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08.12.2000 - 

Supply-Chain-Management/Logistikkette von Goodyear beflügelt

APO-Tool: Eine gute Basis, um mit dem Reengineering zu beginnen

Harald Lutz lebt und arbeitet als Fachjournalist und Technikredakteur sowie in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in Frankfurt am Main. Spezialgebiete: Informations- und Kommunikationstechnik (IKT), Logistik, Informationslogistik, Wissenschaft und Forschung.
Um eine europaweite Planung realisieren zu können, setzte die europäische Konzerneinheit von Goodyear schon 1998 auf Supply-Chain-Management und wurde Pilotanwender für SAPs Advanced Planner and Optimizer (APO). Harald Lutz* skizziert Hintergründe und Einsatz.

Nicht nur bei den eigenen Produkten bestimmt Hightech das Bild: Die europäische Konzerneinheit des Reifen- und Kautschukherstellers Goodyear gehört zu den Pilotkunden des von SAP und IDS Scheer entwickelten Supply-Chain-Management(-SCM)Produkts Advanced Planner and Optimizer (APO). Im Spätherbst vergangenen Jahres ging die Software, die auf einem Server im deutschen Werk Philippsburg installiert wurde, europaweit in den Produktivbetrieb. Intern wurde das Projekt Philippsburg zwischen beiden Softwarehäusern aufgeteilt. Den Beratungsteil übernahm IDS Scheer, für die Programmierung war SAP zuständig.

"Wir haben uns zunächst mit dem Thema SAP-Einführung auseinander gesetzt", erläutert Jürgen Herb, Manager Logistics Applications & Systems bei Goodyear Deutschland, die Anfänge des Projekts. Im ersten Schritt galt es, DV-Altsysteme abzulösen und durch das System R/3 zu ersetzen. Als Manko erwies sich, dass europaweit gleich drei unabhängige Systeme in Luxemburg und Schweden implementiert werden mussten.

Der traditionelle MRP-Lauf, auf dem gängige ERP-Systeme beruhen, kann nicht über mehrere Systeme hinweg geführt werden. Ein Datenaustausch kann nicht stattfinden. Auch Lieferszenarien lassen sich nicht systemübergreifend abbilden. Herb: "Da wir aber europäische Bestände und eine europäische Planung haben, brauchten wir ein Werkzeug, das genau dies kann."

An diesen Defiziten setzt SCM-Software an:

- Der Fokus liegt nicht mehr auf einem Unternehmen, sondern auf der firmenübergreifenden logistischen Kette. Demzufolge wird auch Datenaustausch über mehrere R/3-Systeme möglich.

- Aufgrund neuer Technologie erhält das Management die Planungsergebnisse in Minutenschnelle. Traditionelle PPS- oder ERP-Systeme benötigen für ihre Planungszyklen in der Regel mehrere Tage oder Wochen.

- SCM-Software soll das Planen gegen begrenzte Kapazitäten ermöglichen. Im Vergleich dazu nimmt herkömmliche ERP-Software beispielsweise in der Produktion eine realistische Durchlaufterminierung nur nach Maßgabe eines einzelnen Auftrages vor. Das heißt, die Systeme berücksichtigen nicht, dass eventuell noch hundert andere Aufträge zum gleichen Zeitpunkt auf dieselbe Maschine zugreifen.

"Nachdem wir uns 1997 entschieden hatten, neben R/3 zusätzlich SCM-Software einzusetzen, haben wir uns ausgiebig mit den am Markt verfügbaren Produkten befasst", versichert Herb. Im Hause Goodyear wurde ein 50-seitiger Vergleich zwischen bereits existierenden Lösungen und den - zu diesem Zeitpunkt erst angekündigten - neuen SAP-Funktionalitäten geschrieben. Der Logistikchef: "Für uns war relativ schnell klar, wo die konkreten Vorzüge des APO-Konzepts lagen, wie zum Beispiel den Möglichkeiten strategischer Planung, der Integration mehrerer R/3-Systeme und den zu erwartenden Abfrageergebnissen im Echtzeitbetrieb."

