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07.03.2005

Anwender vertagen Mobility-Projekte

CIOs versprechen sich von mobilen Lösungen effizientere Geschäftsprozesse und höhere Produktivität. Trotzdem sind lukrative Backend-Projekte hierzulande bisher Mangelware.

Schenkt man den Angaben der CIOs Glauben, rangiert das Thema Mobilität in ihrer Prioritätenskala ganz weit oben. Einer Studie des Marktforschungsunternehmens Gartner zufolge zählen Mobilprojekte in den meisten Branchen zu den drei wichtigsten Aufgaben der kommenden Jahre. Nach Einschätzung der Analysten werden IT-Abteilungen deshalb in nächster Zeit überdurchschnittlich viel Geld in Mobility investieren. Gartner erwartet eine jährliche Steigerung der Ausgaben um 12,5 Prozent. Damit würden die Investitionen deutlich über dem prognostizierten Wachstum der IT-Budgets von zwei Prozent liegen.

Theorie statt Praxis

Für die Prognose der Marktbeobachter gilt jedoch eine wesentliche Einschränkung. Viele IT-Macher beschäftigen sich zwar gedanklich mit der Materie, das Gros will aber erst 2007 ans Eingemachte gehen. Im Klartext heißt das: So genannte vertikale Applikationen, die spezifische Geschäftsprozesse unterstützen und bis in die Backend-Systeme der Unternehmensnetze reichen, werden heute zwar überlegt, aber noch kaum in die Tat umgesetzt.

Projekttechnisch ist der Mobility-Markt zweigeteilt. Das Geschäft wird auf der einen Seite im Marktsegment "Connectivity" mit horizontalen Applikationen aus dem Bereich Personal-Information-Management (PIM) gemacht, zu denen Anwendungen wie E-Mail, Messaging oder Kalender- und Termin-Management gehören. Auf der anderen Seite verdienen die Hersteller ihr Geld mit vertikalen Projekten. Im Mittelpunkt steht dabei die prozesstechnische Integration von Außendienstmitarbeitern auf Middleware- und Anwendungsebene in die ERP-, CRM-, Personalwirtschafts- oder Datenbanksysteme im Backend.

Der technischen Aufteilung entspricht ein wirtschaftliches Gefälle: Unternehmen investieren bevorzugt in horizontale PIM-Lösungen, während große und wesentlich aufwändigere Enterprise-Projekte im Vergleich noch dünn gesät sind. "Rund 90 Prozent aller Vorhaben sind E-Mail-Projekte. Der Marktanteil von Field- und Salesforce-Automation-Aufträgen liegt dagegen nur im einstelligen Bereich", beschreibt Lars Vestergaard, Research Director Mobile Communications bei der Marktforschungsfirma IDC, die aktuelle Nachfrage.

Blackberry im Vorteil

"Eine Firma RIM mit ihrem Blackberry, die von den Netzbetreibern gepusht wird, schafft natürlich ein anderes Auftragsvolumen als ein Anbieter, der auf vertikale Lösungen spezialisiert und damit viel stärker im Projektgeschäft zu Hause ist", rückt Hannes Heckner, Vorstand der MobileX AG in München, den Unterschied in der Wertigkeit von horizontalen und vertikalen Projekten ins rechte Licht. Heckner, dessen Firma im Sektor der Anwendungsentwicklung für mobile Endgeräte und deren Integration in Backend-Systeme wie SAP R/3 aktiv ist, räumt aber auch ein: "Der große Boom ist noch nicht ausgebrochen." Auf Messen, so der Geschäftsführer, sei allerdings ein gesteigertes Interesse der CIOs und Fachabteilungen zu registrieren, Mitarbeiter von überall in die Wertschöpfungskette der IT-Infrastruktur einzubinden.

