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25.02.2000 - 

Portale/Eine Goldgrube für Systemintegratoren und Middleware-Anbieter

"Anwender kaufen Business-Portale nicht bei SAP und Co."

SAP, Oracle und Co. sorgen mit ihren Business-Portalen für gewaltigen Medienwirbel. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Im Gespräch mit Dale Kutnick, CEO des Marktforschungsinstituts Meta Group, erfuhren die CW-Redakteure Christoph Witte und Hermann Gfaller, dass die meisten Anwender noch nicht einmal eine Internet-Strategie haben.

CW: Wie definieren Sie Enterprise Portal?

Kutnick: Es ist ein Punkt im Internet, an dem eine Ansammlung von Informationen so zusammengeführt wird, dass Benutzer in- und außerhalb des Unternehmens darauf zugreifen können.

CW: Wie wichtig ist diese Technik?

Kutnick: Sie wird in den kommenden zwölf bis 18 Monaten die Grundlage bilden, um ins elektronische Geschäft zu kommen.

CW: Inwieweit sind die Firmen auf E-Business vorbereitet?

Kutnick: Ich kenne durchaus realistische Studien, die davon ausgehen, dass nur etwa ein Drittel der Anwender dafür eine Strategie besitzt, geschweige denn eine Architektur entworfen hat.

CW: So wenige?

Kutnick: In fast jedem größeren Unternehmen gibt es einen oder mehrere Web-Auftritte, aber die sind meist nicht koordiniert und noch seltener in die interne DV integriert.

CW: Fehlt es an Tools?

Kutnick: Nein, ich denke nicht. Für die Einbindung in die vorhandene DV fehlt es vor allem an Know-how. Hier entsteht eine Goldgrube für Middleware-Anbieter und Systemintegratoren.

CW: Könnte das geringe Engagement daran liegen, dass die Unternehmen E-Business nicht brauchen?

Kutnick: Nein, die Anwender wissen, dass sie sich dem Trend nicht entziehen können, und arbeiten bereits fieberhaft an Strategien und ab Sommer an konkreten Architekturen. Sie stehen unter dem Druck, in den kommenden zwölf bis 18 Monaten ein Verfahren zu entwickeln, um Informationen über interne Prozesse, Produkte und die Zulieferkette nach außen zu geben. Kurz: Sie brauchen ein Enterprise-Portal, wenn sie nicht gegenüber den Konkurrenten ins Hintertreffen geraten wollen.

CW: Unternehmen wie die SAP scheinen im Geschäft mit Enterprise-Portalen gut positioniert zu sein .

Kutnick: Warum?

CW: Weil sie eine breite Kundenbasis haben und für verschiedene Branchen Marktplätze aufbauen können.

Kutnick: Bislang hat noch keiner der großen ERP-Anbieter bewiesen, dass er in der Lage ist, ein Enterprise-Portal aufzubauen.

CW: Wer kann es dann?

Kutnick: Ich glaube nicht, dass es dafür eine eigene Industrie geben wird. Die Infrastruktur kommt von Firmen wie Sun oder Microsoft. Darauf setzt dann die eigentliche E-Commerce-Software auf, mit der Informationsströme gesteuert und auf die Web-Seite gebracht werden.

CW: Wer sind die Player?

Kutnick: Ariba, Commerce One, Broadvision, aber auch CRM-Anbieter wie Siebel und Spezialisten für Zulieferketten wie I2 und viele mehr. Nach meinen Informationen wird es in den kommenden sechs Monaten mindestens 400 Börsengänge von Firmen geben, die Business-to-Business-Lösungen und -Dienstleistungen anbieten.

CW: Werden die Anwender nicht versuchen, möglichst alles bei einem Anbieter zu kaufen?

Kutnick: Das würden sie natürlich gern. Sie werden damit aber nur in Ausnahmefällen erfolgreich sein. Dafür ist dieser Bereich ganz einfach zu lebendig, und die traditionellen Anbieter sind zu schwerfällig.

CW: Welche Chance haben die User, die Zahl ihrer Lieferanten zu reduzieren?

Kutnick: Sie können natürlich einen Generaldienstleister oder einen Outsourcer beauftragen, dann haben sie nach außen nur einen Partner. Aber hinter den Kulissen tummelt sich eine ganze Reihe von Firmen, die den Auftrag realisieren.

CW: Sind die Enterprise-Portale nicht eine Chance für SAP und Co., im Internet mitzuhalten?

Kutnick: Mithalten schon, aber nicht dominieren. Oracle macht einiges im Bereich Customer-Relationship-Management (CRM), SAP bei den Zulieferketten. Aber wirklich gut sind hier andere Firmen, die neben dem ERP-Backbone eines für E-Business aufbauen.

