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18.03.1988

Anwendungen entscheiden über den lSDN-Erfolg

Wohl keine Innovation wird die Informationstechnik so verändern wie das ISDN: Das Kürzel ISDN steht zunächst für die Digitalisierung des öffentlichen Fernsprechnetzes. Zugleich wird ISDN zum Integrator der traditionellen Nachrichtentechnik und der Computertechnik. Bei den immer noch sehr unterschiedlichen "Kulturen" dieser Technikbereiche ist dies sicher die eigentliche Herausforderung des ISDN, die als Konsequenz eine umfassende Veränderung der Märkte und der Marktstrukturen haben wird.

ISDN wird einen weltweit kompatiblen Markt für informationstechnische Produkte schaffen. Wenn es gelingt, die ISDN-Standards international einheitlich einzuführen, werden sich die heute noch stark fragmentierten Fernmeldemärkte öffnen und den Systemanbietern einen globalen Markt für informationstechnische Produkte anbieten.

Mag sich für manchen außenstehenden Betrachter ISDN noch als bloßes Marketing-Instrument darstellen, so verdeutlichen die von der Deutschen Bundespost vorgelegten Fakten und Termine die Geschwindigkeit, mit der diese neue Infrastruktur an Boden gewinnen wird: Der offizielle "Startschuß" fiel im November 1987 für das ISDN-Pilotprojekt. Im November dieses Jahres wird der ISDN-Serienbetrieb in acht Ortsnetzen mit jeweils 1000 ISDN-Anschlüssen aufgenommen. Bis 1990 wird eine 50prozentige Flächendeckung mit ISND-Anschlüssenn technisch möglich sein. Die bundesweite Flächendeckung - das heißt Anschlußmöglichkeit aller Interessenten - ist für 1993 vorgesehen.

Dieses zügige Ausbauprogramm dokumentiert die Entschlossenheit, mit der die Deutsche Bundespost das ISDN-Konzept vorantreibt. Für die Digitalisierung des Telefonnetzes allein, rechnet sie mit Ausgaben in einer Größenordnung von 40 Milliarden Mark bis zum Jahr 1995--ein immenses Investitionsprogramm, das im wesentlichen aber im Rahmen der ohnehin fälligen Modernisierung des Fernsprechnetzes durchgestellen ISDN-Endgeräte und Nebenstellenanlagen belegt die Bereitschaft der Hersteller, sich auf den kommenden Markt vorzubereiten.

Dieses Szenario wird ergänzt um die seit vielen Jahren intensiv weiterverfolgten Standardisierungsarbeiten für das ISDN und den in einer EG-Empfehlung vorgelegten Stufenplan, ISDN europaweit harmonisiert einzuführen. Es führt aber auch zu der entscheidenden Frage: Wird sich die für den "Insider" offenbar so klar bestehende techische Faszination des ISDN auch in konkreter Nachfrage nach ISDN-Produkten niederschlagen? Oder anders gefragt: Bietet ISDN genügend Anreize, um bestehende oder erst entstehede Kommunikationslösungen in das ISDN einzubringen?

Der schnelle Ausbau des digitalen Netzes im öffentlichen Bereich und die nachfrageorientierte Bereitstellung der ISDN-Anschlüsse sind notwendige Voraussetzungen für die Entwicklung des ISDN-Marktes. Aber es wäre sicherlich verfehlt - und die Erfahrungen mit den Prognosen bei der Einführung anderer neuer Dienste zeigen dies -, daraus konkrete Aussagen für die Teilnehmerentwicklung abzuleiten. Anstelle sich auf überspitzte Prognosen, wie sie bereits vorliegen, zu konzentrieren, gilt es vielmehr, die relevanten Entwicklungsdeterminanten und ihr Potential für eine positive Nachfrage-entwicklung herauszuarbeiten.

