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19.03.1999 - 

Anwender und Hersteller unterschätzen das Datumsproblem

Anwender und Hersteller unterschätzen das Datumsproblem Jahr 2000: Über TK-Anlagen hängt ein Damoklesschwert

MÜNCHEN (CW) - In Telefonanlagen tickt die Jahr-2000- Zeitbombe. Doch viele Anwender sind sich der Gefahr nicht bewußt - auch, weil die Hersteller das Problem unter den Teppich kehren. Erste Vorwürfe werden laut, die TK-Firmen könnten aus dem nahenden Millennium-Dilemma ihrer sorglosen Kunden Kapital schlagen.

Carsten Nolle ist sich sicher: "Es wird zum Jahreswechsel einige böse Überraschungen geben." Da die meisten Anwender das Jahr-2000-Problem in TK-Anlagen unterschätzten, so der Vertriebsleiter des Hamburger Unternehmens Nolle Telekommunikation, werden sich zwangsläufig Komplikationen einstellen. Gerade ein Prozent seiner knapp 1000 Kunden hätten sich mit der Frage an ihn gewandt, ob ihre TK-Anlage den Jahreswechsel überleben werde. Alle anderen, so Nolles Befürchtung, befassen sich wohl erst im Dezember 1999 mit der Umstellung.

Telefonanlagen fristen zumeist ein stiefmütterliches Dasein im Bewußtsein der IT-Konzernstrategen. Sie stehen irgendwo im Keller und funktionieren - meistens. Dabei können die Kosten für Kauf, Miete und Wartung bei großen Systemen rasch in die Millionen gehen. Im Gegensatz zur Soft- und Hardware, mit deren Millennium- Sorgen inzwischen auch branchenfremde Medien Meinung machen, findet die Umstellung von TK-Anlagen allenfalls am Rande Beachtung. Das Thema, so Nolle, ist eindeutig zu niedrig aufgehängt.

Dabei beschränken sich die drohenden Bugs beileibe nicht auf die Endgeräte. Falsche Daten oder Uhrzeiten im Telefon-Display wären übergangsweise erträglich. Doch während Nutzer einen Tag ohne Telefon noch als Segen auffassen könnten, würden zeitgleich in den TK-Zentralen die Drähte heißlaufen. Ein Ausfall der Gebührenerfassung hätte beispielsweise in Krankenhäusern oder Hotels weitreichende finanzielle Folgen. Gäste oder Patienten könnten unter Umständen kostenlos telefonieren - wenn die Anlage zu Neujahr überhaupt noch läuft.

Um zu vermeiden, daß zeitgleich zum Jahreswechsel geführte Telefonate den Gästen mit einer Dauer von 100 Jahren in Rechnung gestellt werden, mußte auch das Kempinski-Hotel Vier Jahreszeiten in München handeln. Bernd Pfatischer, Leiter der Betriebsorganisation, machte aus der Not eine Tugend. Die hausinterne "Hicom-300"-Anlage von Siemens mit ihren etwa 650 Endgeräten ließ einige moderne Features vermissen, die es nachzurüsten galt. In einem Aufwasch sollte auch die Jahr-2000- Verträglichkeit des Systems sichergestellt werden.

Durch die Telefonmodernisierung lernte Pfatischer einen "vorbildlichen" Jahr-2000-Support kennen - allerdings nur bei Micros Fidelio, dem Anbieter der Hotelsoftware: "Die kamen auf uns zu." Bei Siemens mußte die Projektgruppe selbst vorstellig werden. Der deutsche Marktführer für TK-Anlagen ließ sich jedoch auf eine Kempinski-Anfrage hin nicht dazu verleiten, konkrete Angaben zur Jahr-2000-Verträglichkeit seiner Systeme zu machen.

Immerhin entdeckte Pfatischer, daß die Schnittstelle der Hicom zur Hotelsoftware nicht Jahr-2000-fähig war. Siemens habe das Interface erst mit einiger Verspätung und auf wachsenden Kundendruck für das neue Jahrtausend getrimmt. Eine Gewähr, daß die nötigen Investitionen nicht in den Wind geschrieben sind, vermißt der Betriebsleiter jedoch: Wenn das Gesamtsystem auch Komponenten fremder Hersteller enthalte, stehlen sich die TK- Anbieter laut Pfatischer aus der Verantwortung. Sie möchten auf keinen Fall bezahlen müssen, wenn Fragen der Gewährleistung aufkommen.

