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08.01.1993 - 

Wirtschaftliche Krise beunruhigt IBM-Kunden

Anwender: Big Blue hat Megatrends verschlafen

"Die IBM hat offensichtlich - und da muss man wohl die oberste Spitze verantwortlich machen - den Trend in der Datenverarbeitung total falsch eingeschaetzt", vermutet Detlef Laue, Hauptabteilungsleiter Informationssysteme und Organisation bei der BAT Cigarettenfabriken GmbH in Hamburg. Das Vertrauen vieler Anwender, die der IBM bisher stets die Stange gehalten haetten, sei inzwischen stark erschuettert. BAT selbst hat derzeit einen 3090- Grossrechner der Serie 200 sowie "bergeweise PCs" der PS-Modelle im Einsatz.

Jahrelang sei es Big Blue mit dem Host als der wichtigsten gewinnbringenden Rechnerarchitektur sehr gut gegangen - andere Maerkte habe das Unternehmen nur halbherzig in Angriff genommen. "Dieses Beharren auf dem Mainframe und das Vertrauen, der Kunde werde schon alles zahlen, ist durch das Auftreten von Anbietern wie Amdahl, Hitachi und Comparex erschuettert worden", meint Laue.

Die angeschlagene wirtschaftliche Situation der IBM beunruhigt den DV-Chef insofern, als Big Blue immer das "Aushaengeschild der Branche" gewesen sei.

Man koenne aus dem Zustand des Marktfuehrers Rueckschluesse auf die gesamte Branche ziehen. "Meine Sorge ist, dass die IBM weniger Geld in Forschung und Entwicklung stecken und damit die Innovation bremsen koennte", argwoehnt Laue. Tatsaechlich scheint die Sorge des Anwenders nicht unbegruendet: Big Blue plant naemlich, das Entwicklungsbudget um eine Milliarde Dollar zu kuerzen.

Laue rechnet auch damit, dass IBM kuenftig viele Leistungen in Rechnung stellen wird, die der Konzern bisher kostenlos erbracht hatte. Diese Entwicklung sei wohl unumgaenglich, weil sich das Unternehmen in weitgehend unabhaengige, ertragsorientierte Divisionen aufgespalten habe. So werde beispielsweise der Vertrieb kaum noch den kostenlosen Zugriff auf Servicemitarbeiter erhalten. Support-Leistungen, so erwartet Laue, werden deshalb wohl teurer.

Kein Preiskrieg, aber Qualitaetsverlust

Nicht unbedingt einen Preisanstieg, wohl aber einen Qualitaetsverlust der Support-Leistungen befuerchtet Klaus Fuchs,

DV/Org.-Leiter der Rudolf Wild GmbH & Co. KG in Eppelheim bei Heidelberg. "Wir gehen davon aus, dass wir durch die Vorruhestandsregelung der IBM im naechsten Jahr wichtige Ansprechpartner verlieren werden", so der DV-Chef. Sein Unternehmen hat soeben einen neuen Grossrechner der ES-9000-Reihe installiert.

Laut Fuchs steht zum gegenwaertigen Zeitpunkt der Verzicht auf den Mainframe nicht zur Diskussion, doch der Trend gehe - zum Nachteil der IBM - ganz eindeutig in Richtung dezentraler DV-Architekturen. Deren Vorzug liege vor allem im wirtschaftlichen Bereich, denn verteilte Systemumgebungen liessen sich jederzeit kostenguenstig ausbauen, waehrend die Neuanschaffung eines Grossrechners enorme Summen verschlinge. "Eine kontinuierliche Anpassung der Mainframe- Rechnerleistung an die betrieblichen Belange ist nicht moeglich", so Fuchs. "Ueblicherweise muss dies durch den Austausch des Grossrechners geschehen - und das laesst sich nur mit einem enormen Wertverlust realisieren."

Viele Anwender erwaegen nach Ansicht des DV-Chefs auch deswegen die Trennung von der IBM, um sich aus der Herstellerabhaengigkeit zu befreien. So sei eine Migration vorhandener Individualanwendungen vom Mainframe in eine verteilte Systemumgebung kaum moeglich, in der Regel muessten die Programme komplett neu entwickelt werden. Dasselbe gelte fuer den Grossteil der verfuegbaren Standardsoftware.

Cash-cow Mainframe zu lange gemolken

Ein weiteres Problem liege darin, dass bei einem Wechsel die technische Infrastruktur komplett ersetzt werden muesse. Aus diesen Gruenden haelt der DV-Leiter einen Umstieg in der Praxis erst dann fuer sinnvoll, wenn zusaetzlich funktionale Argumente fuer eine Abloesung der Altsoftware sprechen.

Wie BAT-Mitarbeiter Laue sieht auch Fuchs das gegenwaertige Hauptproblem der IBM darin, dass die "Cash-cow Mainframe zu lange gemolken wurde". Durch das vorhandene Monopol habe sich der Konzern zu sehr in Sicherheit gewogen und dabei wichtige Trends verschlafen.

Frank Roettcher, Interims-DV-Chef der Nike International Ltd. in Weiterstadt, sieht das zu spaete Eingehen auf wichtige Branchentrends und die mangelnde Offenheit der Rechnerplattformen als wichtigste Ursache fuer den wirtschaftlichen Einbruch der IBM. An eine Krise existentiellen Ausmasses glaubt der AS/400-Anwender allerdings nicht - ebensowenig wie alle anderen befragten DV- Manager.

