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Wie können Unternehmen effizient umstellen?


25.09.1998 - 

Anwender des Token Ring haben die Qual der Wahl

Ironischerweise scheinen dem Token Ring gerade seine Vorzüge zum Verhängnis geworden zu sein. Die Technologie verfügte anfangs mit 16 Mbit/s über eine größere Bandbreite als Ethernet mit 10 Mbit/s, zudem über eine vorhersagbare Performance, weil jede Station im Ring nacheinander eine Sendeerlaubnis erhält. Die Ethernet-Hersteller waren angesichts dieser starken Konkurrenz gezwungen, nach Auswegen aus dem Bandbreitendilemma zu suchen. Sie entwickelten Ethernet-Switching sowie Fast- und schließlich Gigabit-Ethernet.

Eine Antwort auf die Fortentwicklung von Ethernet fanden die Token-Ring-Hersteller erst sehr spät. Für viele Anwender, die mit Engpässen zu kämpfen hatten, zögerten sie zu lange. Im Prinzip stehen heute folgende Alternativen zur Auswahl: In den Arbeitsgruppen läßt sich die Bandbreite pro Station erhöhen, indem jeder Ring in mehrere kleinere Ringe aufgeteilt wird (Mikrosegmentierung). Das kann man so lange fortsetzen, bis an jedem Switch-Port nur noch ein Benutzer hängt (dediziertes LAN). Für den Backbone eignen sich dann entweder Asynchronous Transfer Mode (ATM) oder HSTR. Eine andere Lösung wäre, das gesamte Netz auf Ethernet umzustellen.

Beim HSTR bleiben die Token-Ring-Frame-Formate nach Angaben von Olicom erhalten, so daß eine Übersetzung entfällt. Vorerst wird der Standard nur dedizierte Verbindungen zulassen. Ein Shared-Standard ist nicht in Sicht. Die High Speed Token Ring Alliance (HSTRA) hat nun den Abschluß von zwei Testrunden mit HSTR-Produkten gemeldet. An beiden nahmen die Hersteller IBM, Madge und Olicom teil. Es ging dabei um die Kompatibilität der Produkte und um ihre Verträglichkeit mit dem Standard. Getestet wurden HSTR-Adapter und -Switches. Die Ratifizierung des Standards wird noch in diesem Jahr erwartet. Die Hersteller hoffen, spätestens dann entsprechende Produkte anbieten zu können.

Im Gegensatz zu den Herstellern halten sich Berater im Zusammenhang mit HSTR eher zurück. So beurteilt beispielsweise Petra Borowka von der Unternehmensberatung Netzwerke UBN in Aachen den schnellen Token Ring allenfalls in kleinen Netzen als akzeptabel. "Die am Markt erhältlichen Switches verfügen meist nicht über genügend Token Ring Ports für Backbone- und Server-Verbindungen", begründet die Netzwerk-Spezialistin. Auch lohne sich ein Kostenvergleich mit Ethernet.

Ein 16-Mbit/s-Token-Ring-Adapter ist rund 150 Mark teurer als eine Ethernet-Karte, so daß eine komplette Ethernet-Lösung nicht immer mehr kosten muß als das Upgraden von Token Ring. Als weiteren Knackpunkt nennt Borowka, daß HSTR noch nicht für Glasfaser spezifiziert ist, sondern bisher nur für Kupferports.

Hersteller wie Olicom oder Madge propagieren neben HSTR eine Kombination aus ATM im Backbone und geswitchtem Token Ring zu den Endgeräten hin. Nach Angaben von Madge Networks eignet sich eine solche Lösung vor allem in lokalen Netzen, die sowohl Daten- als auch Sprachverkehr transportieren sollen oder besondere Quality of Service (QoS) benötigen. ATM empfiehlt sich weiterhin, wenn bereits ATM-Verbindungen im WAN vorliegen oder eine Verknüpfung zwischen Token-Ring- und Ethernet-Endgeräten geschaffen werden muß.

