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12.03.1993 - 

Multimedia:Das Warten auf Industriestandards

Anwender muessen sich zwischen Ausbau und Neukauf entscheiden

Die Multimedia-Enthusiasten fuehlen sich durch die Auguren der grossen Marktforschungshaeuser bestaerkt - ob diese nun Dataquest, IDC, Prognos oder Andersen Consulting heissen. Sie alle glauben, Multimedia werde weitaus groessere Auswirkungen auf die Computer- und DV-Branche haben als etwa die Markteinfuehrung des Personal Computers.

Das geht so weit, dass etwa Andersen Consulting den Anwendern allen Ernstes empfiehlt, bereits jetzt mit der Planung von Multimedia-Informationstechnik zu beginnen, obgleich noch nicht alle Voraussetzungen fuer solche Anwendungen, etwa hinsichtlich Standardisierung, erfuellt sind. Zur Sicherheit liefert das Beratungsunternehmen gleich noch seine eigene Definition des Begriffes mit: Demnach handelt es sich bei Multimedia um "die Einbeziehung der Dimensionen Daten, Text, Standbild, Sprache und Film/Video".

Haelt man sich aber an diese allzu einfache Auslegung, dann ist das Medium Fernsehen seit Jahren eine Multimedia-Anwendung: Hier werden alle genannten Elemente mit Hilfe von Computern zusammengefasst und in einem System wiedergegeben.

Fernsehen als eine Multimedia-Anwendung

Und teilweise - etwa bei Videotext und Btx - sind auch Moeglichkeiten erhoehter Interaktivitaet vorhanden, die ueber das Schalten mit der Fernbedienung weit hinausgehen.

Ferner laesst sich bereits heute jeder PC dazu verwenden, diverse angeschlossene Geraete, beispielsweise Projektoren, CD-ROMs, Laserdisks, Lichtorgeln, Videorecorder oder Stereoanlagen zu steuern, um etwa eine Praesentation fehlerfrei ablaufen zu lassen.

Solche Aktionen werden bereits seit mehr als 20 Jahren - egal ob mit oder ohne Computer - als Multimedia-Shows bezeichnet. Dabei handelt es sich aber bei weitem noch nicht um die Form von Multimedia, um die es in der PC-Zukunft gehen soll.

Die wesentliche Bedeutung des neuen Multimedia-Konzepts liegt in der Moeglichkeit der Hard- und Software eines Computers, unterschiedliche Elemente wie Text, Daten, Grafik, Animation, Musik, Bilder und Video ueber ein Multimedia-Interface zu integrieren. Entscheidend ist, dass saemtliche Daten durch das Rechenwerk des Computers laufen und damit eine Moeglichkeit zu ihrer Bearbeitung oder Manipulation gegeben ist. Der Computer ist also nicht ein Steuer- und Regelinstrument, das den Videorecorder an einer bestimmten Stelle der Praesentation an- oder ausschaltet, sondern er muss das Videosignal selbst integrieren.

Nach einer Definition des US-Marktforschungsunternehmens Computer Technology Research Corp. (CTR) mit Sitz in Charleston im Bundesstaat South Carolina sollte man deshalb grundsaetzlich zwischen linearen und interaktiven Multimedia-Anwendungen unterscheiden. Bei linearen Systemen schaltet der Computer lediglich Zusatzgeraete ein und aus und sorgt fuer eine komfortablere Arbeit, etwa an elektronisch gesteuerten Video- Schneideplaetzen, wie sie in TV-Studios zum Einsatz kommen.

Interaktive Multimedia-Systeme - und um genau die geht es in der Computerzukunft - ermoeglichen weitaus vielfaeltigere Moeglichkeiten des Informationstransfers, weil der Anwender aktiv in die Verarbeitung der Daten aller Art eingreifen kann. Die Spitzenkategorie wird laut CTR einmal von Systemen gebildet werden, bei denen sich das Multimedia-Interface mit Anwendungen kuenstlicher Intelligenz oder Expertensystemen innerhalb der Anwendungsprogramme kombinieren laesst.

Nun redet zwar alle Welt seit etwa drei Jahren von Multimedia, fuer die meisten Anwender bleibt das neue Konzept aber weiterhin Zukunftsmusik. Fuer den Heim- oder Privatanwender ist Multimedia noch zu teuer. Viele Unternehmen zoegern, interaktive Multimedia- Systeme anzuschaffen, da zuverlaessige und weithin akzeptierte Standards fehlen und die Infrastruktur fuer die Verteilung der Bildinformationen nur in wenigen Faellen aureichend ausgebaut ist. Des weiteren sind die Systeme derzeit kaum in vorhandene Informationssysteme integrierbar. Und schliesslich ist der Nutzen der Technologie - wenn ueberhaupt - nur sehr schwer nachweisbar.