Herausforderungen an die Organisation

Big Blue sei auf die Megatrends Unix und dezentrale DV-Umgebungen nicht genuegend eingegangen - doch damit nicht genug: "Mit der IBM haben meiner Meinung nach auch viele Kunden diesen Trend verschlafen", so Roettcher. "Die schwimmen heute noch mit der IBM; viele werden sich wohl erst

nachtraeglich dem allgemeinen Trend anschliessen." Der Nike- Mitarbeiter macht kein Hehl daraus, dass er sich heute eher fuer den Unix-Weg als fuer die

AS/400 entscheiden wuerde. "Unix ist viel offener als die AS/400", so Roettcher. Die Schnittstellenprobleme, die er mit der Silverlake habe, muessten heute laengst ueberwunden sein.

Die fehlende Flexibilitaet der IBM macht auch Gerhard Kunze, Direktor Informations-Management bei der Milupa AG in Friedrichsdorf, fuer die anhaltende Krise verantwortlich. Big Blue habe sein Geld in der Vergangenheit mit dem Verkauf von Hardware verdient, analysiert Kunze. Rechner zusammenbauen koenne heute aber jeder - das noetige Zubehoer sei am Weltmarkt ohne Schwierigkeiten zu beziehen. Mother

Blues gegenwaertige Krise, von der im uebrigen die meisten DV- Anbieter betroffen seien, erklaert der DV-Chef so: "IBM hat es in den letzten 20 Jahren versaeumt, sich von einem Hardwarehersteller zu einem Systemanbieter zu wandeln."

"Wir haben einen IBM-Grossrechner im Keller stehen, aber letztlich ist das Blech heute nur noch von sekundaerer oder tertiaerer Bedeutung", fuehrt Kunze aus. Hier seien ausschliesslich die Kosten interessant, und bis dato habe Big Blue noch immer mit PCM- Anbietern wie Amdahl oder Comparex mithalten koennen. In den Unternehmen komme es heute weder auf die Hardware noch auf Standardsoftware oder auf ein bestimmtes Datenbanksystem an - im wesentlichen gehe es um die Organisation von Informationen.

Der physische Warenfluss muesse mit dem Informationsfluss gekoppelt werden, Informationsverarbeitung habe sich allein an der Prozesskette zu orientieren. Laut Kunze muss die Informationsverarbeitung fuer eine "transparente und lueckenlose Versorgung mit den fuer das Geschaeft und die Straffung der Prozesskette notwendigen Informationen" sorgen. Deshalb liege die eigentliche Herausforderung im organisatorischen Bereich.

Bestellblock-Mentalitaet in den Koepfen der IBM-Mitarbeiter

In diesem Zusammenhang faellt Kunzes Urteil ueber die IBM vernichtend aus: "Das kann die IBM nicht! Ich spreche aus Erfahrung." Big Blue habe das Thema Generalunternehmerschaft hoch aufgehaengt, die Rede sei von Unternehmensberatung im Bereich Informationsorganisation. Tatsaechlich fehle dem Personal aber das Know-how, um solche Dinge umzusetzen. "In den Koepfen der IBM- Mitarbeiter ist noch immer eine Bestellblock-Mentalitaet vorhanden", so Kunze - ein Rudiment aus Zeiten, als es fuer den Anwender noch keine Alternativen gab.

Machte die IBM in der Vergangenheit als Systemintegrator und Dienstleister auch eine schlechte Figur, so verlief doch das Produktgeschaeft so gut, dadie Bilanz insgesamt keinen Schaden nahm. Heute ist jedoch der wichtigste Zweig, naemlich das Grossrechnergeschaeft, schwer angegriffen. Die Ursache liegt unter anderem darin, dass sich immer mehr Grosskonzerne fuer eine Konzentration ihrer RZ-Landschaft entscheiden, um Hardware- und Personalkosten sowie nicht zuletzt Lizenzgebuehren einzusparen.

Auch die Duesseldorfer Henkel KGaA ist seit einem dreiviertel Jahr dabei, ihre sechs europaeischen IBM-Grossrechenzentren zu einem einzigen RZ mit Sitz in Duesseldorf zusammenzulegen. "IBM ist unser Hauptanbieter von Hardware und Systemsoftware", erlaeutert der Projektverantwortliche Wilhelm Gehrmann. Deshalb sei es den Rheinlaendern durchaus nicht gleichgueltig, ob es dem blauen Giganten schlecht gehe.

Gehrmann rechnet jedoch mit einem Gesundschrumpfungs-Prozess bei der IBM, der den Grosskunden letztlich nicht schaden werde. Die Hardware lasse sich inzwischen von einer Reihe von Anbietern beziehen, und die Betriebssystem-Software sei weltweit zu sehr verbreitet, als dass der Support hier langfristig gefaehrdet sei.

"IBMs Architekturen waren ein Fehlschlag"

Als Ursache fuer IBMs Schwierigkeiten nennt Gehrmann neben der allgemein schlechten wirtschaftlichen Lage die zulange andauernde Fokussierung auf das Grossrechnergeschaeft. "IBMs Architekturen, zum Beispiel SAA, waren ein Fehlschlag. IBM verfolgte damit die Vision, den Mainframe in einer nicht offenen Architektur langfristig unentbehrlich zu machen - das ist ihr nicht gelungen."

Tatsaechlich sei der Mainframe in seiner Funktion als Netzwerk- und Datenbank-Server immer noch unentbehrlich - aber nur fuer Grosskonzerne mit mehreren Tausend Anwendern. Sein Unternehmen plane deshalb, im zentralen Duesseldorfer RZ einen Mainframe mit einer Leistung von rund 200 MIPS zu installieren. Dabei ist aber noch laengst nicht entschieden, ob die IBM die Hardware liefern wird. An Stelle der mittleren MVS-Rechner, so Gehrmann, koennen heute durchaus leistungsstarke Unix-Systeme zum Einsatz kommen, wenn bei der Anwendungssoftware die Chance eines Neubeginns besteht.