Eine solche Konstellation mit ATM-Backbone sowie Token-Ring- und Ethernet-Netzen setzt beispielsweise ein deutscher Autohersteller ein, der anonym bleiben möchte. In einem der Standorte wird jetzt der Ethernet-Anteil von rund 30 Prozent auf schätzungsweise 65 Prozent erhöht. "Wir benötigten auch für die Endgeräte mehr Bandbreite und stellen daher auf ein Port-ge- switchtes Netz um", erklärt ein Mitarbeiter. Dabei hätte die Frage Token Ring versus Ethernet aber nicht im Vordergrund gestanden. Es sei auch nicht auszuschließen, an einem anderen Standort, der bisher ausschließlich mit Token Ring vernetzt ist, später auf HSTR zu migrieren, "wenn vernünftige Produkte auf den Markt kommen". Doch besteht eine gewisse Gefahr, daß sich ATM irgendwann zu einer ähnlichen Altlast entwickeln könnte, wie es Token Ring heute schon ist. Franz-Joachim Kauffels, Unternehmensberater aus Euskirchen, vertritt diese Ansicht. Er glaubt, daß ATM "im lokalen Bereich chancenlos" ist. Kauffels sieht "über kurz oder lang keine Alternative zu einer kompletten Ethernet-Lösung". Etwas anderer Ansicht ist Petra Borowka: Sie gibt zu Bedenken, daß bei 622-Mbit/s-ATM für Multimode-Fasern die Reichweite deutlich größer ist als bei Gigabit Ethernet. Das könne zumindest auf großen Firmengeländen den Ausschlag zugunsten von ATM geben.

"Patentrezepte, welche Technologie wann am besten ist, gibt es nicht", faßt die Netzspezialistin zusammen. Es sei zu klären, welche Anwendungen der Kunde auf dem Token Ring betreibe und wo er hin wolle. Nicht vernachlässigen dürfe man zum Beispiel, daß es auch heute noch Netze mit bis zu 100 Benutzern an einem Ring gebe, die trotzdem nur eine Auslastung von zehn Prozent hätten. Einem solchen Anwender wird sicher niemand einen neuen Backbone verkaufen. Auch Kauffels räumt ein, daß es Ausnahmen gibt, in denen Token-Ring-Netze noch für eine gewisse Zeit ausreichen. "SAP R/3 erzeugt so wenig Last bei den Endgeräten, daß man noch relativ lange mit herkömmlicher Technologie zurecht kommt", führt er als Beispiel an.

Mithin spielen auch politische Gesichtspunkte eine Rolle: In Mischnetzen aus Token Ring und Ethernet mit einem Ethernet-Anteil von mindestens 30 Prozent entstehen in der Regel große Widerstände, wenn versucht wird, den Ethernet-Teil durch Token Ring zu ersetzen. Weitere wichtige Fragen sind, ob demnächst sowieso altes Equipment auszumustern ist oder erst kürzlich neue Geräte angeschafft wurden, die noch nicht abgeschrieben sind.

Entscheidet sich ein Anwender für eine Migration zu Ethernet, hat er im Prinzip zwei Möglichkeiten: Entweder wird der separat aufgebaute, neue Ethernet-Backbone über einen Router mit den alten Token-Ring-LANs verbunden oder die Verknüpfung wird über die Server erreicht. Dazu muß jeder Server sowohl mit einem Token-Ring- als auch mit einem Ethernet-Adapter ausgestattet werden. Alle bereits umgestellten Benutzer gehen dann über den Ethernet-Adapter an den Server, die anderen über Token Ring.

Neben den Karten benötigt man in beiden Fällen neue Switches. Die Umsetzung erfolgt etagenweise beziehungsweise Gebäude für Gebäude. "Was besser ist, hängt vom Know-how des Teams ab, das das Netz betreibt sowie von der Anzahl der Server und der Komplexität der Anwendungen", weiß Petra Borowka. Bei einer einfachen Protokoll- und Anwendungsstruktur biete sich der Weg über zwei Server-Adapter an, bei einem komplizierteren Netz kann Routing sinnvoller sein.

