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19.01.1990 - 

Wege aus dem Chaos führen ganz selten an die Spitze

Anwender erhoffen sich vom Siemens/Nixdorf-Deal vor allem Klarheit

Unerwartet kam der Zusammenschluß von Siemens und Nixdorf für Branchenkenner nicht. Trotzdem überraschte das Tempo, mit der die Hochzeit dann über die Bühne ging. Fast einhellige Meinung bei Nixdorf-Anwendern, Markforschern, Insidern und Betriebsräten beider Unternehmen. Die Produktreihen müssen aufeinander abgestimmt und einige Produktionslinien sogar aufgegeben werden. Trotzdem ist bislang noch nicht zu sehen, ob die jetzt als Deutschlands neue Nummer Eins gefeierte Verbindung tatsächlich einer rosigen Zukunft entgegengeht. Feststehen bisher nur die Verlierer. Das sind zum einen Tausende von Mitarbeitern bei Nixdorf, die jetzt die eklatanten Fehler ihres Managements auszubaden haben, und zum anderen die Anwender der Paderborner. Gerade sie könnten nun zu den wenigen gehören, die Vorteile aus der Zweckheirat ziehen.

Besonders die 8890-Anwender ließ man bei Nixdorf in beispielloser Weise mit einem System und mit verlorenen Investitionen im Regen stehen, wie sich ein Org.-Leiter aus dem Norden Deutschlands erzürnt. Schlechter kann es buchstäblich nicht mehr werden, äußert er sich ironisch über die Zukunftsperspektiven des neuen Konstrukts. In der ersten allgemeinen Euphorie über die vermeintliche Jumbo-Allianz vergesse man, was allein an erheblichen Schadensersatzforderungen von verprellten 8890-Kunden auf das neue Unternehmen zukommen werde. So einfach ließen sich die 200 Anwender von Groß-Systemen nicht an den Rand des Ruins treiben.

Ähnlich verärgert und besorgt äußern sich viele andere Nixdorf-Kunden. Karsten Brüning von der Lübecker Hafengesellschaft ist sowohl Siemens-Anwender unter BS2000 als auch DEC- und Olivetti-Kunde. Ein 8890-Rechner gehört überdies zum DV-Inventar. "Wir wissen also, was es heißt, in Nixdorf- oder in Siemens-Händen zu sein. Nixdorf hat uns in der Vergangenheit ziemlich alleine gelassen. Die 8890-Gruppe in Norddeutschland heißt deshalb auch nur noch "Bestandssicherung". Für ihn steht fest, daß auch in der zusammengeschlossenen Unternehmung für die 8890 kein Platz mehr ist. "Das ist insofern ziemlich traurig, als man eine Menge Individualsoftware aufgebaut hat, die sehr gut und funktionstüchtig ist. Hier liegt das eigentliche Ärgernis." Ihm graut schon davor, jetzt neue, aber notwendige Softwareprojekte erstellen zu müssen.

Brüning gründet seine Hoffnung darauf, daß der Siemens-Vorstand schnell auf die Nöte der Anwender reagiert und sich jetzt Gedanken macht, wie man die Nidos- und VM/ESX-Geschädigten auf Siemens herüberziehen kann. Er gibt allerdings der Siemens AG den wohlmeinenden Rat: "Die 8890 sollte nicht fortgeführt werden. Das kann man - wenn man die Maschine kennt - selbst Siemens nicht wünschen."

Für viele ist denn auch Kompetenz in der neuen Unternehmensorganisation die vorrangige Forderung. Noch einmal Brüning: "Wir hatten in den fünf Jahren, die wir die 8890 betreiben, nie das Gefühl, sowohl bei VM/ESX als auch Nidos kompetente, gut ausgebildete Gesprächspartner auf seiten Nixdorfs zu haben. Da sind Kosten angefallen, die bei einem kompetenten Hard- und Softwaresystemanbieter nie aufgelaufen wären."

