich der Absatz zu 60 Prozent auf Spiel-Software, 30 Prozent kommerzielle Anwendungspakete und 10 Prozent Ausbildungspakete. Wertmäßig liegen die kommerziellen Pakete bei über 50 Prozent des Umsatzes. Der Anteil der kommerziellen Pakete und der Ausbildungs-Software soll in Zukunft nachhaItig gestärkt und ausgeweitet werden.

Die Lieferanten der Softwarepakete sind mehr als 200 Softwarehäuser und Einzelpersonen. Soft Bank hat eine interne Software-Abnahme, die Lieferanten erhalten 7 bis 15 Prozent Anteile je verkauftes Softwarepaket. Büros gibt es in verschiedenen großen Städten, Auslieferungslager in Tokio und Osaka. Vertriebs- und Marketingunterstützung wird durch die Verlagsabteilung geboten. Derzeit werden sieben Mikro-Magazine veröffentlicht, die herstellerbezogen informieren. Hier wird auch der vierteljährlich erscheinende Katalog publiziert. Die Gesamtauflage der Magazine beträgt mehr als 400 000.

Der Softwarehandel für Mikro-Computer ist derzeit ebenso wie im Mainframe-Bereich "kulturkreisbezogen". Es wird nahezu ausschließlich in Japan produzierte Software verkauft. Es bleibt abzuwarten, ob die wachsenden Möglichkeiten für maschinelle Übersetzungen im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich einen Ansatz bieten zur Überwindung der Kulturgrenzen. Ausbildungsprogramme, beispielsweise im Bereich der Mathematik, dürften sich mit diesen Möglichkeiten sehr schnell auch für die anderen Märkte aufbereiten lassen, so daß auch hier unsere Wachsamkeit gefordert ist.

Die Entwicklung auf dem Software und Hardwaremarkt für Mikros dürfte auch nachhaltig durch das im Juni 1983 angekündigte neue Microsoft-Produkt MSX beeinflußt werden. Es handelt sich um eine vereinfachte Version von MS-DOS und erleichtert den Einstieg in den Umgang mit Arbeitsplatzrechnern. 16 Hersteller unterstützen dieses System bereits auf dem japanischen Markt (Jipdec, Seite 10). Damit erschließt sich für das Mikro-Software-Angebot ein breiter Markt, der auf dem MSX-Standard aufbaut.

Literatur

Tajima: Tajima, Denji und Matsubara, Tomoo: Inside the Japanese Software Industry. In: IEEE-Computer, März 1984, Seite 34 bis 43

Winkel: Winkelhage, Friedrich: Software-Entwicklung -Revolutionäres aus Japan? In: Effizientes Software-Management. Proceedings zum Software-Forum '83. Hrsg.: CW-Publikationen, (München 1983), Seite 477 bis 504,

Jipdec: Jipdec-Report 1984. Nr. 57. Herausgegeben von Japan Information Processing Development Center, Tokyo 1984