Nicht nur der Kempinski-Manager fühlt sich von den TK-Anbietern allein gelassen. Auch Dietmar Schmidt, Verwaltungsleiter des Wüstenrot-Konzerns, mußte von sich aus auf seinen Lieferanten Siemens zugehen. Er spricht ebenfalls vom Kundendruck, der den IT- Riesen gezwungen habe, sich mit der Problematik auseinanderzusetzen. Rund 4000 Endgeräte greifen bei Wüstenrot auf die Hicom 300 aus dem Jahr 1991 zu.

Dabei bereitet die Umstellung dem Wüstenrot-Verantwortlichen eigentlich keine großen Sorgen. Schmidt: "Wir wissen jetzt immerhin, wie wir die Anlage über den Jahreswechsel bringen können." Er zeigt sich jedoch verwundert über den Umgang der Hersteller mit dem Problem ihrer Kunden. Zu einem angemessenen Zeitpunkt hätte ein großer Anbieter wie Siemens von sich aus die Anwender ansprechen müssen, so der Verwaltungsleiter.

Wer jedoch glaubt, daß lediglich Anlagen von Siemens an der Datumshürde scheitern, irrt. Unlängst warnte das Hamburger Institut für Telekommunikation (IFT) davor, daß viele Telefonanlagen den Jahreswechsel nicht ohne Blessuren überstehen würden. Betroffen seien Systeme aller namhaften Hersteller, so IFT-Mann Wolfgang Pfanne. Darunter fielen neben den Hicom-Serien 200 und 300 von Siemens beispielsweise auch "Integral"-Anlagen von Bosch Telecom sowie der Typ "Varix" von Detewe. Pfanne weiter: "Die Anbieter haben das Problem durch die Bank unterschätzt."

Hauptkritikpunkt des IFT ist der Zeitdruck, den die Lieferanten für sich nutzen können. Anwender laufen nach Aussage von Pfanne Gefahr, beim erstbesten Update-Angebot zuzugreifen, um das Problem lieber heute als morgen vom Tisch zu haben. Schlimmer noch sei das "fragwürdige Vertriebsverhalten" der Hersteller: Erfahrungsgemäß könnte eine Jahr-2000-Analyse als Vorwand genutzt werden, dem Kunden angesichts der relativ hohen Kosten für ein Software-Update lieber gleich eine neue Anlage schmackhaft zu machen, so der IFT- Berater.

Diese Befürchtungen teilt auch Bernd Wiederner, Consultant beim Software- und Service-Anbieter Consol. Allerdings könne sich ihr TK-Lieferant Alcatel keine Hoffnungen machen, dem Münchner Unternehmen eine größere Anlage zu verkaufen. Das momentan eingesetzte System "Alcatel 4400" biete Platz für rund 3000 Endgeräte, so Wiederner, und lediglich 70 Telefone und Rechner seien angeschlossen. Zu definitiven Aussagen, ob die Anlage im Jahr 2000 funktionieren wird, war jedoch auch Alcatel nicht bereit. Mündliche Statements des Lieferanten beschränkten sich vielmehr darauf, daß bei Werksuntersuchungen bislang noch keine Fehler aufgetreten seien und die Maschine folglich funktionieren dürfte.

Da Wiederner sich nicht auf Spekulationen verlassen wollte, testete er die 4400 auf eigene Faust. Das System ist seit Anfang 1997 bei Consol im Einsatz und bildet die Grundlage eines Call- Centers für Anwender-Hotlines verschiedener Auftraggeber. Als Hauptproblem der Testläufe stellte sich die aus der ISDN-Leitung stammende Zeitinformation heraus, die laut Wiederner bei jeder externen Verbindung automatisch wieder eingespeist wird. Folglich waren Offline-Tests die einzige Möglichkeit, dem Jahr-2000-Rätsel auf die Spur zu kommen. Inzwischen hat Wiederner seine Zweifel, ob die Maschine im neuen Jahr reibungslos funktioniert, denn prompt streikte die Rufzuteilung.

