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08.10.2004 - 

Konkrete Business-Modelle für die Enterprise Services Architecture fehlen

Anwender zweifeln an der Strategie von SAP

LEIPZIG (ba) - SAP hat Schwierigkeiten, die Kunden von den Vorzügen der Enterprise Services Architecture (ESA) zu überzeugen. Obwohl nicht nur die Walldorfer, sondern auch die Deutschsprachige SAP Anwendergruppe (DSAG) die Nutzer drängen, sich mit der neuen Softwarewelt zu beschäftigen, bleibt die Klientel auf Distanz.

"Noch haben die Anwender einen weiten Weg in die neue SAP-Welt vor sich", lautete das Fazit von Alfons Wahlers, Vorsitzender der DSAG, am Rande des Jahreskongresses der Vereinigung in Leipzig. SAP stehe in der Pflicht, mit konkreten Business-Modellen den Nutzen der neuen Enterprise Services Architecture (ESA) nachzuweisen. Der Softwareanbieter dürfe nicht die Fehler der Dotcom-Ära wiederholen und eine neue Technik einführen, ohne die entsprechenden Anwendungsszenarien dafür präsentieren zu können.

Doch nicht nur die SAP, sondern auch deren Kunden sieht Wahlers in der Pflicht. Nach den Spar- und Konsolidierungszwängen der Vergangenheit müssten die IT-Manager in ihren Unternehmen aufzeigen, wie neue IT-Lösungen Impulse für das Geschäft geben können. Künftig würden Anwendungen aus verschiedenen Enterprise Services zusammengestellt. Viele Fachbereiche hätten jedoch noch nicht erkannt, dass sie sich in Zukunft ihre Prozesse und Anwendungen selbst entwerfen können.

Anwender müssen Prozesse verbessern

Vor dem Hintergrund dieser Idee, mit der auch die SAP seit längerem ihre Kunden zu überzeugen sucht, glich Wahlers' Auftaktrede beim Jahreskongress jedoch eher einer theoretischen Vorlesung über die Business-Prozesse von morgen. Er identifizierte zwei Wettbewerbsräume, die künftig zu mehr Wachstum führen könnten. Zum einen gelte es, kreativer mit den Kunden umzugehen. Unternehmen müssten so viel wie möglich über ihre zahlenden Partner lernen und sie im Vorfeld stärker in die Produktentwicklung und -bereitstellung einbinden, dozierte Wahlers. Zum anderen müsse die Wertschöpfung verbessert werden. Nachdem Unternehmer erfolgreich die Fertigungstiefe reduziert hätten, gelte es nun auch in anderen Bereichen jenseits der Produktion Aufgaben an Partner abzutreten und so die "Leistungstiefe" zu verringern.

Viele DSAG-Mitglieder reagierten mit Kopfschütteln auf die Keynote ihres Vorsitzenden. Zwar verkniffen sich die meisten offene Kritik. Doch dass Wahlers nicht auf handfeste Sorgen und Nöte der Anwender einging, sorgte für offenkundige Irritationen. "Ich hätte nichts versäumt, wenn ich die Rede verpasst hätte", beschwerte sich ein SAP-Anwender, der namentlich nicht genannt werde möchte, im Anschluss.

SAP arbeitet an Service-Repository

Dagegen nahmen die SAP-Verantwortlichen dankbar den Ball auf, den Wahlers ihnen zuspielte: "Die IT muss den Prozessen folgen", forderte beispielsweise SAP-Vorstandsmitglied Claus Heinrich. Man dürfe keine neue Architektur einführen, ohne bereits entsprechende Geschäftsprozesse dafür entwickelt zu haben. SAP wolle den Anwendern diese Prozesse in Form eines "Repository für Enterprise Services" anbieten. Dieses Verzeichnis werde derzeit entwickelt, sagte Heinrich. 2005 soll den Kunden für deren weitere Planungen eine erste Liste präsentiert werden. Im darauf folgenden Jahr soll das Repository abgeschlossen sein. Heinrich bezeichnete diesen Zeitpunkt als Meilenstein für ESA.

Damit vollzieht SAP einen Paradigmenwechsel in seiner Softwarearchitektur. Künftig soll die Software betriebswirtschaftliche Funktionen wie beispielsweise das Prüfen einer Verfügbarkeit oder eine Auftragseingabe als einzelnen Service abbilden. Dazu werden die Applikationen in zahlreiche Module aufgespalten, die sich dann auf Basis der Integrationsplattform "Netweaver" zu Enterprise Services zusammenschalten lassen. Mit dieser Architektur seien die Kunden wesentlich flexibler und könnten Änderungen ihrer Prozesse schneller im IT-System umsetzen, warb Heinrich für die neue SAP-Welt.