Karlheinz Schiestel, Vorsitzender der Nixdorf-Benutzergruppe (Nibeg), sieht, für die Nixdorf-Mainframer durch die Fusion kaum Zukunftsperspektiven: "Bei Betriebssystemsoftware im 8890-Bereich gilt es, zwei Anwender zu unterscheiden: Zum einen die Nidos/VSE-, zum anderen die VM/ESX-Basic-Anwender. Viele der Nidos-Leute tendieren klar in die Richtung, auf Datenbanken zu gehen. Bei den Comet-Anwendern ist der Anteil an Individualsoftware gegenüber den 8870-Anwendern relativ hoch. Eine anerkannte Alternative wurde bislang von Nixdorf nicht angeboten. Das Projekt "Alexander", welches auf Unix-Basis gründet, scheint vom Zeitpunkt der Einführung von Software sehr fraglich. Völlig unsicher ist hier auch, ob es eine Upgrade-Möglichkeit von Comet-Dateien in Datenbankumgebungen geben wird. Ob nach der Zusammenführung mit Siemens dieses "Alexander-"Projekt bestehen bleibt, ist für mich ebenfalls fraglich, denn das ist auf einer Nixdorf-eigenen Sprache der vierten Generation angesiedelt und daß Siemens das unterstützt, erscheint mir sehr unwahrscheinliche.

Josef Kessler, RZ-Leiter bei den Theben-Werken in Haigerloch: "Siemens könnte natürlich mit seinem BS2000-Betriebssystem bei den 8890-Anwendern einsteigen. Aber das paßt eben nicht hundertprozentig. Mit einem IBM-Rechner ist man als 8890-Anwender besser beraten. Deshalb bezweifele ich stark, daß Siemens diese als Kunden zu sich herüberziehen kann.

Auf den neuen Nixdorf-Partner Siemens scheinen somit eine Menge Probleme zuzukommen. Die Allianz des ehemaligen deutschen Wirtschaftswunderunternehmens aus Paderborn mit dem eher betulichen Siemens-Apparat sehen viele mit Skepsis. Für Kessler steht fest: "Für Siemens wird das ein riesiges organisatorisches Problem aufwerfen, bis sie die gesamte Nixdorf-Struktur umorganisiert haben. Erste Erfolge wird man da wohl nicht vor Mitte nächsten Jahres erwarten können Zudem wird Siemens mit Sicherheit daran nagen, daß die besten Leute Nixdorf bereits verlassen haben."

Dieter Baroth von der Century Computer Datenverarbeitung GmbH, Ex-Nixdorf-Kundendienstleiter und 25 Jahre bei den Paderbornern, erklärt, warum: "Es gab zu viel Unruhe im Betrieb wegen der schlechten Presse, weil das Vertrauen bei den Kunden weg war. Bei vielen Kundengesprächen gab es diese negativen Erfahrungen.

Nixdorf-Mitarbeiter wurden darauf angesprochen, ob Nixdorf seine Computerhäuser verkaufen würde, ob sie Oberhaupt noch bei Nixdorf angestellt seien und ob sie eigentlich ihr Gehalt noch bekämen. Das war für uns schon sehr deprimierend. Das galt besonders für die Leute im Vertrieb, weswegen auch eine ganze Reihe guter Leute im letzten halben Jahr Nixdorf verlassen haben. Es war draußen einfach kein gutes Gespräch mehr möglich und der Mitwettbewerb hat natürlich seinen Teil dazu beigetragen. Wenn da etwa ein Verkaufsgespräch schon recht weit gediehen war zugunsten von Nixdorf, dann kam der Mitwettbewerb mit Presseartikeln, in denen beispielsweise Nixdorf als unsicherer Partner dargestellt wurde." Leidtragende ist nun die neue AG, der die besten Mitarbeiter schon weggelaufen sind.

Die pränatalen Probleme der neuen AG dürften dem Wettbewerb recht sein. Ein Konkurrent ist vom Markt verschwunden, ein zweiter könnte mit der Siemens-Nixdorf Informationssysteme AG folgen. Rainer Liebich, Vorsitzender der Geschäftsführung der NCR GmbH, Augsburg, scheint die Veränderung am Markt kühl hinzunehmen: "Die Erfahrung mit Fusionen zeigt, daß beim Zusammenschluß von Unternehmen 1 + 1 keineswegs notwendigerweise 2 ergibt. Die Integration von Unternehmensteilen und

die Bereinigung der Produktlinien erfordert zwangsläufig sehr viel Zeit und Energie. Dies

gilt noch verstärkt, wenn man die Profitabilität des neuen Unternehmens betrachtet. Diese Zeit kann und wird die NCR natürlich nutzen, um - frei von internen Reibungsverlusten ihre Marktanteile auszuweiten. Wir sehen den Zusammenschluß der beiden Unternehmen mit großer Gelassenheit."

