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12.06.1992 - 

MAC-WELT

Apple plant Eintritt in das nächste Jahrhundert

Besser als jedes andere Unternehmen scheint die Apple Computer Inc. die Krise der PC-Industrie zu überstehen. Was ist das Erfolgsrezept von Apple-Chef John Sculley? Und wie sehen seine Pläne fürs Jahr 2000 aus?

Massenmarkt Unterhaltung

Ab Mitte der 90er Jahre sollen Produkte für den Massenmarkt Unterhaltung Apple aus dem PC-Ghetto befreien - und den Kurs nach oben treiben.

Gerade hat das Apple-Hauptquartier das Ergebnis des zweiten Quartals des Geschäftsjahrs 1992 vorgestellt. Zufrieden konnten die Apple-Oberen einen Gewinn von 135,1 Millionen Dollar verzeichnen, zwei Prozent mehr als im entsprechenden Quartal des Vorjahres. Der Umsatz stieg, verglichen mit dem Vorjahresquartal, um 7,4 Prozent auf 1,72 Milliarden Dollar. Zwar kann von einem üppigen Gewinnwachstum keine Rede sein, doch durchwandert die Apple Inc., blickt man auf die Bilanzen der Konkurrenten, ein fruchtbares Tal.

Jetzt beginnt sich der radikale Kurswechsel auszuzahlen, den Apples Chairman und Chief Executive Officer John Sculley dem Unternehmen im Oktober 1990 verordnet hat. Nicht nur, daß auch Apple damals die nahende Krise der PC-Industrie zu spüren begann, als eine jährliche Wachstumsrate von nur noch sieben Prozent den bisher selbstverständlichen Boom von jährlich 30 bis 40 Prozent ablöste.

John Sculley zog die Notbremse

Auch Apples PC-Marktanteil nach Einheiten begann zu verfallen, in den Vereinigten Staaten stürzte er von 15 Prozent 1987 auf nur noch neun Prozent im Jahre 1990 ab. Die Ursachen waren der Preisverfall bei den PC-kompatiblen Rechnern und die Einführung von Microsofts Programm Windows, mit dem PCs wenigstens annähernd so leicht zu steuern sind wie die Macintosh-Rechner.

Sculley zog die Notbremse. Er senkte bei allen Macs die Preise und schickte neue, billige und praktische Macintosh-Modelle in den Ring: die Low-end-Macs Classic, Classic II, LC und LCII und die Macintosh-Notebooks, die Powerbooks. Gleichzeitig ordnete er den Konzern neu, auf dem Höhepunkt der Reorganisation entließ er 1500 Apple-Angestellte, ein gutes Zehntel des weltweiten Mitarbeiterstamms.

Allerdings mußte Apple im vergangenen Geschäftsjahr rund 220 Millionen für die Neugliederung und die Abfindung der Entlassenen ausgeben, trotzdem blieben die Kalifornier - auch wenn gegenüber dem Geschäftsjahr 1990 ein happiger Gewinnrückgang von 35 Prozent zu verzeichnen war - mit 309,8 Millionen Dollar deutlich in der Gewinnzone (Gewinn 1990: 474,9 Millionen).

Der Umsatz stieg trotz der Preissenkungen um 14 Prozent auf 6,3 Milliarden Dollar, was nur deshalb möglich war, weil Apple dank der Billig-Macs mehr Computer verkaufte als je zuvor. Das Unternehmen konnte seinen Marktanteil bei den Tischrechnern in den Vereinigten Staaten von dem Tiefpunkt der neun Prozent nach Stückzahlen 1990 auf 19 Prozent im vergangenen Jahr erhöhen, ergab eine Untersuchung des Marktforschungsunternehmens Storeboard Channel Tracking.

Der größte Verkaufsschlager waren die Macintosh-Notebooks. In den USA kamen Apples Neueinsteiger in nur einem halben Jahr von Null auf den zweiten Platz in den Verkaufsstatistiken. Jeder fünfte Notebook, der heute in den Vereinigten Staaten über den Ladentisch geht, ist ein Apple Powerbook. Nur die Compaq Computer Corp. verkauft heute noch mehr Notebooks als die Mac-Macher aus Cupertino.

Doch Sculley weiß, daß dieser Erfolg allein darauf beruht, daß sich seine Mannschaft besser andere darauf versteht, auch noch die letzte Mark aus dem austrocknenden PC-Markt zu wringen. Für Apples zukünftige Wohlfahrt hat sich der Chairman mehr einfallen lassen: einen Dreistufen-Plan nämlich, der eine ganze Armada neuer High-Tech-Macs, den Einstieg in ein neues PC-System und den Start ins Geschäft mit der Unterhaltungselektronik vorsieht.