So wird sich zeigen, daß die Attraktivität des ISDN-Angebotes auf der Nachfrageseite nach Unternehmensgröße, Branche und den bisher getätigen Investitionen in Kommunikationstechniken im zeitlichen Verlauf sehr unternehmensinterne Kommunikation gesichert. Auf der Basis der Bundesrepublik Deutschland ist mit einem zügigen Ausbau der Digitalisierung im Inhouse-Bereich zu rechnen, die Zug um Zug auch weitere Text- und Datenanwendungen und das digitale Fernsprechen miteinbeziehen wird. Diese Unter-nehmen haben klar erkannt: Unter Nutzung des vorhandenen Telefonleitungsnetzes wird die Nebenstellenanlage zur Schaltzentrale für die gesamte Inhouse-Kommunikation.Das ISDN-Konzept wird sich aber erst dann in allen Anwendungssegmenten durchsetzen können, wenn es gelingt, die technischen Leistungen des ISDN in eine "neue Qualität" von Anwendungen umzusetzen.

Diese neue Qualität muß über das Angebot der einheitlichen Übertragungs-geschwindigkeit von 64 beziehungsweise 144 Kilobyte pro Sekunde und der einheitlichen Anschlußtechnik, der ISDN-Steckdose, hinausgehen. Dies bedeutet für den Endgeräte-bereich, daß ISDN nicht an der Steckdose enden darf. Die hohe Übertragungsleistung des öffentlichen Netzes wird im Teilnehmerbereich erst dann effektiv, wenn die Endsysteme in ihrer Reaktions- und Verarbeitungszeit genauso schnell werden. Das eigentliche Potential, die neue Perspektive des ISDN steckt aber in der Zusammenführung der Sprach-, Bild- und Datenkommunikation, die den wahlfreien Zugriff auf codierte und uncodierte Informationen und die (Weiter-) Verarbeitung, der in unterschiedlichster Form verfügbaren Daten erlaubt. Ohne die einmalige Standardisierungschance des ISDN im Übertragungsbereich zu verkennen, erscheint mir das derzeit noch vorherrschende Denken in ISDN-Dienste-Kategorien, das in der Regel nur eine Fortführung heutiger Postdienste bedeutet, eher in die falsche Richtung zu führen. Bei aller Anerkennung der Bedeutung vorgegebener technischer Eckwerte für Schnittstellen, Protokolle und Dienstmerkmale für die allgemeine Entwicklung des ISDN-Marktes gerade im grenzüberschreitenden Bereich, muß ein genügend breiter Spielraum gelassen werden, damit neue innovative Anwendungen und spezielle Lösungen beim individuellen Anwender nicht ß priori erstickt werden. Die in dem gerade vorgelegten Entwurf für eine neue Unternehmensverfassung der Deutschen Bundespost vorgesehene Öffnung des Dienstwettbewerbs auch im Bereich der sogenannten "Pflichtleistungen", ist deshalb von besonderer Priorität, um nicht nur das Angebot von Netzdiensten zu verbreitern, sondern um gleichzeitig den Charakter des ISDN als umfassendes Transportnetz für ein vielfältiges Dienstangebot herauszustellen.

In diesem Sinne erscheinen mir die jüngsten Überlegungen der Deutschen Bundespost zur ISDN-Gebührenstruktur von besonderer Bedeutung: Neben der Frage der absoluten Höhe der ISDN-Tarife, die zweifelsohne eine mitentscheidende Wirkung für die Verbreitung des ISDN - besonders im Privatsektor - haben wird, wird es darauf ankommen, dem Medienmix aus Voice- und NonVoice-Anwendungen durch eine übergreifende Tarifierung und angepaßte Tarifstrukturen Rechnung zu tragen. In jedem Fall weist der Grundgedanke der von der Deutschen Bundespost vorgelegten Modelle "Tarif 90" in die richtige Richtung, wenn durch eine Anpassung der Zeittakte bestehende Ungleichgewichte besonders im Fernverkehr abgebaut und die Telefongebühren schrittweise an die Kostenstrukturen herangeführt werden.

Den wichtigsten Impuls für den Erfolg des ISDN bietet aber der Markt selbst: Das freie Spiel zwischen Angebot und Nachfrage setzt Kreativität bei den Herstellern und Systemanbietern frei, berücksichtigt die Wünsche der Anwender und fördert die dynamische Entwicklung des Marktes. Es müssen leistungsfähige und intelligente Anwendungen und Kombinationen von Endgeräten entstehen, an die man heute noch gar nicht denkt. Denn man sollte nicht vergessen, daß jedes neue Medium, jede neue Schlüsseltechnologie - und dieses Prädikat kommt dem ISDN zweifellos zu - weitere technologische Entwicklungen und Anwendungen nach sich zieht.