Heckner bestätigt damit die Einschätzung der Analysten von IDC und Gartner, die bei den Enterprise-Projekten erst 2006 und 2007 den großen Durchbruch erwarten. Dass eine Aufbruchsstimmung entstehen wird, steht für Vestergaard jedoch außer Frage. Seiner Meinung nach drängt sich das Thema Mobilität regelrecht auf, weil die CIOs die Infrastrukturen und Applikationen ihrer Unternehmensnetze unter den Gesichtspunkten Komplexität, Kostensenkung und Produktivität auf den Prüfstand stellen müssen. Gehe es um optimale Geschäftsprozesse, führe an Mobility kein Weg vorbei. "Wenn Unternehmen ihre Applikationen um Wireless Mobile Connectivity ergänzen, entstehen kontinuierliche Abläufe der Business-Prozesse", erläutert der Insider und fügt ergänzend hinzu: "Vertikale Anwendungen sind Schlüsselfaktoren für mehr Produktivität."

Interne Prozesse verschlanken

Die Ansicht des IDC-Auguren teilt auch Bernd Janke, Senior Manager Telecommunications bei Mummert Consulting. "Durch den Mobility-Ansatz können interne Prozesse enorm verschlankt werden. Im Backoffice gibt es zum Beispiel in der Schadensregulierung bei Versicherungen große Einsparpotenziale", attestiert der Consultant. Allerdings, so Janke, seien in Deutschland die Investitionsmittel für solche Projekte nicht vorhanden und der Business Case schwer zu rechnen.

Janke spricht mit dem Investitionsverhalten der deutschen Unternehmen einen Punkt an, der Vestergaard ebenfalls zu denken gibt. Wenn auch mobile Backend-Lösungen weltweit noch nicht massenhaft verbreitet sind, hinkt Deutschland im internationalen Vergleich der Industrienationen trotzdem hinterher. "Mobility wird hierzulande immer noch als neue Technik wahrgenommen. CIOs scheuen deshalb eine Implementierung, weil sie Sicherheitsrisiken, mangelnde Akzeptanz der Anwender sowie zusätzliche Projektkosten befürchten", konstatiert der Analyst eine konservative Haltung.

"Die Anzahl der Projekte im Ausland ist höher als in Deutschland", beklagt auch Tobias Philipp, Presales Manager Europe bei der Sybase-Sparte iAnywhere Solutions, die Zurückhaltung der deutschen Unternehmen. Philipp nennt Vorbehalte der Betriebsräte, die Wahl der richtigen Hardware, Software und Übertragungstechnik sowie Sicherheitsbedenken als die größten Hürden für Mobilitätsvorhaben in der Bundesrepublik. Darüber hinaus sieht er Defizite bei den Systemintegratoren, die seiner Meinung nach auf Enterprise-Projekte noch nicht richtig vorbereitet sind. "Systemintegratoren verkaufen Dienstleistungen, bis der Arzt kommt, und rechnen einen Return on Investment aus, der in 95 Prozent der Fälle nur auf dem Papier steht", kritisiert Philipp drastisch das Verhalten der Beratungshäuser.

CIOs schielen auf SAP

Der Sybase-Manager hat noch eine weitere Vermutung, warum die deutschen Anwender in Sachen Mobility zögern. Die IT-Entscheider sind seiner Meinung nach sehr auf SAP fixiert und warten erst die Entwicklung und den Erfolg mobiler Lösungen aus Walldorf ab. Ein Marktkenner, der anonym bleiben möchte, bescheinigt, dass die Mobile Infrastructure von SAP Fortschritte mache. Es gebe auch Projekte, allerdings seien die Kunden in einigen Fällen unzufrieden. Problematisch sei ferner, dass SAP hauptsächlich das eigene Backoffice-System unterstütze und technische Probleme habe, andere Lösungen anzubinden. Analyst Vestergaard stützt ebenfalls die These, dass sich deutsche CIOs weitgehend an SAP orientieren und die Walldorfer in ihren Mobility-Aktivitäten Nachzügler sind.

Mobility durch die Hintertür

Manfred Muecke, Vice President Global Mobile Business Campaign bei SAP, kann die Vorwürfe nicht nachvollziehen und weist auf die Mobile-Business-Lösungen Sales, Service, Asset-Management, Procurement, Direct Store Delivery und Time and Travel des Unternehmens hin. Diese mobilen Anwendungen basieren laut Muecke auf der Net- weaver-Technik und könnten auch Nicht-SAP-Systeme integrieren. Dem SAP-Manager zufolge fragen die Kunden "nicht expressis verbis nach Mobilität", sondern wie sie ihre Geschäftsprozesse effizienter und flexibler gestalten können, um Produktivitätsverbesserungen zu erzielen. "So kommt man zum Thema Mobilität", schildert Muecke das Projektgeschäft und betont: "Mobility ist bei SAP ein integraler Bestandteil und zusätzlicher Nutzungsweg unserer Backend-Lösungen."