Im Gegensatz zu früheren Zeiten beginnt Apple die PR-Arbeit für neue Produkte heute manchmal schon Jahre im voraus. Die Kalifornier gehen subtil vor, sagen nichts Genaues, aber aus Ankündigungen, Andeutungen und lancierten Gerüchten kann sich der aufmerksame Beobachter ein recht akkurates Bild davon machen, was Apple in den nächsten zwölf Monaten auf die Startrampe hieven wird.

Für Oktober stehen drei neue Powerbooks an. Zwei dieser Maschinen sind erweiterte Ausführungen des "Powerbook 140" und des "Powerbook 170". Beide werden die Ingenieure mit Displays ausstatten, die 16 Graustufen darstellen können und damit die schon bei den heutigen Modellen eingebaute Farbgrafik wenigstens teilweise nutzen. Ein Videoausgang wird den Powerbooks ermöglichen, bis zu 256 Farben auf 12- bis 13-Zoll-Bildschirmen abzubilden.

Dritter im Bunde ist ein Mac-Notebook mit einer zweistufigen Docking-Station. Der Rechner selbst soll nur 1,8 Kilogramm wiegen und mit 80-MB-Festplatte und eingebautem Fax-Modem kommen. Mit dem sogenannten "Travelbar" ergänzt der Anwender den Reisecomputer mit einem Diskettenlaufwerk und einem "ADB"-Anschluß (Apple Desktop Bus für Tastatur und Maus). Die Grundstufe auf dem Schreibtisch ist der "Deskbar", der einen Farb-Videoausgang und zwei Nubus-Steckplätze bereithält.

Gleichzeitig mit den neuen Reise-Macs könnte auch ein Farb-Classic II mit 8-Bit-Farbe für rund 1500 Dollar vorgestellt werden, der ursprünglich erst für das nächste Jahr erwartet worden war.

Zu Weihnachten oder etwas später wird Apple eventuell die ersten beiden Multimedia-Macs mit eingebautem CD-ROM-Laufwerk auf den Markt bringen, von denen einer für den Massenmarkt für den traditionellen PC-Anwender gedacht ist. Im Laufe des Jahres '93 folgen möglicherweise ein Farb-Powerbook und ein neuer 68040-Spitzen-Mac mit dem Decknamen "Cyclone", der Gerüchten zufolge mit Spracherkennung, eingebautem Telefon und Ethernet-Anschluß ausgerüstet sein könnte.

Aber die Apple-Oberen werden sich nicht damit begnügen, an der Mac-Palette zu feilen. Auch auf dem MS-DOS-Markt wollen sie dem Vernehmen nach noch manchen Dollar machen. Allein die kürzlich vorgestellten Drucker und Scanner für PC-kompatible Rechner unter Windows könnten Apple Einnahmen in Höhe von 200 Millionen Dollar einbringen, schätzen Insider. Doch damit nicht genug. Apples Software-Autoren sind schon dabei, Teile der Mac-Software für andere Rechner, auch für MS-DOS-PCs, umzuschreiben.

Eine Windows-Version des Multimedia-Programms "Quicktime" könnte jeden Tag erscheinen. Hier sind noch einmal 100 Millionen Dollar für Apple drin, sagen Beobachter.

Sculley weiß, daß der Mac ein auslaufendes Modell ist, das nur noch bis zum Ende der 90er Jahre aktuell sein wird. Teil zwei seines Plans ist es deshalb, auf der Grundlage des Kooperationsabkommens mit IBM, das Apple vergangenen Oktober eingegangen war, ein neues PC-System zu entwickeln, den "Power-PC", oder, wie er in der Apple-Ausführung heißt, "Power-Macintosh".

Informationen nur noch in digitalisierter Form

Sein Hardware-Herz wird eine zu einem Prozessor integrierte Version des Chipsatzes sein, der IBMs Verkaufsschlager "RS/6000" antreibt, eine RISC-Workstation. Die Produktion des Chips übernimmt Motorola.

