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03.05.1991 - 

Die Zwietracht ist schon gesät

Apache-Mitglieder rivalisieren mit ACE um den Unix-Standard

MÜNCHEN (jm) - Der Rauch des ACE-Ankündigungsfeuerwerks hat sich noch nicht verzogen, da wandeln sieben der 21 Konsortiumsmitglieder bereits auf Abwegen und stürzen sich auf eine neue Unix-Option.

Denn die Unix System Laboratories Inc. (USL) will ihre Unix-System-V-Technologie auf Mips-Maschinen verfügbar machen. Als erstes Produkt wird ab sofort ein ABI (Application Binary Interface) für die Mips-RISC-Architektur angeboten, das sich konform zu Unix System V, Version 4 (SVR4) verhält.

Zu den Unternehmen, die sowohl auf SCOs Open-Desktop-Umgebung als auch auf das Mips-ABI unter System V, Version 4, setzen wollen, sollen die NEC Corp., Olivetti Systems & Networks, Prime Computer, Pyramid Technology Corp., SNI und die Sony Microsystems Company gehören.

Diese Firmen hatten am 9. April 1991 gemeinsam mit 15 weiteren Unternehmen, darunter Microsoft, SCO, DEC, Compaq und Mips, den Anbruch der neuen Offenheit über Hard- und Softwareplattformen hinweg angekündigt (vergleiche CW Nr. 16, Seite 1, vom 19. April 1991 "ACE-Gruppe definiert...", und Seite 21, "Das ACE-Konsortium sieht sich...").

Grundlage der Vereinbarungen des ACE-Konsortiums (Advanced Computing Environment) war einerseits die Einigung auf die CISC-X86-Prozessoren und die ARC-Architektur (Advanced RISC Computing), auf der die Mips-CPU als verbindliche Hardwarepfattform

basiert.

Diese sollten andererseits eine Öffnung (und Durchgängigkeit) durch die Ausrichtung auf zwei Betriebssysteme erfahren: OS/2 in der Version 3.0 auch als "Portable OS/2" bekannt - sowie SCOs Open-Desktop-Umgebung könnten in Zukunft garantieren, daß in heterogenen CISC-RISC-Welten zumindest Sourcecode-Kompatibilität herrscht. Nach Rekompilation der Anwendungen seien diese somit auf den unterschiedlichen Hardwaretypen ablauffähig.

Informationen aus Sunkreisen bestätigen ein anderes Gerücht: Danach wird OS/2, Version 3, von Microsoft doch auch auf die Sparc-Plattform portiert. Bei der ACE-Präsentation in Brüssel war dies noch heftig bestritten worden. Innerhalb der zukünftigen ARC-Welt versprachen die 21 ACE-Mitglieder Binärkompatibilität zwischen den verschiedenen Herstellern. Das vollmundige Versprechen: Eine Hardware, eine Software und damit größtmöglicher Spielraum für alle ISVs (Independent Software Vendors) bei deren zukünftigen Entwicklungen.

Spekulationen über das Verhalten von Compaq

Diese nur scheinbar einheitliche Unix-Welt - die ACE-Mitglieder hatten nicht versäumt, praktisch alle wesentlichen Unix-Technologien und Schnittstellen für ihre rosige Betriebssystem-Zukunft zu beleihen - ist durch die sechs ACE-"Abtrünnigen", zu denen sich noch AT&T Computer Systems und die Tandem Computers Inc. gesellen, schon wieder fragwürdig geworden. Möglicherweise schließt sich noch ein siebtes ACE-Mitglied der Apache-Gruppe an: Insider argwöhnen auch bei der Control Data Corp. (CDC), sie setze zum Seitensprung auf System V an.

Branchenkenner wollen darüber hinaus das Gras wachsen hören: Auch die Compaq Computer Corp. - möglicherweise großer Gewinner einer erfolgreichen ACE-Kampagne - Soll zu den Abweichlern gehören. Mit ihrem ersten Produkt dem Mips ABI - kommen USL und die Apache-Gruppe dem ACE-Versprechen nach Binärkompatibilität bei Mips-Systemen zuvor. Bei der Referenzportierung bediente man sich einer Technologie von der Pyramid Technology Corp. auf Basis von System V, Version 4, an der sowohl Sony als auch NEC mitgebastelt haben.