Auch wenn keine Einigkeit über die mobile Positionierung der SAP und ihre Auswirkung auf den deutschen Markt herrscht, rät Vestergaard den IT-Machern zu mehr Pragmatismus. Wer eine ERP- oder CRM-Lösung suche, könne sie auch bei anderen Herstellern finden. Diese Ansicht vertreten natürlich auch Anbieter wie iAnywhere oder MobileX.

Lösungen sind marktreif

"Die Technik ist heute so leistungsfähig, dass CIOs wirklich kein Versteckspiel mehr betreiben müssen", schildert Philipp die Angebotslage. Heckner bestätigt ebenfalls, dass "technisch ausgereifte Lösungen in ausreichender Menge" am Markt verfügbar sind.

Der MobileX-Chef gibt aber auch zu bedenken, dass eine bessere Auslastung der Ressourcen und wirklich große Einsparungen nur erreicht werden können, wenn in die eigentlichen Geschäftsprozesse der Unternehmen eingegriffen werde. "Bei vertikalen Projekten spielt man grundsätzlich in einer anderen Liga als bei E-Mail-Anwendungen", warnt Heckner davor, richtige Enterprise-Vorhaben auf die leichte Schulter zu nehmen. "Ein CIO sollte sich eine Mobility-Strategie überlegen, die langfristig trägt. Es kann nicht sein, dass jede Fachabteilung ihre eigene mobile Lösung hat", rät der Experte zu einer koordinierten Vorgehensweise.

Als eher leichtfertig erachtet Vestergaard das Herangehen vieler IT-Abteilungen an mobile Aufgaben. Er spricht unverblümt von "fehlendem Wissen" und sieht darin die Ursache, warum Rollouts behindert oder Vorhaben ganz zurückgehalten werden. "In vielen Fällen fehlt eine klare Strategie und haben die Projekte einen eher zufälligen Charakter", moniert der Marktforscher.

Mobilität ist kein Allheilmittel

Aus Sicht des Analysten spricht nichts dagegen, wenn IT-Abteilungen zunächst mit leichter zu realisierenden PIM-Projekten erste Erfahrungen sammeln. Außerdem hält er bei der Einführung von mobilen Backend-Systemen Pilotprojekte für dringend angeraten. Immerhin scheinen die deutschen Firmen schon bereit zu sein, Versuchsballons zu starten. Philipp bestätigt, dass sich die Kunden zunehmend in Testprojekte wagen, allerdings blieben die lukrativen Folgeaufträge mit über 1000 Nutzern bis dato aus. "Die Zeit der Pilotprojekte und Experimente ist noch nicht zu Ende", stellt ebenso Karel Dörner, CEO des Anbieters Aventeon, fest.

Für Heckner sind Pilotprojekte durchaus sinnvoll. Noch wichtiger ist für ihn jedoch, dass Unternehmen genau feststellen, wo die Probleme wirklich liegen. "Mobility ist kein Allheilmittel", predigt er und weiß, dass in manchen Fällen auch eine Umstrukturierung des bestehenden ERP-Systems ausreicht. Außerdem redet Heckner den Entscheidern ins Gewissen, bei der Auswahl des Herstellers Vorsicht walten zu lassen. Es gebe derzeit viele Anbieter, die sich vom horizontalen Anwendungsgeschäft zum vertikalen bewegen, die Technik aber nicht beherrschen.

Tatsächlich vollziehen derzeit einige Firmen diesen Schritt, wie die "IDC Mobility Conference 2005" in Frankfurt am Main kürzlich bewies. Darunter befinden sich auch so namhafte Anbieter wie Extended Systems und Intellisync. Sie suchen ein zusätzliches Umsatzfeld und wollen noch rechtzeitig auf den Zug der lukrativen Backend-Projekte aufspringen.