Als Betriebssystem des neuen Rechners ist zunächst eine angepaßte Fassung von IBMs Unix "A/IX" vorgesehen. Wenn diese Version mit dem Namen, "Poweropen" hält, was die Kooperationspartner versprechen, laufen nicht nur A/IX-Anwendungen unter ihr, sondern auch solche, die für das Apple-Unix "A/UX" geschrieben wurden. Auch MS-DOS-, Windows- und Mac-Software wollen die Kalifornier per Emulation auf dem neuen Rechner lauffähig machen. Doch obwohl ein RISC-Chip in der Brust des Power-PC schlägt, sollte man von den Emulationen keine Geschwindigkeitswunder erwarten. Die ersten Ausführungen des Power-PC-Chips werden nur etwa zwei- bis viermal so schnell sein wie ein 80486- oder ein 68040-Rechenwerk, schätzen Experten, und eine Emulation schluckt sehr viel Rechen-Power.

Wenn alles planmäßig verläuft, wird "Poweropen" Ende 1993 oder 1994 durch "Pink" ersetzt, ein durch und durch objektorientiertes Betriebssystem. Neuerdings als "Taligent" bekannt, entwickelt es das Apple-IBM-Gemeinschaftsunternehmen gleichen Namens.

Der künftigen Produktfamilie der Power-PC räumen die Experten - anders als den Maschinen des totgeborenen ACE-Gremiums (Advanced Computing Environment) - gute Chancen ein, sich Ende der 90er Jahre zum neuen Standard-PC zu entwickeln, immerhin sind IBM und Apple die Nummern eins und zwei der PC-Branche. Und weil die Entwicklung des neuen Power-PC-Chips schneller vonstatten geht, könnten die ersten Power-PCs im zweiten Quartal 1993 vom Band rollen.

Ab Mitte der 90er Jahre sollen Produkte für den Unterhaltungsmassenmarkt Apple aus dem PC-Ghetto befreien. Damit bereitet sich Sculley auf die Jahrtausendwende vor, wenn alle Informationen, ob nun Sprache im Telefon, Musik in der Stereoanlage oder im Radio, Informationen im Fernsehen und im Computer nur noch in digitalisierter Form gespeichert ausgetauscht und bearbeitet werden. Ein gigantischer, weitumspannender Informationsozean wird dann entstehen - dem ein ebenso riesiger Markt entspricht, dessen Umsatzvolumen die Apple-Steuerleute auf 3000 Milliarden Dollar schätzen. Zum Vergleich: Die gesamte Cornputerindustrie setzte 1991 vom Großrechner bis zum Palmtop nach einer Schätzung von Dataquest gerade einmal 110 Milliarden Dollar um.

Auf diesen Markt wollen die Apple-Manager mit neuen Produkten vordringen, und als erste wollen sie die sogenannten "Personal Digital Assistants" auf den Anwender loslassen. Diese PDAs sind kleine Rechner, die höchstens so groß sind wie ein Versandhauskatalog - aber viel leichter.

Wenn sie halten, was Apple verspricht, werden sie dem Anwender vielfältig helfen, vom Einkaufen über das Lernen, das Lesen elektronischer Zeitungen bis hin zum Sich-selbst-organisieren. Dabei werden sie so einfach zu bedienen sein wie ein Fernseher oder ein Radio, verspricht Dave Nagel, Apples Vice-President für Zukunftstechnologien.

Den ersten PDA hat John Sculley Ende Mai der Öffentlichkeit vorgestellt. "Newton", der erst Anfang 1993 erhältlich sein wird, hat Videokassettenformat und dient als intelligentes elektronisches Notizbuch, mit dem der Anwender Adressen und Termine verwalten sowie Faxe verschicken kann. Herz des PDAs, das zwischen 700 und 1000 Dollar kosten dürfte, ist ein RISC-Prozessor, dessen Rechengeschwindigkeit die von Apples schnellstem Macintosh, dem "Quadra 950", übersteigen werde, so Apple.

Ein Insider, der Newton schon Anfang Mai auf einer Apple-internen Vorführung gesehen hat, bezeichnet ihn als "das coolste, was ich in acht Jahren auf dem PC-Markt gesehen habe." Warten wir's ab.

Irgendwann Ende 1993 könnte dann der zweite PDA mit dem Namen "Sweet-Pea" (Zuckererbse) erscheinen, eine Multimedia-Maschine für die Hand, ausgestattet mit einem CD-ROM-Spieler.

Was man damit nicht alles machen könnte: elektronische Bücher und Zeitungen lesen, Videoclips und Filme ansehen, Musik anhören, Spiele spielen... Aber erst Mitte der 90er Jahre wird sich zeigen, ob Sculley mit seinen kleinen PDA-Wunderkisten wirklich den Megamarkt des nächsten Jahrtausends wird anzapfen können.