CBT-Anwendungen machen sich bezahlt

Auf der anderen Seite ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass interaktive Multimedia-Loesungen langsam, aber sicher ihren Markt finden werden. So werden bereits jetzt interaktive Lehr- und Ausbildungssysteme angeboten, die der neuen Multimedia-Definition entsprechen. Diese Computer-based Training Systems (CBT) zaehlen zu den ersten Anwendungen, die sich auch kommerziell lohnen.

Der Mensch erwirbt etwa 80 Prozent seines Wissens ueber optische Einfluesse, elf Prozent ueber das Gehoer, 3,5 Prozent ueber den Geruchssinn und jeweils ein bis 1,5 Prozent ueber Beruehrungen und den Geschmackssinn. Die Kombination moeglichst vieler Sinneseinfluesse sorgt fuer die effektivste Art der Entscheidungsfindung. Das interaktive Multimedia koennte durch die Kombination verschiedener Medien in einem einzigen Wissensstrom beim

Anwender eine viel groessere Lernwirkung hervorrufen als die Wissensuebermittlung durch einzelne Medien.

DV-Leiter, die sich mit der Idee tragen, Multimedia-Applikationen einzufuehren, muessen weit ueber ihr traditionelles Rollenverstaendnis hinausdenken. Das Ergebnis einer Multimedia-Manipulation laesst sich nicht mehr auf vordefinierten Formularen oder Mustern praesentieren. Da werden keine Zahlen und Texte mehr erzeugt, sondern umfangreiche Dateien mit Ton-, Bild- und Videoelementen, die in der Regel auch hoeherwertige Abspielsysteme benoetigen.

An den Multimedia-Arbeitsplaetzen werden ganz andere Anforderungen gestellt werden als an bisherigen PC-Arbeitsplaetzen. Der Multimedia-Anwender wird die Faehigkeiten eines Art Directors, Filmregisseurs, Psychologen, Paedagogen, Bibliothekars und Archivars in sich vereinigen muessen. Mit Folgen, die der Einfuehrung des Desktop publishing aehneln.

Ein ganz neuer Typus des Computerfachmannes wird gefordert sein, jemand, dessen Arbeit sich nicht nur auf die technische Funktion der Geraete beschraenken darf. Ein Multimedia-Anwender muss auch mit kreativen, kulturellen und aesthetischen Fragestellungen etwas anfangen koennen.

Der Weg dorthin ist allerdings noch lang. Beschleunigt wird er aber wahrscheinlich durch die Anstrengungen der Industrie, so bald wie moeglich ein neues Marktsegment zu oeffnen, in dem Milliardenumsaetze winken. Dabei gilt es gerade hier, die Prognosen mancher Multimedia-Apologeten nicht zu ueberschaetzen. Multimedia wird nicht ein vollkommen neuer Markt sein, sondern die Anteile einiger etablierter Branchen umschichten.

Betroffen sind die Hard- und Softwarebranche, Unterhaltungselektronik, Electronic publishing sowie Aus- und Weiterbildung. In jedem dieser Bereiche werden Multimedia-Konzepte entwickelt und auch bereits eingesetzt, jeder nimmt aber dabei den anderen einen Teil ihres Marktes weg: der Hardwarehersteller, der den TV- oder Radioempfang auf seinem PC ermoeglicht, das Aus- und Weiterbildungs-Institut, das seine Software selbst entwickelt und vertreibt.

Multimedia-Technik wird zur Zeit durch Anstrengungen der Industrie vorangetrieben. Dazu zaehlen die immer schnelleren Fortschritte der Hardwarehersteller, immer mehr Multimedia- Entwicklungssoftware sowie eine wachsende Zahl an Multi-

media-Anwendungen. Dies kommt - besonders in den USA - der Forderung nach neuen Mitteln und Moeglichkeiten, die Ausbildungsmisere an den Schulen zu bewaeltigen, sowie der Suche nach ungewohnten Wegen in der unternehmensinternen Weiterbildung entgegen.

Dass Multimedia-Technologien auf dem Vormarsch sind, belegen auch einige Beispiele bereits lieferbarer Anwendungen und Systeme. Die fuehrende Hardware-Umgebung fuer Multimedia ist bislang der Apple- Macintosh, der bereits von Haus aus ueber einige Multimedia- Elemente verfuegt. Diese Plattform bildet die zur Zeit ausgereifteste Basis fuer den Multimedia-Einsatz. Besonders die Standardprogramme Hypercard und die Videointegration Quicktime machen den Macintosh zur Multimedia-Entwicklungs- und Einsatzstation.