CW: Ist es nicht ein Widerspruch in sich, mehrere Backbones zu haben?

Kutnick: In den neunziger Jahren wurden die Datenbanken von den betriebswirtschaftlichen Paketen als Anwendungsplattform ersetzt. Jetzt sind es die ERP-Anbieter, die zu langsam und deren Pakete zu monolithisch sind, um Anforderungen wie E-Business und Kunden-Management gerecht zu werden.

CW: Können Ariba, Siebel und Co. tatsächlich gegen Branchenriesen wie SAP antreten?

Kutnick: Verstehen Sie mich nicht falsch. SAP, Oracle und vielleicht Peoplesoft werden diese Funktionen auch anbieten können, nur nicht so schnell, wie die Anwender sie brauchen. Aber das ist nicht der Punkt.

CW: Sondern?

Kutnick: ERP-Systeme werden von den Finanz- und Produktionsfachleuten gekauft, Portale aber von Kaufleuten, von der Marketing-Abteilung und immer öfter von extra gegründeten E-Commerce-Abteilungen. Dort wird nach Geschwindigkeit gefragt und nicht nach umfassenden Paketen. Gegen die ERP-Anbieter spricht auch, dass die Probleme bei der Einführung dieser Systeme in vielen Firmen tiefe Wunden geschlagen haben. Kurz: SAP und Co. werden ihr Kundenpotenzial beim Portalgeschäft nur sehr bedingt ausschöpfen können.

CW: Die ERP-Anbieter haben also eher schlechte Karten beim Geschäft mit Business-Portalen.

Kutnick: Sie werden eine Rolle spielen, aber sie sind nicht erste Wahl. General Motors beispielsweise hat für sein Zulieferer-Portal nicht den ERP-Lieferanten, sondern Commerce One als Partner gewählt. Es wird noch etwa ein Jahr dauern, bis Oracle und SAP passable Mitbewerber sein können.

CW: Die Portale haben einen Marketing-Boom für sogenannte Application-Software-Provider (ASP: Anwendungsdienstleister per Internet) mit ausgelöst. Was halten Sie von diesem Geschäftsmodell?

Kutnick: Dieser Trend wird bei weitem überschätzt. Vor allem bei Großunternehmen bin ich ausgesprochen skeptisch. Dort verfügen die IT-Abteilungen nicht selten über mehr Know-how als viele Dienstleister. Warum sollte ein ASP eine individuell angepasste ERP-Software - wie sie viele Firmen brauchen - günstiger realisieren können als der Anwender? Auch was die Auslagerung von Routinefunktionen angeht, reichen die Kostenersparnisse nicht aus, um für Großunternehmen interessant zu sein. Das ausschlaggebende Argument ist vielleicht, dass von den heutigen ASPs fast keiner in der Lage ist, komplexe Anwendungspakete miteinander oder mit der bestehenden Unternehmens-DV zu integrieren. Das ganze Konzept könnte auch an den hochkomplexen Anforderungen für das Schnittstellen-Management scheitern.

CW: Es gibt aber nicht nur Großunternehmen.

Kutnick: Im Geschäft mit kleinen und mittleren Firmen sieht das ASP-Modell sehr viel besser aus .

CW: Weil hier die Fähigkeiten der Dienstleister die der Kunden bei weitem übersteigen?

Kutnick: Genau.

CW: Handelt es sich um einen Marketing-Trick der Outsourcing-Industrie?

Kutnick: Auch wenn die Erwartungen weit überzogen sind, gibt es dort durchaus einen Markt. Getrieben wird das Marketing aber eher von Outsourcing-Ablegern, nicht von den großen Anbietern selbst. Trotzdem werden Dienstleister wie IBM, EDS oder Siemens Business Services hier einsteigen und für eine Konsolidierung sorgen, die sich Ende dieses Jahres einstellen dürfte. Als Hipe ist ASP sicher ein wichtiger Trend für das Jahr 2000.

CW: ERP-Guru Michael Hammer hat prognostiziert, dass die Verwendung von Business-Portalen dazu führt, dass die Mauern, welche die Unternehmen voneinander trennen, geschliffen werden. Ist das Utopie?

Kutnick: Nicht, wenn es um reine Information geht. Hier werden viele Barrieren fallen. Die Entwicklung zwingt die Firmen, den Geschäftspartnern und Kunden mehr Informationen über sich zur Verfügung zu stellen. Tatsächlich bahnt sich hier vielleicht die wichtigste Veränderung an. Durch den Portaleinsatz lernen die Unternehmen, über ihre eigenen Grenzen hinaus zu denken. Gerade für große Unternehmen ist das eine gewaltige Umstellung. Hier stimme ich Hammer ausnahmsweise zu.