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21.08.1998 - 

Open-Source-Software/Interview mit dem Open-Source-Experten Eric Raymond

Anwender interessieren sich nicht für moralische Begründungen

CW: Was hat Sie veranlaßt, "The Cathedral and the Bazaar" zu schreiben?

Raymond: Anlaß war eine Art Schock, nachdem ich erstmals auf Linux gestoßen war.

CW: Inwiefern ein Schock?

Raymond: Es war 1993, ich hatte damals seit 15 Jahren Software geschrieben und meinte zu wissen, wie man sowas in hoher Qualität macht. Ich hatte all die- ses konventionelle Ingenieurs- wissen in mich aufgesogen, das man von Autoren wie Fred Brooks, dem Verfasser von "The Mythical Man-Month", aus der Geschichte der Software-Entwicklung so kennt: Halte die Projektgruppe klein, die Ziele wohldefiniert, alles unter strikter Kontrolle, sei wie der Teufel hinter Fehlern her etc.

All das war in mir eingebrannt, als ich auf Linux traf und entdeckte, daß es eine Entwicklungsgemeinde gibt, die im Grunde jede Regel von Fred Brooks verletzt - und die es trotzdem schafft, ein Betriebssystem auf die Beine zu stellen, zu dem es meines Erachtens nichts Vergleichbares gibt: Es ist das beste der Welt. Das hat mich dermaßen erstaunt, daß ich zwei Dinge beschloß: Ich werde an dieser Gemeinschaft teilnehmen, und ich werde herauskriegen, wie sowas funktioniert. Für letzteres habe ich drei Jahre gebraucht.

CW: Sie gebrauchen die Metaphern Kathedrale und Basar für unterschiedliche Herangehensweisen an Software-Entwicklung. Microsoft sei exemplarisch für die eine Seite, Initiativen wie die für Linux der Gegenpol. Welche Probleme hat die Seite der Kathedrale?

Raymond: Diese Herangehensweise ist geprägt von einem eng geschlossenen, zentralistischen, kontrollierten Entwicklungsstil. Die eigentliche, grundlegende Aufgabe beim Kathedralen-Ansatz scheint mir zu sein: Finde alle Bugs. Softwarefehler sind ein dermaßen tiefes und vertracktes Phänomen, daß alles im Entwicklungsprozeß im Vergleich zu ihm zweitrangig ist. Das führt zur Isolierung der Entwicklergruppen, zu langen Release-Zyklen, zu rigide definierten Zielen und zentraler Kontrolle. Es führt zu all den Dingen, die man als charakteristisch für proprietäre Software-Entwicklung bezeichnet.

Das Bazar-Modell geht davon aus, daß Bugs im Grunde ein leichtes Problem sind: Wenn genug Leute über den Code gehen, ihn auf verschiedene Weise testen, werden Fehler extrem schnell erkennbar und behoben. Um diesen Effekt zu verstär- ken, muß man Releases sehr früh und oft herausgeben - und man muß so schnell wie möglich eine große Entwicklergemeinde aufbauen. Das ist nach Ausrich- tung und Management-Stil eine 180-Grad-Abwendung vom alten Konzept. Aber es ist empirisch belegt, daß große Projekte nach dem Kathedralen-Modell sehr wackelig sind und zu unkontrollierbarer Komplexität neigen. Nach dem Bazar-Modell hingegen scheinen große Projekte zu klappen.

CW: Sie führen an, Linux sei das erste Projekt, das gezielt und erfolgreich die ganze Welt als Talentschuppen nutzt.

Raymond: Genau. Diese Herangehensweise verschafft Zugang zu einer derartigen Menge von Wissen, wie sie nur wenige Firmen - wenn überhaupt eine - jemals auf die klassische geschlossene Weise erschließen können. Aber das Wichtigste ist, daß man bereit sein muß, den Quellcode zu veröffentlichen. Zeig die Sources her!

CW: Vorführen?

Raymond: Nein, es muß modifizierbarer Sourcecode sein, kein undurchsichtiger Block von Bits, wie er sonst ausgeliefert wird, keine kompilierten Exe- cutables oder sowas. Und was ist der Dank dafür? Wir sind wieder beim Problem der Zuverlässigkeit der Software.

Das zentrale Problem der Software-Entwicklung war immer, daß unsere Fehlerquote schrecklich ist. Grauenvoll, einfach völlig unakzeptabel nach den Standards anderer Ingenieurtätigkeiten. Der Grund ist, daß wir nicht das tun, was andere Richtungen der Forschung und Entwicklung machen: massive unabhängige vergleichende Begutachtung.

