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21.01.2000 - 

Noch ist Bertelsmann als Partner unverzichtbar

AOLs Übernahme von Time Warner hat Folgen für Europa

Die Übernahme von Time Warner durch America Online (AOL) bereitet der europäischen Internet-Wirtschaft Kopfzerbrechen. Vor allem muss Bertelsmann seine Partnerschaft mit dem Online-Dienst neu ordnen. Gleichzeitig zwingt der Deal europäische Netzbetreiber und Medienfirmen, enger zusammenzurücken, um nicht auch vom neuen Giganten geschluckt zu werden.

Nur zehn Tage alt war das neue Jahr, als der amerikanische Online-Dienst AOL mit der Übernahme des größten Medienkonzerns Time Warner die umfangreichste Transaktion in der Wirtschaftsgeschichte ankündigte. Zum Mischkonzern Time Warner gehören der Nachrichtensender CNN, der Pay-TV-Kanal HBO, Zeitschriften wie "Time" und die Musikfirma Warner Music. Außerdem betreibt das Unternehmen das zweitgrößte Kabelnetz der USA und bietet Internet-Zugänge über dieses Medium an. AOL ist der weltweit größte Online-Dienst und umfasst laut Anbieter 22 Millionen Mitglieder. Hinzu kommen 2,2 Millionen Kunden der Tochter Compuserve sowie die weltweit meistgenutzten Instant-Messaging-Dienste "AOL Instant Messaging" und "Icq".

Durch den Zusammenschluss entsteht ein Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von 350 Milliarden Dollar - eine ausreichende Größe, um noch eine Vielzahl weiterer Firmen zu schlucken. Zwar spielt sich die Übernahme auf dem amerikanischen Markt ab, doch der Deal hat weltweite Auswirkungen.

Insbesondere beim Gütersloher Bertelsmann-Konzern wird man die Fusionsnachricht mit wenig Begeisterung aufgenommen haben. In der Internet-Strategie des Medienhauses spielt das gemeinsam mit dem amerikanischen Online-Dienst betriebene Joint Venture AOL Europe eine wichtige Rolle. Kaum hatte die Nachricht von der Fusion die Runde gemacht, verfasste man in Gütersloh eiligst eine Stellungnahme, um zu beteuern, der Deal habe keinen Einfluss auf die Partnerschaft mit AOL. Nur einen Tag später bekannte Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff Farbe: Er werde vermutlich seinen Aufsichtsratsposten bei AOL Europe räumen, sagte er in einem Interview, denn schließlich wolle sich der Partner AOL mit Time Warner einen direkten Konkurrenten einverleiben.

Eine Fusion mit AOL hatte Bertelsmann selbst 1999 abgelehnt. Nun knirscht es im transatlantischen Geschäftsbündnis. Experten schließen nicht aus, dass der Pakt zerbricht und sich Bertelsmann künftig einem "weniger problematischen" Internet-Service-Provider zuwendet. "Kurzfristig wird wohl alles beim Alten bleiben, längerfristig ist dies keine günstige Konstellation", beurteilt Alexander Drobik, Vice-President für E-Business des Marktforschungsunternehmens Gartner Group Europe, die Situation.

Ein Ende der Zusammenarbeit wäre zum jetzigen Zeitpunkt ein schwerer Verlust für AOL-Boss Steve Case, denn ohne Bertelsmanns Inhalte und Know-how hätte das Joint Venture seine Marktposition auf dem europäischen Markt kaum erlangt. Mehr noch: Durch ihre vielen Geschäftsfelder wie Bücher, Zeitschriften sowie den elektronischen Medienvertrieb Bertelsmann Online (Bol) und eine riesige Kundendatenbank wären die Gütersloher auch künftig ein wichtiger Partner, auf den AOL in Europa nicht verzichten kann.