Auch bei DEC sieht man die Jubelarien in den deutschen Medien über den vermeintlichen Marktriesen nüchtern. Jörg Rieder, Vorsitzender der Geschäftsführung von DEC: "Marktvolumen ist nicht alles Technologie. Führerschaft ist eine Folge weltweiter Investitionen. Im Großrechner-Markt wird sich durch den Zusammenschluß kaum etwas ändern. Im mittleren Bereich haben beide Unternehmen eigene Produktlinien. Hier wird es darum gehen, Inkompatibilitäten zu überwinden. Eine Veränderung im sehr stark wachsenden Bereich des Workstation-Marktes ist nicht zu erkennen."

Dr. Dieter Sauer, Marketing Direktor der fusionsgeplagten Unisys Deutschland GmbH, konnte sich einen pikanten Seitenhieb auf die ostwestfälischbayerische Entente nicht versagen: "Da Unisys selbst durch den Zusammenschluß zweier Großunternehmen der DV-Industrie entstanden ist, werden wir natürlich mit besonderem Interesse verfolgen, wie schnell die Vereinigung vollzogen wird und ab wann von einem wirklich gemeinsamen Auftreten des "neuen" Unternehmens gesprochen werden kann."

Ob den Konkurrenten das Handereiben vergehen wird, hängt vor allem von der schnellen Handlungsfähigkeit und der Entscheidungsfreudigkeit der Interregnumsmanagern ab. Dabei steht zu befürchten, daß erheblich gehobelt werden muß, denn bei überschneidenden Produktlinien müssen der Stromlinienförmigkeit und frühestmöglichen Profitabilität der neuen AG zuliebe wohl einige Produktionsbereiche aufgegeben werden. Schlechte Karten hat vor allem, wer jetzt nicht Siemensianer ist. Meinte ein Ex-Produktplaner von Nixdorf: "Der Standort Paderborn ist ausgesprochen schwer zu handhaben. Die haben jetzt gerade eine Flugverbindung. Es gibt keine IC-Verbindung, die Anbindung an das Schnellstraßennetz existiert ebenfalls nicht. Da kann man eigentlich höchsten noch die Produktion lassen. Insofern sehe ich für Paderborn ganz schwarz." Zudem moniert er, daß die Produktionsmethoden dort doch wohl etwas rückständig und veraltet sind. Das Kernproblem des Hauses Nixdorf sei, daß fast alle Produktlinien veraltet beziehungsweise nicht mehr aktuell seien, die neue Targonwelt innerhalb der eigenen Familie jeweils inkompatibel sei.

Auch Schiestel glaubt, daß Produktabspeckungen bittere Auswirkungen vor allem an der Pader zur Folge haben werden. "Siemens produziert seine PCs selber. Deshalb glaube ich, daß die Nixdorf-PCs - NCR-Rechner - vom Markt verschwinden. Im Unix-Bereich sieht es so aus, daß beide Mips-Modelle anbieten werden. Ich bin der Meinung, daß man die Targon-Rechner einstellt. Bislang fährt die Targon 35 ja mit Pyramid-Prozessoren. Im 31er-Bereich werden Motorola-Prozessoren angeboten, die über keine RISC-Architektur verfügen. Im CAD-Bereich habe Siemens eigene Hard- und Softwareabteilungen und entsprechende Produkte, während Nixdorf mit Partnern arbeite. Ohnehin seien im Large-Account-Bereich bereits alle Aktivitäten eingestellt worden.

Helmut Reithmeier, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei der Siemens AG und Mitglied des Aufsichtsrates, sieht wie sein Kollege Paul Heggemann, Betriebsratsvorsitzender Standort Paderborn und Mitglied des Aufsichtsrates der Nixdorf AG, schwere Zeiten auf ihre Arbeitnehmer zukommen. Reithmeier: "Prinzipiell muß ich sagen: Ich halte den Zusammenschluß in Hinsicht auf den europäischen Binnenmarkt für richtig. Beide hätten vielleicht in zehn Jahren auf dem internationalen beziehungsweise globalen Markt nicht mehr existiert. Nixdorf sicherlich nicht mehr, und unser Geschäftsbereich DI wahrscheinlich auch nicht. Denn die Entwicklungskosten hätten wir uns bei dem gleichen Umsatz wie heute gar nicht mehr leisten können. Aus dieser Sicht halte ich die Zusammenlegung für richtig." Aber er geht davon aus, daß die beiden Unternehmen ihre Produktlinien bereinigen werden. "Das ist mit Personalabbau verbunden." Kollege Heggemann will zwar keine Zahlen nennen. Er hofft aber: "Ein konzeptionsloser Arbeitsplatzabbau - das zeigte schon die Vergangenheit bringt nichts. Die Organisation und deren Abläufe bei uns müssen verbessert werden."