In der Architektur würde man sich beispielweise nie auf den Architektenentwurf einer Brücke oder eines Gebäudes verlassen, wenn er nicht unabhängig von Ingenieuren außerhalb des Entwicklungsteams überprüft ist und den verschiedenen Standards von Robustheit und Integrität zu entsprechen scheint. Es ist völliger Wahnsinn, Software zu vertrauen, die nicht andere Software-Ingenieure massiv und unabhängig überprüft haben. Und darum muß Sourcecode offen sein, wenn Zuverlässigkeit gefragt ist.

CW: Ihr Aufsatz führt einige feine Unterschiede zwischen Open-Source- und freier Software auf. Die Verantwortlichen in den Unternehmen assoziieren schon mit freier Software nichts anderes als fehlenden Support.

Raymond: Und die haben völlig recht, sich Sorgen zu machen. In der Vergangenheit waren die meisten Argumente der Internet-Entwickler für freie Software im Grunde prinzipieller Art und moralisch: Du solltest Software teilen, weil es so richtig ist, weil intellektuelles Eigentum ein Übel ist. Du solltest dies, du solltest das, folge meinem frommen Beispiel.

Das ist der klassische Ansatz, den ich mit Richard Stallmann und der Free Software Foundation verbinde. Auf einem gewissen Level funktioniert das wirklich gut. Und Richard hat wunderbar viele Programmierer bewegen können, hochwertige Software-Arbeit zu leisten und die Ergebnisse der Welt zur Verfügung zu stellen.

Aber diese Argumente sind völlig nutzlos, sogar kontraproduktiv, wenn man sie DV-Verantwortlichen und Venture-Kapitalisten entgegenhält. Die interessieren sich eher für andere Auskünfte: Wie schaffe ich es, daß meine Firma wächst, eine Menge Geld einbringt, zuverlässigere Produkte herstellt und zufriedenere Kunden bekommt?

Als Netscape Marktanteile verlor, bat mich die Firma, sie einen Tag lang über Probleme zu beraten, die sie mit der Freigabe des Sourcecodes verbunden sahen: Lizenzfragen, Supportprogramme. Einen Tag danach trafen sich ein paar Leute aus der freien Software- und der Linux-Szene im Silicon Valley, um über die Perspektiven zu reden. Wir kamen darauf, daß keiner die richtigen Argumente für Entwicklungen wie bei Netscape parat hatte. Wir konnten sagen, so ist es technisch besser, aber nichts, was man Otto-Normal-DV-Chef hätte erzählen können.

Am Ende kamen wir zum Schluß, freie Software sei so nicht zu verkaufen. Die technischen Ideen dahinter sind gut, Offenheit und Code-Sharing verbessern die Qualität etc. Aber all dieser politische und moralisierende Müll im Gefolge von freier Software ödet die Leute an.

CW: Jetzt sagen Sie, Open-Source-Software sei nicht notwendigerweise frei und umgekehrt.

Raymond: Ja. Es gibt proprietäre Software, die nichtkommerziell ist. Das ist die klassische Shareware, bei der Leute die Binaries herausgeben, aber nicht den Sourcecode. Umgekehrt gibt es offene Software, die ziemlich kommerziell ist, wenn zum Beispiel eine Firma die Sources freigibt, aber Serviceleistungen für solche Programme verkauft. Wir sind zum Entschluß gekommen, daß es notwendig ist, die DV-Verantwortlichen in den Unternehmen von zwei Dingen zu überzeugen: Open-Source-Software ist eine gute Idee, und es gibt erstklassige eigennützige ökonomische Gründe, sie zu nutzen.

Ich möchte nicht behaupten, daß Open Source immer der richtige Weg ist. Auf der Open-Source-Site www.opensource.org habe ich Fälle aufgeführt, in denen Closed Source besser ist. Aber im allgemeinen ist die Ansicht, durch exklusive Abschottung der Software stetig fließende Einkommen gewinnen zu können, eine Illusion.

Die DV-Industrie pflegt von sich das Bild eines produzierenden Gewerbes, das Produkte herstellt, sie in Bits kompiliert, über den Ladentisch schiebt und ansonsten den Kunden möglichst ignoriert. Denn After-Sales-Support ist kein Profit, sondern ein Cost-Center. Das widerspricht den Erwartungen und legitimen Bedürfnissen der Kunden.

Daniel Dern ist freier Autor, erreichbar via www.der,-com. Das Interview führte er für die CW-Schwesterpublikation "Computerworld".