Der Paradigmenwechsel konfrontiert die Anwender jedoch mit einer komplett neuen Software. Das räumen auch die SAP-Verantwortlichen ein. Man habe die Programme vollständig überarbeitet und zum Teil neu geschrieben, erläutert Michael Kleinemeier, Managing Director SAP Deutschland und President Region Emea Central. Dies sei notwendig gewesen, um einzelne Komponenten für ESA zu kapseln. Im R/3-System wäre das Kleinemeier zufolge nicht gegangen.

Umstieg auf ESA - forcieren oder abwarten?

Trotz SAPs scharfem Kurswechsel in Sachen Softwarearchitektur sollen die Kunden langsam in die neue Architektur hineinwachsen können, versprach Kleinemeier. Der Umstieg sei ein evolutionärer Prozess. Anwender könnten zunächst mit einzelnen ESA-Modulen auf Basis von Netweaver experimentieren und darauf aufbauend eine eigene Roadmap entwickeln. Dann könnten die Kunden selbst entscheiden, wann sie auf ESA umstellen wollen. Ein Umstieg sei jederzeit möglich.

Entgegen allen Beteuerungen, den Kunden Zeit lassen zu wollen, üben die SAP-Verantwortlichen jedoch unterschwellig Druck aus. Je früher die Kunden den Schritt Richtung ESA gingen, desto einfacher sei es, drängte Kleinemeier. Da SAP seine Systeme weiterentwickle, werde der Schritt 2009 größer sein als beispielsweise 2006. Vor dem Wechsel auf eine serviceorientierte Architektur könne sich niemand drücken, ergänzt sein SAP-Kollege Heinrich. Für die Unternehmen werde es künftig entscheidend sein, wie schnell sie in der Lage seien, Informationen wahrzunehmen und ihr Geschäft entsprechend anzupassen. Im Sinne dieser von Heinrich als "Real World Awareness" bezeichneten Fähigkeit sei eine flexible IT-Architektur unerlässlich. Letztlich könne ein schneller Umstieg auch finanzielle Vorteile bieten, kommt Wahlers den SAP-Managern zu Hilfe. Bis zu 75 Prozent rechne SAP den Kunden im nächsten Jahr bei einem Umstieg auf ihre alte SAP-Lösung an. In den folgenden Jahren werde dieser Prozentsatz kontinuierlich zurückgehen. In welchen Stufen, verrieten die Walldorfer bislang nicht.

Das Buhlen der SAP um die Anwender zeigte jedoch bis dato wenig Wirkung. Zwar würden viele Kunden derzeit auf aktuelle Release-Stände migrieren, um den höheren Wartungsgebühren zu entgehen, berichtet Nils Niehörster vom Beratungshaus Raad Consult. Im Auge haben die Anwender dabei aber vor allem "R/3 Enterprise". Nur eine Minderheit sei entschlossen, in die Mysap-Welt zu wechseln. Es sei jedoch davon auszugehen, dass dieses Verhältnis 2005 kippen werde. Niehörster zufolge bedeute der Schritt auf Mysap auf den ersten Blick eine große Umstellung. Gerade kundenspezifische Anpassungen der Software müssten in die neue Plattform übertragen werden. Allerdings hätten die ersten Umsteiger den Aufwand als gar nicht so gravierend bezeichnet. "Offenbar haben viele Anwender derzeit eher zu große Bedenken."

Softwarewelt wird komplexer

Wie der nächste Schritt in die ESA-Welt aussehen wird, lasse sich Niehörster zufolge dagegen noch nicht sagen. Zwar können Kunden schon mit Mysap erste Erfahrungen mit ESA sammeln. Jedoch wird SAP seine Lösungen erst bis 2007 sukzessive auf ESA umstellen. Viel werde dabei von dem Repository für die Enterprise Services abhängen. SAP müsse bei der Definition der Mechanismen und Regeln außerordentlich vorsichtig agieren. Von der Struktur des Repository hänge es ab, ob das Ganze funktioniere oder im Chaos versinke. Niehörster warnt im Zusammenhang mit ESA vor einer exponentiell steigenden Komplexität. Es werde Millionen von Services geben, die von SAP, Partnern und den Kunden selbst entwickelt würden. Dabei könnten die Walldorfer nicht jeden einzelnen Entwickler unter Kontrolle halten. Deshalb sei es verständlich, wenn sich SAP Zeit lasse.

Neue Abhängigkeit von SAP?

Nach Einschätzung von Karin Henkel, Analystin von Strategy Partners aus dem schweizerischen Scuol, wird sich SAP mit ESA etwa zwei Jahre verspäten. Erst 2008 oder 2009 sei mit konkreten Lösungen zu rechnen. SAP wollte bereits ab 2007 eine Gesamtarchitektur präsentieren. Derzeit habe die SAP-Strategie noch zu viele Lücken, als dass die Anwender konkret planen könnten, moniert Henkel. So fehlten beispielsweise Preis- und Lizenzmodelle. Außerdem müsse SAP ihrer Klientel erst vorrechnen können, was die neue Technik bringe. Solange keine Kostenvorteile nachweisbar seien, würden die Unternehmen ihre Geldbörsen geschlossen halten. Problematisch sei auch, dass sich Anwender mit Netweaver und ESA in eine neue Abhängigkeit von SAP begäben. "Die SAP verfolgt damit den Hintergedanken, die Kunden zu binden."