Vor diesem Hintergrund wurde Goodyear Europa im Juli 1998 von den Walldorfern als Pilotkunde für die APO-Komponente ausgewählt. Zu diesem Zeitpunkt gab es lediglich eine erste Vorversion. Anfang 1999 wurde damit begonnen, den Advanced Planner and Optimizer im Produktionswerk Philippsburg in der Version 1.0 zu implementieren. Herb erzählt: "Teilbereiche sind im Juli/August in den Echtzeitbetrieb gegangen. Integriert auf allen drei europäischen SAP-R/3-Systemen läuft das System seit dem 27. Oktober vergangenen Jahres."

Das Tool wurde in Philippsburg auf einem Windows-NT-Rechner in größtmöglicher Ausbaustufe mit vier Prozessoren und 4 GB RAM installiert. Der Windows-NT-Server ist an die drei europäischen R/3-Systeme angebunden, die bei Goodyear unter Unix laufen. Das Produkt selbst besteht aus vier verschiedenen Modulen:

- Demand Planning (DP); mit diesem Werkzeug werden die klassischen Verkaufsschätzungen abgebildet;

- Supply Network Planning (SNP); darunter versteht man das klassische Distribution Resource Planning, worunter auch die MRP-Funktionalitäten fallen;

- Production Planning and Detail Scheduling (PP/DS); im Prinzip sind dies die klassischen PPS-Funktionalitäten, die aus R/3 herausgezogen und in APO hineinverlagert wurden;

- das Integrations-Tool Available to Promise (ATP) für eine erweiterte Verfügbarkeitsprüfung.

Bei der Goodyear-Installation kommt überwiegend das Modul Supply Network Planning zum Tragen. Herb: "Wir haben alle APO-Module installiert, nutzen aber nicht sämtliche Funktionalitäten."

An ein Altsystem angeschlossenWichtig: APO ist als eigenständiges Produkt konzipiert. R/3 wird nicht als Voraussetzung benötigt; die SCM-Software tauscht auch mit anderen ERP- oder PPS-Systemen Daten aus. So wurde auch bei dem Reifen- und Kautschukkonzern APO an ein noch in Betrieb befindliches Altsystem angeschlossen. "Natürlich sind R/3-Systeme von Vorteil, weil nur sie in dieser Konstellation das Echtzeitinterface realisieren können", ist der Cheflogistiker überzeugt.

Bei Goodyear in Philippsburg ist man inzwischen zufrieden: Gut sei, dass die mit der R/3-Einführung "verloren gegangene" Integration via APO wieder hergestellt wurde. "Wir können jetzt Supply-Chain-Management integriert über mehrere R/3-Systeme betreiben", berichtet Herb. Goodyear kann demzufolge alle europäischen Produktions- und Bestandsstrategien über sämtliche Werke integriert auf einem System realisieren und optimieren.

Solche Vorteile machen sich auch finanziell bemerkbar: So konnte der Reifenhersteller in den ersten Wochen alleine über die neue Transparenz, das heisst die Darstellung von Zahlen im Bereich Aufträge, Rückstände und Bestände über die europäischen Systeme hinweg, zusätzliche 4000 Reifenverkäufe problemlos realisieren.

Der Manager: "Ohne SCM hätten wir diese Bestände nicht verkaufen können. Sie standen an der falschen Stelle und waren deshalb nicht transparent." Über die ERP- und Altsysteme alleine wären diese brachliegenden Ressourcen erst wieder im nächsten Planungszyklus beachtet worden. Heute kann das Unternehmen sehr viel schneller planen und alle gängigen Prozesse nahezu in Echtzeit einsehen.

Alles in allem rechnet man bei Goodyear mit einem bis zu 50 Prozent verbesserten Return on Investment im Vergleich zu üblichen Planungssystemen: "Wir gehen davon aus, dass sich unsere Projektkosten innerhalb eines halben Jahres amortisiert haben. Allerdings hatten wir als Pilotkunde Preisvorteile", so Herb.

"Mit der Einführung von APO wurde nur ein erster Schritt gemacht. Wir werden uns noch über Monate, wenn nicht Jahre, mit dem Thema Supply-Chain-Ma-nagement beschäftigen müssen", warnt der Projektleiter. Doch er ist auch ein wenig euphorisch: Endlich sei eine Basis geschaffen, um mit einem kontinuierlichen Reengineering aller Geschäftsprozesse zu beginnen.

*Harald Lutz ist freier Journalist in Frankfurt.