Zwar hält AOL unter den Internet-Service-Providern (ISPs) weltweit die Spitzenposition, doch die meisten Mitglieder hat der Online-Dienst in den USA. In Europa muss sich das Unternehmen gegen mächtige Konkurrenten wie T-Online in Deutschland und Freeserve in Großbritannien behaupten, die dort mehr Mitglieder vorweisen können als die lokalen AOL-Dependancen. Zudem baut Freeserve zur Zeit Niederlassungen in Kontinentaleuropa auf. Auch den niederländischen Internet-Service-Provider World Online International mit seinen 1,2 Millionen Mitgliedern muss AOL als paneuropäischen Mitbewerber fürchten. Seit der Übernahme des deutschen Providers Nacamar im August 1999 ist die Firma auch hierzulande vertreten.

In diesem Wettbewerbsumfeld kann AOL nur mit lokalen Inhalten bestehen, und die kann in Europa kaum jemand besser liefern als Bertelsmann. Der fast ausschließlich für den US-Markt produzierte Content von Time Warner nutzt da zunächst wenig.

Das Bestreben von Bertelsmann, AOL Europe an die Börse zu bringen, ist nur scheinbar ein Indiz für eine weiterhin dauerhafte Partnerschaft mit AOL. De facto könnte Bertelsmann seine Beteiligung ohne große Reibungsverluste reduzieren und hätte gleichzeitig das nötige Kapital, um selbst Beteiligungen oder Übernahmen anzustreben. AOL ist nicht Middelhoffs einziges Pferd im Stall. Die Gütersloher halten rund 25 Prozent an der Lycos Inc. und betreiben mit dem Web-Portal ebenfalls ein paneuropäisches Joint Venture.

Die schwierige Partnerschaft mit Bertelsmann in Europa wird nicht die einzige Sorge von AOL-Chef Case bleiben: Ihm fehlt der Zugang zu Breitbandnetzen. Noch wählen sich die Mitglieder diesseits des Atlantiks per Modem oder ISDN in den Online-Dienst ein, und das wird auch noch für einige Zeit so bleiben. In Deutschland etwa sitzt nach wie vor die Deutsche Telekom auf den TV-Kabelnetzen, die nur an wenigen Stellen für den Zugang zum Internet vorbereitet sind. So bedient beispielsweise das Unternehmen Primacom nur Kunden in der Umgebung von Leipzig.

Vielerorts fehlt dem deutschen Kabelnetz der Rückkanal, denn bisher dient es fast ausschließlich dem Ausstrahlen von Fernseh- und Radioprogrammen. Ganz anders in den USA: Zahlreiche private Nutzer werden sich dort künftig per TV-Kabel bei AOL einloggen, um Filme, Musik und Videos zu konsumieren.

Insgesamt sind 80 Prozent der Kabelanschlüsse in den USA mit einem Rückkanal ausgestattet. Bis auch in Deutschland via Kabel nicht nur geglotzt, sondern auch gesurft werden kann, gehen nach Ansicht von Experten noch drei bis vier Jahre ins Land. Etwas weiter sind die Niederländer: So zählte der Dienst "Chello" von United Pan Europe Communications N. V. (UPC), dem größten europäischen Kabelnetz-ISP mit Sitz in Amsterdam, im November 1999 rund 80000 Kunden.

Würde sich die Kabelsituation in Europa verbessern, könnte AOL weiteren Nutzen aus der Zusammenarbeit mit Bertelsmann ziehen, meint Carsten Schmidt, Analyst des Marktforschungsunternehmens Forrester Research Europe aus Amsterdam. Durch seine Pay-TV-Ambitionen, die mittlerweile der Vergangenheit angehören, verfüge das Medienhaus nach wie vor über viel Erfahrung mit der EU sowie mit den Regulierungsbehörden. Die Gütersloher könnten beim Einstieg ins europäische Kabel-Business nützlich sein.