Manfred Hoffmann, DV/Org-Leiter bei der Merkur Direktvertriebsgesellschaft in Einbeck, kann sich allerdings vorstellen, daß durch den Zusammenschluß Nixdorf-Tugenden auf die DI-Abteilung von Siemens abfärben. Ein gewisses bürokratisches Phlegma der Münchner könne so möglicherweise überwunden werden. "Bei einer guten Unternehmensführung verspreche ich mir von dem Siemens/Nixdorf-Zusammenschluß einen technologischen Schub.

Bislang war der Datenverarbeitungs- und Kommunikationsbereich bei Siemens ja nur ein kleiner Teil von vielen. Dadurch hat man meiner Ansicht nach einige gesamtunternehmerische Entscheidungen nicht so optimal getroffen, wie sie hätten ausfallen müssen. Mit Blick nicht nur auf den deutschen Markt, sondern auf den europäischen und den Weltmarkt sehe ich aber durch die Konzentration der Arbeitsbereiche, wie sie sich nun ergeben werden, eine große Chance für das neue Unternehmen."

Mit dem Blick auf den Weltmarkt berührt Hoffmann allerdings einen delikaten Punkt der Siemens/Nixdorf-Verbindung. Denn die scheint nur stark in heimischen Gefilden, dagegen schwach in Europa, ganz zu schweigen von den überseeischen Märkten. Für Gerhard Adler von der Diebold Deutschland GmbH handelt es sich bei der Unternehmensehe um einen ersten notwendigen Schritt, dem ähnliche folgen müssen, um global konkurrenzfähig sein zu können. "Es bleiben heutzutage nur zwei Alternativen: Entweder man engagiert sich als kleines Unternehmen in einem Nischenmarkt oder man will im Weltmarkt mitspielen. Beide Unternehmen, Siemens und Nixdorf, sind zu groß für die Nische. Beide sind damit zum Wachstum verdammt. Wachstum aus eigener Kraft, so stellt es sich für beide dar, ist für diese Ambitionen aber zu langsam. Beide zusammen sind jetzt zwar hervorragend auf dem deutschen Markt vertreten. Aber in allen anderen europäischen Ländern ist auch die Kombination Siemens/Nixdorf noch nicht ausreichend stark. Von den USA und Japan ganz abgesehen. Ich sehe daher die jetzige Verbindung auf alle Fälle nur als ersten Schritt. Im Grunde wäre auch noch Philips oder ICL dazu zu addieren, Bull gegebenenfalls auch oder Teile von Olivetti. Aus eigener Kraft werden die beiden jedenfalls den internationalen Markt nicht schnell genug aufrollen. Dazu bedarf es weiterer Zusammenschlüsse."

Ex-IDC-Geschäftsführer Erik Hargesheimer von der Management Services GmbH Hargesheimer & Partner errechnet für die neue Verbindung zwar einen ehrenvollen zweiten Platz in der Bundesrepublik hinter der IBM, meint aber dennoch: "Langfristig ist die reine deutsche Lösung nicht ausreichend, um im weltweiten DV-Markt überlebensfähig zu bleiben. Weitere Partnerschaften sind zumindest in Europa - möglicherweise aber auch in den USA oder mit einem der fahrenden Japaner nicht auszuschließen."

Manche munkeln aber bereits vor der Geburt des neuen bundesrepublikanischen Hoffnungsträger, es werde eine Totgeburt. Zu viele Probleme durch Neuorganisierung, zu hohe Kosten durch Regressansprüche von Nixdorfanwendern, hohe Verluste der Nixdorf AG, Mangel an professionellem Top-Management im neuen Unternehmen und völlig unterschiedliche Firmenkulturen, winken sie ab. Für Börsenbeobachter Arnd Wolpers scheint deshalb auch nicht unwahrscheinlich, was Siemens mit der Aktion eigentlich bezweckt: "Für Siemens ist das eine reine Steuerangelegenheit".

Wie viele vermutet Wolpers zudem, daß Siemens in die neue AG ihren gesamten DI-Bereich einbringen und eine Kapitalerhöhung des Stammaktienkapitals gegen Sacheinlage vornehmen wird. Damit seien die Verzugsaktionäre elegant ausgespielt. Der neue Bereich DI-Technik wurde aus finanztechnischen Gründen so schnell nicht massiv umgekrempelt.

In diesem Fall hätten die Wettbewerber allerdings wirklich Grund zur Freude. Denn dieses Ansinnen könnte bedeuten, daß die Siemens AG sich lediglich von seinem lästigen DI-Bereich lossagen will.