Auch hat es den Berater nicht überrascht, daß sich die Kunden bei den Anbietern melden müssen: "Das ist im Prinzip immer so." Zwar habe Alcatel in einem Brief von sich aus auf die Jahr-2000- Umstellung aufmerksam gemacht, dieser bezog sich jedoch nur auf eine Anlage der Serie "4200", die bei Consol schon längst ausgemustert wurde. Anscheinend, so Wiederner, ist der Alcatel- Vertrieb nicht darüber informiert, welche Maschinen bei den Anwendern laufen. Kurios: Im gleichen Umschlag steckte ein Angebot des Lieferanten, das inzwischen nicht mehr genutzte System für "einige tausend Mark zu überprüfen".

Allerdings bringt Wiederner auch Verständnis für die TK-Hersteller auf. Es sei eine schwerwiegende Entscheidung, endgültige Aussagen zur Datumsstabilität der Produkte zu treffen, denn es ließen sich niemals alle potentiellen Fehlerquellen ans Licht bringen. Eine generelle Lösung dieser Problematik gibt es nach Meinung des IFT- Beraters Pfanne ohnedies nicht. Die Jahr-2000-Umstellung als alleiniges Entscheidungskriterium für die Neuanschaffung einer TK- Anlage sei in keinem Fall ausreichend. Erschwerend komme laut Pfanne noch hinzu, daß die Hersteller zum Teil organisatorisch und personell nicht in der Lage sind, alle Anlagen bis zum Jahresende umzustellen.

In einem Kundenanschreiben Anfang 1999 zur Jahr-2000-Analyse bestätigt Siemens diese Vermutung. Dort heißt es, der Konzern rechne mit einer "Welle von notwendigen Aktivitäten". Vorsorglich kündigten die Münchner ihren Anwendern an, Aufträge zum Jahr-2000- Test in der Reihenfolge ihres Eintreffens zu bearbeiten. Und auch Kempinski-Mann Pfatischer gibt sich keiner Schönfärberei hin: "Das Jahr wird noch eng werden für einige Anwender.

Der Experte

Auf Seite 79 findet sich ein Interview mit Edward Yardeni, Chefvolkswirt und leitender Direktor der Deutsche-Bank-Tochter Deutsche Morgan Grenfell in New York. Themen sind Auswirkungen des Jahr-2000-Wechsels auf die globale Wirtschaft.

Die Hersteller

Siemens: "Wir haben durch rechtzeitige Tests und Maßnahmen die Basis geschaffen, um auf die jeweiligen Bedürfnisse schnellstmöglich zu reagieren. Bis Ende 1999 werden wir die Jahr- 2000-Verträglichkeit unserer Produkte und Lösungen dort geschaffen haben, wo es von unseren Kunden gewünscht wird. Wir sind sowohl technisch als auch personell und organisatorisch in der Lage, auch im Bereich der ,Hicom''-Anlagen die Kundenanforderungen zum Thema 2000 zu bewältigen."

Alcatel: "Die Umstellung einer TK-Anlage kann nicht isoliert angegangen werden, da zu jedem Zeitpunkt eine Aufwärtskompatibilität aller installierten Systeme gewährleistet sein muß. Zwischen der Entwicklungs- und Testphase sowie der Auslieferung Jahr-2000-fähiger Produkte können mehrere Monate und bei hoher Komplexität der Lösungen sogar Jahre liegen. Wir haben das Thema 1996 aufgegriffen und rechnen damit, bis Mitte 1999 die Anpassungsarbeiten abzuschließen. Insgesamt arbeiten mehr als 1000 Alcatel-Mitarbeiter an der Jahr-2000-Verträglichkeit der Produkte."

Detewe: "Wir werden alle erst hinterher wissen, wie umfangreich das Jahr-2000-Problem wirklich ist. Ein Komplettausfall unserer Telefonanlagen ist unwahrscheinlich, jedoch können Anzeigefehler im Display der Endgeräte auftreten. Anwender sollten sich mit ihrer Geschäftsstelle in Verbindung setzen, um neue Software- Releases zu beziehen. Das Update für die in Teilbereichen nicht Jahr-2000-fähige Anlage ,Varix Content 840'' wird es für Kunden kostenlos im Internet geben."