Mit den Enterprise Services passen Anwender die Abbildung ihrer Geschäftsprozesse an die Definitionen der SAP an. Eine Standardisierung ist in diesem Umfeld jedoch noch nicht in Sicht. So räumt auch SAP-Vorstand Gerhard Oswald ein, dass die fehlenden Standards in Sachen Prozessoptimierung SAP dazu bewogen hätten, das Ganze selbst in die Hand zu nehmen. Wie sich SAPs Sicht mit den Bestrebungen anderer Anbieter vertragen wird, die nach Einschätzung von Experten ebenfalls an serviceorientierten Architekturen arbeiten, bleibt abzuwarten. Niehörster geht davon aus, dass es in ferner Zukunft eine Konvergenz von gewissen Standards geben wird.

Angesichts dessen zeigte sich Henkel erstaunt über die Kritiklosigkeit der DSAG. Allem Anschein nach hätten viele Anwender noch gar nicht realisiert, was mit ESA auf sie zukomme. "Auch der DSAG-Vorstand hat das offenbar noch nicht richtig verstanden." Demnach beschäftigten sich die Anwender derzeit mit ganz anderen Problemen. Viele hinkten in Sachen Release-Stand weiter hinterher, als dies der Öffentlichkeit kundgetan werde. Auch Themen wie Preis- und Lizenzpolitik, die SAP und DSAG gerne unter den Teppich kehrten, seien gerade für die großen Anwender ein wichtiges Thema.

Den Kunden rät Henkel, so lange wie möglich abzuwarten. Sie sollten darauf achten, dass die bestehenden Systeme stabil liefen. In Sachen Softwareanschaffungen könnten sich die Anwender dagegen an den Rat der SAP halten: "Nur das zukaufen, was unbedingt für das Geschäft gebraucht wird."

Martin Bayer, mbayer@computerwoche.de

Gemeinsam entwickeln

SAP und die Deutschsprachige SAP Anwendergruppe (DSAG) wollen künftig in der Entwicklung enger kooperieren. So sollen die Arbeitskreise der DSAG mit den Business Solution Groups (BSGs) der SAP verzahnt werden. Die Arbeit in den Foren und Workshops soll durch Product Influencing Teams (PIT) koordiniert werden. Die Teams werden aus Mitarbeitern der SAP und DSAG bestehen. "Mit dem Konzept können wir bereits in einer frühen Phase der Produktentwicklung unsere Anforderungen adressieren", wirbt der DSAG-Vorsitzende Alfons Wahlers. Die Neuausrichtung der Zusammenarbeit sei nach der Umstrukturierung innerhalb der SAP notwendig geworden. Dabei seien Ansprechpartner und Transparenz verloren gegangen. Es habe ein Jahr gedauert, eine neue Kontaktmatrix aufzubauen.

Weiter Weg zur ESA

Alfons Wahlers,

Vorsitzender der Deutschsprachigen SAP Anwendergruppe

CW: Wie weit sind die SAP-Kunden auf dem Weg in die neue SAP-Welt?

Wahlers: Sie haben noch einen weiten Weg vor sich. Es gibt einige große Unternehmen, die darüber nachdenken. Wir reden hier über eine komplett neue Technologie, die sich über einen Zeitraum von etwa 15 Jahren zu einem Standard entwickeln wird.

CW: Was sollten die Anwender aus Ihrer Sicht tun?

Wahlers: Die Firmen mit einem R/3-Vertrag müssen kalkulieren, wann sich der Umstieg auf einen neuen Vertrag lohnt. Das ist eine sehr individuelle Geschichte. Wenn ein Anwender sowieso neue Lizenzen benötigt, ist es sinnvoll auf Mysap ERP zu wechseln. Andererseits kann es sich aber auch lohnen, noch abzuwarten. Dann empfiehlt die DSAG, auf R/3 Enterprise zu wechseln und hier kleinere E-Business-Anwendungen aufzusetzen.

CW: Lassen sich denn die Vorteile der neuen SAP-Architektur in Cent und Euro berechnen?

Wahlers: Noch nicht. Nur wenn die Anwender auch ihre Prozesse und Organisationen verbessern.

CW: Damit sind aber auch tief greifende Veränderungen im Unternehmen verbunden?

Wahlers: Hier kommt schnell die Frage nach der eigentlichen Unternehmensstrategie auf, mit deren Beantwortung sich manche schwer tun. Diese Dinge müssen im Vorfeld geklärt werden.