Für eine Migration zu ATM im Backbone braucht ein Anwender neue Netzwerkkarten (800 Mark je Karte), ATM-Switches sowie Token-Ring-Switches mit ATM-Uplinks. Es ist zudem LAN-Emulation-Software zu installieren, um Token-Ring- und Ethernet-Netze einbinden zu können. Die Umwandlung erfolgt dann schrittweise (und ohne Routing). Zuerst baut man den neuen Backbone auf und bindet die Server an. Nach Ansicht von Petra Borowka dauert das in einem Netz mittlerer Größe etwa zwei bis drei Wochenenden. Anschließend kommen dann die Token-Ring-Switches im Gebäude oder in der Etage an die Reihe.

Für eine Lösung mit 155-Mbit/s-ATM im Backbone und eine Segmentierung mittels Token-Ring-Switches entschied sich beispielsweise die Firma W.L.Gore & Associates GmbH aus Putzbrunn. Der Hersteller der bekannten "Gore-Tex"-Membran verwendete bisher ein reines Token-Ring-Netz mit einem 16-Mbit/s-Backbone, das an seine Grenzen stieß. Daß die Wahl auf ATM fiel, begründet DV-Leiter Rainer Würländer mit Investitionsschutz: "Wir hatten kein Ethernet vorher." Zudem könnte es sein, daß das Unternehmen irgendwann auch seine WAN-Verbindungen auf ATM umstellt. Die Zukunft der Technologie schätzt Würländer positiv ein und verweist auf deren Fähigkeit zur Sprach-Daten-Integration und den zunehmenden Einsatz im Internet.

Vor der Installation der (fertig konfigurierten) Komponenten bei Gore fand eine Simulation des Netzes beim Systemintegrator Controlware statt. Als problematisch erwies sich anfangs die Anforderung an die Switches, mehrere Emulated LANs (ELANs) anzusteuern, da die Netze von vier Werken emuliert werden sollten. Diese Eigenschaft wurde im Verlauf des Projekts zusätzlich in die Software integriert. Würländer rät anderen Anwendern, bei der Migration zu einem ATM-Token-Ring-Netz besonders auf die Definition der ELANs zu achten, also darauf, welcher Server mit welchen Clients verbunden ist.

Die Sparkasse Fürstenfeldbruck nutzt ebenfalls 155-Mbit/s-ATM für eine Verbindung zwischen Kundenzentrum und dem neu gebauten Verwaltungszentrum. Sie hat sich allerdings nicht ganz aus freien Stücken für diese Lösung entschieden, denn das Informatikzentrum Bayern (IZB) schreibt Token Ring vor. Aus diesem Grund hat die Sparkasse als einer der wenigen Anwender noch neue Token-Ring-Netze installiert. "Mit der Entscheidung für ATM haben wir uns zunächst vom IZB wegbewegt, dann aber doch noch das Plazet bekommen", erläutert DV-Leiter Dieter Sopalla.

Anfangs hatte das Unternehmen Schwierigkeiten, weil eine Komponente aufgrund von Änderungen eines Zulieferers nicht funktionierte. Außerdem war das Gebäude noch eine Baustelle, so daß die Glasfaserkabel verschmutzt wurden und ausfielen. Mittlerweile läuft das Netz aber zur Zufriedenheit der Beteiligten. Die Zukunft des Netzes über mehrere Investitionszyklen hinweg ist noch offen. "Mittelfristig hat Token Ring keine Zukunft", glaubt Sopalla, "aber wir werden noch eine Weile damit leben können." Da die Sparkasse über eine sternförmige Verkabelung verfügt, sieht er sich für alle Eventualitäten gerüstet: Sollten die Token Ringe einmal ausgemustert werden, muß er nur die aktiven Komponenten austauschen.

Abb.1: Token-Ring-Netz

In den Workgroups läßt sich die Bandbreite durch Mikrosegmentierung und dedizierte Verbindungen erhöhen. Quelle: Madge Networks

Abb.2: HSTR Frame Sequence

Die Frame-Sequenz von HSTR hat den gleichen Aufbau wie jene von Token Ring. Quelle: Olicom