Schützenhilfe kann Case gut gebrauchen: AOLs Erzrivale Microsoft hat sich bereits ins europäische Kabelnetz eingekauft. Bill Gates erwarb für 500 Millionen Dollar Anteile am britischen Netzbetreiber NTL, besitzt 30 Prozent an der englischen Kabelfirma Telewest Communications und ist zu 7,8 Prozent an UPC beteiligt. Zudem beabsichtigt der Softwarekonzern, Teile des Kabel-TV-Netzes der Telekom zu übernehmen. Microsoft hatte mit dem Online-Dienst Microsoft Network eine ähnliche Strategie verfolgt wie America Online, war aber gescheitert. Angestachelt durch AOLs Fusion mit Time Warner wird Microsoft nun versuchen, wieder ins Spiel zu kommen, vermutet Gartner-Mann Drobik. Jeffery Mann, Analyst der Meta Group, sieht den Softwarekonzern dagegen nicht in der Position, sich als Medien- und Netzanbieter zu profilieren.

Neben Microsoft avanciert auch Excite Athome zu einem Konkurrenten für AOL Time Warner in Europa. Die aus der Verschmelzung des Internet-Portals Excite mit dem amerikanischen Kabelnetzbetreiber Athome hervorgegangene Firma bietet ihre Dienste bisher in den Beneluxstaaten an. In Deutschland will man mit der in Hannover ansässigen Telecolumbus ein Joint Venture starten. Wie Forrester-Analyst Schmidt halten auch andere Branchenexperten einen Zusammenschluss des Medienhauses Disney mit Excite Athome für wahrscheinlich. Beide Firmen könnten auch in Europa schnell Fuß fassen: Der Comic-Filmproduzent verfügt im Gegensatz zu Time Warner über Inhalte für die europäischen Märkte.

Weltweit fühlen sich Medienhäuser durch den AOL-Deal unter erheblichem Druck, gibt Drobik von der Gartner Group zu bedenken. Sie müssen sich nun mit Carriern, ISPs oder Kabelfirmen liieren, um nicht selbst Übernahmekandidaten zu werden. In Folge der Time-Warner-Übernahme durch AOL stieg der Börsenkurs einiger europäischer Medienunternehmen rapide.

Nach Ansicht von Forrester-Analyst Schmidt könnten auch europäische Versand- und Kaufhäuser den Medienunternehmen die Show stehlen. Konzerne wie die niederländische Ahold oder der deutsche Otto-Versand haben sich bereits eine europäische Vertriebsstrategie zurechtgelegt. Sie könnten in Kabelnetze investieren und dann breitbandige Dienste mit lokalen Inhalten anbieten. Die Hi-Fi-Ladenkette Dixons aus Großbritannien hat vorgemacht, wie man als Branchenfremder im Internet Erfolg haben kann. Das Unternehmen gründete den ISP und Portalbetreiber Freeserve, der mittlerweile der größte Anbieter des Landes ist.

Was wird aus Netscape?

Der Zusammenschluss von AOL und Time Warner ist ein klares Bekenntnis zum Konsumentenmarkt. Nun stellt sich die Frage, was aus dem Internet-Pionier Netscape wird, den America Online Anfang vergangenen Jahres schluckte.

AOL übernahm das kalifornische Unternehmen in erster Linie wegen des Web-Portals Netcenter und des Web-Browsers "Communicator". Das Geschäft mit professioneller E-Commerce-Software überlässt der Online-Dienst längst dem Kooperationspartner Sun, der hierzu die Sun-Netscape-Allianz gründete. Diese komplexe Konstellation war für AOL aus steuerlichen Gründen viel günstiger, als wenn Netscape in einen Konsumenten- sowie einen Business-Teil gesplittet und Letzterer verkauft worden wäre. Jeffrey Mann, Analyst bei der Meta Group, ist sich jedoch sicher, dass AOL diesen Schritt geht, sobald es den Netscape-Geschäftsbereich ohne fiskalische Hürden veräußern kann.