Quasi als Antwort auf den Multimedia-Erfolg des Mac haben diverse Unternehmen aus dem Bereich der IBM-kompatiblen PCs unter Anleitung von Microsoft einen Standard fuer den Multimedia-PC, die MPC-Plattform, entwickelt. Ziel dieses Konsortiums ist es, der grossen Basis an installierten PCs den Uebergang ins Multimedia- Zeitalter zu ermoeglichen. Nachdem man urspruenglich auch PCs mit dem Prozessor 80286 die Moeglichkeit zur Aufruestung geben wollte, musste man sich letztlich auf den Prozessor 386 SX als Minimalanforderung einigen. Als Betriebssystem-Basis hat sich die MPC-Gemeinde fuer Windows entschieden.

Ein ganz aehnliches Konzept verfolgt die IBM mit ihrer "Ultimedia"-Plattform. Der wesentliche Unterschied zu MPC liegt im hoeheren Hardware-Aufwand und im Basis-Betriebssystem OS/2. Fuer die Zukunft duerfte von Interesse sein, zu welchen Ergebnissen die Kooperation der IBM und des Mac-Herstellers Apple kommen wird. Unter dem Projektnamen "Kaleida" wollen beide Unternehmen die Standards fuer zukuenftige Multimedia-Desktop- Rechner setzen.

Nicht ausser acht zu lassen sind die Multimedia-Systeme, die auf Unix-basierten Workstations etwa von Sun, Hewlett-Packard, Digital oder Silicon Graphics laufen. Bedenkt man die Leistungsfaehigkeit dieser Rechner und den Preisverfall, der auch in diesem Bereich im Gange ist, koennte man sich durchaus RISC-Workstations als Multimedia-Basis vorstellen.

Es bleiben vier Grundvoraussetzungen, die noetig sind, damit sich eine funktionierende Industrie fuer interaktive Multimedia-Systeme entwickeln kann: Eine preisguenstige und leistungsfaehige Rechnerplattform, verbreitete Interface-Standards, einfach zu bedienende Autorensysteme und eine Vielzahl standardisierter Anwendungsprogramme. In allen vier Bereichen werden Anstrengungen unternommen, um zum Ziel zu kommen. Da es um viel Geld geht, ist der Wettbewerb derzeit besonders hart.

Apple fuer den kreativen Anwender

Sollte der Multimedia-Bereich sich an der traditionellen Entwicklung der PC-Branche orientieren, koennte die Entwicklung nach einer Studie der CTR etwa so aussehen: Apple wuerde weiterhin die Maerkte fuer kreative Anwender und den Ausbildungsbereich dominieren. Die kompatiblen PCs duerften ihre Stellung im kommerziellen Umfeld halten und auch bei CBT-Systemem fuer Unternehmen fuehren. Den Markt fuer Heimanwender und Spiele koennten Unternehmen wie Commodore, Fujitsu, NEC, Nintendo, Philips oder Sony dominieren.

Wie gesagt, diese Vision orientiert sich an der bisherigen Marktentwicklung im PC-Bereich. Nicht beruecksichtigt wurden RISC- Workstations, die bereits jetzt den Preiskampf mit High-end-PCs aufnehmen koennten, und neue Entwicklungen wie Kaleida, DECs Alpha- Chip und andere neue RISC-Prozessoren, etwa von Mips.

Aeltere Systeme bieten zuwenig Leistung

Dass Software- und Hardwarehersteller zunaechst einmal versuchen, die installierte Basis an PCs zu Multimedia-Systemen auszubauen, scheint logisch. Hier gibt es viele Anwender, die moeglicherweise bereit sein werden, die noetigen Zusatzgeraete zu kaufen. Freilich laesst sich laengst nicht jeder MS-DOS-PC in dieser Weise aufwerten.

Schon die Einfuehrung von Windows 3.0 hat gezeigt, dass aeltere Systeme mit den Prozessoren 80286 keine akzeptable Leistung bieten. Auch 386er-Systeme arbeiten unter Windows nur unzureichend. Die hoeheren Leistungsanforderungen, die an Multimedia-PCs gestellt werden, lassen da eher schon an 486er PCs und an die naechste Generation mit Pentium-CPUs von Intel denken.

Multimedia-Anwender oder -Interessenten muessen also im zwischen Aufruestung des vorhandenen PCs und Investition in eine neue High- end-Anlage waehlen. Den meisten ist zu empfehlen, einfach abwarten, welcher Standard sich etablieren wird.

*Michael Wojatzek ist freier Journalist in Muenchen.