Die Referenzimplementation von Unix System V, Version 4, auf der Mips-R3000-CPU soll übrigens auf einem Rechner realisiert werden, der seine Byte-Anordnung im sogenannten "Big-endian"-Verfahren durchfuhrt (Vergleiche Kasten zu Big-endian versus Little-endian).

Allerdings sollen die unterschiedlichen Datensatzaufbereitungen - die Rechner der ACE-Mitglieder DEC und Mips sowie die Intel-PCs arbeiten nach dem Little-endian-Verfahren ohne größere Probleme angepaßt werden können.

Nicht unwesentlich in diesem Zusammenhang dürfte die Mips-Rechnerlinie sein, die Pyramid aus dem Hut zaubert (vergleiche Seite 32, "Pyramid macht Ernst..."): Drei Mehrprozessor-Systeme, die in einem Mips-Rechner (Prozessor R3000A) mit angeblich 300 MIPS Rechenleistung gipfeln, erblickten unter tätiger Entwicklungs-Mithilfe von AT&T das Licht der Welt.

Besonderer Knackpunkt ist das Betriebssystem: Bei dem von Pyramid "Datacenter OSx" respektive kurz "DC/OSx genannten Unix-System handelt es sich um die erste kommerziell verfügbare symmetrische Multiprozessor-Implementierung von System V, Version 4.

Dunkle Wolken am ACE-Himmel auch wegen der etwas undurchsichtigen DEC-Haltung: Der Geburtshelfer des Konsortiums hat zwar einen wesentlichen Anteil an den Standardisierungsbemühungen der Industriegruppe und dürfte mit der Binärkompatibilität seiner Ultrix-Anwendungen zu dem erweiterten SCO-Unix und dessen Open-Desktop-Umgebung einer der größten Nutznießer von ACE sein. DEC hat jedoch auch eine eigene RISC-CPU-Entwicklung in der Pipeline.

Nicht ausgeschlossen ist deshalb, daß Digital seinen VAX-CPUs möglicherweise einen eigenen RISC-Chip folgen lassen und in der Zukunft den vom ACE-Konsortium als alleinige RISC-Plattform abgesegneten Mips-Prozessor durch ihre CPU ersetzen möchte.

Hinweise zu diesen Gerüchten geben auch DEC-nahe Quellen, wonach der Minicomputer-Marktführer bereits eigene Grafik-, Netzwerk- und Multimedia-Karten für seine eigene Version eines Standard-Rechners entwickle. Bislang schien man sich bei ACE darauf geeinigt zu haben, daß die Silicon Graphics Inc. - mit einem 15prozentigen Anteil kaufte sich erst kürzlich Compaq bei dem Grafik-Workstation-Spezialisten ein - die Grafikstandards liefern werde.

Ein anerkannter RISC-Spezialist, der namentlich nicht genannt werden wollte, fand gegenüber der COMPUTERWOCHE für das ACE-Konsortium und deren Standardisierungsversprechungen recht deftige Worte: "Die ganze ACE-Initiative ist nach meinem Dafürhalten ein reiner Werbetrick: Heutzutage versucht doch so ziemlich jeder Hersteller, über die Anzahl der auf seinem Rechnertyp verfügbaren Anwendungen Käufer zu locken. Die diesbzüglichen Streitgespräche zwischen Sun und Mips sind da doch schon regelrechte Klassiker", meint der Kritiker.

Beide lägen sich permanent in den Haaren, weil Sun bisher immer eine sehr große Anzahl verfügbarer Sparc-Applikationen geltend gemacht habe. Mips hingegen konterte regelmäßig mit dem süffisanten Hinweis, der RISC-Marktführer subsummiere unter die Applikationen auch alle möglichen Treiber und ähnliche Tools.

Nun würde sich aber Mips selbst solcher Argumente bedienen. Mit einem ironischen Seitenhieb auf das Schattenboxen von Mips meint der RISC-Spezialist: "Bislang hatten die nach eigenen Angaben lediglich 1000 Anwendungen. Seit ACE sollen das nun auf einmal 32 000 sein. Das ist doch genauso lächerlich." Etwas verständnislos verweist er auf das 88/Open-Konsortium und das 29K-Fusion-Programm. Nun gäbe es also auch ACE, weswegen "ich da nicht so viel Inhalt dahinter sehe, für mich ist das eine Marketing-Veranstaltung."